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Auf direktem Weg in die Slums: Warum die Urbanisierung Usbekistans nicht ohne Risiken ist

Seit 2018 wird die Urbanisierung Usbekistans von der Regierung politisch gefördert. Dennoch verläuft dieser Prozess nicht ohne Probleme. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei Fergana News. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. 

Ende 2018 verkündete der Präsident von Usbekistan Schawkat Mirsijojew in seiner traditionellen Ansprache an das Parlament, dass die Steigerung der Urbanisierung des Landes unvermeidbar sei. Heute beträgt der Verstädterungsgrad in Usbekistan etwa 35,5 Prozent. Bis zum Jahre 2030 soll er, so der Plan des Staatsoberhauptes, auf bis zu 60 Prozent ansteigen: „Wenn wir keine Maßnahmen ergreifen, werden unsere Dörfer vollkommen verfallen.“ unterstrich er.

Kaum einen Monat später erließ das Präsidialamt ein Dekret mit dem Titel „Über Maßnahmen zur grundlegenden Verbesserung des Urbanisierungsprozesses.“ Dem Dokument zufolge lässt sich in Usbekistan bereits ein Wachstum der Städte beobachten. Allerdings verlaufe dieser Prozess eher schleppend: In den letzten Jahren seien nur sechs neue größere Siedlungen entstanden. Die Gesamtzahl stieg von 1065 auf 1071.

Tatsächlich findet nicht erst seit den letzten zehn Jahren eine Urbanisierung des Landes statt. Jedoch müsste man eher von einer „Taschkentisierung“ sprechen. Es ist kein Geheimnis, dass die Bewohner der Regionen in die Hauptstadt strömen. Unter dem früheren Präsidenten Islam Karimow war Taschkent praktisch eine geschlossene Stadt. Um dort eine Niederlassungserlaubnis zu bekommen brauchte man fast magische Kräfte.

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Die Menschen aus den Regionen kamen dennoch zuhauf, aber bei jeder Dokumentenkontrolle durch die Bezirksinspektion mussten sie sich eine Geschichte ausdenken, z.B. dass sie nur für ein paar Tage zu Gast seien, oder ein Gespräch mit den Worten „Vielleicht können wir uns anderweitig einigen…“ beginnen (Bestechung). Das ist eine Besonderheit der usbekischen Urbanisierung. Gleichzeitig ließ sich eine andere Tendenz beobachten: die Landbevölkerung verließ die Dörfer auch auf direktem Weg ins Ausland. Inoffiziellen Angaben zufolge befinden sich über 5 Millionen usbekische Staatsbürger, auf der Suche nach einem besseren Leben, im Ausland.

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Zurzeit lebt die Bevölkerung Usbekistans etwa zu gleichen Teilen in der Stadt und auf dem Land. Laut Angaben des staatlichen Komitees für Statistik wurden am 1.Oktober 2018 mehr als 33 Millionen Einwohner im Land gezählt, davon nur etwas mehr als 50 Prozent Stadtbewohner und der Rest ländliche Bevölkerung. Dieses Verhältnis wird sich jedoch aufgrund der beschleunigten Verstädterung bereits in den nächsten Jahren drastisch verändern.

Im Dekret des Präsidenten wird gar von der Gründung einer ganz neuen staatlichen Institution gesprochen – einer Agentur für Urbanisierung innerhalb des Ministeriums für Wirtschaft und Industrie. Sie wird ein Programm für die Umsiedlung der Arbeitskräfte von den Dörfern in die großen Siedlungen entwickeln. Darüber hinaus soll sich die Agentur darum kümmern, die neuen Stadtbewohner in den Arbeitsprozess einzugliedern.

Usbekistans Bau-Boom

Interessierte Agenturen wurden beauftragt, bis zum 1. Juli dieses Jahres ein Konzept für die Entwicklung der Urbanisierung Usbekistans zu erstellen und dabei die Schaffung neuer Städte und Satellitenstädte zu berücksichtigen. In diesem Zusammenhang wird vor allem der Bauwirtschaft eine besondere Beachtung zuteil. Allein in diesem Jahr werden laut Investitionsprogramm etwa 8 Milliarden US-Dollar investiert.

Es sieht so aus, als würde das vom Staat unterstützte Wachstum der Städte unter Zeitdruck stattfinden. Aber in wie weit ist diese künstliche Urbanisierung Usbekistans nötig und welche positiven und vor allem auch negative Folgen bringt sie mit sich? Der Forschungsleiter des Instituts für Demographie Nikita Mkrttschjan meint, dass die Regierung den Prozess der inneren Migration und Urbanisierung nicht kontrollieren sollte:

 „Es ist schön zu hören, dass die Regierung sich zumindest auf dem Papier Gedanken um die Entwicklung der Städte macht. Aber man sollte sich die Erfahrungen von anderen Regierungen ansehen. In den Nachbarländern (in Kasachstan, Kirgistan, der Mongolei und in Russland – dort insbesondere im Kaukasus) wachsen die Vorstädte der Großstädte schnell und teilweise ungehemmt…allerdings ohne die entsprechende Infrastruktur (Anmerkung: Verkehr und soziale Infrastruktur). Daraus resultieren Probleme. In diesen Gegenden leben Menschen mit wenig Geld, die vom Land kommen, sich keine Wohnung in der Stadt kaufen können, aber dort arbeiten müssen, um Geld zu verdienen.“

Bauboom Duschanbe Tadschikistan

 

„Wenn diese Prozesse in Usbekistan früher eingedämmt wurden, so ist mit einem Politikwechsel ein explosionsartiges Wachstum möglich. Die Bevölkerung außerhalb der Großstädte ist groß, das Migrationspotenzial gewaltig. Satellitenstädte sind eine gute Idee, aber in Moskau beispielsweise haben sie nicht den erwünschten Effekt gehabt. Die Stadt breitet sich immer noch aus wie ein Ölfleck. Bevor man neue Städte baut, sollte man also erst einmal überprüfen, ob in den Alten alles in Ordnung ist.“ so der Experte für Demographie Mkrttschjan

„Sollten nicht zuerst dort die bestehenden Probleme, wie baufällige Wohnungen, Umweltprobleme, der Abbau schädlicher Industrien sowie die Abfallentsorgung gelöst werden? Es wäre gut, wenn die usbekische Regierung zumindest einige Probleme, die mit dem forcierten Wachsen der Städte zusammenhängen, lösen könnte. Ich denke, alle Probleme können auch mit großen finanziellen Möglichkeiten nicht gelöst werden.“

 Die Probleme unkontrollierter Urbanisierung

Sergej Abaschin, Professor an der Europäischen Universität Sankt Petersburg und Spezialist für Migration bezeichnet die geplante Urbanisierung zwar als normale Praxis. Allerdings bringe eine unkontrollierte Verstädterung eine Menge Probleme mit sich: „Wir sehen das am Beispiel von Bischkek, wo sich am Stadtrand unkontrolliert tausende Menschen aus ländlichen Gebieten angesiedelt haben. Es gibt dort faktisch ganz neue Stadtteile ohne ausgebauter Infrastruktur und schwierigen sozialen Verhältnissen. Es muss etwas getan werden, um eine solche Situation zu verhindern.“, meint Abaschin.

„Die ländlichen Gebiete in Usbekistan sind relativ überbevölkert. Dort gibt es viele Menschen und wenig Arbeit (deshalb migrieren die Menschen vor allem ins Ausland) und die neuen Arbeitsplätze, in der Industrie oder im Dienstleistungssektor, entstehen in den Städten. Deshalb ist die Urbanisierung notwendig, und die Städte müssen darauf vorbereitet werden – eine vernünftige Infrastruktur muss geschaffen werden, sowie Sozialprogramme.“

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Eine ähnliche Sicht vertritt auch ein weiterer Spezialist, Artjom Kosmarskij, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Orientalistik der Russischen Akademie der Wissenschaften: „Auf den ersten Blick sind die Initiativen der usbekischen Regierung zukunftsträchtig, ich würde sogar sagen revolutionär. Zumindest innerhalb der GUS kenne ich keine vergleichbaren Initiativen, bei der sich spezielle Regierungsorgane organisiert um die landesweite Urbanisierung kümmern. In Kasachstan beispielsweise wird die Urbanisierung als Problematik, sogar als eine Art Unglück betrachtet.“

„Auf der einen Seite verläuft die Urbanisierung sehr langsam, weil die Menschen eher auswandern, als in die Städte zu ziehen. Auf der anderen Seite kann sie zu Slums und einer chaotischen Entwicklung führen, sowie die soziale Infrastruktur (Kindergärten, Schulen, usw.) überlasten. Daher wirkt die derzeitige Politik Usbekistans wie die Neubelebung der Prinzipien des 20.Jahrhunderts, ich würde sagen –  der sowjetischen Prinzipien. Damals organisierte der Staat (so wie in vielen Ländern der Welt) selbst die Prozesse der Urbanisierung und forcierte diese sogar. Damit diese Politik gelingt braucht es aber natürlich Ressourcen und einen Willen, die mit den Ressourcen und dem Willen der UdSSR als Land mit einer Planwirtschaft vergleichbar sind,“ erklärt Spezialist am Institut für Orientalistik Kosmarskij.

Nach den Gesetzen des Dorfes

Die Nutzer der sozialen Medien kommentieren aktiv die neuen Entwicklungen. Vor allem die Stadtbewohner nehmen die Urbanisierung vorwiegend als „Taschkentisierung“ wahr. Seitdem sie das Recht auf eine vereinfachte Registrierung in der Hauptstadt erhalten hat, sowie die Möglichkeit, eine vergünstigte Hypothek zu beantragen und eine Anstellung zu erhalten, drängt die ländliche Bevölkerung nach Taschkent. So zumindest sehen es viele Kommentatoren und äußern diesbezüglich ihre Bedenken. Sie meinen, die Dorfbewohner kämen in die Stadt und brächten ihre eigenen Gesetze mit. 

 „Der Fahrstuhl ist für sie eine Toilette, der ganze Hof ist voller Sonnenblumenkerne, sie schließen die Türen nicht, sie verbrennen Öl in den Wohnungen… der Geruch ist einfach schrecklich… und dann gibt es noch einen mit Hühnern auf dem Balkon! Außerdem vermieten sie die Wohnungen unter, sie lassen 10 Leute dort übernachten…und sie lieben es, ihren Müll auf dem Spielplatz zu entsorgen“, so beschreibt eine Hauptstadtbewohnerin ihre Erfahrungen mit den neuen Nachbarn.

Viele verstehen nicht, warum Umsiedlungen organisiert werden, wenn es auch in der Stadt schwierig ist, eine Arbeit zu finden. Dadurch würde schließlich nur die Anzahl der Arbeitslosen sowie die Kriminalität steigen. Denn die Menschen sind zu allem bereit, solange sie damit nur sich und ihre Familien ernähren können.

Boysun im Süden Usbekistans

Aber der, nennen wir es mal dörfliche Lebensstil, ist halb so schlimm. Den neuen Bewohnern der Städte kann man alles beibringen, sie sozusagen erziehen. Das wahre Problem ist die Infrastruktur. Bekanntermaßen gibt es in Usbekistan nicht ausreichend Schulen, eben sowenig Kindergärten und medizinische Einrichtungen. In den Plänen der Regierung ist der Bau von Bildungseinrichtungen und Kliniken vorgesehen, es wird davon ausgegangen, dass daran sowohl staatliche als auch private Unternehmer beteiligt sein werden. Aber es gibt ein weiteres Problem – ein personelles: Ein akuter Mangel an Pädagogen und Ärzten muss in den nächsten Jahren behoben werden. Das ist allen klar.

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Man kann versuchen sich vorzustellen, wohin die Urbanisierung in den nächsten Jahren führen wird: Zuerst einmal sind das Schulen, die in drei Schichten arbeiten, mit Lehrern, denen die nötigen Qualifikationen fehlen oder sogar ganz ohne pädagogische Ausbildung. Dazu lange Schlangen für Krankenhäuser und Vorschuleinrichtungen. In Folge der stark wachsenden Nachfrage werden die Preise der Dienstleistungen privater Kliniken und Kindergärten steigen. Auch die Immobilienpreise werden steigen, was zu einer erneuten Inflation führen wird. Darüber hinaus wird es ständige Probleme mit der technischen Kommunikation und dem Verkehr geben. Und so weiter und so fort.

Vielleicht wäre es besser, das Programm zur Verbesserung der Dörfer fortzusetzen, anstatt zu versuchen, aus dem Agrarland Usbekistan ein Industrieland zu machen. Zum Beispiel könnte man abgelegene Dörfer mit Gas und Elektrizität versorgen, so dass die Bevölkerung unter besseren Bedingungen Landwirtschaft und Tierhaltung betreiben kann, sowie andere traditionelle Tätigkeiten, die nicht nur ihnen selbst, sondern dem ganzen Land Wohlstand bringen könnten.

Die Erde den Bauern?

Eine weitere durch Mirsijojews Dekret genehmigte Maßnahme soll es den Bürgern ermöglichen, Land zu privatisieren, auf dem sich bereits ihre Häuser befinden, oder auf dem Wohnungen geplant sind. Darüber hinaus soll die Privatisierung von Land auch Organisationen ermöglicht werden, wenn dort Industrieanlagen oder ähnliche Strukturen gebaut werden sollen. Bis zum 1.Juli 2019 erarbeiten Spezialisten entsprechende Privatisierungsverfahren. Es steht bereits fest, dass der Prozess kostenpflichtig sein wird, die genaue Höher der Gebühr wird das Kabinett allerdings erst noch bekannt geben.

Im vergangenen Jahr wurde in der Gesetzesvorlage über die Bereitstellung von illegal errichteten Gebäuden als Privateigentum die Höhe einer einmalige Gebühr bekannt gegeben – zehn Mindestlöhne: das sind etwas mehr als zwei Millionen usbekische Sum (243 US-Dollar). Es ist unwahrscheinlich, dass die Böden den Bürgern in Zukunft für weniger zur Verfügung gestellt werden. Diese Möglichkeit der Privatisierung gilt übrigens nicht für landwirtschaftliche Flächen.

Die Initiative, die die Privatisierung betrifft, wurde vom Präsidenten auch in der bereits erwähnten Botschaft an das Parlament angesprochen: „Der Unternehmer sollte Sicherheit für die Zukunft haben, in dem Sinne, dass nicht irgendein Beamter ihn zwingt, Gebäude abzureißen, oder ihm das Land wegnimmt. Soll er das Gebäude und das Land kaufen! Durch die Einführung des neuen Systems werden wir den Wohlstand der Menschen erhöhen.“

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Laut Behörden soll der Verkauf der Böden auch die Urbanisierung in Gang bringen. Die Einnahmen aus der Registrierung von Grundstücken durch Unternehmer und Privatpersonen werden auf das Konto des neu geschaffenen Fonds für die Entwicklung der Urbanisierung fließen. Aus dieser „Spardose“ wird die Regierung sowohl die Erarbeitung der Generalpläne für Städte und Satelitenstädte, als auch den Bau von nötigen Transporteinrichtungen, sowie von technischer und sozialer Infrastruktur finanzieren. Ein Teil der Mittel wird zudem für die Bedürfnisse des nationalen Hypothekenmarktes eingesetzt.

Urbanisierung der Zukunft- wie geht man damit um?

Privatisierung ist prinzipiell etwas Gutes. Allerdings, so bemerken einige pessimistische Nutzer der sozialen Netzwerke, sei es das Wichtigste, dass die Regierung nicht später dieses Gesetz zu ihren Gunsten nutze und die Erde für irgendwelche Verstöße missbrauche. Wie bei privaten Grundstücken, für deren ineffiziente Nutzung in Usbekistan Bußgelder verhängt werden oder gar das Eigentumsrecht entzogen werden kann.

Um zur Urbanisierung zurückzukehren: sie ist kein usbekisches Phänomen, sondern ein Prozess, der die ganze Welt erfasst hat. Laut Angaben der Weltbank ziehen täglich hundertachtzig tausend Menschen in größere Siedlungen/Städte und bis zum Jahre 2050 werden zwei Drittel der Weltbevölkerung Städter sein (heute sind es etwa die Hälfte). Tatsächlich zählt der Großteil der Umsiedler am Ende zu den ärmsten Bewohnern der Städte. Deshalb stellen sich nationalen Führungskräften und internationalen Experten eine Reihe von Fragen: „Wo werden die neuen Stadtbewohner leben? Welches Land sollen sie nutzen? Auf welche Schulen werden ihre Kinder gehen? Wie wird der Müll entsorgt werden? Wo sollen sie wählen? Wer wird sie schützen?“ Bis diese Fragen nicht eindeutig beantwortet sind, erscheint die Urbanisierung Usbekistans eher wie eine populistische Idee, als wie ein ernsthafter Versuch, den Lebensstandard der usbekischen Bevölkerung zu erhöhen.

Fergana News
Aus dem Russischen von Julia Schulz

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