Der Rückbau des Kernreaktors BN 350: Russland übernimmt das Kommando, Kasachstan zahlt

BN 350, der älteste schnelle Brutreaktor der Welt, wird mit Hilfe des staatlichen russischen Atomunternehmens Rosatom abgebaut. Der Rückbau ist keine leichte Aufgabe, doch die Instandhaltung der Anlage stellt eine finanzielle Belastung für die lokale Bevölkerung dar.

Kasachstan verfügt heute über einen zivilen Kernreaktor, den BN 350. Dieser 1973 in Betrieb genommene schnelle Brutreaktor („Schneller Brüter“) mit einer Kapazität von 52 Megawatt (MW) versorgte bis 1999 die Stadt Aqtaý und ihre Umgebung im Gebiet Mańģystaý in Südwestkasachstan mit Strom. Mit Reaktoren dieser Art ist auch die Produktion von militärisch nutzbarer atomarer Masse möglich.

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Die Abschaltung des ersten Schnellen Brüters der Welt war eine Herzensangelegenheit des ehemaligen Präsidenten Kasachstans Nursultan Nazarbaev, welcher sich seit der Unabhängigkeit Kasachstans im Jahr 1991 gegen die Verbreitung von Kernwaffen einsetzte. Er wünschte sich eine schnelle Abschaltung des Reaktors und förderte eine friedliche Nutzung der Kernenergie im Dienst der Forschung. Von 1996 bis 2016 wurden mit finanzieller Unterstützung der US-Regierung der Kernbrennstoff und andere Radionuklide vollständig aus dem Reaktor entfernt und in das Endlager auf dem ehemaligen Atomwaffentestgelände Semipalatinsk im Osten des Landes verlegt. Nur die Anlagen sind noch vorhanden, doch auch sie sollen im Rahmen des aktuellen Projekts vollständig entfernt werden.

Lest auch auf Novastan: Das Polygon von Semipalatinsk wird zu einer Deponie für nukleare Abfälle

Seit 2017 betreibt die staatliche kasachstanische Atombehörde Kazatomprom die Stilllegung der Anlage in drei Schritten. Wie die russische staatliche Nachrichtenagentur Ria Novosti berichtete, ist für die kommenden 10 Jahre geplant, die Reaktoranlage in einen Zustand der sicheren Lagerung zu versetzen. In den darauffolgenden 50 Jahren soll eine langfristige sichere Lagerung gewährleistet werden. Die letzte Etappe soll einen teilweisen oder vollständigen Rückbau von Ausrüstung, Gebäuden und Strukturen sowie die Deponierung radioaktiver Abfälle und andere mit dem Rückbau einer solchen Anlage verbundenen Aktivitäten umfassen.

Russisch-kasachstanische Zusammenarbeit in Sachen Atom

Kasachstan hat seit seiner Unabhängigkeit kontinuierlich seine Partnerschaften ausgebaut, um insbesondere die Interaktionen mit seinem großen Nachbarn Russland einzuschränken. Russland hat 1990 den Status der Atommacht geerbt, aber dieser Status wäre nicht ohne Kasachstan, das zu Sowjetzeiten die zentrale Stellung im Nuklearsektor innehatte, erreicht worden. In Kasachstan fanden die militärischen und zivilen Atomtests der Sowjetunion statt, weshalb Kasachstan mit der allerersten nuklearen Ausrüstung der Welt ausgestattet wurde, darunter mit dem Reaktor BN 350.

Wie die Website des Weltverbandes für nukleare Sicherheit zeigt, wurde die russisch-kasachstanische Zusammenarbeit im Nuklearbereich bereits 2006 mit der Unterzeichnung einer Reihe bilateraler Kooperationsvereinbarungen lanciert. Die letzte Absichtserklärung aus dem Jahr 2016 steckt den Rahmen für weitere Aktivitäten ab, darunter der Abbau einer Kernanlage, aber auch der Bau eines neuen Reaktors auf kasachstanischem Boden. Die Rolle Russlands bei der Stilllegung des Reaktors BN 350 wäre demnach bereits 2016 festgelegt worden.

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Aus den zuvor zitierten Meldung von Ria Novosti geht hervor, dass Rosatom das russische Staatsunternehmen TENEX beauftragt hat, Kasachstan technische Hilfe zu leisten. TENEX, das für den Export und die Verarbeitung von Kernbrennstoffen zuständig ist, hat nach Angaben des kasachstanischen Nachrichtenportals Tengrinews daraufhin das Zentrum für die Sicherheit von Kerntechnologie um eine Analyse des rechtlichen Teil der Reaktorstilllegung gebeten. Anhand dessen soll beurteilt werden, ob diese Rechtsgrundlage für die Durchführung der Arbeiten ausreicht. Es gibt jedoch keine Informationen, die darauf hindeuten, dass Kasachstan in den Entscheidungsprozess eingebunden war.

Für beide Seiten ist es an der Zeit Technologien zu finden, die den effizienten Abbau der Reaktoranlagen ermöglichen. Denn wie Lada, ein lokales Nachrichtenportal aus Aqtaý, darlegt, entstehen der Bevölkerung von Mańģystaý allein durch die Instandhaltung von BN 350 seit 10 Jahren horrende Kosten.

Kasachstans Stromverbraucher tragen die Kosten

In einem Punkt sind sich die kasachstanischen Quellen einig: Der stillgelegte Reaktor ist teuer. Die jährlichen Wartungskosten belaufen sich auf 1,2 Milliarden Tenge (2,4 Millionen Euro) und fließen in die Stromrechnungen der lokalen Bevölkerung ein.

Seit sieben Jahren steigen die Stromrechnungen kontinuierlich. Während 2013 der Strompreis in Mańģystaý noch zu den niedrigsten im Land zählte, ist dies heute trotz einer vom Energieministerium gewünschten Tarifdeckelung nicht mehr der Fall. Die Stadt Aqtaý und ihre Umgebung belegen laut dem kasachstanischen Nachrichtenportal Kursiv den zweiten Platz auf der Liste der teuersten Regionen.

Noch im letzten Jahr war für 2020 ein Anstieg der Stromrechnungen um 12 Prozent in ganz Kasachstan geplant. Die Stadt Aqtaý und ihre Umgebung verzeichnen heute allerdings mit 18,1 Prozent den größten Anstieg im ganzen Land. Wie die untenstehende Grafik zeigt, lag der Preis pro Kilowattstunde in Aqtaý im Jahr 2018 bei 15 Tenge (ca. 3 Cent), während es in den günstigsten Regionen nur 5 Tenge (1 Cent) waren. Die Tariferhöhung wird auch durch höhere Stromimporte erklärt, die jetzt 60 Prozent betragen.

Aqtaý hat die zweithöchsten Strompreise des Landes

Kasachstans Behörden wollen die finanziellen Auswirkungen für das Land und die lokale Bevölkerung reduzieren. So ziehen die Behörden eine neue Art der Abschreibung der Wartungskosten von BN 350 in Betracht, ohne sich aber wirklich zu diesem Thema zu äußern. Die Lokalbehörden von Mańģystaý und das Energieministerium erwägen, die Finanzverwaltung des Reaktors BN 350 zu verstaatlichen und an den Staatsfonds Samruk-Kazyna zu übertragen. Dieser Fonds wird von Kasachstans Behörden als ein Mittel zur Förderung der Volkswirtschaft angesehen und ist laut Angaben von Kursiv auch mit 90 Prozent Anteilseigner des nationalen Elektrizitätsunternehmens KEGOC. Es bleibt abzuwarten, ob auf diese Versprechen Taten folgen werden.

Malaurie Le Bail, Redakteurin für Novastan

Aus dem Französischen von Robin Roth

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