Afghanistan baut einen 290 Kilometer langen Kanal am Fluss Amudarja, der die bisherige Verteilung der Wasserressourcen in Zentralasien verändern könnte. Der Bau dieses Qoʻshtepa-Kanals war in den vergangenen Jahren eines der meistdiskutierten Themen in Zentralasien: Während die einen in dem Projekt eine Gefahr für die Wassersicherheit der ganzen Region sehen, halten die anderen es für die Umsetzung des vereinbarten Rechts Afghanistans auf die Nutzung des Amudarja. Unser Partnermedium Azattyq Asia hat sich das Projekt und seine Geschichte angesehen und mit Experten darüber gesprochen, was die Staaten flussabwärts des Amudarja erwarten könnte, falls der Kanal fertiggestellt wird.
Was ist der Qoʻshtepa?
Der Qoʻshtepa-Kanal ist eine hydrotechnische Anlage, die dafür bestimmt ist, Wasser aus dem Amudarja zu entnehmen und dieses weiter ins Innere Afghanistans zu transportieren. Das Projekt sieht den Bau eines 290 Kilometer langen Hauptkanals vor, der an der Wasserentnahmestelle 125 Meter breit und rund acht Meter tief sein soll. Nach dem Abschluss der Bauarbeiten rechnet Afghanistan damit, rund 550.000 Hektar neues Land für die Landwirtschaft erschließen zu können.
Für die vollkommene Realisierung des Projekts braucht es zudem den Bau von über 500 Kilometer kleinerer Verteilungskanäle. Nach verschiedenen Schätzungen betragen die Baukosten des gesamten Projekts zwischen 680 Millionen und zwei Milliarden US-Dollar, umgerechnet zwischen 600 Millionen und 1,8 Milliarden Euro.
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Als vereinsgetragene, unabhängige Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen – und von eurer Unterstützung!In den Medien wird der Qoʻshtepa-Kanal oft als ein Projekt der Taliban bezeichnet, obwohl die Idee zum Bau selbst schon lange vor deren Machtübernahme entstanden ist. Der ehemalige Minister für Katastrophenschutz Afghanistans, Najib Aqa Fahim, sagt, dass schon seit einigen Jahrzehnten Gespräche zum Bau des Kanals geführt wurden. Ihm zufolge ist das erste Kanalprojekt bereits zur Zeit des Präsidenten Mohammad Dawud Chan in den 1970er-Jahren entstanden, praktisch begonnen habe die Umsetzung aber erst unter der westlich unterstützten Regierung Afghanistans (2001-2021).
„Nach dem Sturz der Regierung der Republik durch die Taliban 2021 haben diese das Projekt geerbt“, sagt Fahim, der als Minister für Katastrophenschutz dieser gestürzten Regierung selbst angehörte.
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Warum begannen die Taliban den Bau des Kanals?
2018 hatte die prowestliche Regierung Afghanistans die Idee wiederaufgegriffen, den nördlichen Teil des Landes mithilfe der Wasserressourcen des Amudarja zu erschließen. Dies geschah im Kontext des Baus des Kamal Khan-Staudamms und von Bewässerungssystemen am Fluss Helmand im Süden des Landes. Dadurch wollte die Regierung die landwirtschaftliche Produktion ausweiten und so die Abhängigkeit Afghanistans von Lebensmittelimporten verringern.
Im Dezember 2018 unterzeichnete Kabul daher einen Vertrag mit dem US-amerikanischen Unternehmen AECOM zur Durchführung einer Machbarkeitsstudie. Die Arbeiten finanzierte die US-Entwicklungshilfebehörde USAID. Als die Taliban im August 2021 die Kontrolle über Kabul übernahmen, lagen alle notwendigen Dokumente für den Bau des Kanals vollständig vor. Die Ingenieure von AECOM hatten den Ort für die zukünftige Wasserentnahme aus dem Amudarja bestimmt, sodass die neue Regierung der Taliban nur noch eine Finanzierung für das Projekt finden und dann zu bauen beginnen musste.
Der Bauleiter des Qoʻshtepa-Kanals, Said Zabihullah Miri, sagt: „Wir gehen davon aus, dass der Qoʻshtepa-Kanal keinen signifikanten Einfluss auf den Wasserstand des Amudarja haben wird, weil der Fluss große Wassermengen mit sich führt.“ Ihm zufolge verfügt der Fluss über bedeutende Wasservorräte, insbesondere in den Zeiten von Hochwasser und durch den Zufluss von Gletscherschmelzwasser.
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Der Streit um das Wasser des Amudarja
In Kabul ist man sich bewusst, dass der Bau des Kanals zu Streit mit den Nachbarländern führt. Doch noch vor der Machtübernahme der Taliban war die afghanische Regierung bereit, das Recht des Landes auf die Nutzung des Amudarja-Wassers zu verteidigen.
Najib Aqa Fahim, der ehemalige Minister für Katastrophenschutz Afghanistans, geht davon aus, dass in juristischer Hinsicht Usbekistan und Turkmenistan nicht über eine ausreichende Rechtsgrundlage verfügen, um das Projekt anzufechten. „Das Recht Afghanistans auf einen Anteil des Wassers wird durch eine Reihe historischer Dokumente und internationaler Konventionen garantiert“, sagt er.
Er bezieht sich dabei auf das Abkommen zwischen Afghanistan und der Sowjetunion von 1958, in dem der Amudarja als grenzüberschreitender Fluss anerkannt wurde. Fahim sagt, das Abkommen sehe eine gleichberechtigte Nutzung der Wasserressourcen vor.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion behielten die Länder Zentralasiens durch das Abkommen von Almaty von 1992 das sowjetische System der Wasserverteilung bei. Diesem Dokument zufolge vereinbarten die Staaten der Region, die in der Sowjetzeit geltende Begrenzung der Wassernutzung nicht anzutasten. Den festgelegten Quoten zufolge verteilt sich die jährliche Wasserentnahmemenge aus dem Amudarja daher folgendermaßen auf die Länder Zentralasiens:
Usbekistan: 48,2 Prozent
Turkmenistan: 35,8 Prozent
Tadschikistan: 15,4 Prozent
Kirgistan: 0,6 Prozent
Das Problem ist aber: Afghanistan war kein Unterzeichner dieses Abkommens.
Wie viel Wasser darf Afghanistan entnehmen?
Der Amudarja ist der wasserreichste Fluss Zentralasiens. Mit seinem Quellfluss Pandsch zusammen fließt er über rund 2400 Kilometer durch die Region. Seine jährliche Durchflusssumme lässt sich mit der des Nils vergleichen: rund 75 Kubikkilometer Wasser. Ein Kubikkilometer entspricht einer Milliarde Tonnen Wasser.
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Die afghanische Seite argumentiert, dass rund 30 Prozent des natürlichen Zuflusses in das Becken des Amudarja auf dem Gebiet Afghanistans zustande kommt. Wenn man diesen Mittelwert der vergangen 30 Jahre verwendet, entspräche das rund 21-23 Kubikkilometer Wasser im Jahr.
Mithilfe des Qoʻshtepa-Kanals plant Afghanistan dagegen nur sechs bis zehn Kubikkilometer Wasser jährlich zu nutzen. Najib Aqa Fahim geht davon aus, dass selbst bei einer maximalen Auslastung des Qoʻshtepa-Projekts die Wasserentnahme nicht über zwölf Prozent der Durchflussmenge des Amudarja hinausgeht.
Zugleich weisen aber Experten darauf hin, dass auch schon eine Verringerung der Wasserressourcen um zehn bis zwölf Prozent für die flussabwärts gelegenen Länder zu einer ernsten Bewährungsprobe werden könnte, da die Landwirtschaft von Usbekistan und Turkmenistan zu einem erheblichen Ausmaß vom Amudarja abhängen.
Dialog statt Konfrontation
Ungeachtet der alarmierenden Prognosen in den Sozialen Netzwerken und den Medien hat Usbekistan offiziell auf scharfe Rhetorik in Bezug auf den Bau des Kanals verzichtet. Im Frühjahr 2025 haben Taschkent und Kabul eine Übereinkunft zur gemeinsamen Verwaltung der Wasserressourcen im Becken des Amudarja unterzeichnet. Der Minister für den Wasserhaushalt Usbekistans Şavkat Hamroyev erklärte, dass Taschkent Afghanistan als Nachbarland betrachte, das ebenfalls Anspruch auf die Nutzung der Ressourcen des Flusses habe:
„Um es ganz unumwunden zu sagen: Die Bürger Afghanistans sind unsere Verwandten. Sie haben ebenfalls das Recht, Wasser aus dem Amudarja zu entnehmen. Aktuell schreiben die Leute online: der Qoʻshtepa-Kanal wird gebaut, es muss etwas geschehen… Nun, sollen wir die Waffen in die Hand nehmen und in den Krieg ziehen? Nein. Wir stimmen unsere Beziehungen ab und führen einen Dialog“, sagt Hamroyev.
Ihm zufolge müssen die Fragen der Wasseraufteilung durch Gespräche, Abkommen und gemeinsame Arbeitsschritte zwischen den Ländern gelöst werden.
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Hauptproblem: Wasserverlust
In den letzten 30 Jahren hat die Wassermenge des Amudarja um rund zwölf Prozent abgenommen. Während diese Abnahme aber schrittweise über mehrere Jahrzehnte hinweg stattgefunden hat, könnte sich dieser Rückgang mit der vollen Inbetriebnahme des Qoʻshtepa wesentlich beschleunigen.
Nichtsdestotrotz weisen Experten darauf hin, dass das Problem des Wassermangels in der Region nicht nur mit dem neuen afghanischen Projekt zusammenhängt. Einer der wesentlichsten Faktoren bleibt der Wasserverlust in den bestehenden Bewässerungssystemen.
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Der Direktor des in London ansässigen Beratungsunternehmens Central Asia Due Diligence Alisher Ilkhamov betont: „Die Landwirtschaft in unserem Land, und möglicherweise in Turkmenistan ebenso, verbraucht 90 Prozent der gesamten Wasserressourcen. Aber nicht das ganze Wasser kommt bei den Landwirt:innen an. 65 Prozent der Kanäle besitzen nämlich keinen Betonboden, weshalb ein bedeutsamer Teil der Wasserressourcen, Schätzungen zufolge rund 36 Prozent, einfach im Boden versickert.“
Ihm zufolge befinden sich viele Kanäle in einem schlechten Zustand und brauchen Ausbesserungsarbeiten.
Die alten Bewässerungssysteme verlieren Milliarden Kubikmeter Wasser
Usbekistan und Turkmenistan nutzen das Wasser mittels eines verzweigten Netzes aus Hauptkanälen und Pumpstationen. Die Gesamtlänge der Hauptkanäle beider Länder beträgt zusammen über 2500 Kilometer. Die Gesamtlänge des Bewässerungsnetzwerkes, inklusive der kleineren Kanäle, ist dagegen nochmal um ein Vielfaches größer: In Usbekistan beträgt sie über 182.000 Kilometer, in Turkmenistan über 39.000 Kilometer.
Der Weltbank zufolge erreicht am Unterlauf des Amudarja nur rund die Hälfte des entnommenen Wassers tatsächlich das zur Bewässerung vorgesehene Land. Der Rest geht verloren. Am gravierendsten ist diese Situation in den Provinzen Choresm und Karakalpakstan in Usbekistan und in Daşoguz in Turkmenistan.
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Als einen der Gründe für den Wasserverlust nennt auch die Weltbank den Verfall der Bewässerungsinfrastruktur und die geringe Qualität der Kanäle. In Usbekistan verfügen nur rund 30 Prozent der Kanäle über eine Beschichtung, in Turkmenistan sogar nur 20 Prozent.
„Das beste Beispiel stellt der Karakumkanal in Turkmenistan dar: Gebaut und in Gebrauch seit 1967, befördert er heute nur noch die Hälfte des Wassers, das dem Amudarja entnommen wird“, schreibt die Weltbank in ihrer Einschätzung. Über den Karakumkanal werden jährlich bis zu zwölf Kubikkilometer Wasser befördert, also rund ein Fünftel der Wassermenge des Amudarja.
Ökologen argumentieren deshalb, dass die Modernisierung solcher Infrastrukturen eine der Hauptaufgaben der Region bleiben. Der turkmenische Ökologe und Menschenrechtsaktivist Farid Tuhbatullin sagt, dass die Modernisierung nur eines großen Kanals das Problem nicht löst, wenn nicht alle Wasserinfrastrukturen ausgebessert werden: „Nur deshalb, weil in diesem Kanal mehr Wasser erhalten bleibt, bedeutet das noch lange nicht, dass dieses Wasser auch auf dem Feld ankommt. Die Modernisierung muss für alle Haupt- und Nebenkanäle erfolgen. Viele dieser Kanäle wurden sehr lange weder renoviert noch gereinigt.“
Reform und Kritik
Vor dem Hintergrund eines steigenden Defizits bei den Wasserressourcen hat Usbekistan begonnen, die Landwirtschaft zu reformieren und neue Technologien eingeführt, die den Wasserverlust verringern sollen.
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Eine der zentralen Maßnahmen war ein Clustersystem für die Landwirtschaft, das angestrebt hat, Produzierende, Verarbeitende und Zuliefernde in einer einzigen Produktionskette zusammenzubringen. Die Behörden gingen davon aus, dass es dieses Modell ermöglichen würde, Investitionen anzuziehen und die Einführung von modernen Bewässerungsmethoden und anderen wassersparenden Technologien zu beschleunigen. Offiziellen Daten zufolge kommen solche Systeme mittlerweile auf 2,6 Millionen Hektar bewässerter Fläche zum Einsatz – das entspricht rund 60 Prozent der Gesamtfläche. Die Behörden geben an, dass es 2025 dank dieser Technologien möglich war, etwa zwei Kubikkilometer Wasser zu sparen.
Experten gehen jedoch davon aus, dass technische Lösungen allein nicht ausreichen. Alisher Ilkhamov von Central Asia Due Diligence argumentiert, dass das Problem nicht nur in den Formen des Wassertransports liegt, sondern am landwirtschaftlichen Modell selbst: „Die Landwirte, insbesondere im Baumwollsektor, bleiben bis heute unfrei. Sie stehen unter dem Diktat der zentralisierten Kommandowirtschaft. Sie haben kein Recht, selbst über ihr Land und die Pflanzen, die sie dort ansäen, zu entscheiden.“
Er glaubt daher, dass es anstelle administrativer Maßnahmen vielmehr nötig ist, die ökonomischen Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass die Landwirt:innenen selbst ein Interesse an der Verringerung des Wasserverbrauchs und der Einführung neuer Technologien entwickeln. „Die Maßnahmen, die die Regierung ergreift, reichen bei Weitem nicht aus, um der aufziehenden Krise zu entgehen, die wirklich in zwei bis drei Jahren eintreten wird“, sagt der Experte.
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Ungewisse Perspektiven
Ungeachtet der vermehrten Projekte zur Einführung wassersparender Technologien, ist das dem Amudarja entnommene Wasservolumen nicht nennenswert zurückgegangen. Nach wie vor wird ein erheblicher Anteil des Flusswassers für die Landwirtschaft genutzt, während nur ein kleiner Teil des Wassers bis zum Aralsee kommt.
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Experten gehen davon aus, dass der Bau des Qoʻshtepa-Kanals den bestehenden Druck auf das Wassersystem der Region noch einmal verstärken könnte. Der Kanal allein ist aber nicht der einzige Grund für die zukünftigen Probleme. Ihrer Einschätzung zufolge wird die Effizienz der Wassernutzung zum zentralen Faktor werden, der über die Folgen des afghanischen Kanals entscheiden wird.
Aber auch das Qoʻshtepa-Projekt kämpft schon mit technischen Schwierigkeiten, noch bevor die volle Kapazität des Kanals erreicht ist. Satellitenbilder haben Ende 2023 ein Wasserleck an einem der Abschnitte des sich noch im Bau befindlichen Kanals gezeigt. Als Folge dieses Lecks trat Wasser auf eine Fläche von rund 30 Quadratkilometern aus.
Dieser Vorfall warf weitere Fragen über die Qualität des Bauprojekts und die Fähigkeiten der afghanischen Seite auf, den verlässlichen Betrieb der komplexen hydrotechnischen Anlage sicherstellen zu können.
Azattyk Asien
Aus dem Russischen von Simon Schulz
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Qoʻshtepa: Viel Wasser für Afghanistan und viele Probleme für Zentralasien?