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Die uigurische Diaspora in der Türkei: Herkunft (1/3)

Der erste Teil einer exklusiven Reportage von Akhmed Rahmanov über die uigurische Diaspora in Istanbul erläutert den großen Einfluss des politischen Systems der Türkei auf die weltweit größte uigurische Diasporagemeinde zwischen Panturkismus, Islam und wiedergewonnener Freiheit.

Die Beziehungen zwischen den Uiguren, einem hauptsächlich im Nordwesten Chinas (der offizielle chinesische Name der Region ist Xinjiang – Anm. d. Red.) siedelnden Turkvolk, und der Türkei haben eine lange Tradition. Trotzdem bemerkt man seit einiger Zeit einen zunehmenden Austausch zwischen beiden Völkern.

Die Türkei baut auf ihrem wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Zerfall der Sowjetunion auf. Sie gibt sich nun als großer Bruder der Turkvölker, auch um die eigene regionale Führungsposition auszubauen. Die Beziehungen mit den Turkvölkern im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, vor allem in Zentralasien (Turkmenistan, Usbekistan, Kasachstan, Kirgistan), haben sich in den vergangenen zehn Jahren allerdings kaum entwickelt.

Dies steht in starkem Kontrast zu der immer dringender werdenden Uiguren-Frage, die in der Türkei selbst weiterhin lebhaft die politischen „panturkistischen“ Kreise beschäftigt. Diese sind bestrebt, die Bande zwischen den turksprachigen Völkern zu erneuern.

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Sich des Schicksals der über acht Millionen Uiguren aus Xinjiang anzunehmen ist schnell zu einem Bedürfnis für die Türkei geworden. Dabei werden immer wieder Parallelen zum Palästinakonflikt in der arabischen Welt gezogen. Sie ist darauf bedacht, ihren Schirmherrenstatus für die Gemeinschaft aller Turkvölker zu rechtfertigen, indem sie sich bereit zeigt, jederzeit politisch zu agieren, um sie zu schützen.

Aufschwung der Religion

Als 2001 die AKP (Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) in der Türkei an die Macht kam, nahm die Uiguren-Frage eine religiöse Dimension an. So kam plötzlich ein konfessioneller Aspekt zur gewöhnlichen panturkistischen Lesart hinzu, wohingegen die Machthaber im postsowjetischen Zentralasien panturkistische und panislamistische Lehren abgelehnt hatten.

Seit ihrer Unabhängigkeit konzentrieren sich die vier turksprachigen Republiken Zentralasiens darauf, Nationalstaaten zu etablieren. Sie berufen sich dabei auf ethnische und historische Besonderheiten und geraten dadurch in Konflikte sowohl mit ihren unmittelbaren Nachbarn als auch mit dem panturkistischen Ideal.

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Der Islam spielt eine wichtige Rolle bei diesen Vorgängen, um die Abgrenzung von Russland zu betonen. Die einzelnen Nationaldoktrinen legen jedoch besonderen Wert auf religiöse Besonderheiten anstatt auf die länderübergreifende Dimension ihrer Glaubensgemeinschaft.

Die Türkei als erstes Migrationsziel für die Uiguren

Durch die Verschärfung der repressiven Politik in China, vor allem was den Umgang mit der uigurischen Minderheit angeht, erscheint die Türkei als das Hauptziel des Migrationsstroms, der von der autonomen uigurischen Provinz Xinjiang ausgeht. Er besteht vorrangig aus Menschen, die den Islam praktizieren und sich daher durch staatliche Willkür bedroht sehen. Aufgrund der zahlreichen Vorfälle ist es nicht erstaunlich, dass die Türkei das wichtigste Ziel für politisch verfolgte Uiguren geworden ist.

Tatsächlich reichen die Beziehungen zwischen Uiguren und Türken laut dem Präsidenten der Uigurischen Akademie in Istanbul, Abdulhamit Karahani, ins osmanische Zeitalter zurück, als das heutige Gebiet der Türkei eine vorgeschriebene Etappe auf dem Pilgerweg nach Mekka war. Einige uigurische Pilger kehrten nicht mehr in ihr Heimatland zurück und beschlossen, in Gegenden des Osmanischen Reiches zu bleiben, über die sich heute Saudi Arabien, Syrien, Palästina und Israel sowie die Türkei erstrecken. In dieser Epoche war die Idee des Nationalismus noch nicht in den muslimischen Ländern aufgekeimt und der Austausch zwischen den beiden geografischen Sphären begann sich erst langsam zu entwickeln.

Karte Türkei Iran Turkestan 1810

Die Türkei als „Hauptantrieb für die Entstehung einer modernen uigurischen Elite“

Das 20. Jahrhundert begann für die Uiguren sehr bewegt. Nach verschiedenen Versuchen, einen eigenen Staat zu gründen, gefangen im Machtspiel zwischen den sowjetischen und chinesischen Einflussspähren, brach 1955 der Wille der Unabhängigkeitskämpfer in Ost-Turkestan.

China annektierte das Gebiet endgültig unter der offiziellen Bezeichnung „Uigurische Autonomes Gebiet Xinjiang“. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Türkei ein Hauptantrieb für die Entstehung einer modernen uigurischen Elite gewesen. Im Jahr 1864 brach im heutigen Xinjiang ein Aufstand unter Führung von Jakub Bek aus, der aus Kokand im heutigen Usbekistan stammte. Er wollte ein islamisches Emirat gründen und schwor dem osmanischen Sultan die Treue. Dies war eine bedeutende Etappe in der Entwicklung der Unabhängigkeitsbewegung und für die Schaffung eines gemeinsamen Bewusstseins der uigurischen Elite.

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Anhand dieser Geschichte lässt sich ermessen, dass die Ideen des Panturkismus und des Panislamismus, die das Ziel hatten, eine nationale Bewegung der Turkvölker und der Muslime unter der Autorität des Ottomanischen Sultanats zu schaffen und die von der Türkei aus propagiert wurden, zur Stiftung einer zeitgemäßen uigurischen Identität beitragen konnten.

Anhänger des Dschadidismus, einer muslimisch-nationalistischen Reformbewegung, die aus der heutigen Türkei und den muslimischen Provinzen des Russischen Reichs stammten, verbreiteten um die Jahrhundertwende die Vision eines islamischen Staats in Ost-Turkestan. Sie erzielten große Erfolge mit der Organisation moderner islamischer uigurischer Bewegungen. Dieser langjährige Prozess ist ein weiterer Grund, warum die Uiguren die Türkei als Bruderland sehen.

Migrationswelle nach dem Massaker von Ürümqi

Kleinere Migrationswellen in die Türkei gab es während des gesamten Kalten Krieges. Sie bestanden vor allem aus politischen Anführern, die vor dem kommunistischen Regime Chinas flohen. Ein gutes Beispiel ist Isa Yusuf Alptekin, einer der einflussreichsten politischen Führer der Uiguren im 20. Jahrhundert. Als Panturkist sah er sich nach der Eingliederung Ost-Turkestans in die Volksrepublik China 1949 gezwungen, ins türkische Exil zu gehen und seine politischen Aktivitäten von dort fortzuführen.

Seit den 1990er Jahren und vor allem nach den Unruhen in Ürümqi, ausgelöst durch Gewalt gegen uigurische Arbeiter, die 2009 in Fabriken im südchinesischen Guangdong umgesiedelt wurden, gibt es eine massive Migrationswelle. In der Türkei ist die größte uigurische Diaspora außerhalb Zentralasiens entstanden. Durch fehlende aktuelle Erhebungen ist es schwierig, ihre Zahl zu schätzen. Zudem erhalten immer mehr Menschen die türkische Nationalität, was eine Erfassung erschwert. Im Jahr 2009 schätzte der türkische Vize-Premierminister Bülent Arinç die Zahl der in der Türkei lebenden Uiguren auf mehr als 300.000.

Die uigurische Diaspora in der Türkei und die „Uigurenfrage“

Was hat es mit dieser Gemeinschaft auf sich? Sind alle ihre Mitglieder gleichermaßen politisiert? Teilen sie die Vision gemeinsamer politischer Ziele für Ost-Turkestan? Während eines Aufenthalts in der Türkei haben wir versucht, Uiguren aus verschiedenen sozialen Schichten zu treffen, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsichtlich ihrer Vorstellungen des künftigen Umgangs mit der Uigurenfrage zu analysieren.

Uiguren Männer Senioren

Zunächst ist es wichtig zu betonen, dass bei weitem nicht alle Uiguren der türkischen Diaspora politische Interessen haben. Viele von ihnen haben sich eher aus sozio-ökonomischen als aus politischen Gründen für die Migration entschieden. Sie sind gekommen, um Arbeit und Stabilität zu finden in einem Land, das ihnen Selbstverwirklichung und freie Religionsausübung verspricht und ihnen ein viel toleranteres Umfeld bietet, als China.

Nach und nach verschwinden die uigurischen Umgangsformen

Bei den Wirtschaftsmigranten verschwimmen die traditionellen uigurischen gesellschaftlichen Umgangsformen. Sie sympathisieren zunehmend mit universalistischen islamischen Werten, die von salafistischen Predigern der Golfregion verbreitet werden. Diese Anpassung erlaubt ihnen, sich besser in eine Umgebung zu integrieren, welche eher Merkmale der muslimischen Gesellschaften des Mittleren Ostens trägt als der Turkvölker Zentralasiens. Diese sind zwar auch muslimisch, aber sehr durch den alten Synkretismus geprägt.

Die wichtigste uigurische Gemeinschaft der Türkei findet man in Istanbul, vor allem im Stadtteil Zeytinburnu. Auch in den Vierteln Aksaray undd Lâleli leben neben anderen Ethnien aus dem postsowjetischen Zentralasien viele Uiguren. Hier zählen die Uiguren größtenteils zu den Wirtschaftsmigranten, wohingegen die Gemeinschaft im Stadtteil Zeytinburnu eher politisiert und religiös aktiv ist. Uigurische Migranten arbeiten vorwiegend in der Gastronomie, dem Einzelhandel und in uigurischen Bäckereien.

Große Eintracht unter den Gemeinschaften

Ein weitläufig unter dem Namen Ubeydullah Haji (bei den Uiguren Ubeydullah Aka) bekannter Gastronom hat den uigurischen Restaurants in Istanbul den Weg bereitet. Vor zehn Jahren eröffnete er als erster Uigure mitten im Stadtteil Aksaray eine Gaststätte.

Mit 24 verließ Ubeydullah die Volksrepublik China und begann eine Odyssey durch etwa zwanzig muslimische Länder. In der Türkei fand er die vergleichsweise engste Gemeinschaft mit anderen Zentralasiaten vor. „Als ich jung war, wussten wir in Turkestan nicht, dass es einen Unterschied zwischen Usbeken und Uiguren gibt. Wir dachten, dass wir demselben Volk angehören und uns nur leicht durch die Sprache unterscheiden. Später habe ich verstanden, dass es sich um eine andere Nation handelt, die den Uiguren jedoch am nächsten ist. Ich habe eine Usbekin geheiratet und ich kann sagen, dass es fast gar keinen kulturellen und ethnischen Unterschied gibt. Man merkt jedoch sofort, dass dies bei den Kasachen oder Kirgisen nicht der Fall ist. Das kommt daher, dass es bei ihnen weniger gemischte Ehen mit Uiguren gibt. Trotzdem sehen wir sie als Brudervölker an“, erzählt Ubeydullah.

Die uigurische und die zentralasiatische Diaspora

Während man durch Aksaray spaziert, wo die meisten Angehörigen zentralasiatischer Völker anzutreffen sind, versteht man schnell, dass es vor allem politische Gründe sind, die genau diese Völker spalten. Dennoch verwischen in Aksaray die politischen Gegensätze nach und nach, die künstlichen Fronten, die kleineren kulturellen Unterschiede verlieren ihre Bedeutung. Das Stadtviertel stellt ein vereinigtes und integriertes Zentralasien in Kleinformat dar, wo die Uiguren von ihrer Bekanntheit profitieren, da sie sich schon vor längerer Zeit dort niedergelassen haben, aber auch von ihrem vereinten Engagement gegen die chinesische Kolonisation.

Heutzutage sind die uigurischen Restaurants in Istanbul sowohl für die hohe Qualität ihrer Küche, als auch für ihre guten Preise bekannt. Man findet sie oft in Vierteln, in denen die zentralasiatischen Einwanderer täglich zusammentreffen.

Ubeydullah, eine geachtete Persönlichkeit der Diaspora

Seine Restaurants haben es Ubeydullah ermöglicht, eine unter den Zentralasiaten geachtete Persönlichkeit zu werden. Er zögert nicht, Menschen in Schwierigkeiten zu unterstützen. Mit langem Bart und traditioneller uigurischer Kleidung empfing er uns in einem seiner Restaurants in Aksaray, das vor kurzem noch Turkestan hieß, nun aber in Ana Yurt (Mutterland) umbenannt wurde. Aus Furcht vor Konsequenzen bei der eventuellen Rückkehr in die Heimat meiden die uigurischen Migranten Orte, die den Eindruck erwecken, Treffpunkte für Separatisten zu sein.

Uigurisches Restaurant Istanbul

Ubeydullah, der die zentralasiatischen Migranten aus den Arbeitervierteln repräsentiert, bietet uns herzlich uigurischen Tee an, während er über die Geschichte und Sorgen seiner Landsleute, aber auch über die Situation der Diaspora in Istanbul erzählt. Er ist stolz darauf, Muslim und Uigure zu sein, verurteilt die chinesischen Repressionen hart, unter denen seine Landsleute zu leiden haben, räumt dann aber auch ein, dass die große Politik nicht seine Angelegenheit ist.

Die Türkei bietet eine Umgebung, in der die verschiedenen zentralasiatischen Gemeinschaften sehr schnell dieselben Zielen anstreben. Der Großteil der Migranten entstammt ärmeren Gesellschaftsklassen. Zwischen ihnen gibt es keinen sozialen Konflikt, wie es ihn in ihren Herkunftsländern mit der dort herrschenden Klasse gibt. Ganz im Gegenteil, die große Nähe zwischen den Kulturen und Sprachen verbindet diese Gemeinschaften sehr schnell in der Idee eines vereinten Zentralasiens.

Der panturkistische Mythos: Ein Instrument der Türkei

Dennoch haben die Intellektuellen noch keine moderne politische Version dieses Einheitsideal formuliert. Das verhindert wiederum die Entstehung konkreter interregionaler Kooperationsprojekte. Das Streben nach einer Annäherung der Völker Zentralasiens leidet darunter, dass es in Diskursen der konfessionellen Rivalität eingebracht wird und von einer panturkistischen Mythologie geprägt ist.

In der Folge verlieren die Einheitsbewegungen sehr schnell ihre Glaubwürdigkeit, sobald mit den Mentalitäten der zentralasiatischen Länder konfrontiert werden. Die lokalen politischen Eliten sind dort noch sehr durch sowjetische Denkmuster geprägt und mit religiösen oder nationalistischen Vorbehalten behaftet, die in der Türkei ausgetragen werden.

Diese Vorbehalte sind oftmals der Rivalität zwischen der Türkei und Russland zuzuschreiben, die es nicht erst seit gestern gibt. Russland war schließlich lange am Verfall der europäischen Grenzen des Ottomanischen Reichs beteiligt. Darüber hinaus betrafen die Verhaftungen und Deportationen aufgrund von Spionageverdacht während der gesamten sowjetischen Zeit häufig jene Intellektuelle, von denen man glaubte, dass sie mit der Türkei gemeinsame Sache machten.

Der Panturkismus als mächtiges Instrument der Außenpolitik

Zugleich möchte die Türkei nicht auf den Panturkismus als Machtinstrument für ihre Außenpolitik verzichten. Durch den Zusammenschluss der zentralasiatischen Gemeinschaften unter religiösen oder panturkistischen Bannern spielt die Türkei eine wichtige Rolle für diese Länder. Auch wenn die heutigen Regierungen es nicht erlauben werden, ist abzusehen, dass diese Strömungen dazu beitragen können, das Aussehen ihrer Gesellschaften völlig zu verändern. Der Weg zu diesem Prozess wird in der Türkei nach und nach bereitet.

Panturkismus Fahnen Zentralasien Türkei Demonstration

Letztendlich sehen die zentralasiatischen Minderheiten (Kasachen, Kirgisen, Tadschiken, Turkmenen und Usbeken) die Türkei als ein Land, das ihnen die Perspektive bietet, sich zu vereinen. Indessen rücken die Pläne der türkischen Regierung in Bezug auf den politischen Weg der neuen zentralasiatischen Staaten in den Hintergrund. Deren Beitrittsbestrebungen zum Projekt einer Eurasischen Union erfordern vor allem Konformität mit den Weisungen und wirtschaftlichen Forderungen Russlands.

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Trotz allem bemerkt man auf den Straßen Istanbuls eine Art Einklang mit diesen Visionen vonseiten der unpolitischen Migranten aus der Arbeiterklasse. Die türkische Propaganda profitiert von deren politischen Neutralität und arbeitet daran ein neues politisches Bewusstseins zu schaffen, das dazu aufruft, sich aktiver in der Türkei einzubringen.

Im Vordergrund stehen die nationalen Identitäten

Im Gegensatz zu den Uiguren neigen die Staatsangehörigen Zentralasiens viel seltener dazu, panturkistische oder panislamistische Ideen zu rezipieren. Das könnte einerseits an der Erziehung liegen, die sie in ihren Heimatländern bekommen haben, andererseits an der unterschiedlichen Identitätsbildung, die jeweils auf den nationalen Vorstellungen jedes neuen Staates in der Region aufbaut.

Diese Vorstellungen nutzen häufig die als säkular dargestellten Gegensätze zwischen Kirgisen, Tadschiken und Usbeken oder stellen auf Grundlage alter Gesetzgebungen Gebietsforderungen an ihre Nachbarländer (so findet man überraschenderweise in kasachischen Schulbüchern Karten, auf denen das nördliche Ufer des Issikkölsees unter Herrschaft des früheren kasachischen Khanats ist).

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Für die Uiguren, die sich mit der Bevormundung durch China abfinden müssen, bleibt die Wahrung ihrer nationalen Identität oberstes Gebot. Doch in Xinjiang kann dieses nationale Ideal nicht gelebt und die Erwartung der Bevölkerung nicht erfüllt werden, indem eine Alternative geboten wird. Wie also kann man einen Identitätsdiskurs führen trotz Assimilierungsbestrebungen, die durch eine intensive Sinisierungspolitik gefördert werden? Das Verschwinden bilingualer Schulen zugunsten einer ausschließlich auf Mandarin stattfindenden Schulbildung zeugt von dieser Politik. Wie kann man so einen unerwünschten und staatlich zensierten Diskurs verbreiten?

Andererseits bietet die politische Landschaft der Türkei den Uiguren völlig neue Alternativen, indem sie ihnen erlaubt, ihre Forderungen neu zu formulieren. Ähnlich wie auf dem Balkan ist die Türkei eine Region, in der nationale Identitäten zunächst über die Konfession definiert wird. Für die Nachkommen von griechischer oder kaukasischer Bevölkerung bedeutet „türkisch“ zu sein in erster Linie „muslimisch“ zu sein. Dieser Einfluss trägt ganz konkret positiv zur Bildung einer neuen politischen Bewegung innerhalb der uigurischen Diaspora bei.

Akhmed Rahmanov
Forscher für das IPSE, Autor für Novastan.org

Jérémie Cantaloube
Redakteur für Novastan.org

Aus dem Französischen von Elisabeth Rudolph

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