Wenn die Stadt in Smog gehüllt ist und sich ein saurer Geschmack auf der Zunge und ein leichtes Kratzen im Hals bemerkbar machen, wissen alle Einwohner:innen von Öskemen, dass es am Vortag Emissionen gab. Dann sieht man Passant:innen mit Atemschutzmasken und Schulkinder mit Gasmasken auf den Straßen, und in den sozialen Medien posten Umweltschützer:innen und die Stadtverwaltung über ungünstige Wetterbedingungen, über die sich die Einheimischen bereits bitter lustig gemacht haben.
Eine aktuelle Studie des Zentralasiatischen Projektbüros für Klimawandel und grüne Energie ergab, dass die Luftverschmutzung in Öskemen in den letzten zehn Jahren durchgehend als hoch eingestuft wurde. Nur einmal, im Jahr 2016, wurden lediglich erhöhte Werte gemessen. In den beiden Jahren zuvor wurde die zulässige Höchstkonzentration an Schadstoffen in Öskemen 14.700 Mal überschritten. Das entspricht etwa 20 Messungen pro Tag.
„The Village“ sprach mit Anwohner:innen, um herauszufinden, wie es ist, in einer Stadt zu leben, in der Häuser, Autos und Menschen in einem grauen Dunst verschwinden und die Straßen nach Schwefel stinken.
„Wir warten darauf, dass man endlich aufhört, so zu tun, als ob nichts wäre“
„Ich sehe in der Ferne eine Stadt, die gar nicht existiert“, schimpft Korneliuk im Taxi. Wie bezeichnend: Öskemen erscheint tatsächlich durchs Fenster, in einen leichten Dunst gehüllt. Am Steuer sitzt Serik Aga, der Taxifahrer. Er ist 58 Jahre alt und lebt seit 40 Jahren in Öskemen.
„Ich habe schon alles gesehen: Emissionskontrollen, Inspektionen und leere Versprechungen. Immer wieder heißt es dasselbe: Die Fabriken arbeiten vorschriftsmäßig, und das Wetter ist schuld. Nun ja, unser Wetter macht uns natürlich zu schaffen. Die Leute haben es einfach satt, immer nur zu hoffen. Wir erwarten nicht mehr, dass die Luft so ist wie in den Bergen. Wir warten darauf, dass man endlich aufhört, so zu tun, als ob nichts wäre“, sagt er.
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Als vereinsgetragene, unabhängige Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen – und von eurer Unterstützung!Serik Aga fügt hinzu, dass er an manchen Tagen die Fenster seines Taxis nicht öffnet, um zu verhindern, dass das gesamte Fahrzeug vom Geruch des Rauchs durchdrungen wird. Allein im Oktober wurden in der Stadt 18 Mal widrige Bedingungen verzeichnet – an mehr als der Hälfte der Tage des Monats. Sensoren von Kazhydromet zeigten Überschreitungen der zulässigen Höchstkonzentrationen von Schadstoffen wie Schwefeldioxid, Kohlenmonoxid und Schwefelwasserstoff. Jeder dieser Stoffe hat schädliche Auswirkungen auf den Körper, deren Folgen nicht nur von der Konzentration, sondern auch von der Expositionsdauer abhängen.
Schwefeldioxid, eines der aggressivsten Reizstoffe für die Atemwege, verätzt beim Einatmen die Schleimhäute. Dies verursacht Halsschmerzen, trockenen Husten, Bronchospasmen und kann zu einem Lungenödem führen. Dabei füllen sich die Atemwege mit Flüssigkeit und können ihre Hauptfunktion – die Sauerstoffversorgung des Körpers – nicht mehr erfüllen. Menschen mit Asthma, Allergien oder einer geschwächten Lunge leiden besonders stark: Schon geringe Überschreitungen der zulässigen Höchstkonzentration können Asthmaanfälle auslösen.
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Kohlenmonoxid ist besonders gefährlich, weil es unsichtbar ist. Es ist farb-, geruch- und geschmacklos, bindet sich aber fast augenblicklich an Hämoglobin und verdrängt dabei Sauerstoff. Vereinfacht gesagt: CO blockiert die Fähigkeit des Blutes, Sauerstoff zu Geweben und Organen zu transportieren. Betroffene leiden unter Schwäche, Schwindel, Tinnitus und Anzeichen von Sauerstoffmangel. In hohen Konzentrationen führt Kohlenmonoxid zu Bewusstlosigkeit und Tod. Und jede chronische – selbst geringfügige – Exposition führt dazu, dass der Körper monatelang ein Gefühl der Erstickung verspürt.
Schwefelwasserstoff ist an seinem charakteristischen Geruch nach faulen Eiern erkennbar. Seine Tücke liegt jedoch darin, dass der Geruchssinn bei hohen Konzentrationen schnell abstumpft – man verliert die Fähigkeit zu riechen, obwohl das Gas weiterhin wirksam ist. Das Gas schädigt direkt das Nervensystem und die Zellen des Atemzentrums im Gehirn. Bei längerer oder starker Exposition kann es zu Krampfanfällen, Lungenödemen, Bewusstlosigkeit und in schweren Fällen zu Atem- und Herzstillstand führen.
Diese Substanzen haben eines gemeinsam: Sie sind alle giftig, insbesondere für Kinder, ältere Menschen und chronisch Kranke. Und noch wichtiger: Die „leicht erhöhte“ Konzentration ist nicht nur eine Position in einem Umweltbericht, sondern hat reale Auswirkungen auf den Körper, die sich Tag für Tag summieren.
Fernunterricht wegen Luftverschmutzung
Im Oktober berichteten Umweltschützer:innen, dass die Luftmessungen kritische Werte aller drei Substanzen ergeben hatten. Die Schulen stellten auf Fernunterricht um. Doch für diejenigen, die hier täglich leben, bieten weder Fernunterricht noch offizielle Berichte eine Rettung. „Öskemen ist eine Stadt, die einen nicht loslässt. Selbst wenn alle Fenster geschlossen sind, atmet sie das Gas mit uns ein“, sagt Alina, eine junge Mutter aus Öskemen.
Sie fügt hinzu, dass es in ihrer Heimatstadt schwierig sei, den Empfehlungen von Kinderärzt:innen zu folgen und regelmäßig mit einem Kleinkind spazieren zu gehen. Vor jedem Spaziergang überprüft Alina die Luftqualität mithilfe einer App. Sie achtet auf erhöhte Schadstoffkonzentrationen, da dies direkten Einfluss darauf hat, ob der Spaziergang für ihre Tochter schädlich sein könnte.
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„Ich liebe unsere Stadt sehr. Ich habe fast mein ganzes Leben hier verbracht und kenne jeden Winkel. Ich bin sogar nach meinem Studium in Europa zurückgekehrt. Meine Eltern, meine Familie und meine Verwandten leben hier. Das ist mir wichtig. Aber mein Mann und ich überlegen ernsthaft, umzuziehen. Wir wollen nicht in einer Stadt leben, die im Grunde eine Umweltkatastrophe ist. Jetzt, nach der Geburt unserer Tochter, steht die Gesundheit unseres Kindes an erster Stelle. Mein Mann hat bereits angefangen, sich nach Stellenangeboten in Astana umzusehen. Wir denken darüber nach, langsam dorthin zu ziehen. Natürlich ist es unwahrscheinlich, dass wir meine Eltern überzeugen können, aber ich mache mir ständig Sorgen um ihre Gesundheit. Ich glaube, die Emissionen hier führen zu einer sehr hohen Krebsrate“, fügt Alina hinzu.
Kampf gegen Windmühlen
Doch nicht jeder kann sich einen Umzug leisten. Für viele ist Öskemen eine Stadt, die mit Arbeit, Heimat, Erinnerungen und Wurzeln verbunden ist. Einer von ihnen ist Andrej (Name auf Wunsch des Betroffenen geändert). Er ist 33 Jahre alt und Ingenieur in einem Hüttenwerk, einem jener Betriebe, die das Industriebild der Region seit Jahrzehnten prägt.
„Ich arbeite seit meinem 22. Lebensjahr in diesem Werk. Es bietet ein sicheres Gehalt, Sozialleistungen und eine Sicherheit, die man sonst nirgends findet. Und ja, wir wissen, dass die Industrie einen großen Beitrag zum Umweltverschmutzung leistet. Aber ich kann nicht einfach kündigen. In Ust-Kaman (Koseform von Ust-Kamenogorsk, dem russischen Namen von Öskemen, Anm. d. Ü.) habe ich eine Hypothek auf meine Wohnung, meine Eltern, meine Frau und meinen schulpflichtigen Sohn“, erklärt Andrej.
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Er spricht ruhig, doch seine Worte verraten die Müdigkeit der Jahre. „Wir sind keine Feinde unserer Stadt. Wir wollen normal leben. Und es gibt Leute im Werk, die versuchen, etwas zu verändern: Wir installieren Luftreinigungssysteme, überwachen die Emissionen. Aber es scheint ein endloser Kampf gegen Windmühlen zu sein. Das Wetter ist schuld, das Gelände ist schuld, die Menschen selbst sind schuld – aber bloß nicht das System. Es ist, als ob Smog erst dann existiert, wenn er von einer Kamera erfasst wird“, fügt er hinzu.
Andrej erzählt, sein Sohn habe letztes Jahr zweimal wegen Atemproblemen die Schule verpasst:
„Die Ärzte sagen, es seien Allergien, eine schwache Lunge. Aber ich denke, welche Chance hat ein Kind, eine starke Lunge zu entwickeln, wenn es in dieser Luft lebt? Wissen Sie, was wir uns wünschen? Einfach nur atmen zu können. Keine Apps, keine Sensoren, keine Atemwegsmanagement-Geräte. Einfach nur frische Luft.“
Stadt der Gegensätze
Öskemen ist eine Stadt der Gegensätze. Sie ist wunderschön und gemütlich, umgeben von Bergen und zwei Flüssen. Sie blickt auf eine reiche Geschichte zurück und für ihre Einwohner:innen ist sie weit mehr als nur ein Punkt auf der Landkarte. Doch sie ist auch eine Stadt, in der die Einwohner:innen jeden Tag für das Recht auf saubere Luft kämpfen.
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In der Luft lösen sich nicht nur Schwefeldioxid, Kohlenmonoxid und Schwefelwasserstoff – mit ihnen zerbröckeln auch unsere vertraute Vorstellungen von Normalität. Kinder lernen im Fernunterricht nicht wegen der Pandemie, sondern wegen der Emissionen. Eltern überprüfen die Luftqualität häufiger als den Wetterbericht. Und Autofahrer:innen schließen die Fenster, um den Schwefelgeruch draußen zu halten.
Die Menschen leben, arbeiten und ziehen ihre Kinder groß, doch jeder Tag in Öskemen ist ein Tag des Hoffens auf den Wind, der den Smog vertreibt. Zumindest für ein paar Stunden oder Tage – bis die nächsten ungünstigen Wetterbedingungen eintreten.
Weitere Bilder findet ihr im Originalartikel.
Dana Bashirova für The Village
Aus dem Russischen von Robin Roth
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Öskemen: Leben mit dem Smog