Istanbul Türkei türkische Flagge

Die uigurische Diaspora in der Türkei: Zukunft (3/3)

Die Türkei, in der sich die uigurische Diaspora nach und nach niederlässt, bietet politischen und religiösen Rückhalt. Doch um welchen Preis? Der dritte und letzte Teil unseres Dossiers von Akhmed Rahmanov.

Hier geht’s zu den zwei ersten Teilen der Reihe zur Herkunft und Islamisierung der uigurischen Diaspora.

Die Türkei Recep Tayyip Erdogans strebt nach den grundlegenden geopolitischen Umstrukturierungen des Arabischen Frühlings (etwa in Libyen, Ägypten oder Jemen) danach, eine Vormachtstellung zu erreichen. Durch ihre Verwicklung in den Syrischen Bürgerkrieg hat sie medienwirksames Aufsehen erregt. Auffallend an der medialen Berichterstattung ist die Art und Weise, wie ihre Rolle in diesem Konflikt immer wieder zu Anschuldigungen von allen Seiten führten.

Kritische Artikel greifen daher die Widersprüchlichkeit einer politischen Strategie an, die es nicht immer erreicht, ihre eigenen nationalen Interessen gegenüber denen ihrer wichtigsten Alliierten des Westens oder des Nahen Ostens zu mäßigen. Zudem sieht sich die türkische Regierung immer stärker bedrängt von politischem Druck anderer Großmächte wie etwa Russland, dem Iran und China.

Die türkische Regierung unterstützt NGOs mit islamistischen Tendenzen

Genau genommen wird die türkische Regierung mitunter durch belastende Enthüllungen beschuldigt, radikalislamistische Bewegungen zu unterstützen, um einerseits den regimetreuen Truppen Bachar Al-Assads, andererseits den bewaffneten kurdischen Kämpfern entgegenzutreten. Aus Informationen verschiedener Medien geht hervor, dass die Türkei dabei nicht direkt eingreift, sondern ein ganzes Gefüge von NGOs nutzt, die der islamistischen Bewegung nahestehen.

Die Verbindungen dieser Gemeinschaften mit dem Staat bleiben schwammig und sind schwer nachzuweisen. Auf die Art kann der Staat schnell zurückweichen, falls die Situation umschlägt. In den vergangenen Jahren ist die Zahl dieser religiösen Organisationen stetig gestiegen und auch ihre öffentliche Sichtbarkeit wird immer größer.

NGOs mit verschiedenen Zielsetzungen

Für Journalisten ist es umso schwieriger diese Bewegungen aufzuspüren, da die Regierung religiöse Organisationen unterstützt. Es wäre unglaublich kompliziert, diese Strukturen durch strengere Kontrollprozeduren herauszukristallisieren. Dies würde schnell zu einer allgemeine Unterdrückung führen, die sich letztlich auch als kontraproduktiv herausstellen könnte.

Jene NGOs haben gleichermaßen unterschiedliche Aufgaben und Ziele. Der Großteil engagiert sich ausschließlich für die Verbreitung islamischer Bildung, während einige von ihnen keinen Hehl aus ihrem politischen Engagement machen. Unter ihnen findet man vor allem exilierte Uiguren.

Der Einfluss der islamistischen Gesellschaft Maarif auf die Uiguren

Maarif zählt zu den einflussreichsten uigurischen Gesellschaften, die sich offen für die Unabhängigkeit von  Ost-Turkestan, also ihrer Heimatregion Xinjiang im Osten Chinas, einsetzt. Laut dem Präsidenten von Maarif, Hidayetullah Oguzkhan, unterscheidet sich die Vorstellung seiner Gemeinschaft von der –moderaten– des Weltkongresses der Uiguren.

Die Flagge der islamischen Partei Turkestans

Die Perspektive Maarifs ist religionsnah. Sie hält das westliche Modell, das auf Demokratie und Laizität basiert, für völlig untauglich hinsichtlich der sozialen Ziele der muslimischen Uiguren. Ginge es nach Maarif, sollte die uigurische Identität auf islamischen Werten basieren.

Die Mehrheit gibt sich laizistisch

Doch der Großteil der Gemeinschaft teilt diese Vorstellung nicht. Viele Intellektuelle, deren Ausbildung und Werdegang politisch laizistischen Werten nahestehen, verstehen es durchaus, sich stark von der salafistischen Idee zu distanzieren, die von den Predigern verbreitet wird, welche am persischen Golf, in Ägypten oder auch durch die Islamische Turkestan-Partei verbreitet wurden.

Der Präsident der Uigurischen Akademie, Abdulamit Karahani, ist deshalb der Meinung, dass der Aufschwung des  , der auf einem spirituellen Glauben und politischer Passivität beruht, teils einer bedeutenden finanziellen Unterstützung durch anonyme Spender, teils der Unterstützung durch die türkische Regierung geschuldet sei. Außerdem betont Abdulhamit Karahani, dass diese Gemeinschaften die finanziellen Mittel besäßen, dauerhaft Personal zu beschäftigen. Dies ist bei den nicht-konfessionellen Gruppierungen anders, deren Aktivität hauptsächlich auf Freiwilligenarbeit zurückgreift, was wiederum die Einbeziehung und das Engagement der aktiven Mitglieder erschwert.

Die Schwarz-Weiß-Politik Chinas bevorzugt die Politisierung

Die Uiguren lehnen zwar einstimmig die Brutalität der repressiven Politik in Xinjiang ab, ihre allgemeine Unzufriedenheit mündet aber auch in ihre Zersplitterung in viele verschiedene Ansichten zur Zukunft der autonomen Provinz. Die chinesische Regierung, die eine schwarz-weiße Nulltoleranzpolitik gegenüber jeglicher eigener Meinungsbildung mit separatistischem Anschein führt, treibt vor allem die am offenkundigsten Politisierten ins Exil.

Tatsächlich greift die chinesische Regierung schon beim geringsten Verdacht des Separatismus zu harten Strafen und dauerhafter Überwachung, selbst nachdem die vermeintlich Schuldigen ihre Strafe verbüßt haben. Unter diesen Umständen konzentrieren sich die politisierten Uiguren in der Diaspora, mitunter sogar in unverhältnismäßiger Zahl zu der in Xinjiang verbliebenen Bevölkerung.

Ein islamischer Staat in Xinjiang?

Während die Diaspora im Westen für ein freies und gegenüber westlichen Werten tolerantes Ost-Turkestan kämpfen, träumen einige in den türkischen Uigurengebieten vom Aufbau eines islamischen Staats in ihrer Heimatregion.

Urumqi 60 Jahre Xinjiang in China

Die Zahl derer, die aus Angst vor religiöser Verfolgung aus Xinjiang geflohen sind, ist seit der Durchsetzung einer   (die erzwungene Anpassung an die chinesische Kultur), die den traditionellen islamischen Werten zuwiderläuft, stark gestiegen.

Religiöse Gemeinschaften übernehmen die Macht

Man kann davon ausgehen, dass diese religiösen Migranten schnell von islamistischen Kreisen in der Türkei und in Europa aufgegriffen werden. Somit werden auch die religiösen Organisationen gestärkt, da sie eine große Menge an Spendengeldern zugunsten der Uigurenfrage  und von reichen Spendern aus der islamischen Welt sammeln können.

Ablet Turan, Doktor der Medizin und ehemaliger Präsident der Uigurischen Akademie gibt an, dass er nunmehr die Politik aus seinem Leben heraushält und bestätigt, einen Aufschwung der religiösen Gemeinschaften innerhalb der Diaspora zu beobachten.

Der schwindende Einfluss des Weltkongresses der Uiguren

Er selbst lebt in der Türkei und betont, dass der Weltkongress der Uiguren im Staat die wichtigste Organisation bleibt, vor allem weil seine Präsidentin Rebiya Kadeer als Chefin der Gemeinschaft großes Ansehen genießt. Doch China setzt sich international sehr effektiv gegen die moderate uigurische Bewegung ein. Der Weltkongress verliert dadurch auch im Westen an Ansehen und an Unterstützung.

Rebiya Kadeer 2011

In der Tat scheinen die westlichen Länder angesichts des eisernen Willens Chinas kaum mehr an eine uigurische Unabhängigkeit zu glauben. Außerdem macht sich das Fehlen der finanziellen Zuwendungen in den Aktivitäten des Weltkongresses der Uiguren bemerkbar und die Stimme Rabeeya Kaders verhallt immer weiter in den globalen Medien.

Die Verwicklung der Türkei in die Uigurenfrage

Durch die Probleme des Weltkongresses der Uiguren bleibt den religiösen Gemeinschaften ein wachsendes politisches Feld überlassen. Gemeinschaften mit demselben Zweck wie Maarif sind auch in den Niederlanden, in Finnland oder in Schweden offiziell eingetragen. Sie sind oft die erste Anlaufstelle für Exiluiguren und tragen zu ihrer politisierung durch den Islam bei. Die türkische Regierung der AKP profitiert durch einen starken Einfluss auf die Veränderungen innerhalb der verschiedenen Diasporas, da diese ihre Quellen in der Türkei haben.

Die Unterstützung der uigurischen Migranten durch die Türkei auf Kosten der strategisch guten Beziehungen zu China in der jüngsten Vergangenheit beweist die Verwicklung der türkischen Politik in die Uigurenfrage. Die Regierung konnte zum Beispiel die Auslieferung hunderter in Südostasien festgehaltener Flüchtlinge an China blockieren, indem sie ihnen türkische Visa verschaffte und ihnen die Einreise erlaubte.

Syrien, Dreh- und Angelpunkt für die Zukunft der Uiguren in der Türkei

Während immer mehr Stimmen in der internationalen Gemeinschaft eine Verurteilung der türkischen Komplizenschaft beim Transit von „Gotteskriegern“ nach Syrien fordert, wird auch die   immer mehr kritisiert. Diese Wendung der Ereignisse könnte ein Vorbote dafür sein, dass die türkische Unterstützung nicht mehr nur mit einem Gefühl von Solidarität mit den Turkvölkern verbunden ist, sondern auch mit einem Willen, uigurische Kräfte zu nutzen, um eigene politische Ziele durchzusetzen.

Wie weit wird die Türkei mit ihrer Unterstützung der Uiguren gehen? Das ist schwer zu sagen angesichts der aktuellen Situation in Syrien. Die Uneinigkeit zwischen dem Westen und Russland hinsichtlich des Umgangs mit den kurdischen Streitkräften, lässt der Türkei kaum eine andere Wahl als ihre Beziehungen mit China zu verbessern.

Stärker werdende Parallelen zwischen Kurden und Uiguren

Das Vorhaben der Türkei in Syrien mit Unterstützung der Muslimbruderschaft ist zum Scheitern verurteilt. Außerdem gewinnen die Uiguren im Mittleren Osten an geopolitischer Bedeutung. Ein Ende ihrer Unterstützung durch den Westen ist so bald nicht in Sicht. Paradoxerweise erinnert die Lage der Uiguren in China an die der Kurden in der Türkei, zumal die Militäroperationen gegen Unabhängigkeitskämpfer im Osten des Landes zugenommen haben.

Istanbul 2012

Setzt sich die Türkei für ein unabhängiges Ost-Turkestan ein, wird ihr eigener Kampf gegen kurdische Aktivisten illegitim. Gewiss ist der Krieg in Syrien weit von einem Ende entfernt und die Türkei benötigt türkischsprachige Kämpfer, um ihre Interessen zu verteidigen. Doch solange die Zukunft des Mittleren Ostens unklar bleibt, kann es geschehen, dass sich China im Fall eines Kriegsendes als Großinvestor für den Wiederaufbau der regionalen Infrastrukturen einsetzt, um sich ökonomische Beziehungen zu sichern.

Weder der Westen, der vielmehr damit beschäftigt ist, eine Demokratie in Syrien aufzubauen, noch Russland, das Syrien als Ablenkung vom Ukraine-Konflikt benutzt, würden diese Position einnehmen. So ist der künftige regionale Partner der Türkei im Mittleren Osten aller wahrscheinlichkeit nach China. Eine Annäherung an China könnte jedoch das Ende der aktuell aufstrebenden religiösen Bewegungen und Gemeinschaften der Uiguren bedeuten.

Akhmed Rahmanov
Forscher für das IPSE, Autor für Novastan.org

Jérémie Cantaloube
Redakteur für Novastan.org
Aus dem Französischen von Elisabeth Rudolph

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