The Wounded Angel: Ein dramatisches und tiefgründiges Portrait des ländlichen Kasachstan der Neunziger Jahre

CINESTAN. The Wounded Angel (2016) spielt in den Neunzigerjahren und handelt von vier Jugendlichen aus einem kleinen Dorf, von den mangelnden Möglichkeiten und Ungerechtigkeiten, denen sie sich stellen müssen sowie von dem destruktivem Verhalten, das sie als Reaktion auf ihre Lebensumstände zeigen.

„Cinestan“ ist eine Artikelreihe, in der verschiedene Mitglieder oder LeserInnen von Novastan ihre besten filmischen Momente über Zentralasien teilen. Jeder Artikel dieser Serie beschreibt einen Film, der in Zentralasien produziert oder gedreht wurde und online verfügbar ist.

The Wounded Angel (2016) spielt im Kasachstan der Neunzigerjahre, einige Jahre nach der Auflösung der Sowjetunion, als das Land sich auf Talfahrt in eine schwere Wirtschaftskrise befand. Mit seinem Drama verwebt Regisseur Emir Baiğazin die Geschichte von vier brodelnden jungen Männern, die Opfer der Umstände sind, in denen sie aufwachsen, mit dieser Periode. Karg und leise präsentiert sich der Film und doch sind die Bilder von einer faszinierenden Ästhetik. Die Kamera bewegt sich während der Aufnahmen kaum und fängt so die Stimmung der verdunkelten, leeren Räume und der sepiafarbenen Leere der kasachischen Steppe perfekt ein. Doch die visuellen Aspekte des Films überschatten keineswegs die eigenartigen Wendungen in der Geschichte. Dialoge sind bewusst spärlich gehalten worden, während emotionale Szenen in Kontrast zu den bemerkenswert stoischen Reaktionen, die sie hervorrufen, stehen.

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Die Stärke von Baiğazins Werk liegt auf dem Fokus, den er auf Kasachstans postsowjetische Identität legt. Man kann die Grenzen des täglichen Lebens und den Wunsch der vier jungen Protagonisten, aus der monotonen Ödnis auszubrechen, förmlich nachempfinden. Jeder der Handlungsstränge überschneidet sich bei diesem Thema, und zeigt zugleich neue Einsichten in die Kultur Kasachstans nach dem Zerfall der UdSSR, z.B. über die Untersuchung von Bagatelldelikten, über das Stigma, das einem als ehemaliger Häftling anhängt, darüber, wie man Geld mit dem Handel von Schrott verdienen kann und über den Druck, eine gute Bildung zu erhalten.

Jeder Abschnitt ist auf seine eigene Art und Weise provokant, nie löst sich das Dilemma der Protagonisten vollständig auf. The Wounded Angel nutzt Nahaufnahmen und lange Standzeiten, um so ein realistisches Portrait nachzubilden. Man hat das Gefühl, einen Blick auf die damaligen Verhältnisse im ländlichen Zentralasien erhaschen zu können.

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Letzten Endes behandelt der The Wounded Angel Bestechungen, Elend und die harte Realität, die den eigenen Träumen oft gegenüber steht. Obgleich es teilweise schwer ist, den Film anzusehen und er stellenweise kaum vorankommt, ist er dennoch eine starke Ergänzung zum kasachstanischen Kino, indem er einen Blick in die Tragödien und Schicksale einer historisch aufwühlenden Zeit eröffnet.

The Wounded Angel ist aktuell auf Prime Video und Kino on Demand im Original mit deutschen Untertiteln zu sehen.

Tommy Hodgson
Novastan.org

Aus dem Englischen von Olga Jager

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