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UN Women beim EU-Fest 2026 in Bischkek: Wo steht Kirgistan beim Feminismus?

Kirgistan war einst eine Ausnahme in Zentralasien: Als erstes Land der Region hatte es eine Frau an der Staatsspitze, Frauen erkämpften sich politische Teilhabe und eine aktive feministische Bewegung entstand. Heute scheint vieles davon wieder auf dem Spiel zu stehen. Unter Präsident Sadyr Dschaparow gewinnen traditionelle Werte an Bedeutung – und werden genutzt, um erkämpfte Rechte des Feminismus und der Gleichberechtigung einzudämmen. Die UN-Organisation UN Women nutzte das EU-Fest in Bischkek am sechsten Juni 2026 im Tschingis-Aitmatow-Park, um auf diese Entwicklung aufmerksam zu machen und Besucher:innen zum Nachdenken über Geschlechterrollen und Gleichberechtigung anzuregen.

EU-Fest in Bischkek, © European Union 2026.

Kirgistan war einst eine Ausnahme in Zentralasien: Als erstes Land der Region hatte es eine Frau an der Staatsspitze, Frauen erkämpften sich politische Teilhabe und eine aktive feministische Bewegung entstand. Heute scheint vieles davon wieder auf dem Spiel zu stehen. Unter Präsident Sadyr Dschaparow gewinnen traditionelle Werte an Bedeutung – und werden genutzt, um erkämpfte Rechte des Feminismus und der Gleichberechtigung einzudämmen. Die UN-Organisation UN Women nutzte das EU-Fest in Bischkek am sechsten Juni 2026 im Tschingis-Aitmatow-Park, um auf diese Entwicklung aufmerksam zu machen und Besucher:innen zum Nachdenken über Geschlechterrollen und Gleichberechtigung anzuregen.

Die interaktive Gender Equality Station der Organisation UN Women sorgte beim EU-Fest in Bischkek für viel Aufmerksamkeit. An ihr konnten Menschen geschlechtsspezifische Stereotype hinterfragen und eigene Wünsche für die Zukunft aufschreiben, um sie an der sogenannten „Wall of Reflection“ zu befestigen. Zudem ließ es sich UN Women nicht nehmen, den EU-Botschafter für Kirgistan, Rémi Duflot, für seinen Einsatz für die Geschlechtergerechtigkeit in Kirgistan als „HeForShe-Champion“ mit einer Medaille auszuzeichnen. Damit wird einmal mehr deutlich, welche zentrale Rolle die EU in Kooperation mit den UN für die Verbesserung der Gleichberechtigung in Kirgistan spielt. Mit bis zu 5000 Besucher:innen und 200 Personen, welche sich nach dem Besuch der Gender Equality Station mit ihrer Unterschrift verpflichtet haben, die Gleichstellung von Geschlechtern und die Rechte von kirgistanischen Frauen zu unterstützen, war dieser Stand ein großer Erfolg für die Organisator:innen.

Bereits im Jahr zuvor gab es für UN Women, welche seit 2012 im Land ist, in Kirgistan einen Grund zu feiern: 2025 wurde hundert Jahre Einsatz für Geschlechtergerechtigkeit im heutigen Kirgistan zelebriert. 1925 erhielten nämlich Frauen, wenn auch nur formal unter sowjetischer Herrschaft, erstmals ein dauerhaftes Wahlrecht. Und die Ergebnisse, die UN Women seit ihrer Anwesenheit vorweisen kann, wirken beeindruckend. So stieg der Anteil der Frauen in den Gemeinderäten infolge der Einführung einer Genderquote von zehn auf 42 Prozent. Zudem verabschiedete das Ministerkabinett 2022 eine nationale Strategie zur Geschlechtergleichheit bis 2030, die unter Federführung von UN Women entstand. Kirgistan verfügt somit über genug legislative Grundlagen zur Etablierung von Geschlechtergerechtigkeit.

Dass diese nach wie vor nur unzureichend umgesetzt und sogar gefährdet werden, zeigen die Angaben allerdings ebenfalls: Frauen stellen gerade einmal 22 Prozent der Abgeordneten im kirgistanischen Parlament, dem Dschogorku Kengesch, wie UN Women einräumen muss. Die institutionellen Rahmenbedingungen haben sich zudem seit dem Machtwechsel 2020 und der Amtszeit von Präsident Sadyr Dschaparow für Frauen deutlich verschlechtert.

Nach den politischen Unruhen 2020 wurde 2021 Dschaparow zum Präsidenten gewählt und in zwei Etappen ein Referendum für die neue Verfassung Kirgistans abgehalten, welche von der Bevölkerung im selben Jahr angenommen wurde. Diese wurde von der OSZE bereits vor dem Referendum kritisiert, weil der Verfassungsentwurf den Rechtsstaat und die Menschenrechte gefährden würde. In der neuen Verfassung wird der politische Schwerpunkt auf traditionelle Werte und Bräuche Kirgistans gelegt, welche mehr Einfluss genießen sollten. Vage formulierte Konzepte wie „moralische und ethische Werte“ oder „öffentliches Bewusstsein der Bevölkerung“, welche geschützt werden sollen, könnten willkürliche Auslegungen und Durchsetzungsmaßnahmen begünstigen, wie die OSZE warnte.

Diese Ideologie des sogenannten Neo-Traditionalismus wird von Expert:innen daher auch als mögliche Legitimation angesehen, die profeministischen Entwicklungen in Kirgistan, die beispiellos in Zentralasien sind, unter Bezug auf vermeintliche Traditionen wieder zu beseitigen. Die Teilhabe von Frauen im politischen und wirtschaftlichen System des Landes hat sich laut Daten des Weltwirtschaftsforums von 2021 über fünfzehn Jahre sogar verschlechtert. Kirgistan ist hier um zehn Punkte zurückgefallen. Dass wie Rosa Otunbajewa nach der Revolution 2010 eine Frau das Staatsoberhaupt stellt, erschien noch nie so fern wie jetzt.

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Der anhaltende Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt

Nach wie vor leiden Frauen in Kirgistan unter der gesellschaftlich fest verankerten geschlechtsspezifischen Gewalt. Ala Kachuu (kirgisisch: Packen und Losrennen), der Brautraub, bei dem Frauen zum Teil auf offener Straße entführt und zwangsverheiratet werden, ist trotz strafrechtlicher Ahndung nach wie vor weit verbreitet, genauso wie Kinderheirat. 2025 kam UN Women zu dem Schluss, dass 2024 zwanzig Prozent aller Heiraten in Kirgistan Zwangsheiraten darstellten. Und selbst die kirgistanische Regierung musste einräumen, dass sieben- bis neuntausend Mädchen jedes Jahr jung heiraten; 500 von ihnen werden zwischen dreizehn und siebzehn erstmals Mutter. Dass es laut Strafgesetzbuch mit drei bis fünf Jahren Haftzeit bestraft werden kann, wenn religiöse Autoritäten, Eltern oder andere Personen eine solche Hochzeit von Minderjährigen erzwingen, scheint also nur wenig abzuschrecken.

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Allgegenwärtig ist insbesondere häusliche Gewalt in Kirgistan innerhalb von Ehen. Es herrscht ein immenser Druck auf Frauen, Ehen um jeden Preis zu „retten“ und bei dem Ehepartner zu bleiben. Scheidungen sind gesellschaftlich stigmatisiert. Häusliche Gewalt wird als etwas Natürliches akzeptiert, dass Frauen ertragen müssten. Nicht nur vom Ehemann: Die Frauen werden gezwungen, sich ihrer Schwiegermutter vollständig zu unterwerfen. Das Bild der zuhause bleibenden Frau, welche ihr Leben auf den Haushalt und die Familie ausrichtet, wird unter Dschaparows Regime idealisiert. Vorhandene Hilfsangebote werden von betroffenen Frauen jedoch nur unzureichend genutzt. Es fehlt ein Vertrauen in Hilfsorganisationen wie beispielsweise dem Krisenzentrum Sezim (kirgisisch: Gefühl), dass diese tatsächlich einen Ausweg aus gewaltvollen Ehen bieten können.

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Feminismus in Kirgistan: Mutig, laut, vielseitig

Obgleich ein bedeutender Anteil der kirgistanischen Bevölkerung offenkundig zögert, die eigenen Ansichten über Geschlechterrollen zu hinterfragen, hat sich in den letzten Jahrzehnten eine florierende und vielseitige feministische Bewegung in Kirgistan entwickeln können, welche sich auch dem neuen konservativ-nationalistischen Kurs Dschaparows widersetzt. Seit den 1990ern, geprägt durch die vierte World Conference on Women 1995 in Beijing, bei der kirgistanische Frauen erstmals die vorgegebene Gesellschaftsstellung infrage stellten und für sich sprechen konnten, treten viele Frauen politisch für ihre Rechte ein. Dazu gehören meist ca. 40-jährige Frauen, welche ihre Haare offen wie in der Sowjetunion zeigen und in NGOs tätig sind, lokale Frauenrechtsaktivist:innen, welche sich in der Kommunalpolitik engagieren, aber auch islamische Aktivist:innennetzwerke, welche Frauen Unterstützung aus religiösem Antrieb bei der Kindererziehung, mentaler Gesundheit oder für Geschlechtergleichheit anbieten. Besonders präsent sind allerdings Grasroots Movements, welche mit sozial stigmatisierten Teilen der Bevölkerung wie LGBTQ*-Gruppen, Prostituierten oder Drogensüchtigen arbeiten und einen großen Teil des öffentlichkeitswirksamen Aktivismus organisieren.

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Dass diese zumeist fließend englisch sprechenden, in feministischer Theorie bewanderten Frauen sich nicht einschüchtern lassen, zeigten die Ausschreitungen bei Protesten in Bischkek am Internationalen Frauentag 2020. Am achten März kam es zu physischen Attacken von maskierten Provokateur:innen, welche die demonstrierenden Frauen zuvor frauenverachtend beschimpft hatten. Die Polizei verhaftete statt der Provokateur:innen mehrere Frauen; ihre Kinder, die sie zur Demonstration mitgenommen hatten, blieben oft allein zurück, ohne dass sich um sie gekümmert wurde. Feministische Bewegungen werden in Kirgistan ohnehin mit Argwohn betrachtet. Feminismus gilt als Fremdkörper, eine westliche Erfindung, welche vermeintlich traditionelle Werte gefährdet. Daher überrascht das harte Vorgehen der Polizei keineswegs. Der Staat spielt laut der NGO Freedom for Eurasia sogar eine zentrale Rolle, Angriffe gegen die Aktivist:innen nicht nur zu dulden, sondern aktiv zu fördern. Staatlich gelenkte Verleumdungskampagnen gegen die Feminist:innen, Drohungen, verbale oder physische Attacken von unbekannten Täter:innen, welche nicht weiter von den Behörden verfolgt werden, offenbaren die Systematik, mit der der Staat hier vorgeht.

Die ungewisse Zukunft: Ein feministisches Vorbild auf Abwegen?

Die Gleichberechtigung der Geschlechter stand noch nie vor so großen Herausforderungen in Kirgistan wie jetzt. Das erste Land Zentralasiens, welches eine Frau als Staatsoberhaupt erlebte, hat sich von der einstigen Insel des Feminismus in der Region zum Sorgenkind entwickelt. Laut dem letzten Bericht des renommierten Demokratiemessungsinstituts Freedom House gilt Kirgistan nicht mehr als frei und unterscheidet sich vom autoritären Nachbarn Kasachstan nur noch um zwei Punkte. Jedwede Kritik an der Person Dschaparow vonseiten der Zivilgesellschaft und den Medien wird hart verfolgt. Die antifeministischen Tendenzen im Land sind eng mit seiner Herrschaft verbunden. Durch ein neues Gesetz, welches ihm gestattet, in Urteile des kirgistanischen Verfassungsgerichts eingreifen zu können, wenn seiner Meinung nach moralische oder traditionelle Werte Kirgistans gefährdet sind, hat Dschaparow einen Freifahrtschein erhalten, das Land nach seinen konservativ-nationalistischen Vorstellungen zu regieren. Antifeminismus und Autokratisierung gehen Hand in Hand.

Unter diesen besorgniserregenden Entwicklungen, alten wie neuen Problemen, muss sich der Feminismus in Kirgistan behaupten. Dass Wandel möglich ist, haben die vergangenen Jahre und der unermüdliche Einsatz der Feminist:innen in Zusammenarbeit mit UN und EU gezeigt. Die Kirgistaner:innen haben bis jetzt mit drei Revolutionen (2005, 2010 und 2020) deutlich gemacht, dass sie ihre Herrscher:innen zur Rechenschaft ziehen können und werden. Auf dem EU-Fest in Bischkek, zwischen den Eichen des Tschingis-Aitmatow-Parks, konnten sie dieses Jahr bereits von einem progressiveren Kirgistan träumen.

Niklas Birli für Novastan

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