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Die Nomadenspiele in Kirgistan – ein Blick auf die Traditionen Zentralasiens

Sport, Kultur und Diplomatie sind bei der sechsten Ausgabe der Nomadenspiele verschmolzen. Bei den Spielen handelt es sich um einen internationalen Wettkampf, bei dem Sportarten aus nomadischen Kulturen im Mittelpunkt stehen und der dieses Jahr Anfang September in Kirgistan stattfand. Eine Reportage.

Eine Partie „Kök-börü“, einer traditionellen und beliebten Pferdesportart in Zentralasien, bei den diesjährigen Nomadenspielen in Kirgistan. Foto: Julia Guinamard

Sport, Kultur und Diplomatie sind bei der sechsten Ausgabe der Nomadenspiele verschmolzen. Bei den Spielen handelt es sich um einen internationalen Wettkampf, bei dem Sportarten aus nomadischen Kulturen im Mittelpunkt stehen und der dieses Jahr Anfang September in Kirgistan stattfand. Eine Reportage.

Bodenkampf, Reitkampf, Bogenschießen, Hunderennen… Vom 31. August bis zum 6. September traten Athlet:innen aus über 100 Ländern in 43 Disziplinen bei der sechsten Ausgabe der Nomadenspiele gegeneinander an, einem Wettkampf, der Sportarten und Spiele aus nomadischen Traditionen in den Vordergrund rückt. Die Spiele fanden in Kirgistan statt, dem Land, in dem die Spiele 2014 ins Leben gerufen wurden und das bereits vier der sechs bisherigen Ausgaben ausgerichtet hat.

In Europa oft wenig bekannt, vereinen die Nomadenspiele Reitwettbewerbe, Kraftwettkämpfe, Ringkämpfe, Denkspiele sowie Adler- und Hunderennen. Nicht zu vergessen ist die bedeutende kulturelle Dimension dieser Ausgabe mit einem Ethno-Dorf, Konzerten, Ausstellungen und Vorträgen, und all dies vor einer postkartenreifen Kulisse am Ufer des Yssyk-Köl und in der Kyrtschyn-Schlucht. Dahinter steht der Wunsch, die Nomadenkultur Zentralasiens bekannt zu machen und den Tourismus zu fördern.

Reitkampf bei den Nomadenspielen 2026 in Kirgistan. Foto: Julia Guinamard

Nach Frankreich importierte Nomadenspiele

Eine Strategie, die offenbar Früchte trägt, wie die Entwicklung der französischen Nationalmannschaft für Denkspiele zeigt, die zum zweiten Mal an den Nomad Games teilnimmt. Bei der letzten Ausgabe in Kasachstan im Jahr 2024 waren drei Franzosen von den Veranstaltern angefragt worden. „Sie sind auf der Suche nach neuen Teams“, meint Clara Socota, eine 24-jährige französische Spielerin von Awale und Toguz Korgool – zwei Logikspielen, bei denen die Gegner, vereinfacht gesagt, versuchen, möglichst viele Kugeln zu erbeuten, die auf einem aus Schalen bestehenden Spielbrett verteilt sind.

Die 24-jährige Clara Socota bei einer Partie Toguz Korgool während der Nomadenspiele. Foto: Julia Guinamard

Bei dieser sechsten Ausgabe besteht die französische Mancala-Nationalmannschaft – so lautet die Bezeichnung für eine Spielfamilie sogenannter abstrakter kombinatorischer Strategiespiele, zu der insbesondere Awale und Toguz Korgool gehören – aus sieben Athletinnen und Athleten. Vor allem aber hat die französische Delegation seit ihrer ersten Teilnahme einige dieser traditionellen Logikspiele nach Frankreich eingeführt.

„In Kasachstan haben wir Toguz Korgool und das türkische Mancala entdeckt. Seitdem haben wir einen Verein gegründet und entwickeln und fördern deren Ausübung in Frankreich. Bei den letzten beiden Ausgaben des Internationalen Spielefestivals in Cannes haben wir daher Turniere in Toguz Korgool und im türkischen Mancala ins Leben gerufen“, erklärt Clara Socota. Hélène Mimenza fügt hinzu: „Hier werden Logikspiele für den Mathematikunterricht genutzt. In unserem Team haben wir eine Grundschullehrerin, die das nun auch mit ihren Schülern macht.“

Kök-Börü zu einer Sportart machen, die „so beliebt ist wie Fußball“

Auf dem Kök-Börü-Feld, dem Nationalsport Kirgistans und sicherlich der symbolträchtigsten Disziplin der Spiele, bei der Reiter um einen Ziegenkadaver kämpfen, trägt das US-amerikanische Team dazu bei, die Sportart außerhalb Zentralasiens bekannt zu machen. „Wir nehmen seit 2016 an den Nomad Games teil“, erklärt der US-amerikanische Spieler Brian Ewell, der bald fünfzig wird. Sein Teamkollege John Forsgren, ebenfalls in den Fünfzigern, fügt hinzu: „Die Tradition der Cowboys ist der in Kirgistan recht ähnlich. Pferde sind ein fester Bestandteil unseres Lebens, die Verbindung zum Tier ist dieselbe.“

Dennoch fügen die beiden Athleten aus Utah hinzu: „Hier stehen die Pferde noch immer im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens“, und sie weisen auch auf einen Unterschied in der Aufzucht hin. „Unsere Pferde werden nicht für den Kampf trainiert, sie sind ruhiger.“

Kök-Börü-Partie zwischen den Mannschaften Kirgistans und der USA. Foto: Julia Guinamard

Dies macht einen wichtigen Unterschied im Kök-Börü, das als „Kriegersport“ gilt. „Dieses Spiel wurde vom Militär als Kriegsvorbereitung ins Leben gerufen“, erklärt Emal Omuralijew, ein begeisterter Anhänger der kirgisischen Mannschaft. Grob gesagt lässt sich dieser Reitsport mit Polo vergleichen. Doch statt Golf zu spielen, kämpfen die Reiter um einen Ziegenkadaver, den sie anschließend in ein Ziel werfen müssen, das einem mehrere Meter breiten Kessel ähnelt: in den Tar-Kazar.

Am ersten Spieltag des Kök-Börü traten die USA gegen Kirgistan an. Die amerikanische Nationalmannschaft träumt davon, sich international einen Namen zu machen. „Unsere Mannschaft spielt fair gegen die USA. Unser Ziel ist es, dass sie wiederkommen und dass Kök-Börü so beliebt wird wie Fußball“, erklärt Sejitbek Makeklejew, Sportjournalist bei dem Medienunternehmen Sport.kg.

Kök-Börü in vollem Gange. Foto: Julia Guinamard

Handwerk und Ethno-Dorf zur Bewahrung des Kulturerbes

Über den Sport hinaus bot ein Ethno-Dorf einen Einblick in die Nomadenkultur Zentralasiens. Das Ethno-Dorf erstreckte sich über mehrere hundert Meter und umfasste Dutzende von Jurten sowie eine Art kleine traditionelle Stadt, die aus Lehm und Stroh erbaut wurde. Die Besucher tauchten dank Musik, Tanz, Kunsthandwerk und auch der Küche in die lokale Kultur ein. Fotos mit Frauen in traditionellen Trachten, Männern in Rüstungen, Kamelen oder Adlern schießen wie Pilze aus dem Boden.

„Die Spiele bieten internationalen Besuchenden die Gelegenheit, die einzigartige Identität des kirgisischen Volkes zu entdecken und besser zu verstehen“, erklärt Eduard Dschumkadyrovitsch Kubatow, Direktor der Nationalen Agentur für Tourismusentwicklung, bei einer Pressekonferenz. „Die kirgisische Nomadenkultur wird nicht einfach als historisches Erbe präsentiert, sondern als lebendige und sich ständig weiterentwickelnde Kultur.“

Gurmina webt im Ethno-Dorf traditionelle Wandteppiche und dekorative Textilien. Foto: Julia Guinamard

Vor einer der Jurten fertigt Gurmina Seile aus Yakhaar an. „Das habe ich von meiner Mutter gelernt. Man benutzt sie, um die Beine der Pferde festzubinden oder die Jurten aufzubauen.“ Wohnt sie in einer Jurte? Nach einem kurzen Lachen verneint die 70-Jährige. Heute sind die Jurten vor allem für Touristinnen und Touristen gedacht.

Neben Gurmina stickt eine Frau einen dekorativen Wandteppich. „Darauf sind Schafshörner und Fischflossen zu sehen“, erklärt sie und fährt fort: „Zuerst zeichne ich die Motive auf den Stoff, bevor ich die Linien mit Garn nachsticke. Früher haben wir Schafwolle verwendet, die wir selbst gesponnen haben. Heute kaufen wir den Faden direkt in Läden.“

Indem sie das Handwerk in den Vordergrund stellen, sollen die Nomad Games zur Erhaltung des kulturellen Erbes beitragen. Und das nicht nur zur Freude der Touristen. Die ehrenamtliche Übersetzerin Darja Kasygulowa erklärt: „Die Spiele ermöglichen es uns, unsere Kultur wieder für uns zu entdecken. Diejenigen, die in der Stadt aufgewachsen sind, haben weniger Bezug zu den nomadischen Wurzeln. So können wir verstehen, woher wir kommen, und unsere Kultur und Geschichte besser begreifen.“

Frauen mit Eletschek, einer Kopfbedeckung, die sie als ältere verheiratete Frauen auszeichnet. Foto: Julia Guinamard

Kirgistan bekannt machen

Darja Kasygulowa ist in Bischkek aufgewachsen und gehört zu jener Generation, die sich von der nomadischen Lebensweise entfernt hat. Sie gibt auch zu, bei den Nomadenspielen Sportarten entdeckt zu haben, die ihr bisher unbekannt waren. „Ich wusste nicht, was Bogenschießen zu Pferd oder das Werfen von Tschükö [Schafsknöchel, Anm. d. Übers.] ist.“ Einige Jurten im Ethno-Dorf richten sich eher an die lokale Bevölkerung als an internationale Tourist:innen, wie beispielsweise die der University of Central Asia, die einen Campus in Naryn unterhält, dem Verwaltungszentrum der gleichnamigen Provinz im bergigen Zentrum Kirgistans.

Ajana S., eine Studentin dieser Universität, die Studiengänge anbietet, die vollständig auf Englisch unterrichtet werden, erklärt: „Wir stellen unsere Hochschule vor, um neue Studierende zu gewinnen. Aber wir freuen uns auch, unsere Arbeit und unsere Kultur mit internationalen Touristen teilen zu können.“

Spieler des traditionellen Pferdesports Kök-Börü aus den Mannschaften Usbekistans und Afghanistans ziehen nach ihrem Spiel auf der Pferderennbahn in der Region Yssyk-Köl vorbei. Foto: Julia Guinamard

Die Übersetzerin Darja hofft ebenfalls, dass die Spiele dazu beitragen werden, dass möglichst viele Menschen Kirgistan endlich auf einer Landkarte einordnen können. „Ich studiere in Kanada, und wenn ich mich vorstelle, wissen die Leute nie, wo Kirgistan liegt. Zentralasien ist nach wie vor wenig bekannt. Dabei gibt es doch gleich fünf Länder mitten auf dem Kontinent! Die Spiele sind eine gute Möglichkeit, die Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass es uns gibt.“

Ein Gipfeltreffen der Shanghaier Organisation parallel zu den Nomad Games

Darüber hinaus wollen sich die Nomad Games nicht nur auf Sport und Kultur beschränken. „Die Nomad Games bringen Vertreter verschiedener Länder zusammen und schaffen so Gelegenheiten für kulturellen Dialog, Freundschaft und gegenseitiges Verständnis“, betonte Eduard Dschumkadyrovitsch Kubatow auf der Pressekonferenz.

Die sechste Ausgabe der Nomad Games begann übrigens zeitgleich mit dem 25. Gipfeltreffen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ). An der Eröffnungsfeier der Spiele nahmen mehrere Staatschefs dieses „Clubs von Ländern, die eine von der Vorherrschaft des Westens geprägte Globalisierung ablehnen“, teil, wie es Bayram Balci, Forscher am Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung (CNRS), formulierte.

Armdrücken, eine der Disziplinen im Programm der Nomadenspiele, vor einer Jurte. Foto: Julia Guinamard

Zu den politischen Persönlichkeiten, die bei der Eröffnungsfeier anwesend waren, gehörten unter anderem der iranische Präsident Massud Pezeschkian, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan, der indische Premierminister Narendra Modi sowie der tadschikische Präsident Emomali Rahmon und der usbekische Präsident Shavkat Mirziyoyev. Der pakistanische Premierminister Shehbaz Sharif sowie Vertreter des Jemen und Vietnams nahmen ebenfalls daran teil.

Als die rund hundert Athletinnen und Athleten der russischen Delegation die Bühne der Bishkek Arena betreten, die anlässlich der Nomad Games eingeweiht wurde, grüßt Wladimir Putin die Menge. Der russische Staatschef wird dabei mit großem Jubel empfangen. „Putin ist berühmt und beliebt. Und selbst wenn er es nicht wäre, ist es realistisch, ihn zu bejubeln“, erklärt Herr Balci. Der Wissenschaftler untermauert seine Aussage mit dem Hinweis, dass „ein bedeutender Teil des BIP Kirgistans von in Russland lebenden kirgisischen Arbeitskräften stammt“.

„Diese Verbindung hat sich laut Herrn Balci mit den internationalen Sanktionen gegen Russland verstärkt“, wobei er die Rolle des Landes als Plattform zur Umgehung der Sanktionen für Moskau hervorhebt. Der Gipfel und anschließend die Zeremonie der Nomad Games hätten somit eine „sehr starke Botschaft“ an den Westen gesendet, so der Politologe: „Das hat gezeigt, dass Russland nicht isoliert ist, wie man im Westen glaubt.“ Die siebte Ausgabe der Nomad Games wird übrigens 2028 in Russland, in Kasan, stattfinden.

Julia Guinamard für Novastan

Aus dem Französischen von Michèle Häfliger

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