Die Luft, die Usbekistan atmet

DIE LUFT ZUM ATMEN. Olmaliq ist eine der am meisten verschmutzten Städte Usbekistans. Insbesondere die Schadstoffemissionen aus örtlichen Industrieanlagen machen den Einwohner:innen zu schaffen. Der folgende Artikel erschient im November 2020 im Rahmen des Projekts Air of Central Asia. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Im Jahr 2019 war die Luftverschmutzung in Usbekistan weltweit mit am höchsten. In einem Rating des Schweizer Unternehmens IQ Air belegte das Land Platz 9 von 98. Die Schadstoffbelastung war dabei viermal höher als der maximale Grenzwert der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Am 30. Oktober 2019 ergaben die Messungen in der Hauptstadt Taschkent eine für „Gruppen sensibler Personen gefährliche“ Konzentration von PM2,5.

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Die Stadt Olmaliq gehört zusammen mit Taschkent und anderen Industriestädten des Landes zu den am meisten verschmutzten Städten Usbekistans. Dies geht aus Daten des Hydrometeorologischen Dienstes der Republik Usbekistan hervor.

Die Ursachen dafür sind Emissionen aus einem Hüttenkombinat sowie einem Chemiewerk. Auch die unerlaubte Verbrennung von Totholz und Abfällen sowie Gastronomiebetriebe, die mit Holz und Kohle kochen, sind Teil des Problems.

Ein Gespür für schlechte Luft

„Mein Alltag ist eine Bewährungsprobe. Seit meiner Kindheit habe ich eine erhöhte Sensibilität für Gerüche. Ich spüre diese Welt in all ihren “Aromen”. Ich weiß immer genau, was die Nachbarn kochen, wie viel Hausmüll auf die Müllabfuhr wartet, an welchen Tagen und Stunden in den Kupfer- und Chemieanlagen unserer Stadt Emissionen entstehen. Ja, so nehme ich die Welt wahr”, sagt die 64-jährige Tamara Aimatova aus Olmaliq.

Wir sitzen in einem kleinen Zimmer ihrer Wohnung, in der sie mit ihrem Sohn lebt, und sehen persönlich, wie sie mit der verschmutzten Luft “kämpft”: Die Fenster sind dicht geschlossen, ein Luftreiniger ist aufgestellt. Rundherum herrscht absolute Sauberkeit, die Nassreinigung gehört zum Alltag in ihrem Haushalt. Schon Staub ruft bei Tamara Unwohlsein hervor.

„Ich war sieben Jahre alt, als ich zum ersten Mal eine Allergie entwickelte. Bei einer Analyse zur Identifizierung eines Reizstoffes stellte sich heraus, dass ich auf fast alles allergisch reagierte: Pollen, Wolle, Staub, Chemikalien, Gase. Besonders schwierig ist es in Olmaliq, wo das Problem der Luftverschmutzung wie in jeder anderen Industriestadt dringlich ist. Neben der Industrie wird die Luft durch die Abgase von Autos belastet, deren Zahl in der Stadt jedes Jahr wächst. Wenn in der Nähe Laub oder – noch schlimmer – Hausmüll verbrannt wird, bin ich wahrscheinlich auch die erste in der Umgebung, die das spürt“, teilt Tamara Aimatova mit.

Die einzige Rettung für Tamara wäre es, die Stadt zu verlassen. Für sie und ihren Sohn, der die gleiche genetische Veranlagung für Gerüche hat, sei frische Luft das Kostbarste im Leben.

Tägliche Messungen

Nach offiziellen Angaben des Hydrometeorologischen Dienstes der Republik Usbekistan werden in Olmaliq Beobachtungen an drei fest installierten Stationen durchgeführt. Die Probenahme erfolgt dreimal täglich und umfasst zehn Komponenten. Anschließend wird der Verschmutzungsgrad bestimmt, indem die tatsächliche und die maximal zulässige Konzentration von Verunreinigungen in der atmosphärischen Luft verglichen werden.

Zwar werden in Olmaliq die Grenzwerte für die maximal zulässige Luftverschmutzung nicht überschritten. Dennoch sind laut amtlicher Statistik in den letzten drei Jahren Schwefeldioxid, Kohlenmonoxid und Phenol die Hauptschadstoffe in der Stadt.

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„Dies wirkt sich zunächst negativ auf die menschliche Lunge aus. Im Laufe der Zeit kann es zu einer Entzündung der unteren Atemwege und einem Bronchialödem führen. Die Krankheit kann lange Zeit asymptomatisch sein, meistens manifestiert sie sich erst nach vierzig Jahren“, erklärt Asiya Haidarova, Lungenfachärztin aus Olmaliq.

Die Ärztin ist sich sicher, dass Maßnahmen zur Verbesserung des Luftqualität auf staatlicher Ebene erforderlich sind. Aber auch die Bürger:innen sollten ihrer Meinung nach bei starker Luftverschmutzung in der Stadt sowie bei der Arbeit in den Industrieanlagen Schutzmasken tragen. Generell empfiehlt sie, einen gesunden Lebensstil zu führen, sich ausgewogen zu ernähren und sich mindestens einmal im Jahr einer ärztlichen Untersuchung zu unterziehen. Außerdem rät sie, bei ersten Krankheitsanzeichen rechtzeitig zum Arzt zu gehen.

Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität

Mit Unterstützung der Zamin Foundation und der Weltumweltorganisation (UNEP) führt der Hydrometeorologische Dienst Usbekistans das Projekt “Automatisierung der Überwachung der atmosphärischen Luftverschmutzung” durch.

Bisher wurde die erste Phase des Projekts umgesetzt. Hierzu wurden 63 Beobachtungspunkte zu einem einzigen Analysezentrum zusammengefasst. Die Ergebnisse des Monitorings werden auf einer öffentlich zugänglichen Online-Plattform und in der App AirUz veröffentlicht.

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Die zweite Phase sieht die Installation automatischer Luftüberwachungsstationen in der gesamten Republik und die Übernahme internationaler Luftüberwachungsstandards vor. in einer dritten Phase sollen dann die Ergebnisse des Monitorings in die einheitliche nationale Geoinformationsdatenbank sowie in internationale Informationssysteme eingespeist werden.

Man kann nur hoffen, dass die Kontrollmaßnahmen durch echte Maßnahmen zur Vermeidung von Umweltverschmutzung und zur Vorbeugung von damit verbundenen Krankheiten “untermauert” werden.

Aus dem Russischen von Robin Roth

„Air of Central Asia“ ist Teil des Projekts “Developing Journalism – Exposing Climate Change”, welches auf die Identifizierung und Lösung von Problemen des fortschreitenden Klimawandels durch die Entwicklung und Stärkung unabhängiger Medien in Zentralasien zielt. ExpertInnen des Zentrums für Medien-Entwicklung (Kirgistan) sowie der Redaktionen von Anhor.uz (Usbekistan), Asia-Plus (Tadschikistan) und Vlast (Kasachstan) leisten Unterstützung als MentorInnen. Das Projekt wurde von n-ost (Deutschland) und dem Internationalen Zentrum für Journalismus MediaNet (Kasachstan) mit Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) umgesetzt.

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