Die am 28. Februar von Israel und den USA gegen den Iran gestartete Offensive hatte rasch Auswirkungen bis nach Zentralasien, wo Staaten nun mit wirtschaftlichen, diplomatischen und humanitären Verwerfungen zu kämpfen haben. Turkmenistan hat sich als Schlüsselakteur bei der Steuerung von Migrationsbewegungen herausgestellt.
Der nach dem zwölftägigen Krieg vereinbarte, brüchige Frieden hielt nur acht Monate. Mit dem Angriff Israels und der USA auf die Islamische Republik Iran am 28. Februar sind die Spannungen im Nahen Osten erneut eskaliert. Die Auswirkungen griffen rasch über das Territorium Irans hinaus und betrafen mehrere Staaten des Nahen Ostens sowie Aserbaidschan.
Für Zentralasien haben diese Entwicklungen unmittelbare Folgen. Die Unterbrechung der Handelsrouten, die die Region mit iranischen Häfen verbinden, und die nahezu vollständige Schließung der Straße von Hormus schwächen den wirtschaftlichen Austausch.
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Als vereinsgetragene, unabhängige Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen – und von eurer Unterstützung!Zentralasiatische Staatsangehörige, die sich im Iran aufhalten, stellen die zentralasiatischen Regierungen vor humanitäre und diplomatische Herausforderungen. Turkmenistan nimmt in dem Kontext eine Sonderstellung ein, da es als einziger zentralasiatischer Staat eine direkte Grenze zum Iran besitzt, die sich über fast 1.148 Kilometer entlang des Kopet-Dag-Gebirges erstreckt.
Turkmenistan als Korridor für Evakuierungen
Bereits in den ersten Tagen des Konflikts öffnete Aşgabat seine Grenzübergänge für ausländische Staatsangehörige und wich damit von den üblicherweise strengen Einreisebestimmungen ab. Wie das turkmenische Nachrichtenportal Orient.tm berichtet, wurde am Grenzübergang Sarahs, dem wichtigsten Transitpunkt zwischen beiden Ländern, ein Korridor für Evakuierungen eingerichtet. Angesichts des Zustroms von ausländischen Staatsangehörigen, die den Iran verlassen wollten, öffneten die turkmenischen Behörden anschließend vier weitere Übergänge. Laut Angaben der russischen Botschaft in Turkmenistan betrifft dies Artyk – Lotfabad, Gaudan – Bajgiran, Akyayla – Incheh Burun und Altyn Asyr – Incheh Burun.
Usbekistan entsandte diplomatisches Personal und Dienstfahrzeuge über turkmenisches Gebiet zum Grenzübergang Sarahs. Am 4. März wurden so laut der usbekischen Nachrichtenagentur Daryo 13 usbekische Staatsangehörige aus dem Iran zurückgeführt.

Auch andere Nationen haben diesen Weg beschritten. Laut The Korea Times überquerten am 3. März 23 südkoreanische Staatsangehörige die iranisch-turkmenische Grenze in zwei von der Botschaft in Teheran gecharterten Bussen. Der chinesische Nachrichtensender CGTN berichtet, dass insgesamt 400 Personen aus 17 Nationen, darunter 200 Chinesen, über die iranische Stadt Maschhad nach Turkmenistan gelangten. Das Ausbleiben intensiver Bombardierungen im Nordosten Irans erleichtert zwar die Einreise ausländischer Staatsangehöriger, diese bleiben jedoch weiterhin der instabilen Internetverbindung ausgesetzt.
Dies versetzt Turkmenistan in eine ungewöhnliche Rolle. Als einer der am strengsten abgeschotteten Staaten der Welt hat sich Aşgabat entschieden, sein Territorium für Ströme zu öffnen, die es üblicherweise drakonisch kontrolliert – ein Zeichen von geopolitischem Pragmatismus.
Eine Schwächung der zentralasiatischen Handelsrouten
Parallel zu diesen Evakuierungen beeinträchtigt der Konflikt die Handelsrouten durch den Iran massiv. Die Eisenbahnverbindung Russland-Kasachstan-Turkmenistan-Iran spielt zwar für den Handel mit Zentralasien nur eine untergeordnete Rolle. Dennoch ist sie eine der wichtigsten Nord-Süd-Achsen, die Zentralasien mit den iranischen Häfen am Persischen Golf verbindet. Seit Beginn des Konflikts ist sie stark beeinträchtigt.
Darüber hinaus haben die Spannungen rund um die Straße von Hormus laut der Times of Central Asia zu einem sprunghaften Anstieg der Kriegsversicherungsprämien geführt. Dies veranlasste mehrere Schifffahrtsunternehmen dazu, ihre Aktivitäten in der Region einzuschränken.
Die Folgen sind in Turkmenistan am deutlichsten spürbar. Satellitenbilder vom 27. Februar zeigten am Grenzübergang Sarahs eine lange Schlange von Lastwagen, die am turkmenischen Zollposten festsaßen. Dieser Verkehr ist nun bereits seit dem 1. März weitgehend eingestellt.

In der Folge sind auf den Märkten der Hauptstadt und der Grenzregionen die Preise explodiert: Hühnerfleisch verteuerte sich von 40 auf 90 Manat (von 9,80 Euro auf 22 Euro) pro Kilogramm, der Kilopreis für Tomaten verdoppelte sich von 10 auf 20 Manat (von 2,50 Euro auf 4,90 Euro) und jener für Kartoffeln hat sich fast verdreifacht, berichtet Fergana News. Für die Bevölkerung, deren Durchschnittsgehalt bei rund 2.500 Manat (614 Euro zum offiziellen Wechselkurs) liegt, sind die Auswirkungen gravierend.
Auch Usbekistan ist betroffen, wenn auch weniger direkt. Iran gehört zu den wichtigsten Lieferanten von Milchprodukten und deckt schätzungsweise acht bis zehn Prozent des Importmarktes ab. Ein usbekischer Händler iranischer Milchprodukte in Samarkand erklärte gegenüber Radio Free Europe, seine Lager leerten sich rapide, da die üblicherweise täglich 15 Lkw-Lieferungen über Turkmenistan ausblieben.
In Kirgistan ist die Lage noch kritischer, berichtet The Times of Central Asia. Ein erheblicher Anteil der Waren aus den USA, Europa und dem Nahen Osten wird über den iranischen Hafen Bandar Abbas in das zentralasiatische Land geliefert. Die Kämpfe zwischen Pakistan und Afghanistan erschweren die Situation zusätzlich, da auch die von kirgisischen Logistikunternehmen aktiv genutzte Route vom Hafen von Karatschi über Afghanistan blockiert ist.
Kasachstan profitiert am Ölmarkt
Öl ist der Rohstoff, der am stärksten vom Konflikt im Iran betroffen ist. Kasachstan, der wichtigste zentralasiatische Exporteur des „schwarzen Goldes“, kann daher kurzfristig von dem Anstieg des Ölpreises profitieren.
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Angesichts der unterbrochenen Handelswege richtet sich die Aufmerksamkeit zunehmend auf den „Mittleren Korridor“, der Zentralasien über das Kaspische Meer, Aserbaidschan, Georgien und die Türkei mit Europa verbindet. Obwohl das Frachtaufkommen seit 2022 deutlich gestiegen ist, besteht auf der Route weiterhin ein Engpass, unter anderem durch die begrenzte Schifffahrtskapazität auf dem Kaspischen Meer und die Überlastung der kasachstanischen Häfen Aqtau und Quryq. Der Konflikt im Iran zwingt Zentralasien daher, verstärkt nach alternativen Handelsrouten zu suchen, ohne jedoch eine unmittelbare Lösung für die anhaltenden Störungen zu bieten.
Unklare Aussichten
Mit der Verschärfung des Konflikts stehen die zentralasiatischen Staaten vor strategischen Entscheidungen, deren Konturen weiterhin unklar sind. Keine Regierung der Region hat sich öffentlich positioniert. Alle wahren stattdessen eine vorsichtige Neutralität, die der Doktrin ihrer mehrdimensionalen Diplomatie entstammt. Doch diese Neutralität verschleiert Schwachstellen, die mit jeder neuen Eskalation offengelegt werden.
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Die erste Unbekannte ist die Dauer des Konflikts. Ein kurzer Krieg würde überschaubare wirtschaftliche Folgen mit vorübergehenden Handelsstörungen und Preisanstiegen sowie mit einer kurzfristigen Umstrukturierung der Logistikströme hinterlassen. Ein langwieriger Konflikt hingegen würde eine dauerhafte Umstrukturierung der Handelsrouten nach sich ziehen. Es besteht die Gefahr, dass die zentralasiatischen Staaten gezwungen sein werden, zwischen ihren Wirtschaftspartnerschaften mit Iran und den Anforderungen potenziell verschärfter US-Sanktionen zu wählen.
Letztlich offenbart der Konflikt weniger einen Bruch als vielmehr eine Eskalation. Die zentralasiatischen Staaten wissen seit Jahren, dass ihre Abhängigkeit von den südlichen Handelskorridoren eine strukturelle Schwachstelle darstellt. Angesichts der Sanktionen gegen den nördlichen Nachbarn Russland bieten sich aber wenige Alternativen. In den kommenden Wochen und Monaten wird sich zeigen, ob diese Staaten ihre Handelsrouten tatsächlich diversifizieren können – und nicht nur ihre Absicht dazu erklären.
Lenny Cabrol Noto für Novastan
Aus dem Französischen von Robin Roth
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