Die Luft, die Kirgistan atmet

DIE LUFT ZUM ATMEN. Kirgistans Hauptstadt Bischkek ist eine der am stärksten verschmutzten Städte der Welt. Im Winter ist die Luft aufgrund von Kohleheizungen und privater Dampfbäder praktisch nicht mehr zu atmen. Der folgende Artikel erschient im November 2020 im Rahmen des Projekts Air of Central Asia. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Laut dem Environmental Performance Index 2019 liegt Kirgistan in Bezug auf den Zustand und die Widerstandsfähigkeit von Ökosystemen auf Platz 99 von 180 Ländern. Bei der Luftqualität belegt es Platz 132. In Bischkek haben Umweltaktivisten von Move Green bereits seit Dezember 2017 moderne Sensoren zur Untersuchung der Luftqualität installiert.

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Seit 2018 wurde in Bischkek während der Heizperiode (von November bis einschließlich März) mehrfach festgestellt, dass der Wert der maximal zulässigen Feinstaubkonzentration um das 9- bis 13-fache überschritten wurde. Allein vom 1. November 2019 bis zum 4. April 2020 haben die Einwohner von Bischkek an 102 von 150 Tagen Luft mit erhöhtem Verschmutzungsgrad geatmet.

Laut einem Bericht von AirVisual rangierte Bischkek im Jahr 2019 auf Platz 16 der am stärksten verschmutzten Städte weltweit. 2020 war Kirgistans Hauptstadt zeitweise sogar unter den Top 3 in der Weltrangliste der Luftverschmutzung (nach World Air Quality) und lag bei der PM2,5-Partikelzahl noch vor Delhi und der pakistanischen Metropole Lahore.

Keine Alternativen

Kirgistans Hauptstadt Bischkek, einst eine Gartenstadt, ist zu einem besonders verschmutzten Gebiet geworden. Das Atmen in Bischkek ist in den letzten Jahren immer schwieriger geworden, und die Zahl der Atemwegserkrankungen nimmt stetig zu.

Besonders von der Luftverschmutzung betroffen sind die nordöstlichen Teile der Stadt, die etwas von den Bergen entfernt und näher am Wärmekraftwerk liegen. Sie bestehen hauptsächlich aus Privathäusern.

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Tschinara Juldaschewa ist 40 Jahre alt. Sie arbeitet in der Pharmazie und führt zusammen mit indischen Geschäftspartnern ein kleines Unternehmen. Tschinaras Haus liegt direkt an der Hauptstraße in einem Wohnviertel. In der Umgebung gibt es viele Tankstellen und private Dampfbäder. Die Luftverschmutzung ist hier sehr hoch. Sie gibt zu, dass sie gerne näher an die Berge ziehen würde, aber alle ihre Verwandten leben hier. Außerdem hat sie ein Geschäft und ihr Kind möchte nicht in eine neue Schule. Bislang gibt es keine Möglichkeit, umzuziehen.

„Wir alle heizen im Winter. Ich habe bereits 100 Säcke Kohle und noch Brennholz gekauft. Das reicht bis Februar, dann müssen wir weitere 40-50 Säcke kaufen. Die Nachbarn kaufen auch ungefähr die Menge. Manchmal, wenn man nachts auf die Straße geht, liegt so viel Rauch auf der Straße, dass es beängstigend ist, dass wir die Luft wirklich einatmen. Es gibt keinen Ausweg. Das Haus wird nicht mit Strom beheizt. Alle würden erkältet sein und die Kinder wären krank. Aber der Ofen ist geheizt, das Haus ist warm. Und das gilt auch für alle anderen in der Nachbarschaft“, erklärt Tschinara.

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Die Familie verbraucht insgesamt fünf Tonnen Kohle im Winter. Doch auch das reicht nicht für ein Haus von 180 Quadratmetern. Die Juldaschews verdient 30.000-35.000 Som (ca. 400 US-Dollar) pro Monat. Die Familie kann es sich nicht leisten, auf eine Gasheizung umzusteigen. Der Gaskessel kostet 70.000 Som (etwa 875 US-Dollar) und die monatliche Gasrechnung für ein solches Haus ohne Isolierung beträgt etwa 30.000 Som (375 US-Dollar). Die Familie versuchte, ihr Haus mit Strom zu beheizen, doch die durchschnittlichen Kosten betrugen 12.000 Som (150 US-Dollar). Manchmal waren es 17.000 Som (213 US-Dollar). Selbst, wenn ihre Familie einen Weg fände, ihr Haus mit umweltfreundlicheren Methoden zu heizen, würden ihre Nachbarn wahrscheinlich nicht nachziehen, meint Tschinara.

„Unsere Nachbarn haben sich vor zwei Jahren selbstständig gemacht und heizen im Winter jeden Tag eine speziell angefertigte Sauna. In unserem Haus ist es im Obergeschoss sehr heiß- Weil das Metall, die Dachziegel, sehr heiß werden, müssen wir die Fenster öffnen. Und draußen riecht es verbrannt. Mein Sohn braucht einen Inhalator, sonst würde er schwer atmen und ersticken“, erklärt Tschinara.

Folgen für die Gesundheit

Tschinara ist sich sicher, dass der vor allem im Winter schlechte Gesundheitszustand ihres Sohnes auf die Luftverschmutzung zurückzuführen ist. Sonst wäre ihr Sohn gesund. Sie geht davon aus, dass das Kind bereits in jungen Jahren erkrankte, als sie in einem Café arbeitete, in dem auch der Herd beheizt wurde.

Es ist schwer, die Luftqualität zu verbessern.  Die Menschen verfügen nicht über die Mittel, um dies selbst zu tun, und die Regierung ist untätig. Für viele private Betreiber sei es viel billiger, Bußgelder zu zahlen, als alternative Heizquellen zu nutzen, fügte Tschinara hinzu. Ihrer Meinung nach wirkt sich die Luftqualität auch darauf aus, wie die Menschen eine COVID-19-Infektion überstehen.

„Wir alle haben diese Krankheit durchgemacht. Meiner 70-jährigen Mutter ging es sehr schlecht, da 40 Prozent ihrer Lunge betroffen waren. Die Lungenentzündung war beidseitig. Mein Mann war krank, er hatte eine einseitige Lungenentzündung. Meine Schwester, ihr Mann und ihr jüngerer Bruder haben das alles sehr schlecht verkraftet“, erinnert sich Tschinara.

Auch der Lungenspezialist Professor Talantbek Sooronbajew hält die Luftverschmutzung für einen günstigen Faktor für die Verbreitung von COVID-19. “Feinstaub ist ein Vektor für die Infektion mit Coronaviren. Die verschmutzte Luft selbst verursacht systemische Herzerkrankungen, Atemwegserkrankungen und Komplikationen bei Schwangeren. Je höher die Luftverschmutzung ist, desto höher ist das Risiko, sich mit COVID-19 zu infizieren, desto schwerer ist die Krankheit und desto höher ist die Sterblichkeitsrate aufgrund einer Coronavirus-Infektion”, erklärt der Experte.

Der Arzt sieht die Lösung in der Vergrößerung der Grünflächen in der Stadt, dem Ausbau des öffentlichen Verkehrs, einschließlich des Baus von Fahrradwegen und Fußgängerzonen, und der Verwendung spezieller Kocher, die zertifiziert sind und über die Technologie zur vollständigen Verbrennung fester Brennstoffe verfügen.

Hohe Erwartungen

Auch die Regierungsbeamten atmen die gleiche Luft wie die übrigen Bürger der Stadt. Sie stellten fest, dass es nach Paraffin riecht, und unterzeichneten 2018 einen Fünfjahres-Aktionsplan zur Verbesserung der Umweltsituation in Bischkek. Ein Jahr später überarbeiteten sie die Umsetzungsmaßnahmen und gründeten eine ressortübergreifende Arbeitsgruppe.

Die Bevölkerung setzt große Hoffnungen in den aufgestellten Plan. Die erste Maßnahme ist die Fokussierung auf schadstoffärmeres Heizen dank Gas und erneuerbaren Energien für die Privatwirtschaft. Eine Verbesserung der verschiedenen Infrastrukturen in der Stadt soll umweltschädliche Emissionen reduzieren.

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Des Weiteren sieht der Plan die Überwachung und Kontrolle der Luftqualität vor. Und schließlich soll es durch den Ausbau des öffentlichen Verkehrs möglich sein, die Feinstaubemissionen zu reduzieren.

Die Verbesserung der Umweltsituation in Bischkek wird durch staatliche und lokale Budgets sowie durch die Beschaffung von Mitteln verschiedener Geber unterstützt. Pläne, Geber, Beauftragte und Regierungen wechseln in Kirgistan mit gewohnter Regelmäßigkeit. Das Einzige, was konstant bleibt, ist der Smog über der Hauptstadt.

Aus dem Russischen von Sara Derbishova

„Air of Central Asia“ ist Teil des Projekts “Developing Journalism – Exposing Climate Change”, welches auf die Identifizierung und Lösung von Problemen des fortschreitenden Klimawandel durch die Entwicklung und Stärkung unabhängiger Medien in Zentralasien zielt. ExpertInnen des Zentrums für Medien-Entwicklung (Kirgistan) sowie der Redaktionen von Anhor.uz (Usbekistan), Asia-Plus (Tadschikistan) und Vlast (Kasachstan) leisten Unterstützung als MentorInnen. Das Projekt wurde von n-ost (Deutschland) und dem Internationalen Zentrum für Journalismus MediaNet (Kasachstan) mit Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) umgesetzt.

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