Reisen, Taschkent, Usbekistan

Das Topchan: Wie zwei Freunde Wohnung und Auto verkauften, um ein Hostel in Taschkent zu eröffnen

Oibek Chalov und Rafael Zinurov arbeiteten in der Erdöl- und in der IT-Branche, waren bei Couchsurfing aktiv und eröffneten dann eines der ersten Hostels in Taschkent. Den Artikel von Spot.uz übersetzen und veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Es war das Jahr 2008. Oibek Chalov lebte und studierte in Paris, hatte einen Couchsurfing-Account und nahm Backpacker aus der ganzen Welt bei sich auf. Es kam vor, dass in seiner kleinen Einzimmerwohnung (12qm) mehrere Leute gleichzeitig zu Besuch waren und alle waren zufrieden – sie waren jung, voller Tatendrang und lebten in einer der schönsten Städte der Welt – was will man mehr?

2009 kehrte Oibek nach Taschkent zurück, wo er feststellte, dass es mehr als genug Menschen gibt die sein Land besuchen wollen. Er änderte seinen Account von „Paris“ zu „Taschkent“ und nahm auch in Usbekistan weiterhin Leute bei sich auf. Daneben arbeitete er in der Erdölfirma Asia Trans Gas.

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Die Idee entstand im Café
Etwa zur gleichen Zeit war Rafael Zinurov Programmierer bei einer IT-Firma. Er registrierte sich bei Couchsurfing weil er eine Reise plante und günstige Unterkünfte im Ausland suchte. Die Reise klappte dann doch nicht, aber stattdessen begann er Couchsurfer bei sich aufzunehmen.

Einer dieser Gäste machte Rafael mit Oibek bekannt – der französische Reisende Gaspar, der bei beiden untergekommen war. Durch gemeinsame Interessen und Vorstellungen entwickelte sich aus der Bekanntschaft bald eine Freundschaft.

Dann kam das Jahr 2013. Eines Abends im Café Chalet hörte Oibek, wie ein paar Ausländer am Nebentisch sich über die Probleme mit der Registrierung unterhielten. Da kam ihm die Idee ein Hostel zu gründen – ein Anruf bei Rafael und 5 Minuten Diskussion später war es beschlossene Sache. Es zeigte sich, dass auch er schon lange darüber nachgedacht hat. Jetzt hieß es Startkapital zu finden.

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Wohnung und Auto verkauft um das Geschäft zu finanzieren
Als allererstes mussten sie für das Hostel Räumlichkeiten finden. Genug freies Kapital hatten beide Freunde nicht, deshalb verkaufte Rafael seine Wohnung und Oibek sein Auto. Hauptkriterium war eine günstige Lage für die Gäste, möglichst in der Nähe des Bahnhofs und des Flughafens. So entschieden sie sich für das Gebäude des ehemaligen Cafés „Semuschka“ im Stadtteil Mirabad, unweit vom „Furkat“-Park und vom Eisstadion.

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Die letzten 10 Jahre war das Café geschlossen, überall sammelten sich Staub und Schimmel. Es musste viel Arbeit investiert werden, bevor es möglich sein würde Gäste aufzunehmen. Die Freunde machten sich fröhlich an die Arbeit, aber dann kam der Haken – das ganze Geld ging für den Kauf des Gebäudes und die Einrichtung drauf, so dass für die Dekoration kein Geld mehr blieb. Später stellte sich heraus, dass das sein Gutes hatte: Ein paar Künstler-Freunde kamen zur Hilfe und später schlossen sich Hostel-Gäste an, so dass gemeinsam das Dekor vollendet wurde. Die aus der Not geborene Idee um Geld zu sparen, gab dem Hostel seine Besonderheit, sein „Branding“, denn die bemalten Wände verleihen dem Ort seinen eigenen Charme und eine besondere Atmosphäre.

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Es schien, als wäre das Schwierigste im Mai 2014 überstanden, als alle Bauarbeiten fertig waren. Aber das war erst der Anfang. Es war unmöglich, Gäste ohne eine Lizenz für längere Zeit zu beherbergen, deshalb liefen die Räumlichkeiten zunächst privat auf Oibeks Namen. Die nächsten sechs Monate nahmen die Freunde Gäste nur bis zu 3 Tagen auf, und dass unter Couchsurfing-Bedingungen – also kostenlos.

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Die Idee für den Namen „Topchan“ kam Rafael, als er sich an eine seiner Reisen nach Indien erinnerte, wo er in einem Bungalow geschlafen hatte. Der Topchan, eine ebenso preisgünstige Variante zum Übernachten, nur eben in Usbekistan, sollte die Essenz des Hostels widerspiegeln. Zunächst wollten sie es „Shared Topchan“ nennen, da die Gäste ein Dach miteinander teilen würden (von Sharing Economy – die Wirtschaft der geteilten Nutzung), aber dann vereinfachten sie den Namen zu Topchan Hostel.

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Hostels leben von positiven Bewertungen
Auf die ersten Gäste mussten sie nicht lange warten, sowohl Rafael als auch Oibek sind wohlbekannt in Backpacker-Kreisen. Anfangs konnten sie noch keine Mitarbeiter einstellen, deshalb machte Rafael, der im Hostel wohnte, die meiste Arbeit selbst – auch mal aufräumen und den Müll rausbringen.

Im Januar 2015 erhielten sie die langersehnte Lizenz. Sie benötigten dafür die Genehmigung von insgesamt 12 Instanzen, darunter das Gesundheitsamt, die Brandschutzbehörde und der Nationale Sicherheitsdienst. Danach lief die Sache rund – das Unternehmen registrierte sich bei Booking und TripAdvisor, bekam die ersten guten Rezensionen und hohen Bewertungen, stellte Mitarbeiter ein. Mittlerweile sind es sieben Personen, während der Saison (im Sommer) auch mal bis zu zehn in Schichten. Ins Team nehmen sie Leute mit guten Englischkenntnissen, da die Gäste hauptsächlich aus europäischen Ländern kommen. Manche Mitarbeiter wohnen direkt im Hostel – eine notwendige Maßnahme, da Gäste manchmal mitten in der Nacht ankommen.

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Trotz der Fülle an positiven Rezensionen und dem stetigen Strom an Gästen machte das Projekt in den drei Jahren seines Bestehens keinen Profit. Noch schlimmer – wegen der unverhältnismäßigen Steuern müssen die Hostelbetreiber noch Eigenmittel ins Topchan investieren, die sie in parallelen Projekten verdienen.

Gäste halten den Enthusiasmus am Laufen
Im zweiten Stock gibt es einen echten Topchan, wo die Mitarbeiter manchmal gemeinsam mit den Gästen Filme oder Fußball schauen. Oft gibt es Filmabende, aber nur für Gäste, oder Kochsessions. Während der Saison, meist im Sommer, ist das Topchan voller Menschen für die das Reisen zu einer Lebens- und Denkart geworden ist. Die beiden Hostelbesitzer leben für solche Momente, die sie inspirieren und zum Weitermachen bewegen, trotz aller Schwierigkeiten mit Steuern und nächtlichen Inspektionen durch Behörden.

Rafael und Oibek betrachten das Topchan nicht mehr als kommerzielles Projekt – es soll sicherstellen, dass die Menschen, die dort arbeiten, ein Einkommen haben, damit sie ihre Familien ernähren können. Damit Backpacker die Möglichkeit haben, günstig in Usbekistan zu leben, so dass die Gründer selbst von der Energie ihrer dankbaren Gäste schöpfen können und verstehen, dass sie etwas Gutes tun.

„Wir nehmen 1000 Gäste pro Jahr auf und mit vielen von ihnen sind wir bis heute in Kontakt. Viele Gäste haben praktisch die gleiche Route: Sie kommen in Taschkent an, fahren weiter nach Samarkand, Buchara und Chiva, einige kehren dann zurück nach Taschkent, andere fahren über Samarkand nach Tadschikistan, über Chiva und Buchara nach Turkmenistan. Grob gesagt, unsere Gäste sind sogenannte land border crossing tourists. Dass sind nicht diejenigen, die für eine Woche Urlaub kommen“, so Rafael.

Chancen und Hindernisse für Usbekistans Tourismus
Oibek und Rafael sehen als Vertreter der Branche eine Reihe an Faktoren, die die Entwicklung des Tourismus in Usbekistan behindert:

  • Ein Hostel zahlt die gleichen Tourismusabgaben wie ein Hotel – 10% des Mindestlohnes, obwohl eine Nacht im Hotel bei 35$ anfängt, und im Hostel, auch im Topchan, nur zwischen 3-10$ kostet. Das ist ungerecht, touristische Abgaben sollten je nach Art und Anzahl der Zimmer besteuert werden
  • Der erste Eindruck eines Touristen, der in Taschkent landet, entsteht während des Durchquerens der Grenzkontrolle, wo üblicherweise viel Gedränge von Geschäftsleuten herrscht. Stellen Sie sich einen Touristen vor, der voller Informationen über unsere Kultur, Geschichte, Tradition, unsere Gastfreundschaft anreist, und dann trifft er auf ein zweistündiges Gewühl und Gerangel, ein wahrer Kampf ums Überleben. Es sollte in der Ankunftshalle 20 Kontrollpunkte geben, wo sie 18 Mitarbeiter abfertigen, dann wird der ganze Prozess kurz und schmerzlos, im direkten und im übertragenen Sinne
  • Es müssen elektronische Visa für alle europäischen Länder und Amerika eingeführt werden. Diese sollten außerdem „upon arrival“ ausgestellt werden, so dass es weniger Probleme mit Fristüberschreitungen gibt. So erreichen wir, dass die grenzüberschreitenden Touristen nicht mehr unser Land umgehen
  • Um ein Visum zu erhalten, muss man derzeit eine Einladung vorweisen, die ohne Bekannte im Land für eine beträchtliche Summe über Reiseagenturen ausgestellt wird
  • Ein weiteres Hindernis ist die Registrierungspflicht. Ein einfaches Beispiel: Zu uns ins Topchan kam ein junges Paar aus Schottland, das an der Mongol Rally teilgenommen hat. Das ist eine Art Autorennen, es beginnt im britischen Goodwood und endet in Ulan-Bator in der Mongolei. Das Rennen muss man im Kleinwagen absolvieren. Und jetzt kamen diese müden Reisenden zu uns mit einer Reihe von Problemen bei der Verlängerung ihrer Registrierung. Und deshalb konnten wir sie nicht bei uns aufnehmen. Verstehen Sie die Situation? Die Leute sind bereit zu zahlen, ich habe Platz, aber ich darf nicht. Noch dazu bin ich verpflichtet, sie bei der örtlichen Visabehörde zu melden, damit sie die Reisenden abführen und des Landes verweisen. Es ist nicht schwer zu erraten, mit welchem Eindruck die Reisenden Usbekistan verlassen hätten, wenn wir streng nach Protokoll gehandelt hätten. Wir waren gezwungen, ihnen die Unterkunft zu verweigern, alles was wir anbieten konnten war ein Parkplatz und die Möglichkeit, das Notwendigste im Hostel zu nutzen. Sie haben dann in ihrem kleinen Auto übernachtet.

Neuer Wind auch im Tourismus-Sektor
Weil sie viel über die Schwierigkeiten bei der Einreise nach Usbekistan hören, reisen die Touristen lieber nach Kirgistan oder Kasachstan, wo sie weniger Kopfzerbrechen haben. Aber Städte wie Buchara, Samarkand, Chiwa oder Shahrisabz gibt es nirgends anders mehr und Geschichte kann man nicht einfach an einem anderen Ort neu aufbauen. Ach, wir sind nicht in der Lage, das touristische Potential unserer wunderschönen Heimat richtig auszuschöpfen, weil die Frage der Sicherheit immer dominiert und mit der Holzhammermethode durchgesetzt wird. Wir berauben die Menschen also absichtlich unseres kultur-historischen Reichtums“, sagt Rafael.

Ja, der Enthusiasmus schwindet angesichts erzwungener Treffen mit Beamten. Uns hat bis vor kurzem sogar manchmal der Gedanke begleitet, alles aufzugeben und unser Hostel anderswo aufzumachen, wo Touristen weniger Probleme haben. Aber die vielen positiven Nachrichten in den letzten Monaten haben uns ermutigt. Die Einführung des einheitlichen Touristenvisums, die begonnenen Bauarbeiten zur Verbesserung des Flughafens, die Beschlüsse zur Entwicklung des Tourismus zeigen, dass in diesem Sektor schließlich doch große Veränderungen zum Besseren begonnen haben“, resümiert Oibek.

Aus dem Russischen von Alexandra Wedl

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Kommentare
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    Hallo Oibek, hallo Rafael,
    ich war bereits 3 x in Usbekistan. Ich kenne die Reiseleiter Jurabek Sharipov, Ulugbek Djahangirov, Oybek Ostanov und Olga Antonowitsch.
    Alle ganz liebe Menschen. Ich werde Euer wunderschönes Heimatland nochmal besuchen. Ich wünsche Euch alles gute und macht weiter so.
    Solche Leute wie Ihr es seid, braucht Usbekistan.

    29 März 2018

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