Die Mosaike von Taschkent – das Erbe der Brüder Dscharskij

Das Erscheinungsbild der usbekischen Hauptstadt Taschkent ist geprägt durch zahlreiche Mosaikplatten, die an den Fassaden hunderter großer Wohnhäuser angebracht sind. Diese Tafeln, die während der Sowjetzeit von den in Frankreich geborenen Brüdern Dscharskij installiert wurden, verleihen der Stadt eine künstlerische und urbane Einzigartigkeit, die heute allerdings bedroht ist.

Die Mosaikplatten von Taschkent, die nach dem verheerenden Erdbeben von 1966 entstanden sind, befinden sich vor allem an den Fassaden großer Wohngebäude und unterstreichen die Einzigartigkeit der usbekischen Hauptstadt. Sie wurden von drei in Frankreich geborenen Brüdern aus einer russischstämmigen Familie geschaffen, doch neue Dynamiken auf dem Immobilienmarkt bedrohen ihre Werke.

Am 26. April 1966 erlitt Taschkent eines der stärksten Erdbeben seiner Geschichte. Mit einer Stärke von 5,2 auf der Richterskala zerstörte es fast 80 Prozent der Stadt, wobei sich die beträchtlichen Schäden vor allem auf das historische Zentrum konzentrierten. Mehr als zwei Millionen Quadratmeter Wohnfläche, Hunderte Büro- und Handelsgebäude, Bildungseinrichtungen und Krankenhäuser wurden völlig zerstört und mehr als 300 000 Menschen der damals 1,5 Millionen Einwohner Taschkents, obdachlos. Zehntausende Bauarbeiter, Architekten und Ingenieure aus der ganzen Sowjetunion kamen, um die Stadt wiederaufzubauen. Unter ihnen waren die Brüder Dscharskij.

Vom Zarenreich über Frankreich in die Sowjetunion

Nikolai, Peter und Alexander Dscharski wurden in Frankreich geboren, nachdem ihre Eltern nach dem Sturz der zaristischen Herrschaft 1917 aus Russland geflohen waren. Während des Zweiten Weltkriegs schlossen sich die drei Brüder jedoch der von den Sowjets angeführten Widerstandsbewegung der Partisanen an, um gegen die Achsenmächte zu kämpfen. Die Familie kehrte schließlich 1947 nach Russland zurück und die Brüder, die aus einer Künstlerfamilie stammten, erhielten dort auch eine künstlerische Ausbildung.

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Nikolai und Peter Dscharskij kamen 1966 nach Taschkent, um beim Wiederaufbau der Stadt zu helfen. Einige Zeit später stieß ihr Bruder Alexander dazu. Als künstlerische Angestellte in einem Stahlbetonwerk konnten sie zur Erneuerung der Hauptstadt beitragen und jene Bewegung beeinflussen, die man später als „Seismischen Modernismus“ bezeichnen sollte.

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In seinen Memoiren, die im Telegram-Channel „Vermächtnis Usbekistans“ zitiert werden, erklärt Nikolai Dscharskij, wie er und sein Bruder Peter ab dem Moment ihrer Ankunft an der architektonischen und künstlerischen Wiederbelebung Taschkents teilhatten. „Nach Taschkent kamen Peter und ich, um die Stadt nach dem heftigen Erdbeben von 1966 wiederaufzubauen. Wir bekamen eine Stelle im Stahlbetonwerk. Nach unseren Skizzen und Entwürfen wurden unter der Aufsicht der Bauherren an den Seiten der fünf- und neunstöckigen Gebäude Mosaikplatten installiert. So erlangte Taschkent sein einzigartiges Aussehen, das sich durch Farbenvielfalt und orientalische Ornamentik auszeichnet. Die Stadt bekam dadurch einen hohen Wiedererkennungswert.

Eine neue kulturelle Identität für Taschkent

Die von den Brüdern Dscharskij initiierte Mosaikkunst gab der Stadt in den 1960er und 1980er Jahren eine neue Identität. Diese Kunstwerke, die zunächst neuen, mehrstöckigen Gebäuden vorenthalten waren, welche die zerstörten traditionellen Lehmziegelhäuser ersetzten, erschienen bald auch in Eingangshallen, an Brunnen, Kuppeln und in U-Bahnstationen.

Eine von den Brüdern Dscharskij gestaltete Wohnhausfassade

Die Werke zeichnen sich besonders durch ihre orientalischen Ornamente sowie symbolische Darstellungen aus, die für die sowjetische Kunst typisch sind und Themen wie die Völkerfreundschaft oder die Verherrlichung der Arbeiterklasse berühren.

Ein Vermächtnis, das erhalten werden muss

Trotz ihrer tiefen Verwurzelung in der kulturellen Identität der Stadt, sind die Mosaike nun bedroht. Domian Barma, Administrator der Facebookgruppe „Тaschkent stroitsja“ (Taschkent im Aufbau), bedauert das allmähliche Verschwinden der Mosaikpaneele. „Während der Sowjetzeit waren Mosaiktafeln ein verbreitetes Phänomen. Überall waren sie zu sehen. Doch heute verliert dieses Phänomen an Bedeutung. Mittlerweile ist die künstlerische Gestaltung ein Luxus, den sich nicht mehr jeder Bauherr leisten kann“, berichtet er.

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Von Zeit zu Zeit werden Mosaike auch einfach zerstört oder mit einer monochromen Farbschicht übermalt. Doch angesichts dieses allmählichen Verschwindens werden Stimmen laut. Wie die Onlinezeitung Fergana News berichtetet, versuchen zahlreiche Anwohner nach dem Beispiel der Bloggerin Alla Dzyurich, die am 13. Juli 2018 über die Zerstörung eines Mosaiks im Wohnviertel Yusufabad im Norden Taschkents berichtete,  dieses langsame Verschwinden ihres Erbes mithilfe von sozialen Netzwerken aufzuhalten.

Bilder der Bloggerin Alla Dzyurich

Die Behörden scheinen sich jedoch allmählich des künstlerischen und historischen Wertes dieses Erbes bewusst zu werden. Noch im Jahr 2018 kündigte der dem Taschkenter Bürgermeisteramt unterstehende Gemeinderat in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Parkent Plaza auf seiner Facebookseite die Restaurierung einer Mosaiktafel an einem der Gebäude an, dessen Übermalung zuvor einen Skandal in sozialen Netzwerken ausgelöst hatte. Dank des bürgerschaftlichen Engagements kann das Erbe der Brüder Dscharskij vielleicht bewahrt und sogar aufgewertet werden.

Tanguy Martignolles

Aus dem Französischen von Elisabeth Rudolph

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