Flucht aus Xinjiang – Geschichten von jenen, die den Lagern entkamen

Unter den Inhaftierten der sogenannten „Umerziehungslager“ in China sind auch Tausende ethnische Kasachinnen und Kasachen. Einige der ehemaligen Insassen sprachen mit dem kasachischen Onlinemedium Vlast über ihre willkürliche Verhaftung, Gewalt und Unterdrückung, die sie in den Lagern erfuhren und den schwierigen Weg nach der Entlassung. Viele tragen langfristige gesundheitliche Schäden und Traumata mit sich und sahen sich bei der Einreise nach Kasachstan mit neuen bürokratischen Hürden und einer drohenden Abschiebung nach China konfrontiert. Der folgende Artikel erschien am 4. September 2020 auf Vlast. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Wir treffen Gulzira Auelhan früh morgens bei der zentralen Moschee der Stadt. Ihre Tochter Akbayn möchte sofort auf den Spielplatz und streckt die Hände nach ihrer Mutter aus. Gulzira umarmt ihre Tochter und möchte sie hochheben, lässt sie aber kurz darauf wieder los und flüstert leise: „Tut mir leid, aber ich kann dich immer noch nicht tragen“. Nach wie vor fehlt ihr die Kraft, sogar Teig kneten ist zu anstrengend, aber davon wird uns Gulzira später noch erzählen.

Gulzira wurde in China im Kasachischen Autonomen Bezirk Ili geboren. 2014 siedelte sie mit ihrer jüngeren Tochter und ihrem Mann nach Kasachstan über, während ein Teil der Familie, unter ihnen auch ihre ältere Tochter, in China blieb. Drei Jahre später reiste Gulzira nach China zurück, um ihren schwerkranken Vater zu besuchen. Sie schaffte es nicht ihren Vater zu sehen. Gleich nach dem Grenzübertritt nahm man ihr den Reisepass ab, sie wurde über mehrere Stunden ausgefragt und ins „Umerziehungslager“ verschleppt, wo sie die nächsten 15 Monate verbrachte. Ihr Schicksal gleicht dem Hunderter Kasachinnen und Kasachen, die aus China emigrierten, kurzzeitig zurück nach China gehen wollten und sich dort plötzlich in chinesische Lager eingesperrt sahen.

15 Monate Haft im „Umerziehungslager“

„Meinen Reisepass nahmen sie mir in Khorgos [ein Grenzort zwischen Kasachstan und China, Anm. d. Ü.] ab und gaben ihn der örtlichen Polizei. Die Polizisten sagten mir: „Wenn du nochmal versuchst, nach Kasachstan auszureisen, lassen wir dich nie wieder frei“. Ich erschrak und fragte: „Warum werde ich nicht freigelassen? Meine Familie ist dort. Habe ich etwa jemanden umgebracht oder eine Bank ausgeraubt?“ Der Polizist antwortete: „Ich lasse dich an einen Ort bringen, aus dem du nicht mehr rauskommst.“ Aus Trotz schrie ich ihn an: Dann bringen Sie mich doch weg!“, erinnert sich Gulzira.

Anschließend wurde sie in der Polizeistation befragt und ihre Fingerabdrücke wurden genommen. Außerdem musste sie laut aus einem Buch vorlesen und ihre Stimme wurde aufgezeichnet. „Danach brachten sie mich in das Haus meines Schwagers, wo ich übernachtete, und am nächsten Morgen holten sie mich ab. Ich sagte, dass ich meinen Vater sehen möchte, dass er krank ist. Sie behaupteten, dass sie mich in 15 Tagen zu meiner Familie zurückbringen würden. Ich sagte, dass ich Kleidung mitnehmen müsse, aber sie erwiderten, dass es dort spezielle Kleidung geben würde. Danach fuhren sie mit mir zum Lager. Aus 15 Tagen wurden 15 Monate.“

Im Lager lebten ungefähr 800 Frauen: Uigurinnen, Kasachinnen und Frauen anderer Nationalitäten. Im selben Zimmer waren niemals zwei Uigurinnen oder zwei Kasachinnen zusammen untergebracht, damit man sich gegenseitig nicht verstehen konnte.

Entrechtung und Gewalt an der Tagesordnung

„Morgens gingen wir wie eine Schafsherde zum Unterricht und abends wurden wir ins Wohnheim zurückgetrieben. Wenn sie sagten „Hinlegen!“, legten wir uns hin, standen auf, wenn es hieß „steht auf!“. Am Sonntag wurden wir draußen eingesperrt, 10-20 Frauen zusammen. Manche hatten eine Toilette, manche nicht. Wir hatten einen Eimer. Wir schliefen auf einer Seite, weil es keinen Platz gab, aber dafür viele Menschen. Auf dem Rücken zu schlafen war verboten, weil sie dachten, dass wir so die Salat [Bezeichnung für das rituelle Gebet im Islam, Anm. d. Ü.] verrichten könnten. Morgens um 5 oder 6 Uhr verließen wir das Wohnheim und kehrten abends um 21 oder 22 Uhr zurück“, erzählt Gulzira.

„Vom Wohnheim bis zum Klassenzimmer ist eine gelbe Linie auf den Boden gemalt. Die „Schülerinnen“ folgen der gelben Linie in zwei Reihen. Zu beiden Seiten sind weiße Linien. Auf der einen Seite stehen die Lehrerinnen und Lehrer, auf der anderen die Sicherheitskräfte. Wenn wir versehentlich husteten oder die Hände bewegten, schlugen sie uns mit Stöcken auf den Kopf. Jede hatte zwei Minuten Zeit auf der Toilette. Wenn wir länger brauchten, wurden wir so lange mit dem Stock geschlagen, bis wir zum Unterricht kamen. Dadurch hatten wir Schwellungen, rote Augen und Mundgeruch.“ Für jede Bewegung musste auf Mandarin um Erlaubnis gebeten werden. „Wenn wir uns ohne Erlaubnis bewegten, sagten sie uns, dass die Kamera dies bemerkt habe und wir wurden aus der Reihe in ein anderes Zimmer geführt. Darin stand ein Stuhl, an den man mit Handschellen gefesselt wurde. Bei jeglicher Bewegung verengten sich die Handschellen“, erinnert sie sich.

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Nach drei Monaten begannen sie, unbekannte Injektionen zu verabreichen. „Uns wurde gesagt, es sei eine Impfung gegen Husten und es wurde uns in den Arm injiziert. Ich weiß nicht, warum, aber nach diesen Spritzen blieb bei vielen Frauen die Menstruation aus“, sagt Gulzira. „Die Injektionen verabreichten sie uns jeden Tag und danach begannen sie, uns kleine weiße Tabletten zu geben. Sie lösten sich sofort im Mund auf. Manchmal kamen Ärzte oder Krankenpfleger vorbei, um nach uns zu sehen. Dann zwangen sie uns, Schwein zu essen und nannten es „Familienessen“. Anfangs weigerten wir uns und weinten, aber nach den Injektionen vergaßen wir unsere Familien und dachten nur noch ans Essen.“

Anschließend musste Gulzira arbeiten. „Sie sagten: „Dank der hervorragenden Politik unserer Regierung wirst du arbeiten“. Ich dachte, dass ich eine gewöhnliche Putzkraft werde, aber ich wurde dorthin geschickt, wo mit Frauen gemacht wird, was man will. Meine Aufgabe war es, die Frauen zu waschen und ihre Betten sauber zu machen. Danach betraten zwei Männer das Zimmer und zogen für zwei Stunden die Vorhänge zu. So arbeitete ich sechs Monate, danach wurde ich ins Lager zurückgebracht. Meine Heiratsurkunde rettete mich. Witwen und Geschiedene wurden misshandelt, nachts abgeholt und kehrten nicht mehr zurück.“ Manchmal wurden Frauen nachts aus anderen Gründen aus dem Lager geholt. „Sie fragten uns: „Wisst ihr, wohin sie gegangen sind?“ Und selbst wenn wir es nicht wussten, antworteten wir mit „Ja“ und klatschten. Wenn jemand sagte, sie wisse es nicht, fragten sie: „Hast du ein Problem mit der Ideologie? Glaubst du an Allah?“. Es stellte sich heraus, dass sie diese Frauen ins „Wartezimmer“ abführten – von diesem wurde gesagt, dass die Verwandten kein Geld bringen sollten, dass es der Ort wird, an dem man stirbt.“

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Im Lager gab es ständig Verhöre: „Dort wurde gefragt, ob wir im Ausland waren, ob wir die Salat verrichten? Sie sagten: „Haben Sie etwa gesehen, dass auch nur einer Ihrer Bekannten ins Paradies gekommen ist? Wir haben keine Religion. Glauben Sie an Allah?“ In den 15 Monaten wurde ich 27Mal verhört. Manchmal dachte ich an meine Familie, an meine Liebsten und weinte. Wenn wir weinten, wurden wir für bis zu 24 Stunden mit Handschellen an den Stuhl gefesselt.“ Manchmal wurde Gulzira zu einem Treffen mit den Polizisten abgeführt, die sie zu Beginn ins Lager gebracht hatten. „Dann sagte ich: „Danke, dass Sie mich hierhergebracht haben, hier lerne ich eifrig“ und all das wurde aufgezeichnet.“

Unterdrückung der religiösen und kulturellen Identität

Im Lager verbrannten sie den Koran und Gebetsteppiche. „Es gab sehr viele davon, möglicherweise, weil den Verwandten gesagt wurde, wenn sie diese Gegenstände und religiöse Bücher aus ihren Häusern verbannten, dass die Partei ihnen dann vielleicht verzeihen würde. Sie befahlen uns, Mandarin zu lernen, da es keine anderen Nationen gäbe. Kasachen, Uiguren und Kirgisen seien alle dem chinesischen Volk ähnlich, lebten auf Kosten Chinas und auf chinesischem Gebiet.“ Mitglieder der Kommunistischen Partei kamen zur Kontrolle vorbei. „Bevor sie kamen, wurden unsere grauen Haare gefärbt, Make-Up aufgetragen und alle mit Parfüm besprüht. Die Unterkunft wurde dekoriert. In die vorderste Reihe stellten sie diejenigen, die Mandarin sprachen. Wir hießen sie mit einem Lächeln Willkommen, gingen auf die Straße und tanzten. Wir sangen das Lied „Wir sind Verwandte Chinas“.“ Jede Woche wurden im Lager Mandarin-Prüfungen abgehalten. „Wir haben abgeschrieben, weil die Sprache zu lernen zu schwer ist. Die Antworten haben wir zwischen den Fingern aufgeschrieben. Sie sagten uns, dass wir bei gutem Abschneiden in der Prüfung gehen dürften.“

Einmal im Monat war es gestattet, die Verwandten zu treffen, allerdings nur für 15 Minuten. „Meinen Mann habe ich nicht gesehen, weil er in Kasachstan war. Mit meinen Verwandten konnte ich mich nur durch ein Gitter getrennt unterhalten. Sie kamen alle drei Monate zu Besuch, weil sie weit weg leben. Ihre Telefone wurden kontrolliert und alle Kontakte dokumentiert. Nach sechs Monaten wurde es erlaubt, sich von Angesicht zu Angesicht zu treffen, was als „gute Regierungspolitik“ bezeichnet wurde. Aber wir wollten nicht, dass unsere Verwandten herkommen, weil in dem Fall ihre Telefone kontrolliert wurden und man sie einlud, auch hier im Lager „zu lernen“. Wir hatten Angst um sie.“ Nach Gulzira wurde auch ihre ältere Tochter, die in China geblieben war, für ein halbes Jahr ins Lager gebracht, weil sie ihren Pass angeblich nicht rechtzeitig ausgehändigt hatte. „Aber meine Tochter ist Lehrerin“, sagt Gulzira. „Sie erzählt, dass sie im Lager unterrichtet hat und frei herum gehen durfte. Ich weiß nicht, in welchem Lager sie war.“

Entlassung aus dem Lager

Nach 15 Monaten wurde Gulzira aus dem Lager entlassen. Zuhause angekommen [vermutlich ist ihre Familie in China gemeint, Anm. d. Ü.] traf sie dort drei unbekannte Frauen an: zwei Uigurinnen und eine Chinesin. „Sie haben mich beobachtet. Wie haben uns umarmt und an einem Tisch zusammen gegessen, Fotos gemacht. Am nächsten Tag reisten sie ab, aber hinterließen 20 Yuan. Als ich meine Schwägerin fragte, warum sie das Geld dagelassen haben, antwortete sie: „Ihre Verwandten sind unsere Verwandten“.“ Am nächsten Tag wurde Gulzira „zur Flagge“ gerufen, um die Menschen aus ihrem Dorf zu überzeugen, zum „Lernen“ ins Lager zu gehen. „Dann habe ich die Leute belogen. Ich habe erzählt, dass schon bald alles auf Mandarin sein würde und dass man im Lager kostenlos die Sprache lernen sollte, solange es noch möglich ist.“

Kurz darauf hatte sie ein Gespräch mit den örtlichen Machthabenden. „Mir wurde gesagt, ich solle nach Kasachstan zurückreisen und schauen, ob sich mein Mann inzwischen nicht eine andere Frau genommen hat. Ich sollte ihm erzählen, dass ich krank geworden sei und meinen Pass verloren habe. Ich bat darum, mir meine Papiere zurückzugeben, aber sie erwiderten, ich würde mit meiner Aufenthaltsgenehmigung ausreisen. Sie würden mir 250.000 Yuan mitgeben und ich würde an der Grenze von ihren Leuten empfangen. Vom „Lernen“ sollte ich nichts erzählen. Ich hatte Angst, das Geld zu nehmen, aber ich versprach, dass ich nach China zurückkehren und nichts von dem Lager erzählen würde.“ Nach Kasachstan wurde Gulzira nicht gelassen. „Es vergingen vier Tage, dann wurde ich angerufen und gesagt, dass ich drei Monate in einer Fabrik arbeiten würde. Dort haben wir Handschuhe genäht. Jeden Samstag durften wir nach Hause, ansonsten lebten wir im Wohnheim. Am Tag nähte ich ungefähr 20 Paar Handschuhe. Meine ältere Tochter arbeitete auch dort.“ Nach einiger Zeit wurde ihr erlaubt, die Familie in Kasachstan anzurufen. „Manchmal sagte mein Mann zu mir, ich solle zurückkommen, aber ich hatte ja keinen Pass. So warteten wir drei Monate.“

„Einmal fand eine Versammlung statt und dort wurden wir aufgefordert, irgendein Dokument zu unterschreiben. Wenn wir nicht unterschrieben hätten, wären wir zurück „zum Lernen“ gebracht worden. Ich habe die kasachische Lehrerin gefragt: „Jetzt bin ich schon fast zwei Jahre hier, wann werde ich endlich nach Hause geschickt?“ Sie antwortete, ich solle die Dokumente unterschreiben, dann würden sie an die Behörden für Innere Angelegenheiten übergeben, daraufhin würden wir Geld erhalten und entlassen. Daraufhin schrieb ich meinem Mann: „Hol mich hier raus, egal wie. Wenn du mich nicht herausholst, werde ich sterben.“ Mein Mann wandte sich an „Atajurt [Organisation in Kasachstan, die Kasachinnen und Kasachen in China hilft, Anm. Vlast]. Sie rieten mir, das Dokument nicht zu unterschreiben.“

Folter in der Polizeiwache

Am 29. Dezember 2018 feierten wir in der Fabrik Silvester und nach dem Mittagessen hätten alle Arbeiterinnen und Arbeiter nach Hause gelassen werden soll. „Aber wir mussten uns versammeln und wir wurden angewiesen, das Dokument zu unterschreiben. Der Vorsteher sagte: „Sie vermissen wohl den Ort, an dem sie zuvor waren?“ [gemeint ist das Lager, Anm. Vlast]. Er nahm meine Tochter und mich mit und übergab uns der Polizei.“ Bei der Polizei wurde Gulziras Telefon an den Computer angeschlossen und sie hörten das Gespräch mit ihrem Mann ab. „Sie fragten mich: „Hast du ihm von allem erzählt?“ Ich antwortete mit „Ja“. Meine Tochter sagte: „Was hast du bloß angerichtet?““ Danach wurden die beiden Frauen in den Keller, tief unter der Erde, gebracht. „Wir hatten Angst und es war kalt. Ich dachte, dass ich dort unten sterben würde. Sie fragten mich irgendetwas auf Chinesisch, aber ich konnte nicht antworten. Danach gaben sie mir Elektroschocks. Als ich ohnmächtig wurde, gossen sie mir Wasser über und ich kam wieder zu Bewusstsein. Wieder fragten sie mich etwas auf Chinesisch. Sie stachen mir Nägel in die Hände, banden mich an meinen Haaren fest. Dadurch schien es mir, dass mein Genick jeden Moment bricht. Und unter meine Fingernägel steckten sie mir Nadeln.“

„Morgens schleiften sie mich nach oben in den dritten Stock und dort steht ein kasachischer Polizist. Ich begann zu weinen, als ich ihn sah. Er fragte: „Warum weinst du? Wir strengen uns doch für dich an. Was machst du auch in einer illegalen Organisation? Du hast deine Heimat verraten, ihr Brot gegessen und ihr Wasser getrunken. Ich fragte ihn: „Warum werde ich nicht nach Hause gebracht? Ich habe doch eine Aufenthaltsgenehmigung [in Kasachstan, Anm. Vlast], ich brauche kein Chinesisch.“ Sie fragten mich nach meinem Pass und ich erzählte ihnen, dass die örtliche Polizei ihn mir weggenommen hatte, zusammen mit meiner Heiratsurkunde und der Aufenthaltsgenehmigung. Daraufhin gingen die Polizisten mit mir in ein Café und bestellten mir Pferdefleisch. Ich sagte ihnen, dass ich keinerlei Dokument habe. Sie beruhigten mich und erwiderten, dass ich ausreisen würde. „Sag unseren kasachischen Verwandten Grüße von uns.““ Nach zwei Tagen riefen die Polizisten an und bestätigten, dass Gulzira nach Kasachstan ausreisen dürfe.

Ausreise nach Kasachstan

„Als wir uns der Passkontrolle näherten, sprach der Polizist mit dem Grenzbeamten. Daraufhin wurde ich mit Namen aufgerufen und ohne Kontrolle durchgelassen. Ich denke, dass der Polizist ihm gesagt hat, dass ich schon genügend „gelernt“ habe.  Davor wurde ich ausgezogen, komplett durchgecheckt und mein Koffer wurde durchsucht“. Danach überquerte ich die Grenze und landete auf der kasachstanischen Seite. Ich begann zu weinen. In Kasachstan fragten sie mich, warum ich zwei Jahre weggeblieben war und ohne Pass wieder eingereist war und ich erzählte ihnen alles, obwohl ich zuvor geschworen hatte, dass ich nichts sagen würde.“

Zwei Wochen nach ihrer Rückkehr beschloss Gulzira, offen über alles zu reden, was sie erlebt hatte. „Ich wollte eigentlich nicht davon erzählen, aber dort sind so viele Menschen gefangen, dass es mir in der Seele schmerzt. Wir sind dort wie Verwandte geworden. Es gab Zeiten, da teilten wir uns ein Brot. Als ich abreiste, flehten mich die anderen an, sie zu retten. Dort waren Behinderte, Taubstumme und alte Großmütter. Wie sollen sie lernen zu schreiben und zu sprechen? Manche haben den Verstand verloren und schlugen sich selbst.“ In Kasachstan beantragte Gulzira die Staatsbürgerschaft, aber sie bekam sie nicht sofort. „Dann wandte ich mich an internationale Organisationen, gab Journalisten Interviews. Sie haben mir sehr geholfen, auch bei der Suche nach einem Anwalt, um den Status als Flüchtling zu bekommen. Mit der Aufenthaltsgenehmigung hätte ich einmal alle sechs Monate nach China zurückkehren müssen.“ Nachdem ihr der Status als Flüchtling zuerkannt wurde, hat Gulzira außerdem noch die Staatsbürgerschaft erhalten.

Die Folgen der Haft

„Während der ganzen 18 Monate habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie dort die Menschenrechte mit Füßen getreten werden und die Gesundheit der Menschen zerstört wird. Meine Menstruation dauert jetzt 17-18 Tage und mir ist ständig schwindelig. Bei Ärzten war ich schon, aber sie wissen nicht, woran es liegt. Ich weiß nicht, ob ich noch Kinder bekommen kann“, sagt Gulzira, die inzwischen 41 Jahre alt ist. „Ich ertrage es nicht mehr, mir Filme oder Nachrichten anzuschauen. Wenn ich die Nachrichten ansehe, dann muss ich an den „Unterricht“ in China denken. Wenn ich Filme schaue, dann verstehe ich überhaupt nichts mehr. In China gab es keine Filme. Von morgens bis abends wurde Xi Jinping gezeigt und gesagt „unser Land ist reich“. Aus anderen Länder wurde nur von Krieg und Demonstrationen berichtet. Jetzt kann ich durch meine gesundheitlichen Probleme nicht arbeiten. Die Kraft in meinen Händen reicht nicht einmal aus, um Teig zu kneten und mein Kopf schmerzt von den Schlägen im Lager. Sie haben uns dort auf den Kopf geschlagen, damit nicht an anderen Körperstellen Blutergüsse sichtbar waren. Mein Gedächtnis ist schlecht geworden. Einmal habe ich den Weg vergessen, auf dem ich meine Tochter zur Schule gebracht habe. Bei uns arbeitet nur mein Mann und das Geld, das er verdient, gebe ich für Medikamente aus.“

Ein ähnliches Schicksal ist vielen Kasachinnen und Kasachen widerfahren, die aus China zurückkehrten. Im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang in China leben mehr als 1,5 Millionen Kasachen, über 11 Millionen Uiguren, ungefähr 1 Millionen Dunganen und 200.000 Kirgisen. Zusammen bilden sie eine muslimische Mehrheit in Xinjiang. Seit der Gründung der „Umerziehungslager“ vor mindestens vier Jahren [Stand September 2020, Anm. d. Ü.] wurden ca. 1 Millionen Menschen dorthin gebracht.

„Wir kämpfen an zwei Fronten“

„Nach der Unabhängigkeit Kasachstans sind etwa 200.000 Kasachinnen und Kasachen im Rahmen eines Programmes zur Förderung der Rückkehr aus China nach Kasachstan umgesiedelt“, erzählt Serikzhan Bilash, ein Kasache, der selbst im Jahr 2000 aus China zurückkehrte. Seine Organisation „Naģyz Atajurt Eriktileri“ [„Wahre Freiwillige des Vaterlandes“] nimmt sich der Probleme von Kasachen aus Xinjiang an, denen die Flucht aus der Gefangenschaft und die Ausreise nach Kasachstan gelungen ist.

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„Wenn man die Kasachen dazu zählt, die mit Aufenthaltsgenehmigung und Visum hierhergekommen sind, dann kommt man auf ungefähr 500.000. Alle haben sie in China Eltern, Brüder oder Schwestern. Manche haben ihre Kinder nach Kasachstan zur Schule geschickt, während die Eltern in China blieben. Oder der Mann arbeitet hier und Frau und Kinder leben in China. Nach Kasachstan kommen Rentner, aber ihre Kinder arbeiten in China im Staatsdienst oder in Unternehmen. Viele Familien leben auf beiden Seiten der Grenze. Es gibt keine offizielle Statistik, aber wir schätzen, dass davon 700 bis 800 Tausend Familien betroffen sind.“

Proteste als Anlass zur Unterdrückung

2009 begann Bilash mit in China lebenden Kasachen zu arbeiten. Ende Juni kam er aus Hongkong in Ürümqi an. Am Abend des 5. Juli hörte er vor seinem Haus Schüsse aus dem Maschinengewehr. Am Morgen waren in der Hauswand Einschusslöcher zu sehen. Die Proteste der Uiguren und die gewaltsame Niederschlagung erhielten später die Bezeichnung „Juli-Ereignisse“. Sie waren der Prolog für die breit angelegten Repressionen gegen Muslime in China. Die Machthabenden vertrauen der muslimischen Minderheiten nicht. In den sogenannten „Umerziehungslagern“ sollen Uiguren, Kasachen und andere Ethnien aus Xinjiang mit der Politik Chinas indoktriniert werden.

„2009 begann ich also in China lebenden Kasachen zu sagen, dass sie ausreisen sollten“, erinnert sich Bilash. Zunächst veröffentlichte er auf kasachischen Seiten Aufrufe zur Ausreise nach Kasachstan. Fünf Jahre später half er Studierenden via Internet bei der Vorbereitung für ein Masterstudium in Kasachstan und Berufstätigen bei der Suche nach Arbeit. Ungefähr zu dieser Zeit traten die ersten alarmierenden Anzeichen auf. „Zuerst nahmen sie den in China lebenden Kasachen die Pässe ab. Dann begannen sie diejenigen zu traktieren, die WeChat nutzten, kontrollierten Telefone und kopierten alle Kontakte. Wenn jemand auf seinem Telefon auf ausländischen Websites unterwegs gewesen war, wurde das Handy für 3-5 Tage konfisziert und durchsucht. Schon 2011 begannen die Menschen aus Angst, Nokia-Tastenhandys zu benutzen, um zu verhindern, dass sie ihr Handy zur Kontrolle abgeben müssen.“

Dann kam die erste Vermisstenmeldung. „2016 gründeten wir eine WhatsApp-Gruppe und versammelten dort Kasachen aus China. Dort erzählten sie uns von ihrem Leid. Einer der ersten schrieb: „Mein Bruder wird schon seit einem Monat vermisst. Er war ein einfacher Schafhirte. Er sagte, dass er bald nach Kasachstan ausreisen wird und schon alles gepackt hatte, aber jetzt ist er verschwunden.“ Im selben Jahr schloss sich Serikzhan mit seinen Mitstreitern zur Organisation „Atajurt“ zusammen. Bald begann der Druck auf Kasachen, die in China im öffentlichen Dienst arbeiteten: solange ihre Kinder in Kasachstan zur Schule gingen und studierten, wurde ihnen nicht erlaubt zu kündigen. Daraufhin kehrten die Kinder nach China zurück. Ihre Geschichte gab „Atajurt“ an die Menschenrechtsorganisation Radio Free Asia weiter. 2017 fand die erste Pressekonferenz von „Atajurt“ statt.

„An der ersten Konferenz nahm auch die Mutter eines unserer Mitarbeiter teil. Sie erzählte davon, dass ihr Mann 2005 in China zu 13 Jahren Haft verurteilt worden war“, erinnert sich Bilash. „Er wurde der Spionage für Kasachstan schuldig befunden. Aber sein ganzes „Vergehen“ bestand darin, dass er mit seiner Familie nach Kasachstan umgezogen war. Schon damals gab es in China politisch motivierte Inhaftierungen, allerdings noch nicht im großen Stil. Es wurden fünf Kasachen aus dem einen Dorf festgenommen, zehn aus einem anderen und so weiter. So bemerkten wir nicht, war vor sich ging.“

„Im Wesentlichen scheint es so zu sein: Wenn die Angehörigen der in China Inhaftierten damit an die Öffentlichkeit gehen und ausländische Medien darüber berichten, werden sie aus den Umerziehungslagern entlassen. Schweigen die Verwandten aber aus Angst, dann werden die Lagerinsassen anschließend für 10 bis 20 Jahre im Gefängnis weggesperrt“, berichtet Bilash. Bis heute sammelt die Organisation „Atajurt“ Informationen über Vermisste und Rückkehrende aus den Lagern und übermittelt diese an die Medien und Menschenrechtsorganisationen. „Wir kämpfen an zwei Fronten: einerseits mit China, andererseits mit prochinesischen Elementen in Kasachstan“, so Bilash.

Verfolgung zivilgesellschaftlicher Organisationen

Schnell begann der Druck auf die Organisation. Das erste Verwaltungsverfahren gegen ihn wurde im Februar 2019 eingeleitet. Bilash wurde beschuldigt, Leiter und Teil einer nichtregistrierten Vereinigung zu sein. Das Gericht verurteilte ihn zu 100 Monatsraten. Kurz darauf, am 10. März, wurde Bilash verhaftet wegen „des Verdachts auf vorsätzliche Handlungen mit dem Ziel der Erregung sozialen und nationalen Unfriedens“. Einige Monate stand er daraufhin unter Hausarrest. Im August endete der Prozess mit dem Verbot der Leitung öffentlicher Organisationen während der nächsten sieben Jahre. „Am 31. Dezember 2019 endete meine Bewährungszeit, deshalb habe ich ab dem 1. Januar 2020 angefangen, bei „Atajurt“ als Reinigungskraft zu arbeiten. Manchmal bin ich auch Fahrer. Aufgrund des Prozessausgangs darf ich nicht in leitender Funktion tätig sein. Ich habe darüber gelacht. Glauben die etwa, dass ich der Vorsitzende von Nur Otan [Regierungspartei Kasachstans, Anm. Vlast] werde?“

Im September 2019, einen Monat nach dem Ende des Prozesses gegen Bilash, registrierte das Justizministerium in Almaty die Organisation „Atajurt Eriktileri“ (Freiwillige des Vaterlandes) offiziell. Vorsitzender wurde der ehemalige Mitstreiter von Bilash, Erbol Dauletbek. Das Außenministerium der USA ließ verlauten, dass es die Registrierung der Organisation begrüße. Bemerkenswert ist, dass „Atajurt“ unter der Leitung von Bilash mehrfach die Dokumente zur Registrierung eingereicht hatte, jedoch ohne Erfolg. Laut Bilash ist die registrierte Organisation ohne Funktion. Bald darauf nahmen Bilash und seine Unterstützer ihre Arbeit mittels des neuen, nicht offiziell registrierten Vereins „Naģyz Atajurt Eriktileri“ (Echte Freiwillige des Vaterlandes) auf.

„Wenn wir rechtlich eingetragen werden würden, bekämen wir Gelder von internationalen Organisationen. Das kann sich sogar auf mehrere Millionen Dollar belaufen. Dieses Geld könnten wir an Kasachen weitergeben, die physisch und psychisch in den Lagern gelitten haben. Wir werden nicht eingetragen, damit wird keine internationalen Hilfen bekommen. Warum wurde die andere Organisation „Atajurt Eriktileri“ registriert, aber wir nicht? Es heißt, sie hätten uns ja registriert. Aber mit der Leitung und dem, was sie machen, haben wir nichts zu tun.“

Im März 2020 gab Bilash offiziell aufgrund mangelnder Finanzierung die Auflösung seiner nicht registrierten Organisation bekannt. Nichtsdestotrotz erhielt er vier Monate nach der Auflösung eine Geldstrafe wegen „Teilnahme an einer nicht registrierten Bewegung“. Im Gerichtssaal berichtete er davon, wie er freiwillig Kasachen half, die aus Xinjiang ausgereist waren, aber seine Ausführungen stießen auf taube Ohren. Zurzeit sind gegen Bilash noch zwei Strafverfahren anhängig. Eines nach Artikel 174 des Strafgesetzbuches (Anstachelung zum Unfrieden), das andere gegen ihn und fünf seiner Mitarbeitenden betrifft die „illegale Aneignung von Eigentum“. Außerdem wurden das Haus seiner Familie, sein Auto und seine Konten beschlagnahmt.

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Allen Problemen zum Trotz setzt „Naģyz Atajurt Eriktileri“ seine Arbeit fort. Mehr als 30.000 Schreiben in Bezug auf die Lage der Kasachen in Xinjiang sind seit Beginn der Organisation bei den Menschenrechtsaktivisten eingegangen. Seit Beginn 2020 hat die Anzahl der Anfragen abgenommen. „Das zeigt, dass der Druck in China nachgelassen hat. Es gibt Ergebnisse. Aber das Problem ist nicht abschließend gelöst. Alle, die aus den Lagern ins Gefängnis geschickt werden konnten, wurden auch dorthin gebracht. Und die Übrigen stehen unter Hausarrest und werden beobachtet“, so Bilash. Die Probleme hören außerdem mit der Entlassung aus der Gefangenschaft nicht auf. „Wenn sie zurückkehren, sind viele physisch und psychisch geschädigt. Der Mann kann seine ehelichen Pflichten nicht mehr erfüllen, kann nicht arbeiten gehen und nicht wie ein normaler Mensch leben. Ein ehemals gesunder Mensch wird aus dem Lager mit allen möglichen Krankheiten entlassen, das ist in 99 Prozent der Fälle so“, erzählt Bilash.

Laut Bilash, beginnen viele zu lachen, wenn sie von dem Lager erzählen. „Zum Beispiel saß ein Mann mit einem Foto seiner Kinder da. Wir fragen ihn: „Wie viele Kinder haben Sie?“ – „Zwei.“ „Wo leben Ihre Kinder?“ – „In China.“ „Wie lange schon?“ – „Seit zwei Jahren.“ „Gibt es irgendwelche Neuigkeiten?“ – „Keine.“ Und der Mann fängt an zu lächeln“, erzählt Bilash. „Wir haben vorsichtig weitergefragt. „Vermissen Sie Ihre Kinder?“ – „Ja.“ „Was arbeiten Sie?“ – „Ich kümmere mich um Vieh.“ „Wenn Ihnen eine Kuh davonläuft, würden Sie dann nach zwei Jahren nach ihr suchen?“ – „Am gleichen Tag würde ich noch nach ihr suchen.“ „Ihre Kinder sind seit zwei Jahren verschwunden, warum suchen Sie nicht nach ihnen? Sind es gehorsame Kinder? Haben sie Unfug gemacht?“ Und dann begann der Mann zu weinen. Ihre Herzen sind verschlossen. Und wir müssen das Schloss öffnen.“

Den betroffenen Familien bietet die Organisation psychologische und materielle Hilfen. „Wir arbeiten folgendermaßen: wir vertrauen drei oder vier Familien je einem verantwortungsbewussten Geschäftsmann an, der diesen monatlich Geld gibt. Zwei einfachen Angestellten weisen wir eine Familie zu“, berichtet Bilash. Die Familie von Bikamal Kaken ist eine von ihnen.

„Wir sind nach Kasachstan umgesiedelt, um unser Kind nicht zu verlieren“

Zu unserem Treffen erscheint Bikamal Kaken mit zwei Töchtern und einem Foto ihres Mannes, Adilgazy Muqai. „Mein Mann wurde zu 9 Jahren Haft verurteilt. Heute ist er 48 Jahre alt und sitzt im Gefängnis von Karamay.“ Einen Monat vor der Ausreise der Familie nach Kasachstan war Adilgasy Muqai aufgrund gesundheitlicher Probleme in Rente gegangen. Damals war Bikamal im vierten Monat schwanger. „Als mein Mann zu arbeiten begann, gingen Gerüchte um, dass Familien mit mehr als einem Kind bestraft würden. Ich habe eine ältere Tochter. Wir machten uns Sorgen, dass wir nach der Geburt unserer zweiten Tochter bestraft und verhaftet werden könnten. Außerdem hörten wir von Bekannten, dass manche Frauen zur Abtreibung gezwungen werden. Deshalb entschlossen wir, nach Kasachstan umzuziehen, um unserem Kind das Leben zu retten“, erzählt Bikamal Kaken.

Nach dem Umzug fuhr Bikamals Mann regelmäßig ohne Probleme nach China zurück. Im Mai 2017 wurde Adilgasy Muqai von dem Erdöl-Unternehmen angerufen, bei dem er in China arbeitete. „Sie sagten, dass bald eine Versammlung stattfände und er unbedingt teilnehmen solle. Wenn er nicht käme, würden seine Rentenzahlungen ausgesetzt“, berichtet Bikamal Kaken. „Da wir von seiner Rente leben, musste er dorthin fahren.“ Nach einigen Tagen rief die Schwester ihres Mannes an und sagte, dass Adilgasy nach wie vor nicht angekommen sei. Daraufhin telefonierte Bikamal mit dem Fahrer des Busses, mit dem Adilgasy nach China gefahren war. „Die Polizei hat ihn beim Grenzübertritt in Khorgos festgenommen. Diese Information habe ich zuerst von dem Busfahrer bekommen. Drei Tage später brachte die örtliche Polizei die Tasche meines Mannes zu seiner Schwester und informierte sie, dass er verhaftet worden war. Aber den Grund für seine Verhaftung haben sie nicht genannt. Seitdem sind drei Jahre vergangen. Es ist jetzt schon das vierte Jahr, dass ich seine Stimme nicht höre. Wir haben nicht ein einziges Dokument dazu erhalten“, erzählt Bikamal Kaken.

Neuigkeiten zur Verurteilung aus der Zeitung

Davon, dass ihr Mann wegen Extremismus zu 9 Jahren Haft verurteilt worden war, erfuhr Bikamal erst drei Jahre nach seinem Verschwinden. „Ich habe es durch einen Artikel in der Global Times mitbekommen. Darin sagt der chinesische Botschafter in Kasachstan, Zhang Xiao, dass mein Mann aufgrund von Extremismus und Terrorismus zu 9 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wurde“, sagt Bikamal. Als Adilgasy verhaftet wurde, hatte er in seiner Tasche den Schlüssel ihres alten Hauses in China dabei. „Die Polizei hat diesen Schlüssel beschlagnahmt und das ganze Haus durchsucht. Dabei haben sie in unserem Bücherregal den Koran gefunden. Wir haben den Koran damals in einem ganz gewöhnlichen Bücherladen gekauft. Da gibt es nichts Illegales dran“, erzählt Bikamal. Von den Verwandten erfuhr sie, dass ihr Mann in Karamay in Haft sitzt.

Bis vor kurzem stand Bikamal noch in Kontakt mit den Verwandten ihres Mannes und erhielt von ihnen Neuigkeiten. Wenn es den Verwandten gelang, mit Muqai zu telefonieren, dann sprach er so, als würde er bedroht. „Ich weiß nicht, wie lange ich noch lebe. Ich überlasse euch meine Töchter und meine Frau, kümmert euch gut um sie“, diese Worte leitete Muqais Familie an Bikamal weiter. Aber nachdem Bikamal begann, Journalisten Interviews zu geben, hörte sie plötzlich anderes von den Verwandten: „Beim zweiten Mal konnten sie mit ihm über WeChat sprechen. Danach sagte mir die Schwester meines Mannes, dass bei meinem Mann alles in Ordnung und er außer Gefahr sei. Sie bat mich, dass ich sie nicht mehr anrufen solle. Das war vor zwei Monaten. Seitdem haben wir den Kontakt zueinander verloren.“

„Meine ältere Tochter kennt ihren Vater. Er ging weg als sie eineinhalb Jahre alt war. Sie spielt oft mit anderen Kindern im Hof. Wenn andere Kinder ihren Vätern nach der Arbeit in die Arme laufen, dann rennt meine Tochter in Tränen aufgelöst nach Hause und fragt, wann ihr Vater zurückkommt. Und meine jüngere Tochter versteht nicht einmal mehr, was das Wort „Papa“ bedeutet“, sagt Bikamal. Zusammen mit ihren Töchtern erhielt Bikamal die kasachstanische Staatsbürgerschaft. „Ich habe die kasachstanische Regierung um Hilfe für den Unterhalt meiner Kinder gebeten, aber keine erhalten. Mir wurde mitgeteilt, dass ich für Unterhaltszahlungen einen Nachweis bräuchte, dass mein Mann in China im Gefängnis sitzt. Aber das ist unmöglich. Jetzt stellt mir niemand irgendwelche Nachweise aus. Danach fragte ich beim Außenministerium um Hilfe an und erzählte ihnen von meiner Situation. Sie sagten, dass sie eine Nachricht schicken würden, aber ich warte immer noch.“ Jetzt erhält Bikamal Unterstützung von Personen, die ihr über die Organisation „Naģyz Atajurt Eriktileri“ vermittelt wurden.

„Manche sagen, wenn ich schweigen würde, bekäme ich die Staatsbürgerschaft“

Qaısha Aqan erzählt, dass sie illegal die kasachische Grenze überquerte, weil ihr eine lange Haft im Lager drohte. Sie erinnert sich, dass eine Schule in der Nähe ihres Elternhauses in Xinjiang in ein Lager umgebaut wurde. „Vor unserer Haustür war die chinesische Mittelschule Nr.2, die sich dann plötzlich in ein Lager wandelte. Alle Schülerinnen und Schüler wurden an eine andere Schule versetzt. Danach wurde das Tor des Gebäudes schwarz gestrichen und sieben Meter hohe Stacheldrahtzäune errichtet. Aus der Schule wurde ein Gefängnis. Nach jedem Meter wurde eine Kamera installiert. Jetzt nähert sich niemand mehr diesem Gebäude, es ist sogar verboten, es zu fotografieren. Da wir direkt neben diesem Gebäude wohnten, wurden wir umgesiedelt. Im Zuge dessen wurde ich aufs Polizeirevier gerufen“, erzählt Qaısha.

2017 eröffnete Qaısha ein Handelsunternehmen in Khorgos und musste geschäftlich oft nach Kasachstan reisen. Beim ersten Verhör fragte die Polizei nach den Gründen für ihre häufigen Reisen nach Kasachstan und dann auch nach ihrer Religion. „Ich antwortete, dass ich nicht regelmäßig bete oder die Moschee besuche. Aber die Tatsache, dass ich die Fastenzeit einhalte, habe ich nicht verheimlicht“, erinnert sich Aqan. Im darauffolgenden Jahr wurden in der Stadt Straßensperren errichtet und Handys durchsucht. Während dieser Zeit war Qaisha einen Monat lang im Krankenhaus und bald darauf wurde sie wieder von der Polizei einbestellt, weil sie keine Zeit gefunden hatte, ihren Wohnsitz anzumelden. Die Polizei durchsuchte ihr Handy und beschuldigte sie, kasachische Websites besucht zu haben. „Ich sagte, gut, dann zeigt mir bitte, inwiefern ich das Gesetz gebrochen oder mich der staatlichen Politik widersetzt habe. Wenn ihr mir das beweisen könnt, dann gestehe ich meine Schuld ein“, erinnert sich Qaısha.

Daraufhin begannen die Polizisten Druck auf Qaısha auszuüben und brachten einen Stuhl ins Zimmer: „An dem Stuhl waren Handschellen befestigt. Da ich Winterkleidung anhatte, passte ich nicht hinein. Also blieb mir nichts anderes übrig als die Kleidung auszuziehen. Dann fesselten sie mich mit den Handschellen. Ich fragte: „Warum foltert ihr mich und haltet mich ohne Beweise fest?“ Zur Antwort bekam ich zu hören, dass ich während der letzten 10 Jahre häufig nach Kasachstan gereist sei und dort möglicherweise die westliche Kultur angenommen habe. Schlussendlich haben sie alle Dokumente selbst vorbereitet und ausgefüllt. Ich wurde darin beschuldigt, Kasachstan mehrfach besucht zu haben, Teil einer terroristischen Organisation zu sein, im Ramadan zu fasten, an Vorlesungen von „Jarqyn Jeti“ [Kurse von Serikzhan Bilash zur Vorbereitung der Ausreise nach Kasachstan, Anm. Vlast] teilgenommen zu haben und mit Ausländern in Kontakt zu stehen. Das Schlimmste war, dass sie meine Landsleute als Ausländer bezeichneten. Aufgrund all dieser Beschuldigungen hätten mir 8 Jahre Freiheitsstrafe gedroht. Unter der Auflage, dass ich niemandem von dem Verhör erzählen würde, wurde ich nach Hause geschickt. Am nächsten Morgen musste ich erneut zur Polizei kommen und Tests machen. Sie sagten mir auch, dass ich meinen Reisepass abgeben müsse.“

Flucht aus China als illegaler Grenzübertritt

Um vier Uhr morgens nahm Qaısha ein Taxi, um ihren Pass abzuholen, den sie in Khorgos gelassen hatte, aber nicht, um diesen der Polizei auszuhändigen, sondern um China endgültig den Rücken zuzukehren. „Alle 5-10 Minuten wurde ich von der Polizei kontaktiert. Mir blieb nichts anderes übrig, als möglichst schnell zu fliehen. Den Pass hatte ich bei mir. Im Mai 2018 überquerte ich illegal die Grenze nach Kasachstan. Mir war bewusst, dass wenn ich zurückgehen würde, das Gefängnis auf mich wartet“, erzählt Qaısha Aqan.

In Kasachstan angekommen, wurde sie wegen illegalen Grenzübertritts angeklagt und erhielt schlussendlich eine sechsmonatige Bewährungsstrafe, ohne jedoch nach China abgeschoben zu werden. „Daraufhin habe ich eine Asylbewerberbescheinigung erhalten, die alle drei Monate erneuert werden muss. Laut Gesetz kann sie eigentlich nur vier Mal verlängert werden, aber ich verlängere sie schon das fünfte Mal. Kasachstan hat mir bisher noch nicht den Flüchtlingsstatus zuerkannt“, sagt Qaısha Aqan. „Zuerst benötige ich den Flüchtlingsstatus, um kasachstanische Staatsbürgerin werden zu können. Aber bisher habe ich diesen nicht. 2019 habe ich eine Klage eingereicht. Mir wurde zugesichert, dass diese innerhalb von drei Monaten bearbeitet wird. Seitdem sind 9 Monate vergangen und es gibt noch keine Ergebnisse. Manche sagen, dass ich die Staatsbürgerschaft bekomme, wenn ich den Mund halte. Schon zweieinhalb Jahre verhalte ich mich ruhig und dennoch ändert sich nichts.“

Im September 2019 wurde Qaısha von chinesischer Seite für schuldig befunden, Wirtschaftsdelikte begangen zu haben. „Sie beschuldigten mich, von mehreren Firmen Geld gestohlen zu haben und nach Kasachstan geflohen zu sein. Jetzt leide ich unter Schlafstörungen. Ich gehe um 3 oder 4 Uhr morgens ins Bett, dann, wenn es schon langsam wieder dämmert“, erzählt Qaısha. „Laut dem Gesetz sollte Kasachstan mir den Flüchtlingsstatus zuerkennen oder verweigern. Das heißt, es sollte eine konkrete Entscheidung getroffen werden. Aber leider ist der Ausgang bis heute offen. Auf diese Entscheidung warten auch internationale Menschenrechtsorganisationen. Wenn ich den Flüchtlingsstatus zuerkannt bekomme, dann kann ich mich frei bewegen, legal arbeiten, mich selbst versorgen und leben.“ [ Mittlerweile wurde ihr der Flüchtlingsstatus zuerkannt, ihr Einbürgerungsantrag wurde aber abgelehnt, Anm. d. Red.]

„Wir dachten, unser Land würde uns aufnehmen“

Am 4. Oktober 2019 gab Kasachtans Außenminister Muhtar Tileýberdi bekannt, dass in den „Bildungszentren“, wie er die Umerziehungslager bezeichnete, keine Kasachen mehr seien. „Unser Präsident war vor kurzem zu einem Staatsbesuch in China. Es wurde auf höchster Ebene bestätigt, dass sich in den „Bildungszentren“ keine in China lebenden, ethnischen Kasachen mehr aufhalten. In den Zentren sitzen nur Straftäter ein“, gab Kasachstans Außenminister vor Journalisten bekannt. Am Tag davor hatten zwei Kasachen aus Xinjiang, der 30-jährige Qaster Musahanuly und der 25-jährige Murager Álimuly, die kasachstanische Grenze überquert, zu der sie 10 Tage zu Fuß gelaufen waren. Später auf der Pressekonferenz in Almaty erzählte Musahanuly, dass er selbst in China in Gefangenschaft war. „Es stimmt nicht, dass es in den Lagern keine Kasachen gibt. Fünf Leute lassen sie frei und an ihrer Stelle werden zehn andere inhaftiert“, berichtete er und widersprach damit der Stellungnahme des kasachstanischen Außenministers.

Unmittelbar nach der Pressekonferenz wollten die beiden Männer bei der kasachstanischen Migrationsbehörde Flüchtlingsstatus beantragen, wurden jedoch von Grenzbeamten des Nationalen Sicherheitskomitees festgenommen. Im Dezember 2019 verkündete der Direktor des Grenzdienstes, Darhan Dilmanov, dass sie „keine Chancen haben hier zu bleiben, selbst wenn sie sich hier befinden“. Die Anwältin Lıasat Ahatova, die die beiden Männer zu diesem Zeitpunkt vertrat, entgegnete als Reaktion auf die Aussage des Direktors, dass im Falle einer Auslieferung an China beiden die Todesstrafe drohe. Im Nachhinein wurden Musahanuly und Álimuly in Kasachstan aufgrund von illegalem Übertritt der Staatsgrenze zu einem Jahr Haft verurteilt, wobei die vorherige Untersuchungshaft in Teilen angerechnet wurden. Am 22. Juni 2020 konnten beide das Straflager verlassen.

In dem Café am Stadtrand Almatys, in dem wir Qaster und Murager treffen, arbeiten Kasachen, denen ebenfalls die Flucht aus Xinjiang gelang. Eine der Angestellten erzählt uns, dass sich Serikzhan Bilash derzeit dafür einsetzt, dass sie von China eine Entschädigung für die unrechtmäßige Inhaftierung erhält. Ihren Namen nennt sie nicht und möchte keine weiteren Informationen mit uns teilen.

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Qaster erzählt, dass er gemeinsam mit Murager zwei Jahre in Xinjiang ein Geschäft hatte. Von März 2013 bis November 2017 saß er dann in Haft. „Im Jahr 2009 war ich gerade in Ürümqi, als dort die Unruhen waren. Obwohl ich nicht an diesen beteiligt war, wurde ich befragt und zu vier Jahren und acht Monaten verurteilt“, erinnert sich Qaster Musahanuly. „Zuerst war ich ein Jahr und drei Monate in einem Gefängnis, in dem ich verhört wurde. Dort gab es Elektroschocks. Wie konnte ich etwas gestehen, das ich nicht getan hatte? Aber egal, wie sehr ich mich wehrte, sie glaubten mir nicht. Solange ich noch nicht verurteilt und in ein größeres Gefängnis verlegt worden war, musste ich viele andere Strafen über mich ergehen lassen: Schläge, Gewalt und Demütigungen. Alle zwei bis drei Tage verhörten und folterten sie mich. Drückten meinen Kopf unter Wasser. Danach wurde ich in ein großes Gefängnis verlegt, in dem vor allem politische Gefangene festgehalten wurden. Dort durften wir nicht auf Kasachisch reden, sondern nur die offizielle Sprache Mandarin sprechen. Es war verboten, die Salat zu beten, die rituellen Waschungen vorzunehmen und zu fasten. Über einen Zeitraum von vier Jahren ging ich in Handschellen und hielt den Kopf gesenkt. Jetzt sind meine Lendenwirbel geschädigt und ich kann nicht über längere Zeit aufrecht sitzen.“

Die gesamte Familie von Qaster Musahanuly ist in China zurückgeblieben. „Bevor wir den Antrag auf Flüchtlingsstatus eingereicht hatten, wurde Druck auf sie ausgeübt. Man konnte nicht anrufen, nicht mit ihnen reden. Wenn wir anriefen, wurden sie danach befragt. Ihre Telefone werden abgehört. Nur meine Mutter rufe ich einmal im Monat an. Seit Beginn dieses Jahres ist es nicht mehr möglich, mit ihnen zu sprechen.“ Murager Álimuly erzählt, dass er sich nach der Freilassung seines Freundes zur gemeinsamen Flucht entschied: „Ich bin nach Kasachstan gereist, weil hier mein Land ist, meine Heimat. Die Unterdrückung, die wir dort erlebt haben, hatte einen großen Einfluss. Man hört auf, Kasache zu sein. Uns wurde verboten, den Koran zu lesen und das Grab von Vorfahren zu besuchen. Die Moscheen wurden zerstört und Beerdigungen untersagt.“

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Qaster Musahanuly sagt, er habe nicht erwartet, dass sie in Kasachstan verurteilt werden würden. „Wir sind davon ausgegangen, dass unser Land uns aufnimmt. Aber als wir ankamen, wurden wir verurteilt. Aber wir sind auch dankbar dafür, dass wir nicht nach China zurückgeschickt wurden.“ Zuvor hatte der Anwalt Baýyrzhan Azanov, der die Interessen von limuly und Musahanuly vertritt, erklärt, dass gemäß der Genfer Flüchtlingskonvention Asylsuchende nicht zurückgeschickt werden können. Zu unserem Gespräch gesellt sich Serikzhan Bilash: „Bis zum 20. Oktober [2020, Anm.d. Red.] sind sie noch Asylsuchende. Danach ergeben sich erneut Probleme. Werden die beiden dann nach China zurückgeschickt?“

Qaster und Murager sagen, dass sie auf eine rechtliche Lösung von den kasachstanischen Behörden warten. „Wir haben dreimal die Frist verlängert, und das letzte Ablaufdatum ist der 20. Oktober. Sie sagten, es gäbe eine Art Kommission. Wir hoffen, dass es noch in diesem Monat Ergebnisse gibt. Dann können wir sehen, wie es weitergeht“, so Murager Álimuly. [Das Asylgesuch wurde inzwischen angenommen, der Einbürgerungsantrag jedoch abgelehnt, Anm. d. Red.] „Wir werden sehen, was der letzte Ausweg ist. Seit unserer Ankunft in Kasachstan erhalten wir Hilfe von „Atajurt“. Wir wissen nichts über die Gesetzeslage in Kasachstan oder wie wir hier leben sollen. Dank der Unterstützung von „Atajurt“ sind wir jetzt hier und werden auch in Zukunft zusammenarbeiten“, hofft Qaster Musahanuly.

„Das Buch ist eine Art zu kämpfen“

In Kasachstan zu bleiben hatte auch Sayragul Sauytbay vorgehabt. Die Kasachin hat in den Lagern als Chinesischlehrerin gearbeitet und war die erste Zeugin, die offen und detailliert von den Umerziehungslagen in Xinjiang berichtete. 2018 flüchtete sie aus Xinjiang nach Kasachstan, wohin zuvor auch schon ihr Mann und ihre Kinder, die die kasachstanische Staatsbürgerschaft haben, ausgewandert waren. Im Mai wurde sie von Mitarbeitern des kasachstanischen Geheimdienstes KNB verhaftet und im Juli begann das Gerichtsverfahren. Während des Prozesses erklärte Sauytbay, sie sei gezwungen gewesen, das Gesetz zu brechen, um ihr Leben zu retten. Im August 2018 ordnete das Gericht eine Bewährungsstrafe an sowie dass sie nicht nach China abgeschoben wird. Nachdem ihr jedoch auch ein Jahr später noch nicht der Flüchtlingsstatus zuerkannt wurde, flog Sayragul Sauytbay nach Schweden.

Etwas mehr als ein Jahr nach ihrer Ausreise nach Schweden lernt Sauytbay Schwedisch, hat ein Buch auf Deutsch über ihr Leben veröffentlicht und möchte sich auch weiterhin für die Rechte ethnischer Minderheiten in Xinjiang einsetzen. „Uns geht es jetzt gut, die Kinder besuchen Schulen. Die schwedische Regierung hat alle Bedingungen geschaffen, damit wir hier ein angenehmes Leben haben können“, erzählt sie gegenüber Vlast. „Ich kämpfe weiter für die Interessen der Nation und lerne Schwedisch.“ Im Juni 2020 erschien das Buch „Die Kronzeugin“ von Sayragul Sauytbay auf Deutsch in Berlin. „Ich habe dieses Buch zusammen mit der deutschen Schriftstellerin Alexandra Cavelius geschrieben. Das Buch beschreibt ausführlich mein eigenes Schicksal und Leben im Internierungslager, Geschehnisse, die ich mit eigenen Augen gesehen habe, Beweise und Fakten“, sagt Sauytbay. „Mein Buch hat in Österreich und der Schweiz hohe Verkaufszahlen erreicht. Daran sieht man, dass das Interesse an unserem Buch groß ist. Wir bekommen viele Dankesbriefe und das ist ein großer Erfolg für uns.“

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Sauytbay zufolge haben „Leute, die in Chinas Interesse handeln“ versucht, die Veröffentlichung des Buches zu verhindern. „Aber wir haben es geschafft, diese Hindernisse zu überwinden und das Buch erfolgreich veröffentlicht. Das war für uns ein wichtiger Sieg. Es war mein Traum dieses Buch zu schreiben als ich nach Schweden ging. Ich denke, dass dies eine Form des Kampfes mit der Situation ist“, so Sauytbay. Derzeit wird das Buch in andere Sprachen übersetzt, unter anderem ist auch eine Veröffentlichung auf Kasachisch und Russisch geplant.

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„Mein Gesundheitszustand hat sich nach dem, was ich in China gesehen und im Internierungslager erlebt habe, verschlechtert. Dazu kamen auch noch die Schwierigkeiten, mit denen ich mich in Kasachstan konfrontiert sah. Und so wurde ich aus einem gesunden Menschen zu einem kranken. Ich leide unter Rheuma und kann bis jetzt nicht selbstständig vom Stuhl aufstehen. Es fällt mir sogar schwer, die Treppe hinunterzugehen. Außerdem schwankt mein Blutdruck häufig. Früher konnte ich überhaupt nicht schlafen. Seit ich in Schweden lebe, hat sich mein Schlaf normalisiert und ich kann vier oder fünf Stunden schlafen. Aber selbst wenn ich geschlafen habe, fühle ich mich angeschlagen, weil ich oft vom Internierungslager träume.

Jetzt werde ich in Schweden behandelt und kämpfe weiter für Menschenrechte. Innerlich bin ich ruhig, weil ich weiß, dass meine Familie bei mir ist und ich mich erholen kann. Mein Plan für die nähere Zukunft ist, diesen Kampf so lange fortzusetzen, bis die chinesische Regierung zusammenbricht und die Menschen, die dort zurückgeblieben sind, frei werden und ein richtiges Leben beginnen können.“ Außerdem möchte Sayragul Sauytbay Arbeit in Schweden finden und ihren Kindern ein Studium ermöglichen. „Ich werde weiterhin alles mir in der Macht Stehende tun, solange unsere Brüder und Schwestern, die sich noch dort aufhalten, nicht freigelassen werden“, betont Sauytbay.

Olga Loginova, Nazerke Kurmangazinova und Alina Zhartieva für Vlast.kz

Aus dem Russischen von Marie Schliesser

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