Almaty

Arbeitsplatz Container: Eine Spurensuche in Almaty

Diese Fotoreportage enstand aus der Zusammenarbeit von Daniela Neubacher (D), Antje Lehmann (D), Christoph Richter (D) und Sarbinaz Mambetnazarowa (UZ) im Rahmen der Zentralasiatischen Medienwerkstatt 2013 in Almaty und wurde u.a. in der Deutschen Allgemeinen Zeitung veröffentlicht.

Eine weitere Version des Artikels ist hier zu finden.

VIER GENORMTE WÄNDE

Von außen vertäfelt und groß beschildert, von innen gefüllt mit Nudeln, Zement, Werkzeug oder Gartenzubehör – bunt und vielfältig reihen sie sich auf dem Basar aneinander, zwängen sich in den Seitenstraßen zwischen Hütten und Verschlägen und warten an stark befahrenen Kreuzungen auf Kundschaft. Es braucht oft einen zweiten Blick, um die auf 20 oder 40 Fuß genormten Stahlquader als solche wiederzuerkennen. Nur Form und Türen verraten, dass sie einst vielleicht tausende Kilometer über Weltmeere und Landstraßen gereist sind, bevor sie hier an den Straßen und Ecken Almatys strandeten.

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BUNTES SPIEL IM VERBORGENEN

Ein gemütliches Sofa, Tee und ein Schachspiel – übliche Requisiten in einem Café. Erst der Blick auf die Details verrät die Realität, die Vitrine wurde kurzerhand zu einem Tisch umfunktioniert, und das Sofa ist flankiert von zwei Regalen. Das Stimmengewirr, das von den Backgammonspielern gegenüber ausgeht, dringt in den verwaisten Container-Kosmos herüber. Muchtar, der Besitzer, ist unter ihnen gerade nur als Zuschauer, denn eigentlich hegt er eine heimliche Liebe für’s Schachspielen. Er deutet auf seinen anderen Container nebenan, der Lampen aller Facetten beherbergt. Hier hat er sich sein zweites geschäftliches Standbein geschaffen. Schon seit mehr als 20 Jahren arbeitet er in seinen zwei Gehäusen aus Stahl, die nach außen kühl und gleichförmig erscheinen, nach innen aber ihre Einzigartigkeit entfalten und Besucher fast vergessen lassen, worum es sich eigentlich handelt – ein Geschäft.

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SCHWÄRMEREI AM STRASSENRAND

In Alexejs Hände kommt nur deutsche Qualität. „Die deutschen Werkzeuge halten nun einmal doppelt so lange wie die chinesischen“, erklärt der Mittvierziger, während er routiniert den Autoreifen seines Kunden umwuchtet. Der Vater eines Sohnes arbeitet zusammen mit seinem Kollegen in zwei hintereinander gereihten Containern, die zu einer Autowerkstatt umfunktioniert wurden. In den dunklen Ecken stehen Geräte; Kabel und Schläuche winden sich durch den Eingang hin zu den wartenden Kunden vor ihren Autos. Alexej bleibt gelassen. Er spricht gebrochen Deutsch, acht Jahre lang hat er in Deutschland gelebt. München, Düsseldorf, Hamburg, Köln – all diese Städte habe er schon besucht. Selbst bis in die Niederlande hätte es ihn damals verschlagen. Dann hält Alexej kurz inne und wischt sich den Schweiß von der Stirn.

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SUPERMAN IM HINTERHOF

Talgats Arbeitsplatz liegt abseits des großen Almatiner Basars, in einem versteckten Hinterhof. Seine Kunden kennen den Weg. Denn die Lebensmittel sind bei ihm billiger als am “Grünen Basar”. Der Platz ist staubig; ständig laden junge Männer Waren auf und ab. Zwischen dem arbeitssamen Treben zwängen sich Talgats Kunden zu seiner Koje gegenüber dem Container durch.

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Zwölf Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Der 18-Jährige verkauft hauptsächlich Nudeln, Öl und schwarzen Tee in einem Container, der seinem Vater gehört. Er weiß um seine große Verantwortung. Wenn der sportliche, junge Mann seine Kunden bedient, wirkt er sehr ernst für sein Alter. Nur später vor der Kamera beginnt er übermütig zu lachen und posiert freudig bei der Arbeit.

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BUS, BUCH UND „BAGASCH“

Es ist schon früher Abend, aber die Arbeit geht trotzdem weiter. Abenteuerlich zusammengeschnürte Pakete, graue Stoffbeutel und längliche, undefinierbare Stangen füllen den Platz zwischen Bus und dem Bürocontainer – doch Akschol bahnt sich zielsicher seinen Weg durch die Stolperfallen. Was nach Chaos auf diesem Nebenschauplatz des „Avtowaksal“ in Almaty aussieht, ist auch eines. Doch dann verweist Akschol auf ein schlichtes Buch – darin: minutiös aufgelistete Fahrten, Frachten, Daten, Namen und Adressen, fein säuberlich und ständig akribisch vervollständigt. Bürokratie im Kleinen. Es liegt mittig auf dem Tisch, daneben ein Kugelschreiber – ansonsten gibt sich der Arbeitsplatz recht leer. Ein Container für ein Buch.

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Eigentlich ist Akschol der Fahrer, allerdings hat er in dem Vier-Mann-Unternehmen alle möglichen Positionen inne: Packer, Träger, Planer oder Kontrolleur – ein Leben zwischen Bus, Buch und Bagasch (Russisch für Gepäck). Schnell muss es vor allem gehen, die Fuhre wird am nächsten Tag in Westkasachstan erwartet. Für Buch und Besitzer geht es aus dem Container hinaus in die Weite der Steppe.

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ASSEM TRÄUMT VON DER WELT

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Pferd heißt „horse“, verrät das pinke Post-it am Fenster. Die junge Kasachin Assem nutzt die vielen Stunden, während sie am Basar Autozubehör verkauft, um Englisch zu lernen. Inmitten von Batterien, Flaschen und Schmieröl-Kanistern hat sie ihre Bücher auf dem kleinen Verkaufstisch vor sich ausgebreitet. In der kleinen Koje nebenan kleben zahlreiche Zettel mit den wichtigsten Vokabeln und Sätzen, die sie sich einprägen will. What are you doing? What is the title of the film? Darunter steht die russische Lautschrift, manchmal auch eine kasachische Übersetzung. So hat Assem ihre Vokabeln dort in ihrer Ecke immer im Blickfeld, wenn sie durch das kleine Fenster auf den Marktplatz nach Kunden Ausschau hält.

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ICH BIN IMMER HIER“

Wie erstaunt waren die Leute, als wir da plötzlich mit unseren Kameras vor den Containern standen? Einige haben uns sofort wieder weggeschickt. Manche reagierten misstrauisch. Die meisten haben sich aber gefreut, dass sich ‘junge Ausländer’ für ihren vermeintlich unscheinbaren Arbeitsplatz interessieren. Die junge Assem mit ihren Büchern, die Frau vom Gartenladen mit dem mädchenhaften Lächeln, der engagierte Junge im versteckten Hinterhof – sie alle arbeiten Tag für Tag auf den Plätzen, Märkten und Seitengassen der größten Stadt Kasachstans. Der Container sichert ihre Existenz. Es war ein unvergessliches Erlebnis, in diesen Mikrokosmos einzutauchen und ihren persönlichen Alltag festzuhalten.” 

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Text und Bilder von  
Sarbinaz Mambetnazarowa
Antje Lehman
Christoph Richter
Daniela Neubacher 

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