Wie China die sogdische Kunst wiederentdeckt

Die SogdierInnen, ein Volk aus dem Zentralasien des Mittelalters, haben einen wesentlichen Einfluss auf die chinesische Kunst der Tang-Dynastie gehabt. Seit vielen Jahren erforscht Professor Jin Xu vom privaten Vassar College in New York die sogdische Kunst in China. Für Central Asian Analytical Network beleuchtet er diesen Teil der Geschichte. Wir übersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Obwohl wir nicht viel über das Leben der SogdierInnen in China wissen, ist es wichtig zu beachten, dass zu jener Zeit die Verbindung der sogdischen Elite mit China eine wichtige politische, wirtschaftliche und kulturelle Rolle in der Region spielte. Vor der arabischen Invasion waren die SogdierInnen als HändlerInnen bekannt, die chinesische Luxusgüter unter anderem in den Iran und an türkische Stämme lieferten. Wie der Historiker Richard Foltz schreibt, gründeten die SogdierInnen ihre Viertel in chinesischen Städten und genossen die Unterstützung der chinesischen Herrscher. Sie waren extrem reich und führten ein elegantes Leben, sowohl in China als auch in Sogdien. Die SogdierInnen waren in China nicht nur für ihr Talent in Bezug auf den Handel bekannt, sondern man erfreute sich auch ihrer Musik, Tänze und Kunst.

Mich fasziniert die sogdische Kunst seit meiner College-Zeit vor fast zwanzig Jahren. Chinesische Archäologen hatten damals in Nordchina eine Reihe von Sarkophagen, steinernen Särgen und Liegen entdeckt, die von sogdischen EinwanderInnen aus dem 6. Jahrhundert n. Chr. stammten. Diese wunderbar geschmückten Steine trugen Epitaphen über das Leben ihrer verstorbenen BesitzerInnen. Sie erzählten uns, woher sie kamen, warum sie nach China zogen und was sie erreichten. Diese Sarkophage markierten den Beginn der Forschung auf dem Gebiet der sogdischen Kunst im Kontext der chinesischen Kultur. Sie öffneten mir auch die Tür zur sogdischen Kunst.

Auf den Spuren sogdischer Kunst in China

Die SogdierInnen siedelten aus mehreren Gründen nach China über. Der Handel war davon der wichtigste, aber nicht der einzige. Sogdische Mönche waren beispielsweise unter den ersten buddhistischen Missionaren, die die Lehren Buddhas in China verbreiteten. Ab der Mitte des 6. Jahrhunderts hingen die chinesischen Herrscher in diplomatischen, kommerziellen, militärischen und sogar kulturellen Fragen immer mehr von der sogdischen Elite ab. Dies bewegte viele SogdierInnen dazu, aus Zentralasien und den Grenzgebieten Chinas in die politischen Zentren wie Luoyang, Chang’an und Yue zu migrieren.

Im 7. Jahrhundert, als die Kaiser der Tang-Dynastie das Türk-Kaganat besiegten, wechselten die sogdischen Eliten ihre Loyalität. Während sie früher für die Türken arbeiteten, zogen sie nun nach China. Aber nicht alle sogdischen EinwandererInnen in China stammten aus wohlhabenden oder elitären Familien. Unter ihnen waren viele BäuerInnen, KünstlerInnen, TänzerInnen und DienerInnen.

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Die sogdische Kunst in China umfasst fast alle großen Bereiche der Kunst im mittelalterlichen China (220 – 906 n. Chr.): Textilien, Nephrit- und Steinmetzarbeiten, Architektur, Malerei, Tanz, Musik, Theater und so weiter.

Sogdische KünstlerInnen spielten eine wichtige Rolle bei der Schaffung chinesischer imperialer Kunst, die sich bisher nur auf chinesische Motive konzentrierte. Am Ende des 6. Jahrhunderts diversifizierten die SogdierInnen die chinesische Kunst und machten sie kosmopolitisch. Die chinesische Kunst ist heute so reich und hat so viele verschiedene Motive, weil sie im Laufe ihrer langen Geschichte nie aufgehört hat, Stile, Motive und Techniken nicht-chinesischer Herkunft zu absorbieren. Die sogdische Kunst in China ist eines der auffälligsten Beispiele für diese Dynamik. Sie hat eine breite Palette von künstlerischen Traditionen der ganzen Seidenstraße vereint. Am wichtigsten ist, dass sie hat einen entscheidenden Beitrag zur Kunst der Sui– und der Tang-Dynastie (581 – 907 n. Chr.) geleistet hat – eine Zeit, die weithin als „goldenes Zeitalter“ der chinesischen Zivilisation gilt.

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Einer der bekanntesten Sogdier jener Zeit ist ein Immigrant der dritten Generation namens He Chou (ungefähr 543 – 622 n. Chr.). Er wurde zum Leiter der kaiserlichen Werkstatt ernannt, und in dieser Funktion änderte er die kaiserliche Kunst mit seinem tiefen Wissen über die chinesischen und sogdischen Kunsttraditionen.

Streng genommen bezieht sich der Begriff „sogdische Kunst in China“ auf die Kunst und Architektur sogdischer KünstlerInnen und HandwerkerInnen, die zwischen dem 6. und dem 10. Jahrhundert auf dem Territorium der chinesischen Dynastien lebten. Dennoch lebten viele sogdische KünstlerInnen und ihre Familien über mehrere Generationen in China und arbeiteten oft mit chinesischen KünstlerInnen zusammen. Aus diesem Grund wäre es genauer von „chinesisch-sogdischer Kunst“ zu sprechen.

Der Sarkophag des Virkak, 580 n. Chr.

Die sogdische Kunst hatte auch einen signifikanten Einfluss auf die Bilder in elitären Kreisen. Ein sogdischer Künstler namens Cao Zhongda schuf einen einzigartigen Stil beziehungsweise eine Schule, die nach ihm benannt wurde. Dieser sogenannte Cao-Stil wurde zu einem der berühmtesten Stile in der Geschichte der chinesischen Malerei.

Eine solche positive Einstellung zur sogdischen Kunst war der Elite eigen. Für die meisten ChinesInnen sah die sogdische Kunst hingegen seltsam, exotisch und geheimnisvoll aus. Belege dafür liefern überspitzte Karikaturen von SogdierInnen und ihren Gegenständen, die von chinesischen KünstlerInnen des 6. und 7. Jahrhunderts erschaffen wurden. Es ist wahrscheinlich, dass ein großer Teil der sogdischen Kunst, insbesondere solche Artefakte, die mit dem sogdischen religiösen Glauben in Verbindung stehen, ausschließlich für sogdische EinwanderInnen und nicht für ein breites chinesisches Publikum produziert wurde.

Der Einfluss der Religion

Das Erscheinen sogdischer Kuns in China ist eng mit dem Buddhismus verbunden, zu dem sich viele sogdische EinwanderInnen bekannten. Die SogdierInnen ließen buddhistische Höhlenkapellen und Statuen bauen, die oft sassanidische und zentralasiatische Motive enthielten und so die Identität ihrer Sponsoren widerspiegelten. Professor Annette Juliano wies auf die zahlreichen buddhistischen Elemente bei in China hergestellten sogdischen Kunstgegenständen hin. Diese Elemente sind nicht nur in Bildern, sondern auch bei der Landschaftsgestaltung und Architektur zu finden.

Der oben erwähnte sogdische Künstler Cao war vor allem für seine buddhistischen Bilder bekannt. Wie meine Forschungen gezeigt haben, wurde auf den Sarkophag des sogdischen Anführers Virkak das Leben des Verstorbenen im Stile des illustrierten Lebens des Prinzen Siddhartha dargestellt, welcher später zu Buddha wurde.

Sogdische Sarkophage sind reich verziert – hier mit einem “Bankett im Himmel” nach buddhistischen Motiven

Die sogdischen KünstlerInnen in China waren gut in sogdischen und chinesischen künstlerischen Traditionen versiert. Daher war es nicht verwunderlich, dass sie beiden Praktiken kombinieren konnten, um etwas völlig Neues und Innovatives zu schaffen. Zum Beispiel unterscheidet sich die zoroastrische Ikonographie auf Artefakten, die von den in China lebenden SogdierInnen geschaffen wurden, stark von der zoroastrischen Ikonographie, die wir in Zentralasien und Persien sehen. Die Himmelfahrt ist selten in der orthodoxen zoroastrischen Kunst zu sehen, wird aber oft auf Sarkophagen von sogdischen EinwanderInnen in China dargestellt. Die Darstellung ist sogar so detailliert, dass die Himmelfahrt in mehreren Stufen gezeigt wird, von der Beerdigung und dem Gang über die Brücke, die Leben und Tod trennt, bis hin zum Urteil über die Seele und ihre mögliche Ankunft im Paradies. Solch akribische Vorstellungen über das Leben nach dem Tod spiegeln den Einfluss der Tradition der chinesischen Kunstgräber wider. Dies kann man bis zu der Zeit zurückverfolgen, als die berühmten Terrakotta-Soldaten des Ersten Kaisers (259 – 210 v. Chr.) entstanden.

Als der Islam zur dominierenden Religion in der Heimat der SogdierInnen wurde und die An-Lushan-Rebellion zum Zusammenbruch der Tang-Dynastie führte, entwickelte sich ab Mitte des 7. Jahrhunderts die sogdische Kunst in China vollkommen anders als jene in Zentralasien. In Zentralasien wurde die sogdische Kunst von der damaligen islamischen visuellen Kultur absorbiert.

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Nach dem Aufstand des chinesischen Generals türkisch-sogdischer Herkunft An Lushan widersetzten sich die chinesischen Herrscher und Eliten ausländischen Elementen in der chinesischen Kunst und Kultur, einschließlich jenen der SogdierInnen. Die sogdische Kunst verlor an Popularität und Prestige. Die SogdierInnen litten unter dem Niedergang der Tang-Dynastie, ihre Kunst wurde als beschämend und dekadent angesehen. Sowohl chinesische als auch sogdische KünstlerInnen versuchten, die Zeichen des sogdischen Einflusses in ihren Werken zu tilgen. Obwohl zum Anfang des 11. Jahrhunderts noch viele Nachkommen der SogdierInnen in China lebten, kann man ihre Kunst kaum von der ihrer chinesischen Kollegen unterscheiden. Mi Fu, der einer der berühmtesten Kalligraphen und Künstler in der Geschichte Chinas ist und im 11.Jahrhundert lebte, hatte wahrscheinlich sogdische Vorfahren. Aber die Kunst von Mi Fu kann nicht einmal im Entferntesten mit der sogdischen Kunst verglichen werden, die wir aus früheren Zeiten kennen.

Sogdische Kunst im heutigen China

Der Einfluss der sogdischen Kunst auf die moderne chinesische Kultur ist bedeutend. Dies ist sowohl in der akademischen Forschung als auch in der Massenkultur stark zu spüren. In wissenschaftlichen Kreisen wird die sogdische Kunst in verschiedenen Bereichen gut erforscht; viele Artikel und Bücher über die sogdische Kunst wurden von den bekanntesten HistorikerInnen geschrieben.

Rekonstruierte sogdische Kleidung für die Serie “Der längste Tag in Changán” (2019)

In der Massenkultur kommt die sogdische Kunst bei Kunstausstellungen, in Büchern, Fernsehdramen und sogar in Freizeitparks zur Geltung. In letzter Zeit sprechen alle in den chinesischen sozialen Netzwerken über das Historiendrama „Der längste Tag in Chang’an“, welches an eine Sherlock-Holmes-Serie erinnert und über die Ereignisse in der Hauptstadt der Tang-Dynastie berichtet. In diesem Drama sieht man oft sogdische EinwandererInnen und ihre Kunst.

Derzeit sind sogdische Sarkophage und andere Beispiele der sogdischen Kunst in vielen Museen im Norden und Nordwesten Chinas zu sehen. Interessierten empfehle ich den Besuch des Shaanxi-Museums, des Xi’ an-Museums und des Shanxi-Museums.

Jin Xu für Central Asian Analytical Network

Aus dem Russischen von Robin Roth

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