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Usbekische MigrantInnen im Ausland: Ein Leben ohne Plow?

Heutzutage ist es keine Seltenheit, dass Menschen ins Ausland ziehen. Auch viele UsbekInnen denken im Laufe ihres Lebens über einen Umzug nach. Aber warum gehen die Leute weg? Und wohin gehen die UsbekInnen am häufigsten? Worauf bereiten sich diejenigen vor, die Usbekistan verlassen? Dieser Artikel erschien am 23.02.2021 auf dem usbekischen Nachrichtenportal Hook, wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung.

Wenn wir über die Gründe für die Migration und die Ziele der MigrantInnen sprechen, sollten wir zunächst auf eine der beliebtesten Migrationsarten eingehen: Die Wirtschaftsmigration, auch Arbeitsmigration genannt. Während es in einigen Ländern ein Überangebot an Arbeitskräften gibt, haben andere Länder hingegen große finanzielle Ressourcen und Bedarf an Arbeitskräften. Die Menschen zieht es dementsprechend genau dorthin, wo es Geld und Arbeitsplätze in der Produktion und im Dienstleistungssektor gibt. Grundsätzlich ist es schwierig, die einzelnen Gründe voneinander abzugrenzen. Eine sogenannte (Anm. d. R.) unterentwickelte und rückständige Wirtschaft bringt zum Beispiel auch eine mangelhafte soziale Versorgung, einen niedrigeren Lebensstandard und eine geringere Lebensqualität mit sich.

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Die oben aufgeführten Folgen einer schwachen Wirtschaft können als soziale Gründezusammengefasst werden. Hierzu gehören auch Heirat mit einem/einer AusländerIn, Familienzusammenführung, sowie ein Umzug zu Ausbildungs- und Studienzwecken. An dieser Stelle können auch ethnokulturelle Gründe eines Umzuges ins Ausland erwähnt werden, zum Beispiel wenn MigrantInnen in ihre historischen Heimatländer zurückkehren. Dazu kommen politische Gründe, wenn beispielsweise ein Staatsstreich eine Migrationsbewegung auslöst oder wenn BürgerInnen mit der politischen Führung nicht einverstanden sind. Zu den traurigsten Migrationsmotiven gehören kriegsbedingte Gründe. Kasachstan, Russland, die USA und Israel sind die Länder, in die UsbekInnen am häufigsten auswandern.

Was erwartet diejenigen, die migrieren?

Durch schöne Geschichten und aufregende Filme sehen die meisten UsbekInnen das Leben im Ausland durch eine rosarote Brille, sie erwarten eine glänzende Zukunft, in der nichts als Neuanfänge und schöne Landschaften warten. Aber oft stellt sich schnell heraus, dass sich das Leben der Menschen dort gar nicht so stark von ihrem Leben in Usbekistan unterscheidet. Sie gehen genauso zur Schule, Universität oder Arbeit, bezahlen ihre Rechnungen und bewältigen all die vielen kleinen Ärgernisse des alltäglichen Lebens wie alle.  

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Darüber hinaus kommt nach der anfänglichen Euphorie des Umzuges eine lange und harte Zeit der Eingewöhnung hinzu, die viele Phasen durchläuft. Viele kämpfen mit enttäuschten Erwartungen und Heimweh nach dem Land, in dem ihre Vertrauten geblieben sind. Manchmal müssen sie Ansichten und Überzeugungen ändern, die sie zuvor ihr ganzes Leben hatten. Die MigrantInnen lernen die Lebensgewohnheiten eines neuen Landes kennen und entwickeln das Bedürfnis, sich in ihre neue Umwelt zu integrieren. Oftmals haben sie aber Schwierigkeiten, sich in der neuen Kultur zurechtzufinden und sich an die Gepflogenheiten des neuen Landes zu gewöhnen. Das führt zu Unzufriedenheit und anderen negativen Gefühlen.

In dieser Phase kommt ein starkes Gefühl des ‚fremd seins‘ auf; das Gefühl, zuhause zu sein, fehlt. Die MigrantInnen fangen dementsprechend oft an, sich mit anderen UsbekInnen auszutauschen, sowohl persönlich als auch über das Internet. Sie teilen mit ihnen ihren Ärger, da sie nicht in der Lage sind, mit denjenigen zu kommunizieren, die diesen überhaupt erst ausgelöst haben. Der Austausch mit anderen UsbekInnen hilft den MigrantInnen, sich kurzfristig sicher und verstanden zu fühlen, eine Pause von der fremden Sprache und vom Stress der Eingewöhnung in das neue Umfeld zu bekommen. Gleichzeitig steigt somit auch die Sehnsucht nach dem alten Leben. All das sind gewöhnliche Phasen und Gefühle, die fast alle MigrantInnen durchlaufen und erleben, wenn sie in ein anderes Land gehen.

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Außerdem kommt es vor, dass UsbekInnen Schwierigkeiten haben, sich an ein ganz neues Klima zu gewöhnen. Die meisten Städte in Russland und Kasachstan unterscheiden sich klimatisch stark vom sonnigen Tashkent. Hinzu kommt, dass nicht alle Einheimischen die Neuankömmlinge mit offenen Armen aufnehmen und sich gastfreundlich verhalten. Doch trotz all dieser Nachteile hat das Leben im Ausland auch viele Vorteile. Die Menschen gehen ins Ausland, um eine angesehene und qualitativ hochwertige Ausbildung zu erhalten, eine gute und hochbezahlte Arbeit zu finden, sich eine vielversprechende Zukunft aufzubauen und sich einen hohen Lebensstandard zu ermöglichen. Und tatsächlich, genau das finden sie auch im Ausland und dementsprechend bleiben sie in den meisten Fällen auch dort.

Was sagen die MigrantInnen selbst?

Eine vierköpfige Familie, zwei Kinder, zwei Erwachsene. Sie sind nach Moskau zum Leben und Arbeiten gezogen:

Wir sind mit der Familie umgezogen, um eine gute Arbeit zu finden und den Kindern eine gute Zukunft zu ermöglichen. Auch wenn der Umzug an sich ohne Komplikationen verlief, so war die Eingewöhnung für uns doch recht schwierig. Die Stadt ist groß, das Leben brodelt und ist aufregend. Besonders schwierig war es, sich an das kalte und raue Klima zu gewöhnen, es ist so anders als unseres. Aber alles hat sich nach und nach beruhigt und die Vorzüge des neuen Lebens kamen immer mehr zum Vorschein.

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„Wir haben nicht nur eine hochbezahlte Arbeit gefunden, sondern uns auch ein paar lang ersehnte Träume erfüllt, wie beispielsweise in verschiedene Länder zu reisen. Außerdem freue ich mich über die Haltung der RussInnen gegenüber uns UsbekInnen: Alle sind sehr nett und gastfreundlich. Es gibt viele UsbekInnen in Moskau. Wir halten zusammen und haben eine enge Gemeinschaft, in der wir uns austauschen können. Wir helfen uns gegenseitig und denken gemeinsam an unsere sonnige Heimat zurück.

Junge Frau, 25 Jahre alt. Sie ist für das Studium nach New York gezogen. Danach hat sie dort geheiratet:

Die Entscheidung, im Ausland zu studieren, ist mir leichtgefallen. Trotzdem fiel es mir schwer, meine Familie und Freunde zurückzulassen. Nach der 9. Klasse bin ich auf das englischsprachige Westminster Lyzeum gegangen und habe nach dem Abschluss den TOEFL-Test gemacht. Damit konnte ich mich an einer Universität in den USA einschreiben. Dort angekommen, war ich fasziniert von dem Land, das sich in so vielen Punkten vom vertrauten Usbekistan unterscheidet. Am meisten gefiel mir der energetische Rhythmus des amerikanischen Lebens und die Einstellung der AmerikanerInnen zu anderen Menschen und viele anderen Aspekten des Lebens.

Ich habe mich nicht mehr eingeengt und unter Druck gesetzt gefühlt, sondern fühlte mich endlich frei und konnte das Leben leben, das ich mir immer gewünscht habe. Die ausgezeichnete Qualität der Ausbildung an der Universität, die komfortablen Lebensbedingungen und meine neuen freundlichen und lebenslustigen Freunde ließen mir fast keine Zeit, meinem früheren Leben nachzutrauern. Amerika ist sehr beliebt bei den UsbekInnen und ich habe schnell Anschluss an usbekische Gemeinschaften gefunden. Außerdem muss ich unsere traditionelle Küche nicht vermissen: In New York gibt es ganze Stadtteile, in denen viele UsbekInnen leben. Dort findet mal zahlreiche Cafés und Lokale mit authentischem usbekischen Essen. Im Studium an der Universität habe ich auch meinen zukünftigen Mann kennengelernt, ein amerikanischer Staatsbürger. Jetzt machen wir unser eigenes kleines Geschäft auf.

Junges Paar, Mann und Frau, 27 und 25 Jahre alt. Zusammen sind sie vor 7 Jahren nach Nur-Sultan, Kasachstan gezogen:

Bis zu unserem endgültigen Umzug nach Kasachstan war ich bereits oft mit meiner Familie in Almaty und in Astana, das jetzt Nur-Sultan heißt. Sofort nach meinem ersten Besuch habe ich mich in Kasachstan verliebt und lange Zeit davon geträumt, dorthin zu ziehen, einen Job zu finden und mich dort niederzulassen. Wegen des Klimas und einigen anderen Eigenschaften gefiel uns zunächst Almaty besser, aber meine Freundin und ich haben dennoch beschlossen, nach Astana zu ziehen. Die Stadt hat mich mit ihren leuchtenden Farben, der kulturellen Vielfalt, der Menschen und Orte beeindruckt. Außerdem wurde mir bei der Ankunft sofort warm ums Herz, auch wenn das Klima eher kalt ist. Die Winter sind schneereich und lang, die Sommer sind verhältnismäßig kühl.

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„Usbekistan und Kasachstan: Das sind enge Nachbarn, die sich freundlich gegenüberstehen. Nichtsdestotrotz ist Kasachstan eine ganz andere, neue und verblüffende Welt, wo wunderbare Menschen leben. Wir leben und arbeiten schon lange hier, trotzdem wird uns das Leben hier nicht langweilig. Wir gehen gerne in der Stadt spazieren, in die Einkaufszentren und in die Cafés und Restaurants. In Nur-Sultan sind insbesondere die zahlreichen Perspektiven für die junge Bevölkerung erfreulich, genauso wie die Möglichkeiten für die berufliche und persönliche Weiterentwicklung in den verschiedensten Bereichen.

Erfolgreiche Migrationsgeschichten stehen den Folgen der Abwanderung gegenüber

Die Suche nach einem neuen und besseren Leben, in dem sie ihre Ziele erreichen und ihr Potenzial ausschöpfen können, treibt die UsbekInnen an, sich in einem anderen Land niederzulassen. Es versteht sich von selbst, dass ein Leben im Ausland auch seine Nachteile und Schwierigkeiten mit sich bringt, aber zum großen Teil sind die Menschen zufrieden mit ihrer Entscheidung und bereuen sie nicht.

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Es bleibt nur noch eine Frage unbeantwortet: Was sollte getan werden, um der Abwanderung aus Usbekistan entgegenzuwirken? Usbekistan muss die Lebensqualität und die Qualität der Bildung verbessern, Arbeitsplätze schaffen und die Löhne erhöhen, den Menschen mehr Perspektiven und Möglichkeiten bieten sowie allen UsbekInnen ein freies Leben ermöglichen.

Sarina Chamrajewa für Hook
Aus dem Russischen von Anna Steinmann

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