Die Luft, die Kasachstan atmet

DIE LUFT ZUM ATMEN. Die Luftqualität in Almaty macht den Einwohner:innen von Kasachstans größter Stadt zu schaffen. Die Stadtverwaltung erkennt das Problem mittlerweile an, bleibt aber untätig. Der folgende Artikel erschien im November 2020 im Rahmen des Projekts Air of Central Asia. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Laut offiziellen Angaben von Kazhydromet ist die Luft in Südkasachstans Metropole Almaty seit vielen Jahren auf einem “hohen Verschmutzungsgrad”. Bei einer Reihe von Schadstoffen wird regelmäßig eine Überschreitung der Grenzwerte beobachtet: Stickstoffdioxid, Stickoxide, Kohlenmonoxid, Schwefeldioxid, Methan, Schwebstoffe (Feinstaub PM2,5, PM10).

Darüber hinaus ist die Inzidenz von Krankheiten bei den Einwohner:innen von Almaty höher als im Rest des Landes. Menschen in Almaty haben ein 1,2-mal höheres Risiko, Atemwegs- oder Kreislauferkrankungen zu entwickeln. Bei endokrinen Erkrankungen beträgt der Faktor 1,4 und bei Tumoren 1,5.

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Obwohl der Einfluss der Luftverschmutzung auf die Gesundheit der Bevölkerung bisher nur unzureichend untersucht wurde, kann die Forschung die Quellen der Luftverschmutzung bereits in drei Hauptgruppen einteilen:

An erster Stelle sind dies Industrieunternehmen, wie etwa die Heizkraftwerke TEC-1, TEC-2 und TEC-3, von denen die letzten beiden jährlich rund drei Millionen Tonnen aschehaltige Kohle verbrauchen. Aber auch der Stahlkonzern KazFerroStal, das Gasunternehmen AlmatyGazMontaj, und der Internationale Flughafen von Almaty gehören dazu.

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Die zweite Quelle ist der Autoverkehr. Anfang 2020 waren in Almaty mehr als 540.000 Autos zugelassen. Etwa 100.000 kommen täglich in die Stadt. Viele Autos sind seit mehr als 10 Jahren im Einsatz und verwenden Kraftstoff von schlechter Qualität. Als dritte Quelle der Luftverschmutzung sind Heizungsanlagen von Privathäusern zu nennen.

Die Kessellage, Temperaturinversionen und die Windstille aufgrund der chaotischen Stadtentwicklung behindern zusätzlich den Abzug der Schadstoffe und verschärfen so die Situation. Darüber hinaus beeinflussen massiver Baumeinschlag, Staubbildung im Freiland und andere Faktoren die Luftqualität.

Schlechte Luft und die Einwohner:innen Almatys

Jamila ist 30 und lebt seit ihrer Geburt in Almaty. Während ihrer Studienzeit begann sie, sich mehr mit dem Thema Luftverschmutzung auseinanderzusetzen. 2017 bekam sie Probleme mit der Gesundheit – sie begann zu husten und zu keuchen, wurde kurzatmig. Fachärzt:innen diagnostizierten ihr Asthma bronchiale.

Asthma ist eine chronische Erkrankung, bei der sich die Atemwege entzünden und verengen, was zu Asthmaanfällen führt. Es handelt sich um eine schwerwiegende, nicht übertragbare Krankheit, die nicht geheilt werden kann. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) waren 2016 weltweit mehr als 339 Millionen Menschen an Asthma erkrankt. Es ist die häufigste chronische Erkrankung bei Kindern. Eine der Hauptursachen für Asthma ist die Luftverschmutzung.

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Nachdem sie die Diagnose Asthma bekommen hatte, hat sich Jamilas Leben stark verändert. Sie kann keinen Sport treiben oder sich an Orten mit belasteter Luft aufhalten. Regelmäßig verfolgt sie die Informationen über die Luftqualität auf der Seite airkaz.org. Danach richtet sie ihren gesamten Alltag aus, z. B. ob sie nach draußen geht oder nicht oder ob sie die Fenster öffnet, um zu lüften. Sie musste sich einen Luftreiniger für ihr Zuhause kaufen. In ihrer Handtasche hat Jamila immer ein Erste-Hilfe-Set mit Medikamenten, die einen Anfall lindern können. Zur Kontrolle und Vorbeugung nimmt sie täglich inhalative Kortikosteroide ein.

„Gegen Ende des Sommers [2020, Anm. d. Ü.] bekam ich ein neues Problem! Wegen der Quarantäne kam es in Almaty zu einem Defizit an Medikamenten, die für die tägliche Behandlung von Asthma notwendig sind. Das war für mich eine ernsthafte Prüfung: Ich hörte auf, jeden Tag Medikamente zu nehmen, aber häufige Erstickungsanfälle und der Husten konnten nicht gelindert werden. Ich musste nach neuen Medikamenten suchen“, erzählt Jamila.

Sie fing an, öfter in die Berge zu gehen, da die Luft dort viel sauberer ist als in der Stadt. In den Bergen fällt ihr das Atmen leichter, Husten und Anfälle bleiben aus. In der Stadt kommt es sowohl im Winter als auch im Sommer zu Anfällen, insbesondere während der Allergiesaison. Nach der Analyse verschiedener wissenschaftlicher Artikel erfuhr Jamila, dass eines der Allergene, die Asthma bronchiale verursachen können, Schwefeldioxid ist.

Ist das ein Problem?

Bürger:innen und Expert:innen sind der Meinung, dass das Problem zunächst von offizieller Seite anerkannt werden müsste. Lange haben die städtischen Beamten nicht zugegeben, dass die Luftverschmutzung in Almaty eine ernste Angelegenheit ist. „Die Luft in der Stadt ist natürlich schmutzig. Aber ich würde die Situation nicht furchtbar nennen“, erklärte 2015 ein Vertreter der Stadtverwaltung.

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Nach dem Start der App Almaty Urban Air und der Seite airkaz.org konnten die Beamten sich solche Aussagen nicht mehr erlauben, doch sie unternahmen in all den Jahren auch keinerlei Anstrengungen, um die Luftqualität zu verbessern. Lauf dem Analyse-Portal Finprom.kz wurden in den Jahren 2019-2020 in Almaty keine Mittel für den Umweltschutz bereitgestellt.

Die [ehemalige, Anm. d. Ü.] Hauptstadt braucht heute ein qualitativ hochwertiges, zuverlässiges und bezahlbares Luftqualitätsüberwachungssystem mit einem betriebsbereiten Warnsystem. Es braucht staatliche Programme zur Verbesserung der Luftqualität mit messbaren Indikatoren, Zeitplanung und Finanzierung. Die Öffentlichkeit ist bereit, bei der Entwicklung solcher Programme mitzuhelfen. So hat Anfang 2020 „Tschisty Wosduch“ [russ. für „saubere Luft“, Anm. d. Ü.], eine Gruppe unabhängiger Expert:innen, der Stadtverwaltung von Almaty ihre Vorschläge vorgelegt.

Die Vorschläge der Aktivist:innen

2015 erschien in Almaty ein erstes unabhängiges öffentliches Umweltmonitoring, als die Common Sense Foundation die App sowie die Webseite Almaty Urban Air startete, die die Luftverschmutzung durch Feinstaub (PM2,5) zeigen.

2017 begann die Seite airkaz.org, die Informationen über die PM2.5-Konzentration an 15 Messstationen in Almaty sowie in neun weiteren Städten zu zeigen: Nur-Sultan, Atyraý, Qaraģandy, Pavlodar, Petropavl, Taraz, Temirtaý, Óskemen und Bischkek (Kirgistan).

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Im Februar 2020 veröffentlichten die Umweltaktivist:innen der AUA Group und anderer Organisationen einen offenen Brief an Almatys Bürgermeister, in dem sie forderten die Luftverschmutzung als das Hauptproblem der Stadt anzuerkennen und mit der Lösungssuche zu beginnen. Der Brief wurde 20.000 Mal unterzeichnet. Im September 2020 wurde eine weitere Petition veröffentlicht, in der gefordert wurde, auf Kosten des Staatsfonds ein neues gasbetriebenes Heizkraftwerk in Almaty zu bauen.

Die Vorschläge der Expert:innen

Um die Luftqualität in Almaty zu verbessern, schlagen Expert:innen vor, ernsthafte politische Entscheidungen zu treffen. Erstens sollte vollständig aus der Kohle ausgestiegen und mit dem Übergang zu alternativen Brennstoffen wie Erdgas begonnen werden. Dies würde die Umstellung zweier Kohlekraftwerke auf Gas oder den Bau neuer Gaskraftwerke bedeuten. Auch Privathaushalte in der Stadt und ihrer näheren Umgebung sollten auf Gas umsteigen, während die Nutzung von Kohle und Holz verboten wird. Staatliche Programme müssten bei der Umsetzung Hilfe für weniger wohlhabende Schichten bieten.

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Außerdem fordern die Expert:innen eine Verbesserung des öffentlichen Verkehrssystems von Almaty und die Entwicklung alternativer Verkehrsmittel im Einklang mit soliden Verkehrsstrategien. Des Weiteren müssten die Emissionen von Unternehmen stärker kontrolliert und die Normen verschärft werden.

Die Luftqualität hängt nicht nur von den politischen Entscheidungen der Regierungsbeamten ab, sondern auch von den Entscheidungen, die jeder von uns im täglichen Leben trifft. Bitte denken Sie daran!

Air of Central Asia

Aus dem Russischen von Robin Roth

„Air of Central Asia“ ist Teil des Projekts “Developing Journalism – Exposing Climate Change”, welches auf die Identifizierung und Lösung von Problemen des fortschreitenden Klimawandels durch die Entwicklung und Stärkung unabhängiger Medien in Zentralasien zielt. ExpertInnen des Zentrums für Medien-Entwicklung (Kirgistan) sowie der Redaktionen von Anhor.uz (Usbekistan), Asia-Plus (Tadschikistan) und Vlast (Kasachstan) leisten Unterstützung als MentorInnen. Das Projekt wurde von n-ost (Deutschland) und dem Internationalen Zentrum für Journalismus MediaNet (Kasachstan) mit Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) umgesetzt.

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