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Usbekistan: Ein Verbot von männlichen Frauenärzten?

Anfang April forderte der Imam der Moschee in Taschkent Rachmatullo Saifutdinow das Verbot von männlichen Gynäkologen. Die Initiative des Mullahs hat zu zweigeteilten Reaktionen der Gesellschaft geführt und eine Debatte zur Rolle religiöser Gelehrter in der usbekischen Gesellschaft losgetreten. Folgender Artikel erschien im russischen Original auf  „Lenta.ru“.

Der 42- Jährige Imam Rachmatullo Sajfutdinow fordert, dass Männer in Usbekistan nicht mehr als Gynäkologen praktizieren sollen. „Das muss beendet werden. Das reicht! Von diesem beschämenden Phänomen hatten wir schon in Zeiten des Totalitarismus genug“, sagt der Haupt-Imam des taschkenter Bezirks Junusobod. Zur Sowjetzeit habe man auf die geistige Verwaltung nicht gehört und „nationale Werte und Autorität am Boden zerstört“.

Da die Bevölkerung in der Sowjetunion unfähig zum Widerstand war, wurde „männliche“ Gynäkologie als normal empfunden“, setzte Sajfutdinow fort. Vielen Frauen seien sogar der Meinung gewesen, dass Männer „leichte Hände“ hätten und versuchten, möglichst bei ihnen einen Termin zu bekommen.

Laut Sajfutdinow sollte das usbekische Volk mit der Unabhängigkeit verstehen, dass gynäkologische Untersuchungen bei Männern einfach beschämend sei. Er betonte jedoch, dass für eine solche heikle Arbeit ausreichend kompetente weibliche Spezialisten ausgebildet werden sollen und rief die Männer dazu auf, ihren Frauen und Schwestern nicht zu verbieten, Hebamme zu werden. Allerdings fügte er hinzu, dass Frauen nach islamischen Regeln als erstes auf die Wünsche ihrer Männer hören sollen.

Ein Sturm der Entrüstung

Die Forderung des Imams hat unter Frauen einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Viele Frauen in Usbekistan vertrauen tatsächlich eher männlichen Gynäkologen, sowohl aus professionellen als auch aus menschlichen Gründen. Viele Patientinnen meinen, dass weibliche Gynäkologen in der Regel selbst Schwangerschaft und Geburt erlebt haben und daher oft meinen: „Ich habe gelitten und du jetzt auch“.

Um die Einstellung der Bürger gegenüber der neuen Initiative des usbekischen Imams herauszufinden, hat die Webseite Eltuz eine Online- Umfrage durchgeführt. „Gut, dass Imame noch nicht als Gynäkologen arbeiten“, kommentiert die Aktivistin Dilsora Fazylowa. Die Menschenrechtlerin nennt die Idee des Imams  eine „Absurdität“: „Das eigentlich beschämende hier ist, dass man versucht, die Wahlfreiheit der Frauen zu begrenzen und damit ihr Leben und ihre Gesundheit in Gefahr bringt.“

Die Fotokünstlerin Umida Achmedowa nannte den Vorschlag des Religionsführers eine „Dummheit“:  „Können Mullas sehen, dass sie selber nicht ohne Sünden sind?“. Sie bemerkt, dass sich häusliche Behandlungen durch Geistliche verbreiten, die verschiedene Beschwerden und Kinderlosigkeit durch den Bösen Blick erklären. Dabei hören laut Achmedowa viele Bürger auf diese Hinweise.

Kritik gegen die Komiker Usbekistans

Der Kritiker Kamoliddin Yuldasch sieht eine Themenverfehlung des Imams: „Sie lieben es, sich in alles einzumischen, vor allem, wenn es um Frauen geht.“ Ihm zufolge besteht die Aufgabe eines Imams darin, kollektive Gebete zu leiten, anstatt Vorlesungen über Geburtshilfe und Gynäkologie zu halten. „Wenn der Imam allerdings kategorisch versucht, seine Ziele zu erreichen, dann wird er als nächstes versuchen, seine Forderungen legislativ zu festigen“ – warnt Yuldasch.

Es ist nicht das erste Mal, dass Saifutdinow durch seine gesellschaftlichen Forderungen auffällt. Anfang Februar redete er von Strafen für usbekische Schauspieler, genauer gesagt Komiker: „Wir sehen oft „Künstler“-gruppen, die im Internet versuchen, Zuschauer mit ihrem Humor zu beeinflussen“, sagte der Imam in einer Videobotschaft. Er betonte, dass ständiger Humor eine „zerstörende Spiritualität“ sei und sich auf die unreife Psyche der Jugendlichen schädlich auswirken könne. Witze und Lachen untersagte der Mullah zwar nicht, gab aber zur Kenntnis, dass das Sichten von Auftritten usbekischer Komiker unerwünscht ist.

Es war nicht die erste religiöse Kritik an usbekischen Künstlern. Im Dezember 2016 bemängelte  Shermurod Togay, der Imam der „Tinchlik“-Moschee in Taschkent den Kleidungsstil der beliebten Sängerin Munisa Rizaeva. Der Geistliche nannte ihr Verhalten „ekelhaft und ärgerlich“. Laut dem Imam solle eine Frau nicht unbedeckt auf der Straße erscheinen: „Selbst unter Drohungen darf eine Frau nicht mit unbedeckten Haaren in die Öffentlichkeit treten“, fasste der Religionsdiener empört zusammen.

Usbekistan ist ein säkularer Staat

Während der Diskussion zur Arbeit von männlichen Gynäkologen wurde auch der berühmte islamische Gelehrte Ibn Sina, auch bekannt als Avicenna erwähnt. „Wenn wir das Problem rein aus der Sicht der Unterschiede der Geschlechter betrachten, leugnen wir dann nicht das Erbe unseres  Ibn Sina  als  Arzt und Vater der Medizin?“, betonte der usbekische Psychologe, Wissenschaftler und Schriftsteller Machmud Yuldaschew.

Nach Yuldaschews Meinung sei es albern, über das Geschlecht des Arztes nachzudenken, während man zwischen dem Leben und dem Tod steht. „Lassen Sie die Mullahs sich mit ihren geistigen Dingen beschäftigen, ohne sich in Weltliches einzumischen“, schlug der Wissenschaftler vor. Usbekistan sei ein säkularer Staat: „In der Verfassung steht kein Wort dazu, dass man seinen Beruf auf Grundlage des Geschlechtes wählen solle.“

Achmed Sejidow
Lenta.ru

Aus dem Russischen von Sobira Majidowa

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