Dem chinesischen ‚Gulag‘ entflohen: Die Geschichte der Uigurin Gulbahar Haitiwaji

Ein in Frankreich erschienenes Buch deckt die Haftbedingungen in den Umerziehungslagern der chinesischen Region Xinjiang auf. Der Bericht der Uigurin Gulbahar Haitiwaji ist umso wichtiger, als dass er uns Einblick in eine Situation verschafft, die von der chinesischen Regierung rigoros vertuscht wird.

Drei Jahre lang war die Uigurin Gulbahar Haitiwaji in einem chinesischen Internierungslager des Uigurischen Autonomen Gebiets Xinjiang, im Nordwesten Chinas, inhaftiert. Dank einer hartnäckigen Medienkampagne konnte sie schließlich entkommen. Ihre beispiellosen Erfahrungen sind am 13. Januar dieses Jahres in Frankreich unter dem Titel „Rescapée du goulag chinois“ (zu dt.: „Überlebende des chinesischen Gulags“) in Buchform erschienen. Haitiwaji schildert darin sowohl ihre Haftbedingungen, als auch die Umstände, die zu ihrer Verhaftung geführt haben. Verfasst hat sie das Buch zusammen mit der französischen Journalistin Rozenn Morgat.

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Gulbahar Haitiwaji wurde in Xinjiang geboren und war, wie auch ihr Mann Kerim, bei einer chinesischen Ölfirma in der Region beschäftigt. Aufgrund der Diskriminierungen, denen die Uiguren dort tagtäglich ausgesetzt sind, entschlossen sich die beiden 2002 dazu, das Land zu verlassen. 2006 erhielt die Familie Haitiwaji Asyl in Frankreich. Zehn Jahre später, am 19. November 2016 rief plötzlich der frühere chinesische Arbeitgeber bei Gulbahar Haitiwaji an und forderte sie auf, nach Xinjiang zu kommen. Sie sollte Dokumente unterschreiben, die mit ihrem Ausscheiden aus dem Unternehmen zusammenhingen. Ihr persönliches Erscheinen sei unumgänglich, betonte ihr Gesprächspartner.

Nur „ein paar Fragen“

Gulbahar Haitiwaji kaufte sich also Flugtickets und reiste nach Xinjiang. Einmal dort, ging alles ganz schnell: Während sie im Büro der Ölfirma saß und die Dokumente las, die sie unterzeichnen sollte, traten drei Polizisten in das Zimmer, legten ihr Handschellen an und brachten sie auf das Polizeikommissariat, um ihr „ein paar Fragen“ zu stellen. Damit begann eine Serie endloser Verhöre, die Haitiwaji fast drei Jahre lang über sich ergehen lassen musste.

Nach einem Scheinprozess findet Haitiwaji sich in einer sogenannten „Schule“ wieder. Tagsüber muss sie Lieder zum Ruhm des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping auswendig zu lernen. Nachts wird das Neonlicht in ihrer Zelle niemals ausgeschaltet. Hinzu kommen regelmäßige Verhöre, in denen sie fingierte terroristische Aktivitäten gestehen sollte, sowie andere Maßnahmen, die darauf abzielen, die menschliche Identität auszulöschen: Hunger, körperliche und seelische Folter, Propaganda und Zwangssterilisation.

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Kafkaesk. Das ist das Wort, dass sich dem Leser bei der Lektüre des Buchs unwillkürlich aufdrängt. Franz Kafkas Fiktionen scheinen hier Wirklichkeit geworden zu sein. Je länger man in dem Buch liest, desto beeindruckter ist man angesichts der geistigen Disziplin, die sich Haitiwaji auferlegte, um sich der Übermacht und Omnipräsenz der chinesischen Propaganda zu widersetzen. Aber selbst Haitiwajis beeindruckende Widerstandskraft konnte nicht verhindern, dass, wie sie sagt, ein Teil ihrer selbst in diesen „Schulen“ zerstört wurde. Geistige und soziale Isolation, psychische und physische Misshandlungen haben sich tief in sie eingegraben. „Der Wahn, in den unser Land versunken ist, hat mich dem ruhigen Leben entrissen, das ich früher geführt habe“, vertraut sie Rozenn Morgat an.

Eine hartnäckig geführte Medienkampagne führt zur Freilassung

Dank der unermüdlichen Medienkampagne ihrer Tochter Gulhumar wird Gulbahar Haitiwaji am 21. August 2019 freigelassen. Die junge Frau hatte nicht aufgehört, sich für die Freilassung ihrer Mutter einzusetzen. Gulhumar ist es ebenfalls zu verdanken, dass es zu dem Gespräch zwischen Gulbahar Haitiwaji und der Journalistin Rozenn Morgat gekommen ist.

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Rozenn Morgat berichtet seit vielen Jahren für die französische Tageszeitung Le Figaro über die Situation der Uiguren. Im Gespräch mit Novastan erklärt sie, dass sie mit dem Thema erstmals in Berührung gekommen ist, als sie in Schanghai gewohnt hat. Sie stellte schnell fest, dass man nicht so einfach nach Xinjiang kommt. Anderthalb Jahre später, sie war inzwischen nach Frankreich zurückgekehrt, begann die Journalistin, sich ernsthaft mit den Uiguren und ihrer Diaspora auseinanderzusetzen.

Morgat lernte Gulhumar Hatiiwaji 2018 während ihrer Recherchen kennen. Zu dieser Zeit setzte Gulhumar alles daran, die Öffentlichkeit und die französische Regierung auf die willkürliche Verhaftung ihrer Mutter in Xinjiang aufmerksam zu machen. „Sie machte ihren Namen öffentlich und zeigte ihr Gesicht in den Medien. Das ist nicht ungefährlich!“, erinnert sich Morgat, als sie auf Gulhumar Haitiwaji zu sprechen kommt. Die beiden Frauen blieben in Kontakt. Ein Jahr später, Ende August 2019, erfährt Rozenn Morgat von Gulhumar Haitiwaji von der Freilassung ihrer Mutter. Die langen Gespräche zwischen Morgat und Gulbahar Haitiwaji sollten kurz darauf beginnen.

„Sie hatte keine Lust zu reden“

Es fiel Gulbahar Haitiwaji schwer, über die drei Jahre ihrer Gefangenschaft zu sprechen. „Sie hatte keine Lust zu reden“, erinnert sich Rozenn Morgat. Ursprünglich hatten sie gar nicht die Absicht, ein Buch zu schreiben. Im Laufe der Gespräche begriff die Journalistin jedoch schnell, dass die Geschichte von Gulbahar Haitiwaji „zu groß und zu schwerwiegend ist, um sie einfach in einer Artikelserie abzuhandeln“.

Die Schilderungen von Gulbahar Haitiwaji sind wichtig, um die Geschehnisse in Xinjiang der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, glaubt auch ihre Tochter. Gerade erst der Lagerhaft entgangen, war sich die Uigurin über die Bedeutung ihrer persönlichen Geschichte zunächst gar nicht im Klaren. „Gulbahar war sich des Ausmaßes des Völkermords nicht bewusst, der da stattfand. Vollständig isoliert, wie sie seit ihrer Verhaftung war, hat sie nicht realisiert, dass nicht nur einige Individuen, sondern die gesamte Gemeinschaft ins Visier genommen wurde und dass während dieser drei Jahre mehr als eine Million Uiguren die gleichen Misshandlungen durchlebten wie sie“, sagt Morgat.

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Nachdem das Buch zuerst in der dritten Person abgefasst werden sollte, hat sich Gulbahar Haitiwaji schließlich doch dazu entschlossen, ihren Namen zu veröffentlichen, um so dem Schicksal der Menschen in Xinjiang ein Gesicht zu verleihen. Morgat befürwortet diese Entscheidung und fügt hinzu, dass „es sich um eine Form des Selbstschutzes handelt; denn sobald die Identität öffentlich ist, sind auch wir irgendwo selbst geschützt“.

Neben der enormen Anstrengung, die es Gulbahar Haitiwaji kostete, hatte das Sprechen über das Erlebte aber auch einen heilenden Effekt. „Man könnte es als ein Mittel zur Selbstheilung bezeichnen“, meint Morgat. „Sie spürte, dass sie es den inhaftierten Uiguren gegenüber schuldig war, so genau wie möglich zu beschreiben, was in Xinjiang vorgefallen ist.

Als Verräterin diffamiert

Am Ende des Buchs unterstreich Gulbahar Haitiwaji, dass sie ihr Isolation nicht gänzlich durchbrechen konnte, in die sie das repressive System des chinesischen Staatsapparats eingeschlossen hatte. Unter den Uiguren herrscht ein Klima des Misstrauens. Ihre beinahe wundersame Befreiung lässt Haitiwaji unter den Mitgliedern der Diaspora verdächtig erscheinen. Die Entkommene schreibt, dass sogar Gerüchte im Umlauf seien, die sie beschuldigten, „eine Verräterin“ zu sein. Die Veröffentlichung ihrer Geschichte trage aber dazu bei, dass diese Stimmen leiser werden. „Die Tatsache, dass sie die abscheulichen Methoden offenlegt, derer sich die chinesische Polizei bedient, beweist ihre Aufrichtigkeit“, erklärt Morgat.

Für immer gezeichnet

Als Reaktion auf die Enthüllungen haben die chinesischen Behörden versucht, psychologischen Druck auf Gulbahar Haitiwaji auszuüben. Zuerst wurde ihr damit gedroht, dass man falsche Schuldbekenntnisse veröffentlichen werde, in denen sie terroristische Aktivitäten eingestehe. Haitiwaji zufolge hörte man nicht auf, sie daran zu erinnern, dass ein Teil ihrer Familie immer noch in Xinjiang lebt und dort der Willkür der chinesischen Behörden ausgeliefert ist.

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Momentan genießt Gulbahar Haitiwaji, so Morgat, das Zusammensein mit ihrer Familie. Doch die lange Haft ist nicht spurlos an ihr vorbeigegangen: Am Ende des Buchs spricht sie davon, dass ihre Sehkraft stark nachgelassen hat und, dass sie regelmäßig von heftigen Kopfschmerzen heimgesucht wird. Über die Gespräche mit ihren Verwandten und Freunden in Xinjiang wacht derweil auch weiterhin der allgegenwärtige chinesische Machtapparat.

Elliot Obadia für Novastan France

Aus dem Französischen von Lucas Kühne

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