Es gibt viele Männer in der kirgisischen Politik und das ist ein Problem – diese Geschichte handelt von „kleinen“ Frauen, die große Dinge tun

Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern sind heute noch ein wesentlicher Bestandteil moderner Gesellschaften. Während Frauenbeteiligung in der europäischen Politik keine grundlegende Problematik mehr darstellt, kämpfen kirgisische Frauen für die Durchsetzung der „30 Prozent Geschlechterquote“. Der folgende Artikel erschien im russischsprachigen Original auf kloop.kg. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

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Im Dorf Kysyl-Suu im Gebiet Yssyk-Kul ist es bereits Abend. Auf den leeren und dunklen Straßen fallen Schneeflocken. Nur noch im Zimmer von Ainura Omorova, der Leiterin des örtlichen Krankenhauses, brennt das Licht noch. Sie sieht sehr müde aus, füllt aber weiterhin die Krankengeschichte aus. Das stapelweise gesammelte Papier auf der linken Seite bewegt sich zu der rechten.

«Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich die Wahl gewann und in das Schogorku Kenesch (das kirgisische Parlament, Anm. d. R.) ging. Alle um mich herum gratulierten mir und es entstand ein Durcheinander. Dann kam ein Mann auf mich zu, schüttelte mir die Hand und dankte mir, dass ich sein Kind gerettet habe“, erzählt Ainura und kehrt zu ihren Papieren zurück.

„Ich möchte der Gesellschaft beweisen, dass Männer und Frauen die gleichen Rechte haben. Frauen müssen nicht nur zuhause als „Hausfrauen“ sitzen, sondern können auch in die Politik gehen und Probleme lösen“, sagt Ainura.Im Jahr 2010 kandidierte Ainura erstmals als Bürgermeisterin des Dorfes Saruu im Kenesch, in der Nähe von Kysyl-Suu. Sie gewann die Wahl mit einer Rekordstimmenanzahl von 340 Stimmen gegen alle anderen Kandidaten. Seitdem wurde Ainura noch zwei weitere Male wiedergewählt. Das letzte Mal fanden die Wahlen im September 2019 statt und da zog sie mit weiteren 8 Frauen in den Kenesch ein.

Beleidigte Männer

Die Wahlen des Dorfes Saruu im Herbst 2019 mit gerademal sechstausend Einwohner waren landesweit großes Gesprächsthema. Hier wurde erstmals die Regelung der „30 Prozent Geschlechterquote“ eingeführt.

Im Internet kursieren dutzende Einträge über „beleidigte Männer“ aus Saruu. Kurz vor den Wahlen verfassten sie ein Schreiben an den Präsidenten und beschwerten sich über die Geschlechterquote. Darin heißt es, diese verletze die Rechte der Schigiten (Männer) und untergrabe das Vertrauen der Bevölkerung an das Wahlsystem.

In dem Brief fordern die Männer den Präsidenten auf zu agieren, andernfalls drohen sie mit einer Absage der Wahlen. Ungefähr 70 Personen unterschrieben diese Aktion, darunter ehemalige Abgeordnete des Kenesch und mehrere Frauen. Der Präsident selbst zeigte keine Reaktion auf den Brief, aber Aktivisten und Abgeordnete drückten ihre Unterstützung für Frauen aus und beschämten die Männer. Diese würden sich nur um ihre Arbeitsplätze Sorgen machen, anstatt Probleme zu lösen.

Daten zufolge betrug die Zahl der Abgeordnet*Innen in den letzten drei Jahren landesweit nicht mehr als 11 Prozent. Die meisten von ihnen sind im Schogorku Kenesch, 18 von 120. Dies entspricht nicht einmal die Hälfte der gesetzlichen 30 Prozent Geschlechterquote.

Der Anteil der Abgeordnet*Innen im Schogorku Kenesch sank weiterhin und erreichte die 30 Prozent Quote nicht.

Unter den 8700 landesweit gewählten Personen waren knapp 1000 Frauen. In den 86 Regional-Kenesch – oder in jedem fünften Kenesch- befanden sich gar keine Frauen. Der Aktivist, Satybaldy aus Saruu, dessen Name und Unterschrift als erster in dem Brief erscheint, wurde in den sozialen Medien zum „Versager“. Und das obwohl, außer ihn noch weitere 70 Personen unterschrieben. Jedoch erschienen diese Namen auf der zweiten Seite des Schreibens, welches in den sozialen Medien nicht gezeigt wurde. Niemand bekennt sich als Verfasser des Briefes, viele sollen ihn ungelesen unterschrieben haben.

Bei den Wahlen des Saruu-Kenesch beteiligten sich 9 Frauen von insgesamt 21 Teilnehmern, darunter auch Ainura Omorowa mit 182 Stimmen.

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Ein Kinderzentrum für die ganze Ortschaft

Auch Klara Schekenbaewa, die bei den Wahlen weniger Stimmen als Ainura bekam, zog ins Kenesch ein. Viele kennen sie im Dorf als Verwalterin des örtlichen Kindergartens „Nur“. Es ist nicht nur ein Kindergarten, sondern auch ein Rehabilitationszentrum für Kinder mit Down-Syndrom, Autismus und andere Entwicklungskrankheiten. Vor 10 Jahren erhielt Klara eine finanzielle Unterstützung vom schweizerischen Roten Kreuz für die Gründung dieses Zentrums. Sie bemüht sich weiterhin um finanzielle Hilfe. „Alle Kinder brauchen die Gesellschaft. Sie können nicht zu gewöhnlichen Schulen gehen. Im Kindergarten haben alle keine Angst voreinander. Obwohl sie klein sind, kümmern sie sich umeinander. Einer unserer Erfolge ist im Kindergarten die Verbesserung der Beziehungen zu den Pflegebedürftigen. Sie wollen auch nicht zu Hause sitzen, sondern wollen ein Teil der Gesellschaft sein“, erzählt Klara.

Stolz zeigt sie uns das Kinderzentrum. Das ist ein großes, zweistöckiges Gebäude, in dem sich ein Massagestudio, Psychologen, ein Computerraum und verschiedene Fitnessstudios befinden. Die Wände des Kindergartens sind mit verschiedenen Bildern aus Kindermärchen bemalt. In den Regalen stehen Bastelwerke aus Papier und Ton, und die Dekoration in der Aula sind in Planung. Klara steht in einem weiß-medizinischen Mantel inmitten von der Aula und sagt, dass niemand in ihrer Familie gegen ihre Aufstellung zur Wahl des Kenesch war. „Du arbeitest bereits mit der Öffentlichkeit zusammen. Das ist deine Welt“, sind die Worte ihres Mannes.

Klara wurde schon zum zweiten Mal Abgeordnete. Neben ihrer Haupttätigkeit im Kindergarten, arbeitet sie auch im örtlichen Gesundheitskomitee und im Rat der Alten. Zum einen erzählt sie den Bewohnern, wie sie sich vor verschiedenen Krankheiten schützen können, und zum anderen löst sie deren alltägliche Probleme. Klara macht das umsonst.

Die jüngste Abgeordnete im Kenesch war die 28-jährige Grundschullehrerin Nasik Akbarowa. Sie und ihr Mann haben bei den Wahlen kandidiert. Er hatte im Gegensatz zu ihr nicht ausreichend Stimmen. „Mein Mann unterstützt mich in jeder Hinsicht. Ich glaube, dass ich Erfolg haben werde“, sagt Nasik. Aber verständnisvolle Verwandte und mangelnde Überzeugung sind für kirgisische, politisch engagierte Frauen eine Seltenheit. Laut einer Statistik sind fast 60 Prozent der Kirgisen der Meinung, dass Frauen überhaupt nicht Fuß in die Politik fassen sollen.

Bin müde vom Warten, daher habe ich es selbst in die Hand genommen

Im gesamten Gebiet Dshalal-Abad mit mehr als eine Million Einwohnern gibt es nur ein örtliches Rathaus, das von einer Frau geleitet wird. Diese Frau heißt Schambila Sejitowa und ist über 50 Jahre. Ihre Falten sprechen für ihre Leistungen. Sie trägt einen hochwertigen Pelzmantel, Stiefel mit niedrigen Absätzen, Ohrringe und ihre Haare sind ordentlich zurückgesteckt.

Sie fährt mit ihrem Auto, um die Bauarbeiten an einer der Schulen zu überprüfen. Schambila ruft einen der Bauarbeiter und fragt, wie die Arbeit vorangeht. „Bis Juli wird es fertig sein“, antwortet der Bauarbeiter wie ein Soldat vor einem General.

Im Jahr 2012 entschied sich Schambila zum ersten Mal für die Kandidatur im Kenesch und überholte alle männlichen Kandidaten mit mehr als 500 Stimmen. Mehrmals hintereinander war sie auf dem ersten Platz. Später wurde sie Bürgermeisterin der Ortschaft. Sie hatte es satt, darauf zu warten, dass jemand die Verwaltungsprobleme löse, daher nahm sie es selbst in die Hand.

„Ich werde jetzt überall gelobt. Kindergärten und Schulen entstehen. Ich weiß es nicht, aber es ist sehr angenehm, das alles zu hören. Wie es weitergeht, weiß ich noch nicht. Schwierig, weil ich gar keinen Urlaub mache. Die ganze Verantwortung liegt bei mir. Manchmal gehe ich nachts heraus und denke nach. Hier entsteht bald ein Fußballfeld mit Kunstrasen, auf dem nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene spielen werden“, sagt Schambila. Im Jahr 2020 will die Bürgermeisterin ein Frauenfußballwettbewerb organisieren und eine Frauenfußballmannschaft aus den Dorfbewohnerinnen gründen. „Ich möchte nicht, dass sie alle zu Hause sitzen“, sagt Schambila.

Schambila wurde in der Mombekowskoi-Gemeinde geboren und war die jüngste Tochter einer einfachen Bauernfamilie. Sie hat eine gute Ausbildung und arbeitete während der Sowjetzeit kurz als Buchhalterin. Während des Zerfalls der Sowjetunion änderte sich das Leben drastisch. „Wir hatten nichts, die Fabriken waren geschlossen. Ich ging auf das Feld arbeiten, da wir ein Privatgrundstück besaßen“, erzählt Schambila.

Mit einem Lächeln im Gesicht erinnert sie sich an ihren Schiguli (sowjetisches Automobil), in dem sie alles Notwendige für die Feldarbeiter mitbrachte. Sie selbst fuhr 20 Jahre lang einen Traktor und eine Sämaschine. Sie wandte sich damals auch an das Rathaus, welches ablehnte, weil es kein Geld für soziale Projekte gäbe. Nach einer Reihe von Absagen überlegte sich Schambila, selbst Bürgermeisterin zu werden. Ihr zufolge gibt es jetzt in der Gemeinde genug Geld für alles. Und niemand beschwere sich.

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Unter ständiger Aufsicht

Auf den staubigen Straßen von Saruu fährt Satybaldy einen blauen Schiguli. Satybaldy hätte nichts gegen Frauen im Kenesch, aber sehr wohl gegen die Einführung der Geschlechterquote. „Die „unerfahrenen und kleinen“ Mädchen anstatt erfahrener Männer“, sagt Satybaldy. Er stellt klar, dass er generell nichts gegen Frauen habe, aber es solle ehrlich ablaufen.

„Wenn Unerfahrene und Junge kandidieren, ist es dann Gerechtigkeit? Werden sie arbeiten? Mal sehen, was sie in sechs Monaten machen. Ich werde ihre Aufgaben und das Budget kontrollieren, sagt er und zeigt auf die sanierbedürftigen Straßen von Saruu.

Satybaldy hat auch kandidiert, aber er hatte nicht genug Stimmen. Er sagt, er wolle trotzdem weiterhin aktiv am Leben der Dorfbewohner teilnehmen und nach Verbesserungen fordern.

In Kirgistan gab es vor der Einführung der Quotenregelung das Gesetz „Gleichberechtigung und Chancengleichheit von Männern und Frauen“, aber die Teilnahme von Frauen in der Politik, insbesondere in der regionalen, blieb bis heute minimal.

„Für Frauen, vor allem die auf dem Land leben, könnt ihr euch vorstellen, wie schwierig es ist mit männlichen Kandidaten zu konkurrieren? Wer sind diese im Grunde genommen? Geschäftsmänner, Unternehmer? Sie haben die Möglichkeit, ihre (Wahl)-Tätigkeiten zu sichern“, sagt Ainura Altibaewa, eine Abgeordnete.

Über die Regelung der Geschlechterquoten wurde schon im Jahr 2016 gesprochen. Erst 3 Jahre später nach dem Appell der Zivilgesellschaft wurde es im Parlament unter die Lupe genommen. Die Abgeordneten agitierten für die Einführung der Quote und sprachen von der Notwendigkeit eines solchen Gesetzes. Doch kommentarlos lief es nicht, da einige bezweifelten, dass die Wähler für Frauen stimmen würden.

„Das ist unser Sieg“, sagte die stellvertretende Sprecherin des Parlaments und einer der Initiatoren der Quotenregelung, Aida Kassymalijewa nach den Wahlen in Saruu gegenüber den Reportern.

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Last auf weiblichen Schultern

Nach der Wahl entschied sich Ainura für die Kandidatur des Parteisprechers mit zwei weiteren Abgeordneten. Sie gewann mit etwas mehr Stimmen als ihre Konkurrenten. Die Mehrheit der Abgeordneten stimmten für sie.

„Meine Konkurrenten haben ihre Niederlage mit Würde akzeptiert. Sie gratulierten mir. Während der Kandidatur, verstand ich, dass ich noch mehr arbeiten muss. Aber nach meinem Sieg war mir klar, welche Last auf meine Schultern fiel und welche Art von Arbeit ich zu erledigen habe. Das war alles anders und ganz Kirgistan wird uns zusehen“, sagt Ainura bei einem späten Abendessen in der kleinen Küche des Krankenhauses. Auf dem Tisch steht ein kleiner Teller mit Süßigkeiten und Keksen, außerdem noch ein Brot, zwei Teller mit Nudeln, eine hausgemachte Himbeermarmelade und eine Kanne Tee.

Am Tisch sitzt der kleine Asamat zusammen mit dem Krankenhauspersonal. Er ist der jüngste Sohn von Ainura. Sein älterer Bruder und seine ältere Schwester studieren in Bischkek. Sein Vater ist verstorben und Asamat verbringt die Nachtschichten mit seiner Mutter. Hier isst er, macht Hausaufgaben und träumt davon einmal ein Neurochirurg zu werden.

Ainura blieb in Nachtdienst, obwohl sie letzte Nacht aus dem Ausland herflog. Sie nahm an einer von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) organisierten Konferenz in Minsk teil. Bei einer Tasse Tee erzählt sie ihren Kollegen von den Schönheiten dieser Stadt und der Beteiligung der Frauen im Minsker-Parlament. „Könnt ihr euch vorstellen, dass der stellvertretende Vorsitzende des Parlaments eine Frau ist“, sagt sie.

Ainura will auch eines Tages ins kirgisische Parlament, aber dafür hat nicht einmal ein einfacher Arzt Geld. Gerüchten zufolge muss man für eine Stellung eines stellvertretenden Mandats bis zu einer Million Dollar ausgeben.

Das ruhige Abendessen wird unerwartet von einer Krankenschwester unterbrochen. Sie bringt ein Kind mit hohem Fieber und Krämpfen. Ainura rennt in den Korridor, in dem eine Frau mit einer schwarzen Jacke über den Kittel angezogen, ein weinendes Kind in den Armen hält. Sie zittert und ihre Entsetzlichkeit ist ihren Augen zu sehen. Die Krankenschwester nimmt das Baby und nach einer halben Stunde schläft er schon bereits in den Armen seiner Mutter. Eine Paracetamol half ihr, das Fieber zu senken.

Ainura kehrt in ihr Büro zurück, legt ihren Sohn ins Bett und macht mit ihrem Papierkram weiter. Wenn die Nacht keine weiteren Patienten bringt, kann sie etwas schlafen.

Aber schon am Morgen, nach der Nachtwache, sieht Ainura frischer aus als in der Nacht zuvor. In der Früh, vor Beginn des Arbeitstages, gelang es ihr noch Locken zu machen und etwas Make-up aufzutragen. Oberflächlich überprüft sie schnell den Zustand der Patienten, befolgt von den Krankenschwestern und einem Doktoranden. Vor dem letzten Zimmer übergibt Asamat das läutende Telefon an die Mutter. Ainura wird zu einem Treffen im örtlichen Rathaus eingeladen.

„Mir sind 24 Stunden am Tag zu wenig“, ist ein mehrmals erwähnter Satz von ihr. Ainura wechselt schnell ihren Krankenhausmantel gegen eine schwarze Jacke und das Stethoskop gegen das kleine Abzeichen des Stellvertreters in Form der Flagge Kirgistans und verlässt das Krankenhaus, gleichzeitig gibt sie Anweisungen an den Patienten.  „Ich versuche immer gut auszusehen und mich gut anzuziehen. Wenn sich jemand selbstbewusst fühlt, sehen es die anderen im Umfeld“, sagt Ainura und beeilt sich zum örtlichen Rathaus. Unterwegs wird sie mehrmals von Leuten angehalten, manche grüßen sie nur, andere wollen wissen, wann sie ins Krankenhaus kommen können. „Kommen Sie nachmittags, ich werde mir ihr Kind anschauen“, antwortet sie.

Im Gebäude des örtlichen Rathauses warten bereits Frauen, die für die Wahl des Kenesch kandidieren wollen. Die Morgensonne scheint auf ihr Gesicht und spiegelt sich in der roten Halskette um ihren Hals wider, ein Armband der gleichen Farbe in der Hand. Auf der anderen Hand trägt sie eine Uhr, auf die sie ständig schaut. Bald wird sie ins Krankenhaus zurückkehren.

„Sie könnten und sollten kandidieren. Probleme lösen. Deshalb wurde die Quote eingeführt. Man soll kandidieren, um vorzuschlagen, wie wir unser Leben verbessern, angefangen von den Straßen bis hin zu sozialen Auszahlungen“, erklärt Ainura den versammelten Frauen und erzählt von ihrem politischen Werdegang.

Nach dem Abgang von Ainura sprechen Frauen weiterhin über die Wahlen und Teilnahme von Frauen an der Macht. „Die Regierung sind wir. Wenn wir unsere Familie verändern können, können wir unsere Umwelt und danach das ganze Land verändern“, sagt einer der Frauen laut. Infolgedessen beschließen die Frauen, sich in 2 Wochen wiederzusehen.

Auf dem Weg zurück ins Krankenhaus erwähnt Ainura, dass sie dem Dorf gerne mehr geholfen hätte. Da der Job aber unbezahlt ist, muss sie Geld verdienen, um für ihre Kinder zu sorgen. „Und darin liegt das Problem. Jeder muss sich ernähren. Wenn die Arbeit im Kenesch bezahlt worden wäre, wären mehr Frauen hier. Und so wie es jetzt ist, müssen sie ihre Familien ernähren“, sagt Ainura und organisiert gleichzeitig am Telefon den Transport ihres Viehs.

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Allein auf dem Schlachtfeld

Ihr Gehalt als Ärztin reicht nicht, um für ihre Familie zu sorgen. Neben ihrer Arbeit im Krankenhaus und im Kenesch, hält sie noch Vieh und ist in der Landwirtschaft tätig. Sie stellt dafür Arbeiter ein, die aber auch ständig kontrolliert werden müssen.

„Ich habe sonntags frei und in der Saison verbringe ich meine freie Zeit auf dem Feld. Viele fragen sich, warum eine Ärztin sich mit der Landwirtschaft beschäftigt, aber mir gefällt so eine Arbeit. Nicht so laut bitte! Die Vögel singen und es ist so schön“, sagt Ainura auf ihrem Feld, auf dem sie Gerste und Bohnen anbaut. Jetzt wird ihre gesamte Ernte in einem großen Container im Hof ihres Hauses in der Nähe des Viehstalls gelagert.

Wie Ainura kombiniert auch Schambila die Arbeit im Rathaus mit der auf dem Feld. Früher ging sie auf das Feld und nahm ihre zwei Kinder mit. Während sie auf dem Feld arbeitete, spielten die Kinder im Schatten der Bäume. Jetzt ist ihr Sohn mit einem großen Teil der Feldarbeit beschäftigt, aber am frühen Morgen kann man auf dem endlosen Feld eine stattliche Frau mit hellgrauem Haar sehen, die sich über den Mais am Feld freut. „Obwohl es schwierig sein kann, auf dem Feld zu arbeiten, ist es mir eine große Freude. Alle sagen: „Wenn du nicht auf dem Feld gearbeitet hättest, würdest du jünger aussehen“, sagt sie. Die Sonne und die Kälte schädigt die Haut, gesteht Schambila.

Schambila hat sich vor vielen Jahren von ihrem Ehemann getrennt und seitdem nie wieder geheiratet. Allein hat sie ihre zwei Kinder großgezogen und ein großes Haus gebaut. Schambila wollte immer frei und unter eigenem Dach leben. Sie hatte immer ihre eigene Meinung und auf die gleiche Weise zog sie auch ihre Tochter auf.

„Sie kann jetzt alles machen. Jetzt versucht sie es in der Privatwirtschaft“, erzählt Schambila. Obwohl sie gesteht, dass sie sich für ihre Tochter ein anderes Leben gewünscht hätte, ohne die Arbeit und Verantwortung wie bei ihr.

Ainura wird oft gefragt, wie sie das alles schafft. Die Antwort ist einfach: „3-4 Stunden Schlaf pro Tag“. Diese Routine spiegelt sich in ihrem Gesundheitszustand wider: ständige Augenringe durch Schlafentzug und andere chronische Gesundheitsprobleme. „Die Mädchen aus dem Krankenhaus retten mich ständig“, sagt sie.

„Ich kann nachts angerufen werden, dass die Straße zur Schule weggespült ist und ich mich entscheiden muss, ob ich dringend das Krankenhaus anrufen oder auf das Feld gehen soll“, sagt Ainura während der Fahrt mit ihrem Auto. Sie ist auf dem Weg ins nahegelegene Dorf, um das Datum des Kenesch-Treffens zu vereinbaren und das Budget für das nächste Jahr festzulegen.

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„Ich denke ständig über etwas nach. Sogar beim Schlafen denke ich darüber nach, wie ein bestimmtes Problem am besten gelöst werden kann“, sagt sie.

Später kehrt sie ins Krankhaus zurück, um ihre Abendroutine durchzuführen. Endlich geht sie dann nachhause, um ihr Abendessen zu kochen, mit ihrem Sohn Serien anzuschauen und nach einem weiteren harten Arbeitstag etwas Schlaf zu bekommen.

Aidai Erkenbajewa, Aisirek Imanalijewa und Alena Smirnowa für Kloop.kg

Aus dem Russischen von Sara Derbishova

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