Ungenutztes Potenzial – das Gebiet um den Aralsee

Mussafar Kutschkarow sammelt Ideen, wie man der Gegend um den Aralsee helfen kann, und welche Projekte in dieser Region umgesetzt werden können. Der Originalartikel erschien auf Hook.report, wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung.

Als ich klein war, erzählte mein Vater vom Aralsee, wie er nicht weit von der Eisenbahnlinie plätscherte, von großen Fischen, die die Einheimischen mit den Eisenbahnwagen zum Verkauf austrugen. Seitdem ist viel Wasser im wörtlichen und übertragenen Sinne verflossen. In der neuen Geschichte gibt es jenen Aralsee nicht mehr. Als ich letztes Jahr aus dienstlichen Gründen in Nukus war, bat ich meine Freunde, zum Aral zu fahren. Darauf habe ich folgende Antworten bekommen: zu weit, zu schwer zu erreichen, zu teuer. Und so blieb die Reise zum Aral ein Traum.

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Letzten Mai habe ich zufällig über eine Medientour zum Aralsee und den umliegenden Gebieten erfahren. Die Tour wurde vom Regionalen Umweltzentrum Zentralasiens im Rahmen des von der Europäischen Union finanzierten UzWaterAware-Projekts organisiert. Unterstützt wurde sie vom Ministerium für Wasserressourcen der Republik Usbekistan, sowie dem Ministerrat der Republik Karakalpakistan und des Bezirks Chokimijat. Also habe ich mich auf den Weg gemacht, um herauszufinden, wie weit meine Realität von den Geschichten meines Vaters entfernt ist.

Der Aralsee und noch mehr 

Der Boden und die Ufer des einst größten Sees haben sich in eine riesige Wüste mit entsprechender Flora und Fauna verwandelt. Die wenig erforschte Natur lockt mit Geheimnissen und faszinierenden außerirdischen Arten. Das Ustjurt-Plateau mit seinen endlosen Steppen, Signaltürmen, und antiken (Grab)Stätten der Menschen.

Der Sudotschje See, Kolonien rosafarbener Flamingos, Kormorane, Enten, verschiedene Fische. Die mit ihrer Geschichte faszinierende verlassene Fischersiedlung Urga. Die Stadt Kubla-Ustjurt (zuvor hieß sie Komsomolsk-an-Ustjurt) mit ihrem Flugplatz. Ein Jurtencamp an der hohen Küste- Die Authentizität überwältigt.

Der Blick auf die Küste ist unglaublich. Und auf das Meer selbst. Ja, es existiert zwar nicht in seiner früheren Pracht, aber es ist da. Besonders nach einer langen Reise durch die Wüste, wenn das Endziel schließlich erreicht ist: Wasser, Sand, Muscheln, Vögel, Wellen, Brandung, Wellenbrecher – das alles ist Wirklichkeit und nicht etwas unerreichbar Mystisches. Allerdings gibt es keinen Fisch im Meer, denn das Wasser ist sehr salzig (mehr als 160 Gramm Salz pro Liter Wasser).

Was ist zu tun?

Der Flug von Taschkent nach Nukus dauert auf der modernen A-320 weniger als eineinhalb Stunden. Der Hotelservice in der Hauptstadt von Karakalpakistan ist recht gut entwickelt, viele Hotels und Gästehäuser sind in der ganzen Stadt verstreut. Das Essen ist abwechslungsreich, meistens gibt es die lokale Küche, die für ihre ungewöhnlichen Gerichte wie Karma, oder dem einheimischen Beschbarmak von der Pute bekannt ist.

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Um von Nukus in Richtung Meer zu fahren, braucht man Geländewagen, da bei anderen Autos die Gefahr besteht, dass sie mitten im Sand stecken bleiben. Der Service wird von einer lokalen Agentur bereitgestellt.

An der Küste, wo unsere Expedition ankam, befanden sich zwei Jurtenlager. Dabei handelt es sich nicht um eine komfortable Hotelunterkunft – Jurten und Zelte sind für zwei bis sechs oder acht Personen geeignet. Aufgrund der geringen Kapazität konnte das Lager nur unsere 35-köpfige Gruppe beherbergen, während die Fahrer in den Autos schlafen mussten.

Wir wurden den ganzen Weg über von dem erfahrensten Historiker und Aralsee-Experten Oktjabr Dospanow begleitet. Solche Führungen braucht man immer mehr, denn das Interesse am Aralsee nimmt langsam zu. Professionelle Guides, Fahrer, Lageraufseher – die Liste nimmt kein Ende. Und die nötige Professionalität erwähne ich nicht umsonst – die Wüste verzeiht keine Fehler.

Tourismus statt Katastrophenzone?

 Der Tourismus in diesen Regionen fängt gerade an, sich zu entwickeln, und es ist notwendig, die Haltung gegenüber der Gegend radikal zu ändern. Das Gebiet um den Aralsee ist nicht nur Zone einer Naturkatastrophe, sondern auch eine Region mit einzigartiger Landschaft und zahlreichen Tourismusmöglichkeiten. Betrachten wir die Optionen für den Tourismus mit Rücksicht auf lokale Möglichkeiten und internationale Erfahrungen.

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Autoreisen sind organisierte Autorallies für Amateure und Profis der aktiven Erholung mit Routen unterschiedlichen Schwierigkeitsgrads. Die örtliche Natur bietet eine Vielzahl von Abenteuern: Einen Pfad entlang des Plateaus und entlang des Grundes des Aralsees, des Landes und sandiger Richtungen (man kann es nicht beim besten Willen nicht Wege nennen).

Und natürlich das gut durchdachte Ausmaß der Routen durch die Aralseeregion. Die längere ist eine regionale Rally, die durch das Territorium der Nachbarländer führt. Zum Beispiel kann man die Rally innerhalb des Landes durchführen oder duch die bereits bestehenden Routen, wie die Seidenstraße, die das Territorium Russlands durchquert (in anderen Jahren durch das Territorium Chinas und die Länder Zentralasiens außer Usbekistan).

Oder der Autosportverband von Usbekistan könnte Rallies in Zentralasien organisieren. Seit kurzem ist der All-Terrain-Liebhaberclub 4×4 Energy in Usbekistan aktiv– er könnte in diesen Regionen Pionier sein.

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Touren können für Fans des unsportlichen Fahrens ebenso interessant sein wie für diejenigen, die keine Flugzeuge und Züge mögen. Solche Reisenden fahren in Auto-Häusern um die Welt. Man könnte Routen vom gesamten Kontinent zur Aralsee-Küste bauen, wo Reisende fantastische Aussichten und unvergessliche Ferien in einem der geheimnisvollsten Orte der Erde genießen können. Man kann im Meer schwimmen und nach interessanten Muscheln am Ufer suchen, das vollständig von ihnen bedeckt ist. Man kann Sonnenaufgänge beobachten und Sonnenuntergänge bestaunen, die Milchstraße persönlich am Sternenhimmel über dem Meer sehen und all diese Schönheit in Foto und Video festhalten.

Für uns Usbeken selbst ist dies ein attraktiver Weg, unser Land zu erkunden. In vielen Ländern hat der Inlandstourismus einen erheblichen Anteil an Gewinnen erwirtschaftet. Reisebüros und Eventindustrien sollten den Aralsee und die angrenzende Region in ihr Angebot für verschiedene Veranstaltungen (Teambuilding, Retreats, Seminare, Fotoshootings usw.) mit einbeziehen.

Übrigens ist das Territorium des ehemaligen Meeres völlig frei von Mobilfunkverbindungen, wenn Sie nicht Inhaber eines Satellitentelefons sind (in einigen extremen Punkten nur Uzmobile). Gut oder schlecht, ich denke, eine Erholung von der Außenwelt für ein paar Tage, lohnt sich.

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Natürlich ist dies alles ohne Anlagen von Investoren, Beförderung durch den Staatsausschuss für Tourismus und aktive Unterstützung des Ministerrates von Karakalpakistan nicht möglich. Es ist notwendig, die Infrastruktur im Gebiet um den Aralsee, am Meeresgrund und auf dem Ustjurt-Plateau (zusammen mit den weltbekannten Städten Samarkand, Buchara und Chiwa) zu entwickeln. Dies ermöglicht sowohl die Schaffung von Arbeitsplätzen als auch ein zusätzliches Einkommen für die lokale Bevölkerung. Ich möchte Sie daran erinnern, dass es in jenem Teil des Meeres, in dem wir uns befanden, am Ufer des Aralsees nur zwei kleine Jurtenlager gab.

Festivals. Das kürzlich in Muinak stattgefundene Electronic Music Festival hat das enorme Potenzial dieser Region gezeigt. Es gab praktisch keine negativen Rückmeldungen von Besuchern, was ein sehr guter Indikator für das erste Festival dieser Art ist.

Ein gutes Beispiel dafür ist das jährliche Coachella Music and Arts Festival in Kalifornien. Dies ist eines der berühmtesten und profitabelsten Musikfestivals in den Vereinigten Staaten. Während dieser Veranstaltung kann man verschiedene Musikgenres (von Maqom bis Hard Rock) kombinieren und ausländische Musiker und kreative Persönlichkeiten einladen. In letzter Zeit hat sich die Veranstaltung erweitert – jetzt ist es das Festival für Musik und Kunst, das fast eine Woche dauert. Und wenn Sie eine Frage haben, wo alle Teilnehmer eines solchen Festivals leben könnten, ist die Antwort sehr einfach – private Zelte oder Autos. Während der Coachella auf dem Territorium der kleinen Stadt Indio wird ein ganzes Zeltlager errichtet, viele bevorzugen ein Autocamping, oder errichten Jurten am Ufer des kleinen Eldorado-Sees. 

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Für die erfolgreiche Organisation solcher Veranstaltungen sollte man die Installation und ordnungsgemäße Platzierung von Solaranlagen und Windgeneratoren berücksichtigen – die maximale Nutzung erneuerbarer Energiequellen.

Ein anderes Beispiel ist das Burning Man Festival – eine achttägige Veranstaltung für die Welt der Musik und Kunst. Die Organisatoren bauen jedes Jahr in der Wüste Black Rock eine echte Zeltstadt mit obligatorischer Infrastruktur, Straßen, Dutzenden Tanzflächen, Kunstobjekten und Installationen. Jedes Jahr ist das Thema des Festivals anders. Umweltfreundlichkeit ist das Hauptmerkmal dieses Festivals. Am Ende der Veranstaltung werden alle Mülltonnen und Installationen von den Teilnehmern und Organisatoren mitgenommen, die Wüste bleibt dadurch sauber erhalten. Jedes Jahr wächst die Zahl der Besucher, 2018 kamen mehr als 70 Tausend Menschen zusammen. 

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Es gibt viele weitere Beispiele solcher Veranstaltungen, die aus verschiedenen Gründen wie Thematik, Ortschaft usw. für die Durchführung im Gebiet um den Aralsee geeignet sind. Der Vorteil aus der Touristenanwerbung hierher liegt auf der Hand: Mit der richtigen Herangehensweise an dieses Thema sind Arbeitsplätze für Hunderte von Menschen und ein endloser Touristenstrom gewährleistet.

Interessante Tatsache: In der Forstsetzung meiner Reisegeschichte möchte ich anmerken, dass es fast keine Straßenschilder auf der Straße gab. Gelegentlich begegneten mir Schädel großer Tiere, eine große Plastikflasche im Wasser, die ein Mann hinterlassen hatte, oder ein Steinhaufen. In den meisten Fällen konnte man über die Professionalität der Fahrer nur stauen, die jedes Merkmal der Strecke kannten. Es wäre nützlich, neben Schildern auch Plakate anzubringen, mit dem Hinweis auf den fehlenden Platz für Müllentsorgung in der Wüste.

Obwohl, es ist keine richtige Wüste, sondern eher eine Steppe: Es gibt bereits sichtbare Spuren menschlicher Arbeit, um die Natur vor Staub und Salz vom Boden des ehemaligen Meeres zu schützen. Große Flächen werden aktiv gesät, hauptsächlich mit der Baumgattung Haloxylon. Experten probierten verschiedene Anpflanzungsmethoden aus, aber schließlich musste man manuell pflanzen, und erst dann verteilte der Wind die Haloxylonsamen weiter über den Boden. Mit seinen Wurzeln befestigt der Baum die Bodenoberfläche, und mit seinen dichten Ästen verhindert er das Aufsteigen von Staub und Salz von der Erdoberfläche.

Die Erfahrungen der Nachbarn

Im benachbarten Kasachstan gibt es den Scharyn Nationalpark, und die Kasachen sind sehr stolz darauf. Sie behaupten, er sei nicht schlechter als der berühmte Grand Canyon. Auf seinem Territorium gibt es einen touristischen Komplex mit Pavillons, Bungalows, nationalen Jurten und Sommercafés.

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Viele Reisebüros bieten Dienstleistungen für eine Reise zum Canyon an – dort gibt es was zu sehen. Man stellt den Touristen Geländewagen, Reiseleiter, Kommunikationsmittel und so weiter zur Verfügung. Der Ort ist bei der lokalen Bevölkerung und bei ausländischen Touristen sehr beliebt. Am Sonntag können im Nationalpark 400 oder mehr Personen gleichzeitig spazieren gehen. Die Reinheit des Naturparks wird von etwa 50 Personen gesichert. Auf dem Territorium sind spezielle Mülltonnen verteilt, an den Endpunkten der Strecke befinden sich große Behälter für den Hausmüll.

Ich möchte hoffen und glauben, dass die neuesten Nachrichten über den Plantagenausbau von Haloxylon-Bäumen und über die Gründung von Treuhandfonds nur der Beginn großer und grundlegend positiver Veränderungen im Gebiet um den Aralsee sind, die sowohl die sozioökonomischen Aspekte als auch die Bewohner von Karakalpakistan angehen werden.

 

Hook.report

Aus dem Russischen von Esmira Saudkasova

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