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	<title>Reportage Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
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	<title>Reportage Archives</title>
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	<item>
		<title>Kökjide. Öl-Steppe – Was hat das Erdöl den Dörfern in der Region Aqtöbe gebracht?</title>
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		<pubDate>Fri, 17 Apr 2026 06:21:53 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Umwelt & Technologie]]></category>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Unter dem Sandmassiv Kökjide in dem im Westen Kasachstans gelegenen Gebiet Aqtöbe liegen beträchtliche Ölvorkommen. Doch von dem Reichtum unter der Erde kommt in den Dörfern rund um das Kökjide wenig an. Eine Reportage von unserem Partnermedium Vlast.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Lasst uns nicht einreden, dass wir ohne Öl zugrunde gehen. Unsere Vorfahren lebten auch ohne Öl, hüteten ihr Vieh und bestellten das Land“</em>, sagt Ardak Kubaş, eine Aktivistin aus dem kleinen Dorf Kenqiıaq im Gebiet <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aqt%C3%B6be_(Gebiet)">Gebiet Aqtöbe</a>. Sie hebt die Hand und zeigt auf das Sand-Massiv Kökjide, das auf den ersten Blick an typische Szenen aus dem Westen Kasachstan erinnert: Dünen, gleißende Sonne und verstreute, verwitterte Ölpumpen. Einige von ihnen, mit Staub und Rost bedeckt, stehen still, andere fördern weiterhin Öl. Direkt dahinter lodern Flammen auf – Ölfackeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Einheimischen sagen, unter ihnen verberge sich ein „Meer“. Dabei handelt es sich um Grundwasser unter dem Sand – bis zu eineinhalb Milliarden Kubikmeter Wasser, möglicherweise sogar trinkbar.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Im Bezirk Temir liegen rund um diese Sandvorkommen vier Ölarbeiter-Siedlungen: Kenqiıaq, Şubarşi, Saryköl und Bäşenköl. Sie stehen seit Langem vor der Wahl: Entweder sie schützen ihre größte Grundwasserquelle vor Kontamination und riskieren damit wirtschaftliche Einbußen. Oder sie erhalten die Produktion aufrecht und ermöglichen so die weitere Entwicklung der Siedlungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Einwohner:innen sind sich jedoch einig, dass ihre Dörfer im Laufe der Jahre nie einen wirklichen Nutzen aus der Ölförderung gezogen haben, sondern lediglich gesundheitliche Probleme und mögliche Wasserverschmutzung.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Kenqiıaq</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das Gebiet Aqtöbe ist die größte Region Kasachstans – mit einer Fläche in etwa so groß wie Polen oder Italien. Die weitläufige Steppe ist jedoch dünn besiedelt: Die Bevölkerungsdichte beträgt nur 3,16 Einwohner pro Quadratkilometer – die zweitniedrigste im ganzen Land. Insgesamt leben in der Region 950.000 Menschen, mehr als 60 Prozent davon – 585.000 – in der Gebietshauptstadt <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aqt%C3%B6be">Aqtöbe</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um Kenqiıaq, einen der wichtigsten Ölumschlagplätze der Region, zu erreichen, fahren wir von Aqtöbe mehr als zwei Stunden Richtung Süden. Das Dorf ist Endpunkt von Ölpipelines, die Öl aus dem Gebiet Aqtöbe nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Atyrau">Atyrau</a> oder ins <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qysylorda_(Gebiet)">Gebiet Qyzylorda</a> und von dort weiter nach China transportieren können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kenqiıaq ist nicht nur ein Zentrum der Ölindustrie (was sich auch im Stadtlogo widerspiegelt), sondern mit weniger als 8.000 Einwohnern auch das größte der drei benachbarten Dörfer. Şubarşi und Saryköl mit zusammen rund 6.000 Einwohnern sind nur wenige Autominuten entfernt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was diese Siedlungen von vielen anderen unterscheidet, ist eine engagierte Gruppe von Bürgerrechtsaktivist:innen. Eine von ihnen ist Ardak Kubaş. <em>„Eigentlich sollten die Menschen nicht in Kenqiıaq leben. Es sollte nur eine einfache, temporäre Arbeitersiedlung sein. Vielleicht sollten alle dort wegziehen“</em>, sagt sie.</p>



<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/973b36a66e3082ff09871a80cb4c5e97-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-44447" style="aspect-ratio:1.4992828635569968;width:751px;height:auto" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/973b36a66e3082ff09871a80cb4c5e97-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/973b36a66e3082ff09871a80cb4c5e97-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/973b36a66e3082ff09871a80cb4c5e97-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/973b36a66e3082ff09871a80cb4c5e97-1536x1024.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/973b36a66e3082ff09871a80cb4c5e97.jpg 1800w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Ardak Kubaş</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Wir fahren mit ihr nach Kenqiıaq, das sich kaum von typischen kasachstanischen Dörfern unterscheidet: Einzelhäuser, ältere Menschen, die auf Bänken entspannen, Menschen, die zur Arbeit eilen, Sand und der Wind, der ihn verweht. Noch sind keine Ölförderanlagen zu sehen, obwohl sich im südlichen Teil des Dorfes bereits Anlagen der Ölgesellschaft befinden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der neue Sportkomplex und der vor einigen Jahren verlegte Asphalt fallen hier besonders auf. Er weist bereits Risse und Schlaglöcher auf, ist aber immer noch gut befahrbar. Dennoch könne man das Dorf kaum als „Ölsiedlung“ bezeichnen, meint Kubaş.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Na gut, sollen sie uns doch vergiften, aber dafür bekommen wir nichts zurück“</em>, beklagt sie sich. <em>„Als die Firmen [hier] noch staatlich waren, stellten sie vier Kindergärten. Als der chinesische Investor kam, hat er sie abgeschafft. (&#8230;) Wir haben viele Kinder mit Behinderungen. Sie könnten auf Firmenkosten ein Rehabilitationszentrum für sie bauen. Das Gemeindezentrum befindet sich in der ehemaligen Kantine der Ölarbeiter. In all den Jahren ist nichts passiert; das ist eine Schande. Sie könnten uns wenigstens 50 statt 20 Prozent für die Umweltschäden zahlen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Hauptbetreiber der lokalen Ölförderung ist <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/CNPC-AktobeMunaiGas">CNPC-AktobeMunaiGas</a>, eine Tochtergesellschaft des führenden chinesischen Ölkonzerns CNPC. CNPC-AktobeMunaiGas hält außerdem 51 Prozent der Anteile an KMK Munai, einem weiteren Ölunternehmen, das im Kökjide tätig ist. Drei weitere private Unternehmen sind ebenfalls in der Region aktiv: Kazakhoil Aqtöbe, Oriktau Operating und <a href="https://adaoil.kz/en/">Ada Oil</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„In Kenqiıaq und Şubarşi ist die Luft schlecht. Manchmal stoßen die Fabriken Abgase aus, und all diese giftigen Gase sind unerträglich“</em>, sagt Kubaş. Die Häuser in den umliegenden Dörfern, mit Ausnahme von Başenköl, sind vollständig mit Gas belastet.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/9505d35485c482f0894c21329fed994b-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-44448" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/9505d35485c482f0894c21329fed994b-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/9505d35485c482f0894c21329fed994b-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/9505d35485c482f0894c21329fed994b-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/9505d35485c482f0894c21329fed994b-1536x1024.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/9505d35485c482f0894c21329fed994b.jpg 1800w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Die Moschee von Kenqiıaq befindet sich in einem ehemaligen Fabrikgebäude</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre größte Sorge gilt aber der Wasserversorgung. Kubaş sagt, früher sei es <em>„wie unter Belagerung“</em> gewesen. Stundenlang mussten sie an der Pumpe anstehen, um Wasser zu bekommen. Jetzt gibt es zwar Wasser, aber es ist <em>„schwarz wie Cola“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Ölkonzerne hielten einst Anhörungen ab. Und zwar nicht hier, sondern in einem anderen Dorf im Bezirk Mugaljar, wohin sie Arbeiter ihrer Werke gebracht hatten. Wir erfuhren davon und eilten dorthin. Dann stellten wir ihnen das schwarze Wasser […] direkt vor die Nase. Sie nahmen es entgegen, aber was ist dabei herausgekommen? Nichts“</em>, sagt Kubaş.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am Abend herrscht im Dorf reges Treiben: Die Menschen drängen sich um die Läden, die Arbeiter der Ölgesellschaft suchen Zimmer in den örtlichen kleinen Hotels, die eher Hostels gleichen, alle kehren von der Arbeit zurück.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Saryköl und Şubarşi</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die benachbarten Dörfer Saryköl und Şurbarşi unterscheiden sich kaum von Kenqiıaq. &nbsp;Sie liegen beiderseits einer Landstraße, von der die Zufahrtsrampen zu den Anlagen und Lagertanks der Ölgesellschaften abgehen. Die Ruinen ehemaliger Anlagen des staatlichen Ölkonzerns sind überall sichtbar. Heute sind es größtenteils leere Grundstücke, umgeben von einem alten Zaun.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Einwohner:innen befürchten, dass die Ölkonzerne planen, ihre Aktivitäten einzuschränken und an einen anderen Standort zu verlegen. <em>„Sie stellen niemanden ein“</em>, sagt der 60-jährige Erkebulan (Name auf Wunsch durch Vlast geändert), der in Şubarşi geboren wurde. <em>„Und außer ihnen, den Chinesen, gibt es sonst niemanden. Nur Viehzucht. Uns Alte stellen sie ganz bestimmt nicht ein. Auch für die Jungen ist es schwer. Am meisten ärgern uns die Preise. Die Gaspreise steigen jeden Monat, und sie fördern es direkt hier, nur einen Steinwurf entfernt. Wir schlucken dieses Gift und zahlen wie alle anderen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die meisten Einwohner:innen der drei Dörfer bitten darum, dass sie nicht fotografiert und ihre Klarnamen nicht verwendet werden. Sie alle sind in irgendeiner Weise mit den Ölkonzernen verbunden, die sie kritisieren.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/d0a475ed01dcd7a8d29ea5369d03321d-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-44449" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/d0a475ed01dcd7a8d29ea5369d03321d-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/d0a475ed01dcd7a8d29ea5369d03321d-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/d0a475ed01dcd7a8d29ea5369d03321d-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/d0a475ed01dcd7a8d29ea5369d03321d-1536x1024.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/d0a475ed01dcd7a8d29ea5369d03321d.jpg 1800w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Einer von ihnen, der 60-jährige Temirlan, arbeitet sein ganzes Leben lang in der Ölindustrie der Region. <em>„Ich war im Transportwesen tätig, als das Unternehmen noch staatlich war. Nachdem ein Investor kam und die Privatisierung stattfand, wurde alles schlimmer. […] Die Bedingungen sind schlechter und die Löhne niedriger“</em>, sagt der Mann und blickt sich um. <em>„Sieht man überhaupt, dass hier Öl und Gas gefördert werden? Unsere Dörfer sind denen völlig egal.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch Temirlan bestätigt die Umweltprobleme. <em>„Ich habe früher an einer Bohranlage gearbeitet. Zur Aufbereitung werden 350 Tonnen Säure in den Boden gepumpt. Aber wohin damit? Sie tritt an die Oberfläche. Sehen Sie sich dieses Land an. Früher haben wir hier Fußball gespielt, es war grün. Aber jetzt ist alles weg. Jedes Haus hatte eine Pumpe, und wir haben von dort Wasser geholt. Jetzt ist das unmöglich. Ich glaube, man kann sich mit diesem Wasser nicht einmal mehr waschen“</em>, sagt er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Nähe eilt der 58-jährige Qaısar (Name durch Vlast geändert) zum Laden. Er schnappt sich Lebensmittel, schwingt sich aufs Fahrrad und fährt schnell ins Dorfzentrum, wo sich ältere Männer versammeln. <em>„Das Öl zerstört alles“</em>, sagt Qaısar. <em>„Wenn sie das Gas aufdrehen, erstickt das ganze Dorf. Sie hören erst auf, wenn wir Lärm machen. Was für eine Schande! Ölland!“</em></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/29e39db790304796bdc5cfaf44143e93-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-44450" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/29e39db790304796bdc5cfaf44143e93-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/29e39db790304796bdc5cfaf44143e93-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/29e39db790304796bdc5cfaf44143e93-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/29e39db790304796bdc5cfaf44143e93-1536x1024.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/29e39db790304796bdc5cfaf44143e93.jpg 1800w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Einwoher Saryköls</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Er kommt am örtlichen Verwaltungsgebäude an, gegenüber der Bushaltestelle. Dort haben sich etwa ein Dutzend Männer versammelt, die meisten von ihnen Rentner. <em>„Es gibt Arbeit für jeden, der sucht. Es gibt viele private Aufträge; ja, alles ist privatisiert worden“</em>, sagt einer von ihnen, der früher auch in der Ölbranche gearbeitet hat. Auf die Frage, ob das gut sei, antwortet er: „Was ist denn daran gut?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein anderer Mann fügt hinzu, dass alles <em>„von Öl und Gas verrottet“</em> sei: <em>„Die Leute werden krank. Jeder hier ist krank. Das Wasser ist widerlich, aber was soll man machen? Man muss es trinken.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Firmengelände</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Zwanzig Kilometer von den Dörfern entfernt liegt Bäşenköl, das dem Kökjide am nächsten liegt. Von Kenqiıaq und Şubarşi gibt es keine Wegweiser nach Bäşenköl, obwohl mehrere Straßen dorthin führen. Ein Versuch, die Straße entlang des Geländes der Ölgesellschaften zu nehmen, scheiterte jedoch. Sicherheitskräfte halten uns an und erklären uns, dass dies verboten sei. Man müsse eine andere Straße nehmen. Laut einer Stellungnahme der Regionalverwaltung des Gebiets Aqtöbe sei das Firmengelände jedoch nicht eingezäunt, und die Einwohner:innen der umliegenden Siedlungen hätten ungehinderten Zugang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Fahrt nach Bäşenköl dauert aufgrund der unebenen Straße, die das Auto ständig durchschüttelt, etwa eine halbe Stunde. Geschwindigkeiten über 40 km/h sind in einem Pkw gefährlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während der gesamten Fahrt begegneten wir nur wenigen Autos, weidendem Vieh und keinerlei Hinweisschildern. Unweit des Dorfes befinden sich die Anlagen der Ölgesellschaft Ada Oil, dahinter eine Anhöhe und eine große Schranke. Wir geben an, dass wir nach Bäşenköl fahren, woraufhin die Straße für uns freigegeben wird.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die letzten zwölf Familien</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Erst kurz vor dem Dorf taucht das rostende grüne Schild „Bäşenköl“ auf, neben einem Strommast – das einzige Zeichen der Moderne. Aus der Ferne könnte man meinen, es handele sich nur um ein paar vereinzelte Datschen. Doch es ist ein Dorf mit lediglich zwölf Familien.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/e02e60f9448436246ee13b401fe6f01d_autox1200-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-44451" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/e02e60f9448436246ee13b401fe6f01d_autox1200-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/e02e60f9448436246ee13b401fe6f01d_autox1200-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/e02e60f9448436246ee13b401fe6f01d_autox1200-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/e02e60f9448436246ee13b401fe6f01d_autox1200-1536x1024.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/e02e60f9448436246ee13b401fe6f01d_autox1200.jpg 1800w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Hier gibt es keine Straßen; man kann sich nur anhand der Autospuren im Sand fortbewegen. Überall liegen Ruinen, Überreste von Häusern, Kühen und Pferden. In der Nähe beladen zwei junge Männer einen Anhänger. Ihr Vater, Arman, schaut ihnen zu und hält ein kleines Mädchen im Pikachu-Kostüm auf dem Arm.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Sie sehen den Zustand des Dorfes. Wir brauchen hier Gas. Ada Oil fördert hier Gas. Es gibt zwar eine ständige Wasserversorgung, aber sie sollten eine Straße nach Kenqiıaq bauen. Es gibt keine Schule. Wenn wir Kinder haben, schicken wir sie nach Saryköl oder Kenkiyak. Es gibt keine Busse dorthin. Strom ist alles, was wir hier haben. Deshalb zieht niemand hierher; sie wollen ihre Häuser nicht mit dem Ofen heizen müssen“</em>, sagt er und blinzelt gegen den kalten Wind.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/f82c75c95ac63ba93acca0114c79be02_autox1200-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-44452" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/f82c75c95ac63ba93acca0114c79be02_autox1200-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/f82c75c95ac63ba93acca0114c79be02_autox1200-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/f82c75c95ac63ba93acca0114c79be02_autox1200-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/f82c75c95ac63ba93acca0114c79be02_autox1200-1536x1024.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/f82c75c95ac63ba93acca0114c79be02_autox1200.jpg 1800w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Arman wohnte in der Nähe und zog vor zwei Jahren hierher, um sein Vieh weiden zu lassen. Er besitzt nun sechs Kühe. <em>„Früher war es ein wunderschönes Dorf. Doch als die Wirtschaftskrise begann, sind alle weggezogen. Wenn sie jetzt alles gut herrichten, werden die Leute zurückkommen“</em>, glaubt er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf die Ölförderung angesprochen, erklärt er, dass sie an die örtlichen Gegebenheiten gewöhnt seien und dass Ada Oil die Anwohner:innen nach Kräften unterstütze. „<em>Sie stellen Leute ein. Sie liefern uns drei Tonnen Kohle pro Jahr. Wer Geräte oder einen Traktor für seinen Hof braucht, kann sich einen besorgen. Bei den Überschwemmungen halfen sie uns mit ihren Geräten, das Dorf am Laufen zu halten“</em>, sagt er.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/88c0361be29994efaa2899abb94f08d3-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-44453" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/88c0361be29994efaa2899abb94f08d3-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/88c0361be29994efaa2899abb94f08d3-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/88c0361be29994efaa2899abb94f08d3-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/88c0361be29994efaa2899abb94f08d3-1536x1024.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/88c0361be29994efaa2899abb94f08d3.jpg 1800w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Dann nähert sich aus der Ferne der 65-jährige Edilhan, der hier geboren wurde und schwerfällig von einem Fuß auf den anderen tritt. Er trägt Arbeitskleidung der Ölgesellschaft. <em>„Ich habe mein ganzes Leben lang mit Vieh gearbeitet. Sehen Sie, hier ist alles leer, es gibt nichts. Im Frühling und Herbst kann man unmöglich laufen, überall ist Matsch, und im Winter gibt es Schneestürme. Wenn man krank wird, kommt kein Krankenwagen. Man geht zu Ada Oil, die helfen einem“</em>, sagt Edilhan lächelnd. <em>„Das ist meine Heimat. Alle meine Nachkommen leben in Saryköl. Aber ich kann nicht weg. Das ist meine Heimat.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Akim des Volkes</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Makar Utegenov ist wohl die bekannteste Persönlichkeit in den Dörfern. Er war Akim (Bürgermeister, Anm. d. Ü.) von Kenqiıaq, heute ist er Landwirt und engagiert sich in der lokalen Zivilgesellschaft. Fast jeder Einwohner der Dörfer spricht über ihn und möchte lokale Angelegenheiten mit ihm besprechen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir fahren zu seinem Hof, der zehn Minuten von Kenqiıaq entfernt mitten in der kargen Steppe liegt. Lastwagen und die Landarbeiter selbst stehen vor dem kleinen Haus, in dem sie wohnen. Einer von ihnen, ein älterer Mann in Arbeitskleidung, verabschiedet sich von Utegenov, da er <em>„dringend zum Dienst“</em> müsse. Der ehemalige Akim winkt ihm freundlich zum Abschied.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der 62-jährige Utegenov führt uns ins Wohnzimmer, wo er auf einem Sofa Platz nimmt, hinter dem ein großes, gesticktes Porträt seiner Eltern hängt. <em>„Mein Vater hat sich nach seiner Pensionierung 1997 um den Hof gekümmert. Er starb fünf Jahre später, und ich habe nichts aufgegeben. Ich habe alles weiterentwickelt. Wir haben hier Kamele, Kühe, Widder, Schafe und Pferde. Alle möglichen Tiere“, </em>sagt Utegenov, der fast sein ganzes Leben in der Öl- und Gasindustrie gearbeitet hat.<em> „Jetzt ist es nur noch der Hof. Er reicht für die Familie. Ansonsten habe ich momentan keine Arbeit. Ich wurde aus dem Staatsdienst entlassen. Anscheinend fehlen mir die nötigen Qualifikationen für diesen Job.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Utegenov wurde 2019 in einer Direktwahl zum Akim von Kenqiıaq gewählt. Anschließend veranlasste er die Asphaltierung der Straßen, die Sanierung baufälliger Gebäude, verabschiedete einen Flächennutzungsplan für das Dorf und legte neun Entwicklungsprogramme den Gebiets- und der Bezirksverwaltung vor. Diese fanden jedoch keine Unterstützung. 2023 wurde er seines Amtes enthoben.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/b97820d837575d6065de19d7ff91d93f_1440xauto-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-44454" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/b97820d837575d6065de19d7ff91d93f_1440xauto-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/b97820d837575d6065de19d7ff91d93f_1440xauto-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/b97820d837575d6065de19d7ff91d93f_1440xauto-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/b97820d837575d6065de19d7ff91d93f_1440xauto.jpg 1440w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Marat Utegenov</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">In den sozialen Medien, insbesondere auf dem Kanal <a href="https://www.youtube.com/watch?v=e8hX3tiFsY4&amp;t=283s">Prosto Jurnalistika</a> („Einfach Journalismus“), kursiert eine Aufzeichnung von Utegenovs Bürgerversammlung, in der er die Anwesenden darüber informiert, dass die Bezirksverwaltung seine Initiativen nicht unterstützt. Die Menge war zu groß für das Gebäude, spendete aber dennoch Beifall. Salamat Amanbaev, der Akim des Bezirks Temir, saß in der Nähe und schüttelte nervös den Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Einheimischen baten mich zu kandidieren, weil das Dorf völlig vernachlässigt worden war. Wäre ich einer von ihnen [den Verwaltungsbeamten, Anm. d. Ü.] gewesen und hätte einfach ihr Lied gesungen, hätten sie mich wohl kaum gefeuert“</em>, sagt er, hält inne und blickt sich um. <em>„Wissen Sie, ich hätte nie gedacht, dass unser öffentlicher Dienst so versagt. Korruption und Lügen sind allgegenwärtig. Es gibt keine Programme, gar nichts. Sie warten nur auf Befehle von oben. Niemand tut etwas.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der ehemalige Akim ist empört darüber, dass es im Dorf kein voll funktionsfähiges Krankenhaus gibt und dass das bestehende Krankenhaus aufgrund von Entlassungen zu einer <em>„einfachen Sanitätsstation“</em> verkommen ist. <em>„Alles konzentriert sich im Bezirkszentrum. Jeder soll dort behandelt werden, und wir müssen 125 Kilometer dorthin fahren (nach </em><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Shubarkuduk"><em>Şübarqüdyq</em></a><em>, dem Zentrum des Bezirks Temir, zu dem auch Kenqiıaq gehört). Wir fahren hin, und dann heißt es: ‚Kommen Sie morgen wieder, es ist kein Arzt da.‘ So leben wir. Die Leute haben sich daran gewöhnt; es ist schon kaputt“</em>, gibt er zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Utegenov spricht auch über den Wiederaufbau der Wasserversorgung des Dorfes, der unter seiner Leitung begann. Er sagt, er habe in jeder Phase kämpfen müssen, um sicherzustellen, dass die Arbeiten vorschriftsmäßig und nach modernsten Standards durchgeführt wurden. <em>„Und wie sich herausstellte, war ich der Einzige, der all diese Fehlentscheidungen beanstandete“</em>, fügt er hinzu.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/leben-in-der-monostadt/">Leben in der Monostadt</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Unzufriedenheit mit dem Lebensstandard und den Investitionen in der Region hat wiederholt zu Protesten geführt. Die größten dieser Proteste fanden zur Zeit der <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/kasachstan-die-unklare-bilanz-der-januar-unruhen/">Januar-Ereignisse</a> statt, als Arbeiter eines Ölkonzerns die Arbeit niederlegten und die Anwohner:innen auf die Straße gingen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Situation wurde von Utegenov, damals noch Akim des Dorfes, stabilisiert. Er sammelte die Forderungen der Demonstrierenden und legte sie zusammen mit anderen Aktivist:innen, darunter Ardak Kubaş, dem regionalen Akim Ondasyn Orazalin vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Utegenov äußert auch seine Bedenken hinsichtlich des Grundwassers im Kökjide. Er sagt, die Anwohner:innen hätten Vorschläge an den Akim des Gebiets Aqtöbe unterbreitet und Briefe an das nationale Unternehmen KazMunayGas geschrieben, aber <em>„seit 35 Jahren hat niemand etwas unternommen“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/janatas-eine-reportage-ueber-eine-kleine-stadt-im-sueden-kasachstans-und-seine-einwohnerinnen/">Jańatas – eine Reportage über eine kleine Stadt im Süden Kasachstans und seine EinwohnerInnen</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Können Sie sich das vorstellen? Sie wenden Säure-Fracking an und injizieren über tausend Tonnen verschiedener Lösungsmittel. Die Leitung ist mit schwarzem Wasser gefüllt. Was bedeutet das? Wir haben die Quelle verseucht. Und das hier war eine der saubersten Quellen der Region. Dieses Wasser lastet nun auf unserem Gewissen“</em>, sagt Utegenov.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wissen Sie, ich bin der letzte Ölarbeiter in meiner Familie. Mein Vater war Ölarbeiter, ging in Rente und starb. Er arbeitete in einer Anlage, wo es Schwefelwasserstoff gibt – ein sehr gefährliches Gas ist. Es baut sich nicht ab, es verlässt den Körper nicht. Selbst wenn wir sterben, werden wir wahrscheinlich nicht verwesen. Wir werden nicht faulen, weil wir vollgestopft sind mit diesem Schwefelwasserstoff“</em>, lacht der Aktivist. <em>„Und testet irgendjemand unsere Gesundheit? Nein. Wozu auch? Chinesische Firmen kommen und machen, was sie wollen, weil sie die Erlaubnis von oben haben.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Utegenov wirft einen Blick aus dem alten Fenster, wo das gelbe Gras, das sich bis zum Horizont erstreckt, im starken Steppenwind wiegt. <em>„Es ist, als lebten wir in einem fremden Land. Niemand hört uns zu. Alle wollen weg. Aber wohin? Außer </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nursultan_Nasarbajew"><em>Nazarbaev</em></a><em>. Der tritt zurück und lebt. Ihm ist es egal. Obwohl ich mich mit 80 nicht mehr so </em><em>​​verstecken wollen w</em><em>ürde. Das ist doch dumm</em><em>“</em>, fügt er hinzu.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Luftverschmutzung</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das Umweltamt des Gebiets Aqtöbe hat Luftverschmutzung und Schwefelwasserstoff-Emissionen in den Dörfern bestätigt. Laut dem stellvertretenden Direktor Talap Usnadin ist die Quelle aufgrund der Vielzahl an Betrieben jedoch schwer zu ermitteln. <em>„Bei unseren Besuchen können wir den genauen Ursprung der Emissionen nicht bestimmen, da sich die Atmosphäre ständig verändert“</em>, erklärt Usnadin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dennoch, fügt er hinzu, hätten die Unternehmen Abkommen mit der Gebietsverwaltung unterzeichnet, die sie verpflichten, Grünstreifen um die Dörfer anzulegen und ihre Gruben zu sanieren. <em>„Denn die Emissionen stammen aus diesen Gruben, und wir haben uns eine Frist bis 2025/26 gesetzt, bis zu der das alles in den Gruben verbrannt werden soll“</em>, so Usnadin.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/die-luft-die-kasachstan-atmet/">Die Luft, die Kasachstan atmet</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Unternehmen selbst bestreiten jedoch, die Normen zur Reinhaltung der Luft verletzt zu haben. CNPC-AktobeMunaiGas erklärt, die tatsächlichen Emissionen in der Anlage „Kenkiyakneft“ würden aufgrund von <em>„Maßnahmen zur Minimierung der Auswirkungen der Produktionsaktivitäten auf die Atmosphäre“</em> zurückgehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Kenkiyakneft führt regelmäßige Umweltmonitorings durch und spezialisierte Organisationen führen jährliche und vierteljährliche Messungen an den Grenzen von Wohngebieten in den Dörfern Kenqiıaq, Saryköl, Şubarşi und Qümsaı durch. Laut diesen Messungen überschreiten die Schadstoffwerte die zulässigen Höchstgrenzen nicht“</em>, erklärt das Unternehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dasselbe berichtet Ada Oil. Das Unternehmen fügt hinzu: <em>„Kenqiıaq und Şubarşi liegen etwa 18 Kilometer von den Produktionsanlagen des Unternehmens entfernt und befinden sich nicht in dessen Einflussbereich.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Position der Unternehmen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Ölkonzerne, die in der Nähe des Kökjide-Sandmassivs tätig sind, glauben ausreichend für die Entwicklung der Region zu tun. „<em>Es ist wichtig, ein objektives Bild der Rolle der Unternehmen zu fördern – nicht als Bedrohung, sondern als Partner des Staates und der lokalen Gemeinschaften, die die territoriale Entwicklung und die Nachhaltigkeit der sozialen Infrastruktur gewährleisten“,</em> erklärt Joshi Deep Chandra, CEO von Ada Oil, auf Anfrage von Vlast.</p>



<p class="wp-block-paragraph">CNPC-AktobeMunaiGas gibt an, dass der Steuerbeitrag des Unternehmens in der Region 58 Prozent erreicht habe und dass von 2020 bis 2024 9,9 Milliarden Tenge (circa 17,8 Millionen Euro) an den Haushalt des Bezirks Temir überwiesen worden seien. Im Rahmen seiner sozialen Verantwortung habe man im Laufe der Geschäftstätigkeit 44,7 Millionen US-Dollar gespendet und verfolge zudem eine Wohltätigkeitspolitik.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Aktivitäten der Unternehmen zielen nicht nur auf die Entwicklung der Öl- und Gasindustrie ab, sondern auch auf die Aufrechterhaltung der sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Nachhaltigkeit der Region“</em>, betont Ada Oil.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/umwelt-und-technologie/was-laeuft-falsch-mit-der-oekologie-in-kasachstan/">Was läuft falsch mit der Ökologie in Kasachstan?</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Unternehmen fügt hinzu, dass es in der Region einen Kindergarten gebaut, umfangreiche Renovierungen an Bildungseinrichtungen durchgeführt, Wasserentnahmeanlagen wiederhergestellt, die Telekommunikationsinfrastruktur ausgebaut und auch Dörfer mit Kohle und Beleuchtung versorgt habe.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wenn die Unternehmen massenhaft ihre Aktivitäten einstellen, drohen der Region Arbeitsplatzverluste, geringere Staatseinnahmen und eine Verschlechterung der Infrastruktur“</em>, heißt es weiter seitens des Unternehmens.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Samat Berdenov, Vizepräsident von KMK Munai, berichtete außerdem, dass rund 30 Prozent der Mitarbeiter des Unternehmens aus dem Bezirk Temir stammen. Das Unternehmen beschäftige etwa 275 Mitarbeiter, ohne die Angestellten externer Dienstleister. Die jährliche Ölproduktion betrage 56.000 Tonnen und werde in den drei Feldern Qümsaı, Mortyq und Kökjide gefördert.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Im Rahmen unseres Vertrags überweisen wir Gelder an den lokalen Haushalt für die soziale Entwicklung der Region. Darüber hinaus leisten wir individuelle Hilfe: Auf Anfrage stellen wir Ausrüstung bereit; während der Überschwemmungen halfen wir beim Bau von Dämmen. Wir verteilen Neujahrsgeschenke und helfen Schulkindern aus benachteiligten Familien. Dies alles geschieht zusätzlich zu individuellen Spenden und Patenschaften“</em>, so Berdenov.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vlast hat Anfragen an alle Unternehmen gesendet, aber von Urikhtau Operating keine Antwort erhalten. KazakhOil Aktobe lehnte es ab, die Fragen zu beantworten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Weitere Bilder im </em><a href="https://vlast.kz/regiony/68136-kokzide-neftanaa-step.html"><em>Originalartikel</em></a><em>.</em></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Almas Kaysar, Paolo Sorbello (Text) und Daniyar Musirov (Fotos) für Vlast</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Russischen von Robin Roth</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Heirat in Taschkent</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Die Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 19 Mar 2025 04:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bild des Tages]]></category>
		<category><![CDATA[HEIRAT]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Dieses Bild ist ein Teil einer Reportage &#xFC;ber eine usbekische Hochzeit der Fotografin Cecilia Ricchi. Das Bild wurde in Taschkent, der Hauptstadt von Usbekistan, aufgenommen. Der Schleier wird der Schleier umgelegt, bevor ein weiterer zeremonieller Teil der usbekischen Hochzeit beginnt und sie und ihr Ehemann das Eheversprechen vor dem Imam ablegen. Photo: Cecilia Ricchi (Italien)</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Dieses Bild ist ein Teil einer Reportage über eine usbekische Hochzeit der Fotografin Cecilia Ricchi. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Bild wurde in Taschkent, der Hauptstadt von Usbekistan, aufgenommen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Schleier wird der Schleier umgelegt, bevor ein weiterer zeremonieller Teil der usbekischen Hochzeit beginnt und sie und ihr Ehemann das Eheversprechen vor dem Imam ablegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Photo: Cecilia Ricchi</strong> (Italien)</p>


<p><a style="color: #f57d20; text-decoration: underline;" href="https://www.novastan.org/de/cat/bild-des-tages/">Hier</a> geht’s zu mehr Bildern des Tages. Sie können einige davon kaufen und zu Hause empfangen: <span style="color: #ff6600;"><a style="color: #ff6600;" href="https://novastan.org/de/novastan-ev/du-kannst-das-bild-des-tages-von-novastan-auch-kaufen/">hier ist die Liste</a></span>! Wenn Sie Ihr Bild nicht in der Liste finden, schicken Sie uns eine E-Mail an <span style="text-decoration: underline;"><a href="mailto:photo@novastan.org">photo@novastan.org</a></span>.</p>
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		<title>Fluchtziel Kasachstan &#8211; Eine Reportage aus Qostanaı, wo Hunderte Russen aufgenommen wurden</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Vlast]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 07 Oct 2022 20:03:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Politik & Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kostanai]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg in der Ukraine]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das an Russland grenzende Gebiet Qostana&#x131; ist zu einem Zufluchtsort f&#xFC;r Russen geworden, die vor der Mobilisierung fliehen wollen. Der Journalist Almas Qa&#x131;sar reiste f&#xFC;r Vlast nach Qostana&#x131;, um mit russischen Gefl&#xFC;chteten sowie mit Einheimischen &#xFC;ber die Geschehnisse in der Stadt zu sprechen. Wir &#xFC;bersetzen den Artikel mir freundlicher Genehmigung der Redaktion. Je n&#xE4;her man [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Das an Russland grenzende Gebiet Qostanaı ist zu einem Zufluchtsort für Russen geworden, die vor der Mobilisierung fliehen wollen. Der Journalist Almas Qaısar reiste für <a href="https://vlast.kz/obsshestvo/51866-pristanise.html">Vlast</a> nach Qostanaı, um mit russischen Geflüchteten sowie mit Einheimischen über die Geschehnisse in der Stadt zu sprechen. Wir übersetzen den Artikel mir freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong> Je näher man den zentralen Stadtvierteln von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qostanai">Qostanaı</a> kommt, in denen sich alle Verwaltungsgebäude, Einkaufszentren, Gaststätten und öffentlichen Dienststellen befinden, desto mehr Menschen mit Koffern und Reisetaschen tauchen am Horizont auf. Abgesehen von der auffälligen Kleidung, den ordentlich gestutzten Haaren und Bärten fallen die Russen vor allem durch ihre verwirrten Gesichter auf. Sie scharen sich meistens um drei Orte im Stadtzentrum &#8211; ein Einkaufszentrum, ein Dienstleistungszentrum und einen McDonalds. Auch wenn sie die Grenze bereits überwunden haben, diskutieren sie immer wieder über die Situation an den Grenzstationen. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/die-folgen-der-russischen-mobilmachung-fuer-zentralasien/">Die Folgen der russischen Mobilmachung für Zentralasien</a></strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Russen sitzen an einem Tisch bei McDonalds. Gegenüber von ihnen steht eine Gruppe ethnischer Kirgisen, die mit ihnen zusammen angekommen sind. <em>&#8222;Ein kalmückischer Bekannter von mir wurde an der Grenze zurückgeschickt! Und das von kasachischen Grenzbeamten&#8220;</em>, sagt ein junger Russe, der sich gerade Zugang zum Internet verschafft hat, erstaunt. <em>&#8222;Er muss die Grenze an der falschen Stelle überquert haben. Entweder das oder er hat seine Unterlagen vermasselt&#8220;</em>, antwortet sein Gesprächspartner, während er seinen Burger isst. <em>“Ich werde es gleich klären&#8220;</em>, sagt er. In der nächsten halben Stunde telefoniert der Kerl, um sich über die Situation zu informieren. Die Menschen, die es nach Qostanaı geschafft haben, haben ein Dutzend Bekannte, die derzeit versuchen, die Grenze zu überqueren.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Dostonbek</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>&#8222;Wir haben uns entschieden, vor der Mobilisierung zu fliehen, ohne darauf zu warten, dorthin gebracht zu werden&#8220;</em>, sagt Dostonbek (alle Namen im Artikel wurden geändert), der ursprünglich aus Kirgistan stammt. <em>“Ich habe vor acht Jahren die russische Staatsbürgerschaft erhalten. Ich war selbst mehr als 15 Jahre dort tätig und habe in einem Einkaufszentrum gearbeitet. Meine Familie ist jetzt dortgeblieben.“ </em><em> <p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p></em>

Er erzählt, dass sie eigentlich von Moskau aus fliegen wollten, aber die Tickets waren schnell ausverkauft und die Preise waren sehr hoch. Nun ist er auf dem Weg nach Bischkek. <em>„Aber es ist schwer, dort zu leben, die Gehälter sind gering, die Kredite sind unvorstellbar. Abgesehen davon geben wir dort eine Menge Geld aus. Der da drüben hat in 13 Tagen seine Hochzeit geplant“, </em>zeigt er auf einen jüngeren Mann.<em> – „Er hat 300 Personen eingeladen! Wie viel Geld wird verschwendet!&#8220;</em>, lacht Dostonbek.
</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Stepan</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Immer mehr Russen versammeln sich im McDonalds. Einige haben die Seitensitze mit ihren Ladegeräten besetzt und versuchen, an ihren Laptops zu arbeiten, andere versuchen, sich auszuruhen. Draußen ist es kalt und düster: in Qostanai ist es deutlich kälter geworden und es weht ein frostiger Wind. <em>“Ich bin 32 Jahre alt und bin nicht von der ersten Mobilisierungswelle betroffen. Sie nehmen aber alle willkürlich mit. Warum ich hier bin? Wir haben einen verbrecherischen Krieg begonnen, an dem ich mich nicht beteiligen will. Ich bin gegen diesen Krieg. Ich will keine Menschen töten. Das ist nicht der Grund, warum ich studiert, mein Haus gebaut und meine Kinder großgezogen habe&#8220;</em>, sagte Stepan. Er wurde in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kasan">Kasan</a> geboren. Davor arbeitete er als Softwareentwickler in einem IT-Unternehmen. Als die Mobilisierung bekannt gegeben wurde, stand seine Familie zunächst unter Schock. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>“Niemand wusste, was man tun sollte. Viele dachten erstmal, es wird an uns vorbeigehen. Aber es blieb immer weniger Zeit, darüber nachzudenken. Innerhalb von vier Tagen nach Bekanntgabe der Mobilisierung haben wir beschlossen, zu fliehen. Wir hatten Angst, dass wir es nicht mehr rechtzeitig schaffen würden. Die Menschen wurden bereits an der Grenze zurückgeschickt&#8220;</em>, fügt er hinzu. Er und seine Familie sind mit ihrem eigenen Auto losgefahren und haben 18 Stunden lang am Kontrollpunkt gestanden. Es gab die Möglichkeiten, durch <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Orenburg">Orenburg</a> zu fahren, aber die Menschen standen dort <em>&#8222;drei Tage lang ohne Wasser und Essen&#8220;</em>. Sie planten durch Georgien zu fahren, aber dort steht es bereits eine militärische Rekrutierungsstelle.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/kasachstans-schrittweise-entfernung-von-russland/">Kasachstans schrittweise Entfernung von Russland</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>“Es gibt Menschen in ihren 40ern und 50ern. Es gibt Autos voll mit sechs jungen Leuten. Drei von ihnen wurden am Kontrollpunkt vor uns zurückgewiesen. Es gibt Familien mit kleinen Kindern und Babys. Wir wissen nicht, warum sie da Menschen zurückschicken. Gestern wurde an der Grenze ein Wehrpflichtiger durchgelassen, der in der Armee diente. Aber einen Mann, der als behindert eingestuft ist, nie gedient hat und keine Kampferfahrung hat, haben sie nicht durchgelassen&#8220;</em>, erzählt Stepan. Er sagt, er habe es geschafft, innerhalb von zwei Stunden durch den kasachstanischen Grenzdienst zu kommen: <em>&#8222;Es gibt keine Schwierigkeiten mit ihnen. Sie lächeln und scherzen&#8220;. </em>Von seiner 20-köpfigen Abteilung haben bereits 16 Personen Russland verlassen, von zehn engen Freunden sind es sieben. Der Rest hofft, nicht eingezogen zu werden. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Durch einige Bekannte und Freiwillige gelang es Stepan, in einem Ferienlager etwa anderthalb Kilometer außerhalb der Stadt unterzukommen. <em>&#8222;Es ist nur ein Ferienlager mit einem Ofen. Wir haben 25.000 [Tenge &#8211; circa 55 Euro, Anm. d. Red.] für die Nacht bezahlt. Das ganze Lager ist voll von Russen. Wir haben noch einen langen Weg vor uns &#8211; wir fahren nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Almaty">Almaty&#8220;</a></em>, sagt er. Stepan will in Almaty bleiben, weil er dort Verwandte hat. Er habe gesammelte Ersparnisse, aber <em>&#8222;niemand wird nur herumsitzen&#8220;</em>, sagt er. <em>“Das Geld wird immer knapper. Wir werden helfen, Ihr Land zu entwickeln. Wenn unser Land uns nicht braucht&#8220;</em>, sagt er frustrierend. <em>“Natürlich wollen wir nach Russland zurückkehren. Unser Zuhause ist dort. Bisher haben meine Frau und ich darüber gesprochen, dass wir versuchen werden, nach Europa zu ziehen, wenn sich die Situation verschlechtert &#8211; und meiner Meinung nach wird es nicht besser werden und es wird noch lange dauern.” </em>Am Ende fügt er hinzu: <em>&#8222;Es ist sehr schwierig gerade für meine Frau. Ich habe keine Zeit zum Reflektieren.&#8220;</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Igor </strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Menschenstrom bewegt sich weiter durch das Zentrum. Plötzlich schaltet sich an der Kreuzung ein Megafon ein, das verkündet, dass [der Fernseh- und Internetprovider, Anm. d. Red.] Beeline die Sendungen russischer Fernsehsender abschalten wird. In der Nähe, zwischen Koffern und Taschen, steht Igor. Er spricht mit einem Freund, den er aus Qostanaı kennt. <em>&#8222;Hier gibt es einen Kollaps der ankommenden Russen&#8220;</em>, scherzt er. Igor hat am Anfang die Mobilisierung nicht allzu ernst genommen. Als sich jedoch in Russland Gerüchte über die Grenzschließung verbreiteten, beschloss er zu flüchten. Innerhalb eines Tages hatten er und seine Freunde die möglichen Optionen durchdacht und sich für Kasachstan entschieden. Vor der Mobilisierung lebte er in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wologda">Wologda</a> und arbeitete wie mehrere andere Russen als IT-Fachmann. Seiner Meinung nach liegt das daran, dass sie von jedem Ort der Welt aus arbeiten können. Das Wichtigste ist, dass man Internet, Strom und einen Laptop hat. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/eine-eklatante-manifestation-von-russophobie-kasachstan-im-epizentrum-eines-informationskriegs/">„Eine eklatante Manifestation von Russophobie“ – Kasachstan im Epizentrum eines Informationskriegs </a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>&#8222;Selbst als ich im <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Oblast_Tscheljabinsk">Gebiet Tscheljabinsk</a> an der Grenze im Stau stand, habe ich gearbeitet&#8220;</em>, sagt Igor. Zunächst nahm er den Schnellzug nach Moskau. Danach gab es einen Flug nach Tscheljabinsk. Seine Tochter und seine Frau blieben in Wologda. <em>„Wir hatten in gewisser Weise Glück. Wir trafen einen kasachstanischen Staatsangehörigen, der uns für einen ziemlich hohen Geldbetrag half, die Grenze zu überqueren. Am 27. reihte er sich auf der russischen Seite in diese Schlange ein. Wir waren in Tscheljabinsk und er stand in der Schlange. Als wir an der Grenze ankamen, war er bereits in der Nähe der Grenze. Wir haben nicht 15 Stunden auf die Überfahrt gewartet, sondern nur 7. Dadurch haben wir unsere Wartezeit halbiert&#8220;</em>, sagt Igor. Er sitzt bei seinen Sachen und sucht eine Unterkunft. Es gab auch Probleme mit russischen Karten, die hier nicht funktionieren. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt ist Igor auf der Suche nach einem Arbeitgeber im Ausland, insbesondere in Europa und den USA. <em>&#8222;Je nach Angebot kann man entweder in Kasachstan bleiben, sich legalisieren lassen und die Familie hierherholen oder, wenn der Arbeitgeber ein Relocation-Programm anbietet, dorthin gehen, wohin er befördert wird. Es gibt auch eine Option in Polen &#8211; es wird am Montag ein Vorstellungsgespräch geben&#8220;</em>, sagte er. Igor würde gerne in Qostanaı bleiben, aber er sieht, dass die Wirtschaft der Stadt einen solchen Zustrom nicht aushalten kann. <em>&#8222;Und er wird noch größer werden. Und es wird schwieriger sein&#8220;</em>, ist er sicher. Er fährt nach Almaty, da einige seiner Freunde aus Wologda bereits dorthin geflogen sind und eine große Mietwohnung suchen. &#8222;<em>Um ehrlich zu sein, wünsche ich mir, dass sich die Dinge in Russland zum Besseren verändern. Das ist alles sehr traurig. Ich wollte nicht weg. Ich möchte, dass sich die Dinge ändern. Wir hoffen uns das Beste, bereiten uns aber auf das Schlimmste vor&#8220;</em>, sagt er zum Schluss.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>David</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn Russen über ihr Land sprechen, spürt man ihre innere Zerrissenheit, aber viele von ihnen sind zuversichtlich, dass sie mit ihrem Leben außerhalb des Landes zurechtkommen werden. Dies ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass vor allem Menschen mit Spareinlagen nach Qostanaı gekommen sind. David hat die Parametern der Mobilisierung erfüllt und daher entschieden, aus dem Land zu fliehen. <em>“Ich werde nicht hingehen und in einem anderen Land die Probleme eines anderen lösen, unter dem Vorwand, dass uns jemand angegriffen hat. Jeder versteht, dass uns niemand angegriffen hat&#8220;</em>, sagt er. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/der-krieg-in-der-ukraine-und-seine-folgen-fuer-zentralasien/">Der Krieg in der Ukraine und seine Folgen für Zentralasien </a></strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">David hat in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Jekaterinburg">Jekaterinburg</a> gelebt und für sich selbst gearbeitet. Er war im Management tätig und hat das Geld gespart. Seine Frau und sein Kind sind in Russland geblieben. Sein Weg führt ihn ebenfalls nach Almaty, denn dort leben seine Freunde. Er hat vor, in Kasachstan zu bleiben, muss aber erst einmal die Rechtsvorschriften in Ordnung bringen. Er sagt, dass er überall, wo er hingegangen ist, immer freundlich aufgenommen wurde. Er hat von verschiedenen Personen gehört, wie sie im Stau an der kasachstanischen Grenze Obst verteilt haben und wie patrouillierende Polizeibeamte auf sie zugekommen sind und gefragt haben, ob sie was zum Essen und eine Unterkunft haben. <em>&#8222;Wir konnten uns so etwas in Russland nicht vorstellen&#8220;</em>, fügt er hinzu. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>&#8222;Meine Familie ist dort. Ich hoffe auf irgendeine Art von Verbesserung. Es ist schwer, darüber zu sprechen. Die Lage in Russland war allerdings nicht besonders rosig. Über Nacht wird so etwas angekündigt. Leute verlassen alles und verreisen. An der Grenze zu Kasachstan gibt es einen großen Zustrom. Ich verstehe die Belastung für Kasachstan. Ichhoffe, dass es keine Konflikte zwischen den Völkern geben wird. Es ist wichtig, dass wir verstanden werden. Und dass unsere Leute bei allem gewissenhaft sind&#8220;</em>, fasst David zusammen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>&nbsp;</strong><strong>Wasilij </strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><strong> </strong>Wasilij ist Musiker und hat in den letzten Jahren Informatik studiert. Er war kurz davor, einen Job zu bekommen. Vor der Mobilisierung hat er an verschiedenen Protesten teilgenommen und war auch ein Wahlbeobachter. <em>&#8222;Ich habe so hart gekämpft, wie ich konnte. Als die Mobilisierung angekündigt wurde, wurde mir klar, dass ich vor der Wahl stand: Gefängnis oder Umzug. Ich möchte niemanden in der Ukraine töten&#8220;</em>, sagt Wasilij. Er hat die Tickets am ersten Tag der Mobilisierung gekauft. Zusammen mit einem Freund sind sie durch den Stau zum Kontrollpunkt gelaufen. Dort haben sie eine Stunde im Regen verbracht. Von 300 Personen sind nur 10 durchgekommen. Sie haben schließlich Geld an einen der Autofahrer bezahlt, die bereits in der Nähe der Grenze waren und sind dann mit ihm zusammen gefahren. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/kasachstan-ist-es-leid-russland-staendig-nachzulaufen-politologe-temur-umarov-im-interview/">Kasachstan ist es leid, Russland ständig nachzulaufen – Politologe Temur Umarov im Interview </a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>&#8222;Als wir in Kasachstan ankamen, wurden wir mit offenen Armen empfangen. Der Taxifahrer war ein sehr netter Mann. Er sagte uns, wie wir uns fortbewegen und was wir tun sollten. Dann fand der Freund von mir durch Bekanntschaften einen Mann, der uns half, eine Wohnung für eine Nacht zu mieten. Jetzt haben wir schon einen Platz gefunden, an dem wir für lange Zeit bleiben können. Ich dachte ursprünglich, ich hätte genug Geld für sechs Monate. Davor habe ich schon einige Jahre lang gespart. Ich hatte andere Pläne für sie, aber was soll man machen. Meine Frau bleibt dort, um zu arbeiten, vielleicht hilft sie mit, wenn etwas passiert. Ich werde wahrscheinlich circa vier Monate in Qostanaı bleiben &#8211; wenn der Trubel aufhört und es nicht so teuer ist&#8220;</em>, fügt er hinzu. Dennoch hat er nicht vor, sich in Kasachstan länger aufzuhalten. Er glaubt, dass die politische Situation in Russland in eine kritische Phase eingetreten ist: <em>&#8222;Entweder wird es zu einem Horrorszenario kommen, oder es wird sich etwas lösen.”</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Meinung der Einheimischen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Einheimischen haben die Zugereisten auf unterschiedliche Weise empfangen. Die Unternehmer haben angefangen, für ihre Betriebe und Büroräume zu werben, um Russen anzuziehen. Im Einkaufszentrum wird Werbung für Geschäfte gemacht, in denen man eine SIM-Karte kaufen und Geld wechseln kann. Freiwilligeninitiativen helfen den Menschen bei der Wohnungssuche, bei Übernachtungen in Ressourcenzentren und so weiter. Sie haben es jedoch alle abgelehnt, sich zu äußern. Für andere werden die Russen mit &#8222;coolen Autos&#8220;, Verkehrsstau und steigenden Mietpreisen in Verbindung gebracht. <em>&#8222;Ja, sie kommen und kommen. Für mich hat sich nichts geändert. Das Einzige, was sich geändert hat, ist, dass die Russen jetzt hier sind. Aber das macht keinen Unterschied&#8220;</em>, sagen einige der Bewohner. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ein anderer Teil hat Verständnis für die Neuankömmlinge. Toktasyn ist bereits ein Rentner. Er lebt ein paar Kilometer von Qostanaı entfernt in einem Aul. Er ist hierher zu Besuch gekommen. Er hat den Zustrom von Russen bemerkt und geglaubt, dass sie Hilfe brauchen. <em>&#8222;Lass sie kommen. Sie kamen auch vorher. Ins Neuland [Anspielung auf die Ansoedlung von russischen Bauern während der Sowjetzeit, Anm. d. Red.]. Wohin können sie sonst gehen? Wenn sie dorthin ziehen, werden sie sterben. Wir müssen helfen, jetzt ist es kälter geworden. Wo werden sie hingehen? Sie ließen alles stehen und kamen hierher&#8220;</em>, sagt er. Andrej, der als Taxifahrer arbeitet, ist ebenfalls der Meinung, dass sie <em>&#8222;das Richtige tun, wenn sie vor der Mobilisierung flüchten&#8220;</em>. <em>&#8222;Niemand will sterben und töten. Ich fahre heute nur noch Russen. Es waren Jungs aus <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ulan-Ude">Ulan-Ude</a> dabei. Das bedeutet, dass sie von so weither kommen. Moskau, St. Petersburg, Jekaterinburg. Sehr junge Leute. 18 bis 22 Jahre alt. Es gab auch Jungs, die im Allgemeinen so wie Kinder waren. Warum sollten Kinder in diesem Krieg sterben? Sollen sie doch zu uns kommen&#8220;</em>, sagt er.</p>


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<p class="wp-block-paragraph">

Azamat schlendert durch den Busbahnhof, umhüllt von der lila Farbe der drohenden Finsternis. Dort, an einer überdachten Haltestelle, stehen Menschen mit Koffern. Nach einer Weile gehen sie zu einer Gruppe von Taxifahrern, die Fahrgäste für Fahrten nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qaraghandy">Qaraģandy</a>, <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/kasachstans-hauptstadt-wird-in-astana-rueckbenannt/">Astana</a> und Almaty anwerben.

Azamat arbeitet nicht als Taxifahrer. Er geht einfach herum und hilft den Leuten. <em>&#8222;Sehen Sie sich das Mädchen dort drüben an&#8220;</em>, sagt er und zeigt auf ein junges Mädchen in einem rosa Mantel. <em>„Sie ist so jung, dass sie meine Tochter sein könnte.&nbsp; So jung und was für eine Herausforderung ist das alles für sie. Das sind unschuldige Menschen. Wer will schon so einfach weglaufen und seine Brüder, Schwestern, Eltern und Kinder verlassen? Niemand will Menschen töten.“</em>

Er sagt, dass jeden Tag etwa 200 Menschen hierherkommen. Seiner Meinung nach verdient die Stadt gut an ihnen. <em>&#8222;Lebensmittel, Miete, Taxis &#8211; sie alle achen Gewinn. Sie machen die Dinge für Qostanaı nicht schlechter&#8220;</em>, sagte er.

Hinter den abfahrenden Russen durchschneiden Zugvögel den Himmel.
</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>&nbsp;</strong><strong>Almas Qaısar für Vlast</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://vlast.kz/obsshestvo/51866-pristanise.html">Russischen</a> von Amina Akhrorkulova</strong> </p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><p><span style="font-weight: 400;">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen, schaut mal vorbei bei </span><a href="https://twitter.com/novastan_de"><span style="font-weight: 400;">Twitter</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/"><span style="font-weight: 400;">Facebook</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://telegram.me/novastan"><span style="font-weight: 400;">Telegram</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/"><span style="font-weight: 400;">Linkedin</span></a><span style="font-weight: 400;"> oder </span><a href="https://www.instagram.com/novastanorg/"><span style="font-weight: 400;">Instagram</span></a><span style="font-weight: 400;">. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem </span><a href="http://eepurl.com/O0Qub"><span style="font-weight: 400;">wöchentlichen Newsletter anmelden</span></a><span style="font-weight: 400;">. </span></p></p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/fluchtziel-kasachstan-eine-reportage-aus-qostanai-wo-hunderte-russen-aufgenommen-wurden/">Fluchtziel Kasachstan &#8211; Eine Reportage aus Qostanaı, wo Hunderte Russen aufgenommen wurden</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Wiederwahl von Shavkat Mirziyoyev: „Ohne Bildung wird sich nichts ändern“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[kluczka]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 28 Oct 2021 13:26:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Politik & Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Präsidentschaftswahl]]></category>
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		<category><![CDATA[Shavkat Mirziyoyev]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Am 24. Oktober haben die B&#xFC;rger:innen Usbekistans Shavkat Mirziyoyev mit 80,1 Prozent der Stimmen erneut zum Pr&#xE4;sidenten des Landes gew&#xE4;hlt. Obwohl sich die wirtschaftliche Lage etwas verbessert zu haben scheint, beschreiben die von der franz&#xF6;sischen Redaktion von Novastan befragten Usbek:innen eine immer noch sehr geschlossene Gesellschaft. Eine Reportage. Ohne gro&#xDF;e &#xDC;berraschung w&#xE4;hlten die B&#xFC;rger:innen von [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Am 24. Oktober haben die Bürger:innen Usbekistans Shavkat Mirziyoyev mit 80,1 Prozent der Stimmen erneut zum Präsidenten des Landes gewählt. Obwohl sich die wirtschaftliche Lage etwas verbessert zu haben scheint, beschreiben die von der <a href="https://novastan.org/fr/ouzbekistan/reelection-de-chavkat-mirzioiev-rien-ne-changera-sans-education/">französischen Redaktion von Novastan befragten</a> Usbek:innen eine immer noch sehr geschlossene Gesellschaft. Eine Reportage. </strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"> Ohne große Überraschung <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/usbekistans-praesident-mirziyoyev-mit-80-prozent-der-stimmen-wiedergewaehlt/?noredirect=de-DE">wählten</a> die Bürger:innen von Usbekistan am 24. Oktober den amtierenden Präsidenten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Shavkat_Mirziyoyev">Shavkat Mirzyioyev</a> mit 80,1 Prozent der Stimmen in eine zweite Amtszeit. Damit steht er fünf weitere Jahre an der Spitze des Landes, das er bereits seit Dezember 2016 führt. </p>


<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p>



<p class="wp-block-paragraph">

Um mehr darüber zu erfahren, was diese Wahl für die Menschen in Usbekistan bedeutet, hat Novastan Bürger:innen nach dem Urnengang getroffen. Sie zeichnen ein anderes Bild der Lage im Land, als es gewöhnlich von der Regierung in hellen Farben gezeichnet wird.
</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Wählen? „Das ändert nichts an der Lage“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"> Erster Halt: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Xojikent">Hoʻjakent</a>, nordöstlich von der Hauptstadt Taschkent. Um die bergige Provinz um den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chorvoq">Chorvoq-Stausee</a> zu erreichen, muss man den Vorortzug nehmen, in dem die Sitze aus Holzbänken bestehen. Rund um den Bahnhof Ho’jakent, der im Winter von vielen Tourist:innen besucht wird, die in das <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Amirsoy_Mountain_Resort">Skigebiet Amirsoy</a> strömen, ist die Infrastruktur gut, wenn auch verbesserungswürdig. Nähert man sich der Stadt, die seltener besucht wird, sieht es schon ganz anders aus. Als Taxifahrer Rasul, vor dem Wahllokal in einer Schule ankommt, erklärt er stolz, dass er nicht zur Wahl gegangen ist. „<em>Ehrlich gesagt, sind wir in diesem Land in einer beschissenen Situation. Deshalb bin ich nicht zur Wahl gegangen. Ob es nun Karimov oder Mirziyoyev ist, wird nichts ändern</em>“, sagt Rasul und erwähnt dabei den ehemaligen usbekischen Präsidenten <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/islam-karimow-vom-waisenkind-zum-vater-der-nation/">Islom Karimov</a> (1989-2016). Die Sonne scheint und die Tore der örtlichen Schule sind weit geöffnet. Zwei Männer, einer in Polizeiuniform, der andere in Zivil, stehen am Eingang Wache und beobachten die Umgebung sehr genau. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/vier-jahre-presse-freiheit-insider-interview-medien-usbekistan/">Vier Jahre in Freiheit? – Insider-Interview zur Lage der Medien in Usbekistan</a></strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Besucher:innen werden gleich beim Betreten von den beiden Männern angesprochen, die alle Dokumente kontrollieren. Nach dem Grund der Kontrolle gefragt, antwortet der Mann in Zivil, er sei Lehrer. „<em>Verstehen Sie, es ist nur so, dass er (er zeigt auf den uniformierten Polizisten) kein Russisch spricht, also helfe ich ihm</em>.“ Der ‚Lehrer‘ erklärt, dass er in der Schule, in der sich das Wahllokal befindet, gut arbeitet. Welches Fach er dort unterrichtet, kann er jedoch nicht sagen, obwohl es keine Sprachbarriere gibt. Solche ‚Paare‘ von Polizisten in Zivil und in Uniform sind an diesem sonnigen Sonntag in Usbekistan vor jedem Wahllokal zu sehen. </p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Fröhliche Wählerinnen und Wähler im Vordergrund</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">
Die Wähler:innen lächeln und grüßen sich gegenseitig. Sie teilen diese Energie und erklären einstimmig und glücklich, dass sie für den scheidenden Präsidenten Shavkat Mirziyoyev gestimmt haben. Sie weigern sich jedoch, sich weiter zur Lage im Land zu äußern.

</p>



<figure class="wp-block-image alignnone wp-image-28095 size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="2560" height="1438" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/10/2-1-scaled-1.jpeg" alt="Wahlbüro Region Taschkent Präsidentschaftswahl" class="wp-image-28095" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/10/2-1-scaled-1.jpeg 2560w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/10/2-1-scaled-1-300x169.jpeg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/10/2-1-scaled-1-1024x575.jpeg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/10/2-1-scaled-1-768x431.jpeg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/10/2-1-scaled-1-1536x863.jpeg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/10/2-1-scaled-1-2048x1150.jpeg 2048w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/10/2-1-scaled-1-1300x730.jpeg 1300w" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" /><figcaption class="wp-element-caption">Ein Wahlbüro in der Region von Taschkent, Usbekistan</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">

Die Sprachbarriere spielt sicherlich eine Rolle, aber der eigentliche Schuldige ist die heitere Atmosphäre rund um das Wahlritual. Die Wahl wird zum Fest stilisiert, um Bürger:innen zu mobilisieren und die Wahlenthaltung zu verringern, den eigentlichen Feind jedes autoritären Regimes. Zum festlichen Charakter gesellt sich die Angst, etwas Falsches zu sagen. Dieses Schema von oberflächlichen und positiven Gesprächen über den amtierenden Präsidenten wederholt sich endlos am Sonntag vor den Wahllokalen, sei es in den Regionen oder später am Tag in Taschkent.
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<h2 class="wp-block-heading"><strong>„Sie können sich die Atmosphäre, die wir unter Islom Karimov hatten, gar nicht vorstellen“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"> Es werden auch andere Meinungen geäußert, aber ziemlich weit von den Wahllokalen entfernt. Ein paar Kilometer weiter hält Timur an einem malerischen Aussichtspunkt über dem Chorvoq-Stausee, wo sich hinter dem klaren blauen Wasser die Berge mit ihren schneebedeckten Gipfeln auftürmen. Timur sagt, er sei für einen Tag aus Taschkent gekommen, um den Sonntag mit seinem Cousin in den Bergen zu verbringen. Der 26-Jährige arbeitet als Computeringenieur in der usbekischen Hauptstadt. Nachdem er gerade von einem zweijährigen Studienaufenthalt in Berlin zurückgekehrt ist, bietet er eine nüchterne Einschätzung der wichtigsten Herausforderungen Usbekistans. „<em>Ich würde sagen, unsere größten Probleme sind geschlechtsspezifischer und ökologischer Natur: Viele Männer in Usbekistan haben eine extrem patriarchalische Einstellung zu Frauen und wollen, dass sie zu Hause bleiben, anstatt zu arbeiten</em>“, sagt Timur. „<em>Wir haben auch wenig Respekt vor der Umwelt: Das gilt insbesondere für den Aralsee und die Situation der Menschen, die um ihn herum leben. Aber das ist ein allgemeines Problem, die Gesellschaft hat eine perverse Einstellung zu diesen Themen</em>“, fügt er hinzu. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/umwelt-und-technologie/die-luft-die-usbekistan-atmet/">Die Luft, die Usbekistan atmet</a></strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">In Bezug auf die aktuelle Regierung ist Timur dennoch optimistisch. „<em>Sie können sich die Atmosphäre, die wir unter Islom Karimov  hatten, gar nicht vorstellen. Selbst in einer Gruppe von zehn Leuten konnten wir uns nicht treffen und unbesorgt Witze erzählen. Es war, als hätte jeder seinen Text schon vorbereitet</em>“, beschreibt er. „<em>Die Dinge haben sich in dieser Hinsicht geändert, auch wenn es in der Wirtschaft nur langsam vorangeht. Heute ist es viel einfacher, ein Geschäft zu eröffnen, ohne dass Leute, die mit der Regierung in Verbindung stehen, Schwierigkeiten machen oder Bestechungsgelder verlangen</em>“, ergänzt Timur. „<em>Natürlich ist dies nicht überall der Fall: Die so genannten ‚strategischen‘ Sektoren, also alles, was mit Infrastrukturen, Eisenbahnen und Immobilien zu tun hat, ist immer noch dem Staat vorbehalten. Aber es gibt viele Bereiche, in denen der Staat, nicht in der Lage ist, interessante Dinge zu tun; dies gilt insbesondere für den IT-Bereich, in dem ich arbeite. Also lässt die Regierung uns das tun! Auch wenn ich nicht sagen kann, dass wir uns mit Lichtgeschwindigkeit entwickeln</em>&#8222;, sagt er abschließend. </p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Der Reichtum des Präsidenten</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"> Weiter flussaufwärts wird die Landschaft majestätisch und das Land dünner besiedelt. Hier reihen sich mehrere Residenzen des usbekischen Präsidenten aneinander. Sie sind mit großen Ferienhäusern verbunden, die von Vertrauten des ehemaligen Staatschefs Karimov gebaut wurden. Einige Kilometer weiter taucht ein weiterer Wohnsitz auf, der noch imposantere Zäune aufweist. Diese hier gehört Präsident Mirziyoyev. „<em>Er hat sich eine verdammte Residenz am Strand gebaut</em>“, wiederholt Rasul im Laufe einiger Minuten mehrmals verzweifelt. „<em>Ich weiß nicht einmal, wie viel es gekostet hat&#8230; Sie kommen im Sommer oft hierher, meist mit der ganzen Familie. Manchmal mit dem Auto, manchmal mit dem Hubschrauber</em>“, erklärt er und zeigt auf eine gigantische moderne Villa, die unter Karimov gebaut wurde und nur schwer zu sehen ist. „<em>Und sieh dir diese Wasserballons und Rohre an, die das Wasser aus dem Tank nach oben tragen. Meines Erachtens können die Ballons bis zu 20.000 Tonnen Wasser fassen, Gott weiß, warum er so viel braucht</em>“, erklärt Rasul weiter. Sobald man den Haupteingang der Residenz passiert hat, ändert sich die Landschaft dramatisch. Die einheimischen Bäume wurden alle gefällt und durch junge Tannen und einige Sträucher ersetzt. Auch die Qualität der Straße verbessert sich deutlich. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/opposition-in-usbekistan-sein-oder-nicht-sein/">Opposition in Usbekistan: Sein oder nicht sein?</a></strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Wasserversorgungssystem ist genauso beeindruckend, wie Rasul es beschreibt. Kilometerlang zieht sich eine nagelneue Spirale aus Rohren und Wasserballons, die in der Sonne glänzt, entlang der Straße. Sie erweckt einen unwirklichen Eindruck, vor allem im Vergleich zu dem eher maroden Zustand der Infrastruktur an Orten, an denen der Präsident Mirziyoyev wahrscheinlich nicht vorbeikommen wird. </p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>„Die Menschen haben wirklich weniger Angst“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"> Die Rückfahrt nach Taschkent erfolgt mit einem Sammeltaxi. Während der Reise spricht Stas, ein 30-jähriger Usbeke russischer Herkunft, der in der usbekischen Hauptstadt geboren und aufgewachsen ist, über seine Vision von Usbekistan. Wie Timur versucht auch er, optimistisch in die Zukunft zu blicken. „<em>Die Lage im Land ist durchschnittlich, aber besser als unter Karimov. Vor allem hat sich die Atmosphäre verändert, und die Menschen haben wirklich weniger Angst. Die Preise sind in den letzten Jahren stark gestiegen, aber auch die Löhne, und nach und nach öffnen wir uns der Welt</em>“, sagt Stas. „<em>Als Fahrer für ein Unternehmen, das Kohle in der Region Chorvoq verkauft, erhalte ich monatlich zwei Millionen Sum (160 Euro). Ich arbeite zehn Tage am Stück, dann habe ich zwanzig Tage frei. Es ist nicht viel Geld, aber ich glaube, dass man in jeder Situation versuchen kann, über die Runden zu kommen.</em>“ </p>



<figure class="wp-block-image alignnone size-full wp-image-28096"><img loading="lazy" decoding="async" width="2560" height="1438" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/10/3-1-scaled-1.jpeg" alt="Chorvoq Stausee" class="wp-image-28096" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/10/3-1-scaled-1.jpeg 2560w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/10/3-1-scaled-1-300x169.jpeg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/10/3-1-scaled-1-1024x575.jpeg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/10/3-1-scaled-1-768x431.jpeg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/10/3-1-scaled-1-1536x863.jpeg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/10/3-1-scaled-1-2048x1150.jpeg 2048w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/10/3-1-scaled-1-1300x730.jpeg 1300w" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" /><figcaption class="wp-element-caption">Blick auf den Chorvoq-Stausee im Nordosten Usbekistans</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">

„<em>Meine freien Tage verbringe ich in der Küche eines Restaurants in Taschkent, wo ich Schaschlik zubereite. Dann versuche ich, ein Auto zu mieten, das ich auf Kredit gekauft habe, um mehr Geld zu bekommen, und ich habe andere Ideen, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen</em>“, erzählt Stas. „<em>In unserem Land funktioniert es so: Wenn man die Energie hat, etwas für sich selbst zu tun, kann man mehr oder weniger friedlich leben. Tut man es nicht, wird man nicht viel bekommen. Auf der anderen Seite haben wir in gesellschaftlichen Fragen noch viel zu tun. Ich sehe viele junge Menschen, die mit 19 oder 20 Jahren heiraten, oft weil ihre Eltern sie dazu zwingen. Wir müssen das Bewusstsein der Menschen für diese Dinge wirklich ändern</em>“, sagt Stas.
</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>„Sie haben vielleicht den Eindruck, dass in unserem Land alles in Ordnung ist“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"> „<em>Wenn man als Ausländer mit den Menschen spricht, könnte man den Eindruck gewinnen, dass in unserem Land alles in Ordnung ist</em>“, kommentiert Yulia*, eine 25-jährige Russin aus Taschkent, die wir in der Hauptstadt treffen. „<em>Die Realität ist, dass die meisten Menschen sehr stark in ihren Familien verwurzelt sind und sich auf ihre traditionellen Werte konzentrieren. Deshalb betrachten sie alles, was um sie herum geschieht, als normal. Zweitens haben sie große Angst vor einem Regimewechsel, denn aus ihrer Sicht ist das nur eine Gelegenheit für einen neuen Diktator, seine Taschen und die seiner Freunde zu füllen</em>“, sagt sie. </p>



<p class="wp-block-paragraph">„<em>All dies hat seine Wurzeln im Bildungsniveau, das in Usbekistan immer noch sehr niedrig ist: Deshalb haben die Menschen Angst vor jeder Veränderung. In Taschkent haben wir oppositionelle Blogger und Journalisten, die sich nicht scheuen, die Regierung zu kritisieren. Aber ohne große Fortschritte im Bildungswesen wird sich die politische Situation im Land nicht ändern“</em>, ergänzt Yuliya, die im Bereich des Marketings tätig ist. </p>


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<p class="wp-block-paragraph"> „<em>Zwei weitere Probleme, die ich sehe, sind die Korruption, die buchstäblich alle Bereiche unseres Lebens verschlingt, und das System des ‚Pilusgoh‘, das uns von der Grundschule an beigebracht wird. Die Idee hinter diesem System ist, dass man versucht, sich von seiner guten Seite zu zeigen, wenn jemand vorgesetztes kommt. So erhält man ‚Pluspunkte‘</em>“, beklagt Yuliya. „<em>Bei Kontrollen so zu tun, als sei alles in Ordnung, und dann zu anderen Zeiten nichts zu tun, ist leider immer noch das Grundprinzip unserer Gesellschaft, und ich sehe nicht, dass sich das in naher Zukunft ändern wird</em>“, resümiert die junge Frau. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Am Abend des 25. Oktober, dem Tag nach Schließung der Wahllokale, änderten die großen digitalen Werbetafeln, die bis dahin die fünf offiziellen Präsidentschaftskandidat:innen nacheinander präsentiert hatten, von einem Moment auf den anderen ihren Inhalt, sobald die Zentrale Wahlkommission die Ergebnisse bekannt gab. Auf allen Plakatwänden stand dann eine einzige Botschaft: „<em>Mirziyoyev – Tabriklaymiz &#8211; wir gratulieren [Präsident] Mirziyoyev</em>“. Das Bild eines politischen Systems, das immer noch stark von den Machthabern kontrolliert wird, könnte nicht besser illustriert werden. </p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Karol Luczka
Journalist für Novastan.org </strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong><a href="https://novastan.org/fr/ouzbekistan/reelection-de-chavkat-mirzioiev-rien-ne-changera-sans-education/">Aus dem Französischen</a> von Florian Coppenrath</strong> </p>



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		<title>Der Moskauer Traum</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Die Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 19 Oct 2018 08:34:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
		<category><![CDATA[Gastarbeiter]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
		<category><![CDATA[Moskau]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In Russland sind Tadschiken, Usbeken und Kirgisen als billige Arbeitskr&#xE4;fte bekannt: auf Baustellen, M&#xE4;rkten oder bei der Stadtreinigung. Selbst wenn sie bei der Moskauer Stadtverwaltung, Vermieter und T&#xFC;rsteher und sonst im Alltag nicht beliebt sind, machen Sie weiter. Sie rackern f&#xFC;r die Heimat &#x2013; und f&#xFC;r ihre Tr&#xE4;ume. Folgender Artikel erschien zuerst bei der MOZ. [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>In Russland sind Tadschiken, Usbeken und Kirgisen als billige Arbeitskräfte bekannt: auf Baustellen, Märkten oder bei der Stadtreinigung. Selbst wenn sie bei der Moskauer Stadtverwaltung, Vermieter und Türsteher und sonst im Alltag nicht beliebt sind, machen Sie weiter. Sie rackern für die Heimat &#8211; und für ihre Träume. Folgender Artikel erschien zuerst bei der <a href="https://www.moz.de/">MOZ</a>.</strong></p>
<p style="text-align: justify">Safar Dschurajew – Lederjacke, schwarze Augen und Herrenhandtasche – wartet am Kiewer Bahnhof auf die Marschrutka. Die soll ihn zum Vorort Nemtschinowa kutschieren, zu seinem Bruder. Der 27-Jährige Tadschike ist vor wenigen Stunden in Moskau gelandet. Mit sich trägt er eine kleine Sporttasche, mehr braucht der junge Mann nicht für die neun Monate auf dem Bau. Dort hat ihm sein Bruder Arbeit versprochen, für bis zu 35 000 Rubel monatlich, umgerechnet knapp 450 Euro.</p>
<p style="text-align: justify">Gutes Geld für einen wie Dschurajew, der in Tadschikistan für die gleiche Tätigkeit nur einen Bruchteil verdient. Dafür muss er nur Luxus-Villen bauen, Fußball-Stadien sanieren oder neue Mikrorajony hochziehen, wie die riesigen Wohnviertel heißen, die wie Pilze aus dem Speckgürtel der Metropolen schießen. Das Ersparte geht zurück an Frau und Kind, die zu Hause geblieben sind. Das ist billiger. Und dann wäre da noch die Hochzeit, auf die seine Frau seit zwei Jahren wartet. Dschurajew ist der typische Gastarbeiter. Obwohl er mittlerweile in der Fremde weilt, bleibt er in Gedanken in seiner Heimat Tadschikistan.</p>
<p><figure id="attachment_15226" aria-describedby="caption-attachment-15226" style="width: 1040px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-15226" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/10/2.jpg" alt="Marktverkäufer in Moskau" width="1040" height="884" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/10/2.jpg 1040w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/10/2-300x255.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/10/2-768x653.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/10/2-1024x870.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 1040px) 100vw, 1040px" /><figcaption id="caption-attachment-15226" class="wp-caption-text">Verkauft Obst und Trockenfrüchte: Inom Kajumow (21) vor seinem Stand auf dem Danilowskij-Markt, den er mit seinen Brüdern betreibt</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Nach Angaben der Weltbank arbeiten rund 40 Prozent aller U-30-Tadschiken im Ausland, der Großteil in Russland, wie zu Sowjetzeiten. Eine knappe Million war laut Migrationsdienst Anfang des vergangen Jahres in Russland gemeldet, das ist ein Achtel Tadschikistans. Sie arbeiten in Russland und überweisen den Großteil ihres Gehaltes an die Familie in der Heimat. Diese Heimatüberweisungen beliefen sich der russischen Zentralbank zufolge im vergangenen Jahr auf umgerechnet 2,2 Milliarden Euro. Das entspricht etwas mehr als einem Drittel des Bruttoinlandsproduktes Tadschikistans, eines der ärmsten Länder der ehemaligen Sowjetunion. Das dortige monatliche Durchschnittsgehalt liegt nach Angaben der Weltbank bei zirka 165 Euro.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/die-tadschiken-aussatzige-in-russland/">Die Tadschiken, Aussätzige in Russland</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Mittagspause in einem Moskauer Bürogebäude, Manutschechr Jabukow ist im Kundengespräch. Gefragt wird nach Plow, dem auf Reis basierenden Nationalgericht Zentralasiens. Vor ungefähr drei Jahren kam der 26-Jährige aus Istarafschan, Tadschikistan, nach Moskau. Dort arbeitet Jabukow bei Plov.com, einem Start-up und Lieferservice für Plow und andere Speisen aus Zentralasien. Jabukow ist genau genommen kein typischer Arbeitsmigrant. Seine Eltern haben ihn schließlich zum Studieren nach Moskau geschickt, nicht zum Geldverdienen. Vor seiner Ankunft hatte er bereits einen Master einer Filiale der Moskauer Staatlichen Universität in Duschanbe in der Tasche, sein Russisch war perfekt.</p>
<p style="text-align: justify">Bei seinen Landsleuten läuft das normalerweise anders. Sie machen nach der Schule keine Ausbildung. Sie gehen direkt nach Russland, um sich als Ungelernte zu verdingen: auf Baustellen, Märkten oder bei der Stadtreinigung. Dabei machen sie im Schnitt 30 000 Rubel im Monat (umgerechnet knapp 400 Euro), das ist doppelt so viel wie in ihrer Heimat. Gastarbeiter schuften, 50, 60 Stunden die Woche. Sie teilen sich eine Wohnung, gehen nicht aus, leisten sich nur das Allernötigste. Der Großteil des Lohnes geht in die Heimat, dafür stehen sie am Wochenende Schlange bei Western Union. Ihr Wochenende hat, wenn sie Glück haben, einen Tag: Sonntag. Und dann wird auch noch gespart: für ein eigenes Haus in Tadschikistan, für Medizin, für die Hochzeit. Reich werden sie in Moskau jedenfalls nicht.</p>
<p style="text-align: justify">Für die Reinigung des Bürgersteiges vor dem Einkaufszentrum „Jewropejskij“ am Kiewer Bahnhof erhält Alischer Kosimow monatlich gerade mal 25 000 Rubel (etwa 400 Euro). Dafür wohnt der 48-jährige Usbeke kostenlos im Untergeschoss des gigantischen Shoppingcenters, zusammen mit 30 weiteren Männern aus Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan. Vor gerade mal zwei Monaten kam Kosimow aus der usbekischen Grenzstadt Andischan im Ferghana-Tal. Auch er sendet Geld an seine Frau und die drei Kinder in die Heimat.</p>
<blockquote>
<p style="text-align: justify">„Rund 40 Prozent aller über 30-jährigen Tadschiken arbeiten im Ausland, der Großteil davon in Russland“</p>
</blockquote>
<p style="text-align: justify">Dschurajew, Jabukow und Kosimow werden in Moskau „Gastarbeiter“ genannt. Das Wort wurde zu Sowjetzeiten oder noch früher aus dem Deutschen entlehnt. Die Gastarbeiter zahlen zusätzlich Steuern, werden öffentlich belehrt, und auch bei Vermietern und Türstehern sind sie unerwünscht. Arbeitsmigranten gab es schon zu Sowjetzeiten, sie wurden akzeptiert. Heute, mehr als 27 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhanges, ist das anders. Pass, Migrationskarte, Registrierung und Arbeitserlaubnis – es ist immer dasselbe Spiel.</p>
<p style="text-align: justify">Durch ihr Äußeres auffallende Ausländer werden häufiger von der Polizei angehalten und gebeten, sich auszuweisen. Normalerweise können sie gehen, wenn alles in Ordnung ist. Doch Manutschechr Jabukow musste mit aufs Revier, auch wenn seine Papiere sauber waren. Am Ende stellte sich heraus, dass man ihm nur Geld aus der Tasche ziehen wollte. „Als die Polizisten begriffen, dass bei mir nichts zu holen war, hatte sich die Sache schnell erledigt“, sagt Jabukow.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/russland-zentralasiatische-migranten-als-pruegelknaben/">Russland: Zentralasiatische Migranten als Prügelknaben</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Gastarbeiter zahlen jeden Monat für ein sogenanntes Patent, also eine Arbeitserlaubnis. Der Preis variiert je nach Region, in Moskau kostet sie 4200 Rubel (54 Euro). Dazu kommen 13 Prozent Einkommenssteuer. Die wurde bisher oft umgangen, ein neues Banken-Gesetz verhindert das.</p>
<p style="text-align: justify">Auch die Vermieter mögen keine Gastarbeiter. In jeder zweiten Wohnungsanzeige steht „Nur für Slawen“ oder „Nur für russische Staatsbürger“. Selbst der Eintritt zu Moskaus Nachtklubs bleibt Gastarbeitern wie Jakubow oft verwehrt, sogar in Begleitung von russischen oder europäischen Freunden. Nach seiner Herkunft gefragt, habe sich Jakubow deshalb vor den Türstehern sogar schon ein paar Mal als Südkoreaner ausgegeben. „Ein bisschen Ähnlichkeit gibt es schon, oder?“, witzelt er.</p>
<p style="text-align: justify">Nun hat die Stadt Moskau ein Handbuch für seine 455 000 offiziell registrierten Gäste aus dem „nahen Ausland“ herausgegeben. Auf knapp 100 Seiten des Russland-Knigges finden sich allerlei Hinweise, Adressen und Telefonnummern für die Arbeitssuche.</p>
<p><figure id="attachment_15228" aria-describedby="caption-attachment-15228" style="width: 471px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-15228" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/10/8.jpg" alt="Habdbuch für Migranten Moskau" width="471" height="681" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/10/8.jpg 471w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/10/8-207x300.jpg 207w" sizes="auto, (max-width: 471px) 100vw, 471px" /><figcaption id="caption-attachment-15228" class="wp-caption-text">Ein Handbuch der Stadt Moskau definiert Verhaltensregeln für die Arbeitsmigranten</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Neben dem hilfreichen Teil irritieren einige Passagen. Russische Märchenfiguren erklären lokale Gepflogenheiten. Und insgesamt der Ton, in dem die Texte verfasst wurden. Der erweckt den Eindruck, sich nicht an Erwachsene zu richten – sondern an Kinder. „Man isst nicht draußen. Wenn Sie hungrig sind, gehen Sie in ein Restaurant oder einen Imbiss“, heißt es. Es wird auch davor gewarnt, weiblichen Passanten nachzusehen, zu verstrickte Auskünfte zu geben oder zu laut in der Metro zu reden.</p>
<blockquote>
<p style="text-align: justify"> „Ein neues Handbuch warnt sie davor, Frauen nachzusehen und laut in der Metro zu reden“</p>
</blockquote>
<p style="text-align: justify">Dass man sich von Moskau nicht unterkriegen lassen darf, das weiß Bachodur Muminow, gebürtig aus Samarkand, Usbekistan: „In Moskau gibt es kein Willkommen mehr – das war in der Sowjetunion anders“. Er muss es wissen, seit 20 Jahren fährt er Taxi in Moskau. Damit macht er ein bisschen mehr Geld, rund 60 000 Rubel monatlich (etwa 780 Euro), wie er sagt.</p>
<p><figure id="attachment_15225" aria-describedby="caption-attachment-15225" style="width: 840px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-15225" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/10/1.jpg" alt="Usbekisches Taxi in Moskau" width="840" height="489" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/10/1.jpg 840w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/10/1-300x175.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/10/1-768x447.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 840px) 100vw, 840px" /><figcaption id="caption-attachment-15225" class="wp-caption-text">Usbekisches Taxi in Moskau: Bachodur Muminow lässt sich nicht unterkriegen</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Auf dem Danilewskij-Basar im Süden der Stadt sitzt Inom Kajumow vor einem Stand, an dem er Obst und Trockenfrüchte verkauft. „Nachts ist es schon mal vorgekommen, dass mir ein paar Besoffene Beleidigungen hinterherriefen. Aber solche Idioten gibt es doch überall“, sagt der 21-Jährige aus Chudschand, Tadschikistan. Die Arbeit auf dem Markt ist für ihn nur eine Übergangslösung. Sein Russisch ist fließend. Er spart auf ein Wirtschaftsstudium, eine Art Geschäftsmann sei er ja jetzt schon. Ihm halfen vor einem Jahr vor allem seine beiden Brüder, nach Moskau zu kommen, bei denen er wohnt und arbeitet.</p>
<p style="text-align: justify">Auch Manutschechr Jakubow träumt. Er würde irgendwann gern sein eigenes Gewerbe gründen. In Moskau sei das ja schon mit wenig Geld möglich. Zurück nach Tadschikistan will er nicht mehr – Moskau ist sein neues Zuhause. Auch wenn er sich dort an Freitagabenden als Südkoreaner ausgeben muss, um in den Klub zu kommen.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Christopher Braemer</strong></p>
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		<title>Tadschikistan: Das Leben der Kirgisen in der Region Murghob</title>
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		<dc:creator><![CDATA[tchopendoz]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 11 May 2018 13:56:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Minderheit]]></category>
		<category><![CDATA[Murghob]]></category>
		<category><![CDATA[Pamir]]></category>
		<category><![CDATA[Reportage]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Kirgisen im &#xF6;stlichen Pamir Tadschikistans z&#xE4;hlen zu den bedeutendsten kirgisischen Gemeinden au&#xDF;erhalb Kirgistans. Momentan leben etwa 12&#xA0;000 von ihnen in der Region Murghob im Osten des Landes. Eine Reportage. Einer Legende nach ist Sarykol ein altes kirgisisches Gebiet, das auf den Hochplateaus der Halbw&#xFC;ste liegt und sich von dort aus weit hinaus bis &#xFC;ber [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Die Kirgisen im östlichen Pamir Tadschikistans zählen zu den bedeutendsten kirgisischen Gemeinden außerhalb Kirgistans. Momentan leben etwa 12 000 von ihnen in der Region Murghob im Osten des Landes. Eine Reportage.</strong></p>
<p style="text-align: justify">Einer Legende nach ist <a href="https://books.google.kg/books?id=wEmh3aTLBY0C&amp;pg=PA273&amp;lpg=PA273&amp;dq=%D1%81%D0%B0%D1%80%D1%8B+%D0%BA%D0%BE%D0%BB+%D0%BA%D1%8B%D1%80%D0%B3%D1%8B%D0%B7&amp;source=bl&amp;ots=3PnHN74xm5&amp;sig=z2Nnum23vAaCuqcGA8ktS57KZD4&amp;hl=en&amp;sa=X&amp;ved=0ahUKEwjb_rTPtKfaAhVOyqYKHVKLDhA4ChDoAQhWMAc#v=onepage&amp;q=%D1%81%D0%B0%D1%80%D1%8B%20%D0%BA%D0%BE%D0%BB%20%D0%BA%D1%8B%D1%80%D0%B3%D1%8B%D0%B7&amp;f=false">Sarykol</a> ein altes kirgisisches Gebiet, das auf den Hochplateaus der Halbwüste liegt und sich von dort aus weit hinaus bis über die Grenzen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tadschikistan">Tadschikistans</a> erstreckt. Es umfasst den Süden <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kirgisistan">Kirgistans</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Volksrepublik_China">Westchina</a>, den Nordosten Afghanistans und seine Hauptstadt war <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/St%C3%A4tte_der_Steinernen_Stadt">Taschkorgan</a> auf der chinesischen Seite, die heute in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Xinjiang">Xinjiang</a> liegt.</p>
<p style="text-align: justify">Volksetymologien erzählen verschiedenste Theorien, doch sie alle stehen in Verbindung mit der physischen Realität des Pamir: Von mongolisch bis persisch vermischen sich hier alle Sprachen in der plastischen Form Kirgisiens. Sarykol – das ist das gelbe Wasser, das jedes Frühjahr aus der Bergquelle in die Täler strömt, das ist die Farbe der Landschaft und ihrer Flora während des ganzen Jahres.</p>
<p><figure id="attachment_13722" aria-describedby="caption-attachment-13722" style="width: 1296px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-13722" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/05/Image2-4.jpg" alt="Stammbaum Noah Kirgisen" width="1296" height="2304" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/05/Image2-4.jpg 1296w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/05/Image2-4-169x300.jpg 169w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/05/Image2-4-768x1365.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/05/Image2-4-576x1024.jpg 576w" sizes="auto, (max-width: 1296px) 100vw, 1296px" /><figcaption id="caption-attachment-13722" class="wp-caption-text">Ein Auszug aus einem Sanjyra zeigt die Abstammung der Kirgisen von Noah.</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Wie lange werden die Kirgisen die Hochplateaus bereits besiedelt haben? Nichts weiß man darüber. Laut den <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Aqsaqal">Aksakals</a>, den Weisen, hatte die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Arche_Noah">Arche Noah</a> hier Land gefunden, um von Neuem Leben über die mit Wasser bedeckte Erde zu verbreiten. Einige <a href="https://ky.wikipedia.org/wiki/%D0%A1%D0%B0%D0%BD%D0%B6%D1%8B%D1%80%D0%B0">Sanshyras</a>, Stammesgenealogien, mutmaßen, dass Japhet, Noahs jüngster Sohn, Türk hervorgebracht habe, dessen direkte Nachkommen die Kirgisen, einschließlich des östlichen Pamir, sein sollen. Pamir, das Dach der Welt, ist vor allem ein Asyl, ein Zufluchtsort.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Das tägliche Leben</strong></p>
<p style="text-align: justify">Weit entfernt von sagenhaften Ursprüngen ist die Lebensrealität der heutigen Zeit. Keine Arbeit, kein Strom, keine lokale Produktion, keine Fabriken. Viel Zeit zum Totschlagen. Man kümmert sich um sich selbst. In den Städten und Dörfern gibt es kleine Kinder, ein paar Jugendliche oder junge Eltern und Alte – die Alterspyramide ist unverhältnismäßig. Die meisten jungen Leute im Studentenalter, die über ausreichend intellektuelle und finanzielle Mittel verfügen, werden an die Universitäten nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Osch">Osch</a>, Bischkek oder auch in die tadschikische Hauptstadt Duschanbe geschickt.</p>
<p><figure id="attachment_13723" aria-describedby="caption-attachment-13723" style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-13723" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/05/Image3-3-1024x576.jpg" alt="Schafstall in Tadschikistan" width="1024" height="576" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/05/Image3-3-1024x576.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/05/Image3-3-1024x576-300x169.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/05/Image3-3-1024x576-768x432.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-13723" class="wp-caption-text">Abgelegener Schafstall in den Bergen nahe Tchektchekti in Tadschikistan.</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Tatsächlich ist es nicht nur ein Sprichwort, wenn man sagt, dass diejenigen, die keine Mittel zum Studieren haben, Hirten werden: ein rauher und strenger Alltag.</p>
<p><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/das-leben-der-pamir-kirgisen-in-afghanistan/">Das Leben der Pamir-Kirgisen in Afghanistan</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Den größten Bestand der Region machen die Schaf- und Yakherden aus. Verglichen mit ihnen sind Pferde sogar selten und Kamele eine Rarität. Auf dem Dach der Welt findet man eine andere „Kirgisischheit“.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Austausch mit Kirgistan</strong></p>
<p style="text-align: justify">Spricht man von einem Austausch der Region <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Murghob">Murghob</a> mit Kirgistan bezieht man sich vor allem auf Studenten und Arbeiter. Zudem besteht eine Abhängigkeit von Kirgistan, was Nahrungsmittel und Gebrauchsgegenstände anbelangt. Alltagsdinge wie Nahrung, Kleidung, elektronische Geräte werden per „Cargo“ aus Osch geliefert. Damit sind Fahrzeuge gemeint, die mit ihren vollen Ladeflächen zwölf Stunden brauchen, um die 400 km zwischen Osch und Murghob zurückzulegen. Diese Lieferungen stehen zwar auf der Tagesordnung, haben sich aber im Vergleich zur Sowjetzeit stark verringert.</p>
<p style="text-align: justify">Paradoxerweise kommen Artikel, die keine Lebensmittel sind, wie Kleidung, Decken, Möbel und dergleichen Lieferungen aus Osch ursprünglich aus China.</p>
<p><figure id="attachment_13724" aria-describedby="caption-attachment-13724" style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-13724" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/05/Image4-3-1024x576.jpg" alt="Der Basar von Murghob" width="1024" height="576" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/05/Image4-3-1024x576.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/05/Image4-3-1024x576-300x169.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/05/Image4-3-1024x576-768x432.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-13724" class="wp-caption-text">Der Basar von Murghob</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Obgleich der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kulma-Pass">Kulma-Pass</a> zwischen Tadschikistan und China seit 2004 wiedereröffnet ist, ermöglicht der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pamir_Highway">Pamir Highway</a> auf der chinesischen Seite einen breiteren, dichteren und schnelleren Verkehr als die Autobahn M41, die Osch und Murghob verbindet.</p>
<p style="text-align: justify">Die Entfernung, die Unwägbarkeiten, die geringe Menge der importierten Güter verdoppeln oder verdreifachen die Preise im Vergleich zu Kirgistan. Murghob und sein Basar allerdings werden zum Zentrum des lokalen Handels und sind durch die frischen Waren in der ganzen Umgebung bekannt.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Kulturelle Angleichung</strong></p>
<p style="text-align: justify">Der kirgisische Einfluss spiegelt sich auch im kulturellen Bereich wider: Sprache und Kultur stimmen hier überein. Die Lehrpläne der kirgisischen Schulen basieren auf den gleichen Büchern, auf die man in Bischkek stößt. Man rezitiert aus dem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Manas_(Epos)">Manas-Epos</a>, liest <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Togolok_Moldo">Togolok Moldo</a> und bis 2008 lernte man die kirgisische Nationalhymne.</p>
<p><figure id="attachment_13725" aria-describedby="caption-attachment-13725" style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-13725" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/05/Image5-2-1024x576.jpg" alt="Antennen in Murghob Tadschikistan" width="1024" height="576" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/05/Image5-2-1024x576.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/05/Image5-2-1024x576-300x169.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/05/Image5-2-1024x576-768x432.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-13725" class="wp-caption-text">Antennen erhalten die tagesaktuelle Verbindung mit Kirgistan aufrecht</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Die Kirgisen sind sowohl durch geografische als auch extreme klimatische Bedingungen isoliert. Seit 2007 gibt es eine Unmenge Antennen und Sendemasten, Handys sind in der Region Murghob angekommen. Es ist nicht ungewöhnlich für einen Hirten in einer Zeitschrift über den neuesten Klatsch der kirgisischen High Society zu lesen, einen der acht kirgisischen Fernsehsender zu verfolgen und studierende Kinder in Kirgistan zu haben. In physischer Isolation zu leben, während man mit den Informations- und Kommunikationsströmen immer in Verbindung bleibt, ist kein Widerspruch. Alles ist nur eine Frage der Verzögerung.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Kirgistscha, „auf kirgisische Art“</strong></p>
<p style="text-align: justify">Knappheit führt zu Langlebigkeit und Kontinuität. Die Dinge müssen dauerhaft halten. Diese Lebenseinstellung hat praktische Konsequenzen, die ein unerfahrenes Auge als Unordnung, totale Desorganisation und Nachlässigkeit interpretieren würde. Die Leute und die Dinge erscheinen bunt, provisorisch, geflickt.</p>
<p><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/essen-lernen-nichtstun-das-leben-umgesiedelter-pamir-kirgisen/">Essen, lernen, nichtstun &#8211; Das Leben umgesiedelter Pamir Kirgisen</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Geht etwas kaputt, dann repariert man es, oder besser gesagt, man bastelt es wieder zusammen. Das Do-it-yourself, der Einfallsreichtum, der Trick 17 – es gibt viele Synonyme, um den Ausdruck „kirgistscha“, also „auf kirgisische Art“, zu erklären.</p>
<p><figure id="attachment_13726" aria-describedby="caption-attachment-13726" style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-13726" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/05/Image6-2-1024x576.jpg" alt="Motorreparatur in Murghab Tadschikistan" width="1024" height="576" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/05/Image6-2-1024x576.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/05/Image6-2-1024x576-300x169.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/05/Image6-2-1024x576-768x432.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-13726" class="wp-caption-text">Wenn der Motor streikt</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Das Unmögliche wird möglich gemacht und das Außergewöhnliche in Erwägung zu ziehen hilft, dem Verschleiß entgegenzuwirken und weiterzumachen. Die Dinge werden langlebig gemacht, indem die Menschen sich ihnen fügen. Art brut ist hier keine Lieblingskunst, sondern eine Meisterschaft.</p>
<p style="text-align: justify">Die Kirgisen in Murghob scheinen in zwei Geschwindigkeiten zu leben. Geografisch mit dem Gebiet von Sarykol verbunden, das jetzt in Tadschikistan liegt, können sie nicht der Anzeihungskraft des benachbarten Kirgistan widerstehen, was nicht selten Probleme mit ihrer Identität aufwirft.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Julien Bruley</strong><br />
<strong>Doktorand in Anthropologie an der Université de Lille</strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Jérémy Lonjon</strong><br />
<strong>Chefredakteur von Novastan</strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Französischen von Elisabeth Rudolph</strong></p>
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<p><strong> </strong></p>
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		<title>Kirgistan: Wie Politik im Dorf funktioniert</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Clara Marchaud]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 28 Oct 2017 02:00:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Dorf]]></category>
		<category><![CDATA[Familie]]></category>
		<category><![CDATA[Kampagne]]></category>
		<category><![CDATA[Ömürbek Babanow]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Präsidentschaftswahl 2017]]></category>
		<category><![CDATA[Reportage]]></category>
		<category><![CDATA[Sooronbaj Dscheenbekow]]></category>
		<category><![CDATA[Wahl]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Am 15. Oktober 2017 hat Kirgistan in einer au&#xDF;ergew&#xF6;hnlich spannenden Wahl seinen n&#xE4;chsten Pr&#xE4;sidenten gew&#xE4;hlt. Ob Druck auf die W&#xE4;hlerschaft oder Anwendung von Spitzentechnologie &#x2013; die Wahl hat wichtige Trends in der jungen kirgisischen Demokratie aufgezeigt. Novastan war an dem Tag in Tomtschi*, einem kleinen Dorf fernab der stressigen Hauptstadt Bischkek. Auf den ersten Blick [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong><span lang="de-DE">Am 15. Oktober 2017 hat Kirgistan in einer außergewöhnlich spannenden Wahl seinen nächsten Präsidenten gewählt. Ob Druck auf die Wählerschaft oder Anwendung von Spitzentechnologie – die Wahl hat wichtige Trends in der jungen kirgisischen Demokratie aufgezeigt. Novastan war an dem Tag in Tomtschi*, einem kleinen Dorf fernab der stressigen Hauptstadt Bischkek. </span></strong></p>
<p style="text-align: justify"><span lang="de-DE">Auf den ersten</span><span lang="de-DE"> Blick scheint es, als sei die Zeit in Tomtschi seit der Unabhängigkeit stehen geblieben. Hohe Berge umgeben das kleine Dorf in Nordkirgistan, etwa zehn Kilometer sind es bis zur kasachischen Grenze. Löchrige Straßen führen zu den Häusern der Familien, die schon immer hier leben, hier ihren Nachwuchs groß ziehen.<br />
</span></p>
<p style="text-align: justify">So manche Spur von Veränderung haben die vergangenen Jahre dann aber doch hinterlassen: Die neue Moschee, die 2003 fertiggestellt wurde, ein brandneues Fußballfeld mitten im Dorfs und vor allem ein Banner an den Schulwänden, dass auf die laufende Präsidentschaftswahl hinweist.</p>
<p><figure id="attachment_11257" aria-describedby="caption-attachment-11257" style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-11257 size-full" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2055-min-1024x678.jpg" alt="Dorf Wohnhaus Kirgistan" width="1024" height="678" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2055-min-1024x678.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2055-min-1024x678-300x199.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2055-min-1024x678-768x509.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2055-min-1024x678-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-11257" class="wp-caption-text">Eines der 135 Häuser in Tomtschi</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">An diesem Sonntag, den 15. Oktober, wählt die einzige Demokratie Zentralasiens den Nachfolger des 2011 ins Amt getretenen Präsidenten Almasbek Atambajew. Unter den 13 zugelassenen Kandidaten stechen zwei heraus: der von der Regierung unterstützte Sooronbaj Dscheenbekow und Omurbek Babanow, ein Geschäftsmann, stilisiert als Oppositionskandidat.</p>
<p style="text-align: justify">Im Gesensatz zu den Staßen Bischkeks findet man in Tomtschi keine großen Wahlplakate. Nur ein grellgelber Babanow-Aufkleber schmückt einen Pfosten vor einem Haus. Mag sein, dass hier einer seiner Unterstützer wohnt. Im Dorf spielt sich der Kampf um die Wähler nicht an den Wänden ab.</p>
<p><strong>Ein besonderes Wochenende</strong></p>
<p style="text-align: justify">Mit ihren 19 Jahren kann Nargiza* bei dieser Wahl erstmals ihre Stimme abgeben. Sie studiert  Tiermedizin an der Türkisch-kirgisischen Universität in Bischkek und kehrt jedes Wochenende zu ihren Eltern zurück. Auf dem Weg von der Bushaltestelle zu ihrem Elternhaus kommt sie mit den anderen Dorfbewohnern ins Gespräch.</p>
<p><strong><span lang="fr-FR">Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/prasidentschaftswahl-alles-steht-bereit-fur-drei-millionen-kirgisische-wahler/">Kirgistan – alles steht bereit für drei Millionen Wähler </a></span></strong></p>
<p style="text-align: justify">„<em><span lang="de-DE">Jeder kennt hier jeden, obwohl die Leute mich oft vergessen. Sie wissen, dass mein Vater eine dritte Tochter hat, erinnern sich aber nicht an meinen Vornamen</span></em><span lang="de-DE">“, erklärt sie und lacht. Als sie elf war, haben ihre Eltern sie ins Internat einer internationalen Schule des Issikkölgebiets im Osten des Landes geschickt. Dort sollte sie Englisch lernen. Auf dem Weg zur Schule kommen wir an der Schule vorbei – sie dient heute auch als Wahlbüro. Gebaut und lange geleitet hat sie Nargizas Großvater. </span></p>
<p><strong>Ein Geschäft für 890 Einwohner</strong></p>
<p style="text-align: justify"><span lang="de-DE">Tomtschi hat drei öffentliche Gebäude: eine Moschee, eine Bibliothek und eine Schule. </span><span lang="de-DE">Alle anderen öffentlichen Dienstleistungen teilt es sich mit acht weiteren Dörfern, die zu Sowjetzeiten gemeinsam eine Kolchose bildeten. Die Landwirtschaft und die Viehzucht machen die ganze Lokalwirtschaft aus. Viele der Dorfbewohner nehmen jeden Tag die eineinhalbstündige Strecke nach Bischkek auf sich, um dort zu arbeiten. </span></p>
<p><figure id="attachment_11258" aria-describedby="caption-attachment-11258" style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-11258 size-full" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2102-min-1024x768.jpg" alt="Moschee Dorf Kirgistan" width="1024" height="768" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2102-min-1024x768.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2102-min-1024x768-300x225.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2102-min-1024x768-768x576.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2102-min-1024x768-800x600.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-11258" class="wp-caption-text">Die Moschee ist eines von drei öffentlichen Gebäuden in Tomtschi</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify"><span lang="de-DE">Ihre Einkäufe erledigen die 890 Dorfbewohner in einem einzigen, kleinen Geschäft in einem Privathaus. Die meisten leben aber vor allem von ihren eigenen Erträgen. Von Jahr zu Jahr ziehen die jungen Leute in die Hauptstadt, um dort zu studieren oder zu arbeiten. „</span><em><span lang="de-DE">Die meisten kehren nicht zurück</span></em><span lang="de-DE">“, so Nargiza, für die eine Rückkehr ins Dorf auch nicht in Frage kommt. </span></p>
<p><strong>Hier zählt man noch aufeinander</strong></p>
<p style="text-align: justify"><span lang="de-DE">Sie führt uns zu ihrem Elternhaus, dahinter erstreckt sich ein Feld, das jetzt im Oktober in orange erstrahlt. Ihr Vater, Kanatbek*, arbeitet in Bischkek als Tierarzt und Projektleiter für eine Regierungsbehörde. „</span><em><span lang="de-DE">Ich habe mein Leben in diesem Dorf verbracht</span></em><span lang="de-DE">“, erzählt er nostalgisch. „</span><span lang="de-DE"><em>Stellt euch vor, ich war Tierarzt für die ganze Kolchose! Wir kümmerten uns um tausende Tiere auf über 500 Hektar</em>.</span><span lang="de-DE">“ Daraufhin ist Kanatbek die Karriereleiter hochgeklettert, vom Kolchose in den Bezirk, vom Bezirk ins Gebiet und vom Gebiet nach Bischkek. </span></p>
<p><em>„Wenn ich ein Problem habe, gehe ich zu meinem Nachbarn, meinem Bruder. Die Regierung wird uns nicht helfen.<span lang="de-DE">“</span></em></p>
<p><span lang="de-DE">Er besteht darauf, uns das Maisfeld hinter seinem Haus zu zeigen. „</span><em><span lang="de-DE">Hier brauchen wir keine Traktoren, wir machen alles von Hand.</span></em><span lang="de-DE">“ Er zeigt auf die zwei älteren Männer, die im Feld hocken. Auf die Frage, ob die Regierung ihnen bei der Ernte helfen könne, schüttelt er den Kopf. „</span><em><span lang="de-DE">Hier zählen wir nur aufeinander. Wenn ich ein Problem habe, gehe ich zu meinem Nachbarn, meinem Bruder. Die Regierung wird uns nicht helfen</span></em><span lang="de-DE">“, erwidert er. Mit seinen gut fünfzig Jahren hat Kanatbek Revolutionen und Umstürze erlebt, aber die Solidarität im Dorf ist immer geblieben. </span></p>
<p><figure id="attachment_11259" aria-describedby="caption-attachment-11259" style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-11259 size-full" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2029-min-1024x768.jpg" alt="Feld Mais Dorf Kirgistan" width="1024" height="768" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2029-min-1024x768.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2029-min-1024x768-300x225.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2029-min-1024x768-768x576.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2029-min-1024x768-800x600.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-11259" class="wp-caption-text">Keine Traktoren &#8211; in Tomtschi wird der Mais noch von Hand geerntet</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify"><span lang="de-DE">In Tomtschi bewohnen fünf große Familien die 135 Häuser. Eine Familie in jeder der drei Hauptstraßen und etwas weiter außerhalb. Kanatbek und seine Familie bewohnen die </span><span lang="de-DE">Sewernaja Ulitsa</span><span lang="de-DE">, die Nordstraße. „</span><em><span lang="de-DE">Die meisten Leute hier wählen nach ihrer Familie. Ist ein Familienmitglied in einer der Parteien, zum Beispiel Babanows Respublika, dann sollten alle für Babanow wählen</span></em><span lang="de-DE">“, erklärt der Familienvater. </span></p>
<p style="text-align: justify"><span lang="de-DE">Kanatbek gibt aber an, dass seine Familienangehörigen alle „</span><em><span lang="de-DE">frei wählen können</span></em><span lang="de-DE">“ und das „</span><em><span lang="de-DE">jeder stimmt, wie er will</span></em><span lang="de-DE">“. Wir kehren vom Dorfspaziergang zurück ins Haus. Es gibt klare Anweisungen für den Wahltag: Keine Bilder und keine direkten Fragen zu den Wahlen. „</span><em><span lang="de-DE">Ihr in Europa seid an die Demokratie gewohnt. Wir verstehen, dass sie nicht in unserem Blut ist</span></em><span lang="de-DE">“, meint Kanatbek gutmütig und zeigt dabei auf sein Herz. Am Folgetag wird gewählt. Der Familientag schaut ein letztes Mal Fernsehnachrichten und geht schlafen. Im Dorf wie in Bischkek erinnert man sich genau an die zwei Revolutionen 2005 und 2010. </span></p>
<p><strong>„Die meisten Entscheidungsträger sind Männer“ </strong></p>
<p style="text-align: justify"><span lang="de-DE">Am kommenden Morgen weckt uns die Familie mi</span><span lang="de-DE">t Tee, Fladenbrot und hausgemachter Marmelade. Es ist ein großer Tag für Nargiza, die das erste Mal ihren Stimmzettel in die Wahlurne stecken wird. „<em>Mir gefällt Babanow sehr, er ist jung und dynamisch</em>“, </span><span lang="de-DE">erwähnt sie beim Tee. Der Geschäftsmann und ehemaliger Premierminister wird als moderner Kandidat angesehen. Sein Alter, 47 Jahre und damit zehn Jahre weniger als der Durchschnitt der anderen Kandidaten, spielt dabei eine große Rolle. </span></p>
<p><figure id="attachment_11260" aria-describedby="caption-attachment-11260" style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-11260 size-full" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2030-min-1024x768.jpg" alt="Feld Landwirtschaft Dorf Kirgistan" width="1024" height="768" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2030-min-1024x768.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2030-min-1024x768-300x225.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2030-min-1024x768-768x576.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2030-min-1024x768-800x600.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-11260" class="wp-caption-text">Viehzucht und Landwirtschaft sind die wichtigsten Wirtschaftszweige des Dorfs</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify"><span lang="de-DE">Etwas weiter im Gespräch erklärt die Studentin aber, dass sie dennoch nicht für den Oppositionskandidaten stimmen wird. Unter den Blick ihres Vaters sagt sie: „<em>Mein Vater wählt für Dscheenbekow. Er ist älter, hat mehr Erfahrung und weiß es besser als wir</em>“. Aidana*, Nargizas Mutter, lauscht dem Gespräch von der Küche aus. Sie mag vor allem den Kandidaten und ehemaligen Premier Temir Sarijew, wird aber wie ihre Tochter und ihr Mann für Dscheenbekow stimmen. </span></p>
<p style="text-align: justify"><span lang="de-DE">Bevor sie das Haus verlässt zieht Nargiza ihr schönes blaues Kleid an und trägt ein wenig Maskara auf. „</span><em><span lang="de-DE">Es ist ja immerhin ein besonderer Tag</span></em><span lang="de-DE">“, scherzt sie. Auf die Frage, ob sie sich von ihrer ersten Wahl Änderungen verspricht, zuckt sie mit den Schultern. Sie macht sich keine Illusionen. </span></p>
<p style="text-align: justify"><span lang="de-DE">In Tomtschi „</span><em><span lang="de-DE">sind die wichtigsten Entscheidungsträger Männer. Sie kümmern sich mehr um politische Angelegenheiten, während die Frauen mit dem Haushalt beschäftigt sind</span></em><span lang="de-DE">“, erklärt uns später Kanykej*, eine junge Frau die im Dorf aufgewachsen ist und jetzt für die Vereinigten Nationen arbeitet. „</span><em><span lang="de-DE">Sie merken nicht, dass sie im Wesentlichen zum Leben des Dorfes beitragen und eine riesige, wenn auch verdeckte Macht haben</span></em><span lang="de-DE">“, führt Kanykej fort.</span></p>
<p><strong><span lang="fr-FR">Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/sexismus-in-kirgistan/">Sexismus in Kirgistan</a></span></strong></p>
<p style="text-align: justify"><span lang="de-DE">Kinder stellen sich sehr selten gegen ihre Eltern. Laut der jungen Frau gibt es nur „</span><em><span lang="de-DE">eine einzige Familie, in der die Kinder gegen die Meinung ihrer Eltern für Babanow wählen</span></em><span lang="de-DE">“. Danijar* und seine Schwester haben in Bischkek studiert und gemerkt, dass sie sich dort „</span><em><span lang="de-DE">selbst durchschlagen müssen</span></em><span lang="de-DE">“. Sie fingen an, mehr Geld als ihre Eltern zu verdienen, Danijar hat seine Startup gegründet und so haben sie „</span><em><span lang="de-DE">rebelliert</span></em><span lang="de-DE">“, erzählt Kan</span><span lang="de-DE">y</span><span lang="de-DE">kej, die die Familie gut kennt.</span></p>
<p><strong><span lang="de-DE">D</span><span lang="de-DE">er Umschlag in die Urne, das Din-A4-Blatt in die Maschine</span> </strong></p>
<p style="text-align: justify"><span lang="de-DE">Kanatbek und Aidana warten bereits in der milden Sonne auf dem Sitzplatz vor dem Haus auf ihre Tochter. Das Wahlbüro ist nur ein paar Hundert Meter entfernt. „</span><span lang="de-DE"><em>Wir haben ein neues elektronisches Wahlsystem, wo man seinen Fingerabdruck abgeben muss, um zu wählen. Das ist viel besser als zuvor, wo eine Person für die ganze Familie wählen konnte</em>“,</span><span lang="de-DE"> erklärt der Familienvater. „</span><em><span lang="de-DE">Früher kaufte ein Mann vor dem Wahlbüro am Wahltag direkt die Stimmen der Bürger</span></em><span lang="de-DE">“, ergänzt er. </span></p>
<p style="text-align: justify"><span lang="de-DE">Der Stimmenkauf ist weiterhin eine gängige Praxis, er geschieht nur auf direktere Art. In Tomschi habe laut Angaben mancher Einwohner ein Mann nachts die ärmsten Einwohner besucht, um ihre Stimme für 1000 Som, also etwa 12 Euro zu kaufen. Der durchschnittliche Monatslohn in Kirgistan liegt bei gut <a href="http://www.stat.kg/ru/opendata/category/112/">12 000 Som</a>. </span></p>
<p><figure id="attachment_11261" aria-describedby="caption-attachment-11261" style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-11261 size-full" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2044-min-1024x768.jpg" alt="Schule Dorf Kirgistan" width="1024" height="768" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2044-min-1024x768.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2044-min-1024x768-300x225.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2044-min-1024x768-768x576.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2044-min-1024x768-800x600.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-11261" class="wp-caption-text">Nargizas erste Wahl führt sie wieder in ihre alte Schule, im Hintergrund</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify"><span lang="de-DE">Tatsächlich überrascht das Wahlbüro durch seine Technologie. Nargiza reicht den biometrischen Personalausweis ein, den sie vor ein paar Monaten hat bestellen müssen. Für diese Wahl mussten alle Wähler ihre Identität per Fingerabdruck bestätigen. „<em>Durch die Fingerabdrücke wird das Gesicht der Person angezeigt</em>“, erklärt Kanatbek, wie erstaunt von dieser neuen Technologie und zeigt auf den Bildschirm mit dem Gesicht seiner Tochter.</span></p>
<p><strong><span lang="de-DE">Erste Wahl ohne viel Hoffnung<br />
</span></strong></p>
<p style="text-align: justify"><span lang="de-DE">Nargiza ist sich ihrer Sache nicht so sicher. Sie nimmt das A4-Blatt, auf dem die Namen der 13 Kandidaten stehen. Zwei Namen wurden durchgestrichen, nachdem sich die entsprechenden Kandidaten zugunsten von je einem der Hauptkandidaten Babanow und Dscheenbekow zurückgezogen haben. </span></p>
<p style="text-align: justify"><span lang="de-DE">Deren Namen stehen am Anfang bzw. am Ende der Liste. Dieses Detail hatte Nargiza schon erwähnt, als sie erklärte, wie ihr Vater denn sicher sein könnte, dass sie nicht für Babanow stimmt. „<em>Es ist sichtbar, man kann nicht wirklich geheim wählen, es gibt keinen Umschlag</em>“.</span></p>
<p style="text-align: justify"><span lang="de-DE">Als sie aus der Wahlkabine tritt, weiß sie nicht wirklich, wie sie ihr A4-Blatt verstecken soll. Sie kennt fast alle Freiwilligen, die das Wahlbüro betreuen. Sie öffnet das Blatt, das sie gefaltet hatte, und steckt es ganz in die automatische Lesemaschine, ein Stolz der Wahlkommission, importiert aus Südkorea. An der Seite beäugen mehrere Wahlbeobachter der verschiedenen Parteien die Prozedur. Auf dem Rückweg öffnet Nargiza ein Geschenk der Wahlkommission zu ihrer ersten Wahl: ein kleines Heft mit dem Logo der Wahl.</span></p>
<p><figure id="attachment_11256" aria-describedby="caption-attachment-11256" style="width: 1300px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-11256 size-full" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2018-min-1300x975.jpg" alt="Wahl Dorf Feld Bauer Kirgistan" width="1300" height="975" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2018-min-1300x975.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2018-min-1300x975-300x225.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2018-min-1300x975-768x576.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2018-min-1300x975-1024x768.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/10/DSC_2018-min-1300x975-800x600.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 1300px) 100vw, 1300px" /><figcaption id="caption-attachment-11256" class="wp-caption-text">Die Wahl auf dem Dorf verlief leiser als in der Hauptstadt, ein historischer Tag war es dennoch</figcaption></figure></p>
<p><strong><span lang="de-DE">E</span><span lang="de-DE">ine Wahl von Herzen?</span> </strong></p>
<p style="text-align: justify"><span lang="de-DE">In Tomtschi ist Politik unter den Einwohnern keineswegs ein Tabuthema. Aber Kanatbek und seine Tochter reden hinter der geschlossenen Tür ihres Hauses viel freiherziger von der historischen Wahl für Kirgistan, die sich draußen abspielt. </span></p>
<p style="text-align: justify"><strong><span lang="de-DE">Lest auch bei Novastan: </span><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/1000-som-fur-eine-stimme-vom-druck-auf-wahler-rund-um-die-prasidentschaftswahl/"><span lang="de-DE">„1000 Som für eine Stimme“ &#8211; vom Druck auf die Wähler rund um die Präsidentschaftswahl</span> </a></strong></p>
<p style="text-align: justify"><span lang="de-DE">Überraschenderweise erhofft sich Kanatbek einen positiven Wandel vom Wahlergebnissen. Dscheenbekow, der seine Stimme gewonnen hat, gilt als der Kandidat der Stabilität und hat angegeben, die Reformen seines Vorgängers weiterzuführen. „<em>Er wählt wegen seiner Arbeit für Dscheenbekow</em>“, erwidert Nargiza und bricht ihr übliches Schweigen.</span></p>
<p style="text-align: justify"><span lang="de-DE">Ihr Vater arbeitet für eine Regierungsstruktur und wie viele Staatsangestellten wurde er angewiesen, für den Regierungskandidaten zu stimmen. „</span><em><span lang="de-DE">Ich unterstütze nicht unbedingt Dscheenbekow, aber ich mag seine Partei</span></em><span lang="de-DE"> [die Sozialdemokratische Partei Kirgistans, Anm. d. Red.]“, rechtfertigt er seine Wahl. Sein Vorgesetzter hätte jedoch keine Möglichkeit, seine Stimme zu überprüfen. Laut dem Familienvater, der seine Hand auf Herz legt, „</span><em><span lang="de-DE">würde er es spüren, das ist alles</span></em><span lang="de-DE">“. </span></p>
<p><strong><span lang="de-DE">Sooronba</span><span lang="de-DE">j</span><span lang="de-DE">, </span><span lang="de-DE">der nette Nachbar </span></strong></p>
<p style="text-align: justify"><span lang="de-DE">Am selben Abend gibt es die ersten Ergebnisse: Dscheenbekow gewinnt in der ersten Runde mit 54,3 Prozent der Stimmen, Babanow erhält 33,4 Prozent. In Tomtschi liegt das Ergebnis des Regierungskandidaten leicht über dem Durchschnitt: 56,3 Prozent und 29,5 Prozent für Babanow. </span></p>
<p><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kirgistan-dscheenbekow-sieger-der-prasidentschaftswahl/">Dscheenbekow Sieger der kirgisischen Präsidentschaftswahl</a> und <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kirgistan-am-tag-danach-reaktionen-zur-prasidentschaftswahl/">Reaktionen auf die Kirgisische Präsidentschaftswahl</a></strong></p>
<p style="text-align: justify"><span lang="de-DE">Für Kanykej sind das keine überraschenden Ergebnisse. „</span><em><span lang="de-DE">Die Dorfbewohner fühlen keine Nähe mit Babanow oder Sarijew, die der Elite angehören</span></em><span lang="de-DE">“, analysiert die junge UNO-Mitarbeiterin. Eine Woche vor der Wahl sagte ihre Großmutter im Dorf ihr, sie würde Dscheenbekow bevorzugen, denn „</span><em><span lang="de-DE">er wirkt wie ein Nachbar, ich fühle mich ihm näher</span></em><span lang="de-DE">“. Ein Nachbar, für den nicht alle ihr Haus verlassen haben. Von 529 in Tomtschi registrierten Wähler haben 209 den Weg zur kleinen Dorfschule nicht auf sich genommen. </span></p>
<p style="text-align: justify"><span lang="fr-FR">*Die Orts- und Personennamen wurden geändert</span></p>
<p style="text-align: right"><strong><span lang="fr-FR">Clara Marchaud<br />
Novastan.org</span></strong></p>
<p style="text-align: right"><strong><span lang="fr-FR">Aus dem Französischen von Florian Coppenrath</span></strong></p>
<p><span lang="fr-FR">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen, schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company-beta/5246815/">LinkedIn</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</span></p>
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		<title>Die Grenzstadt Osch</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Florian Coppenrath]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 12 Sep 2017 18:38:16 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Osch, die zweitgr&#xF6;&#xDF;te Stadt Kirgistans, liegt knapp 400 Kilometer s&#xFC;dlich von Bischkek am Rande des Ferganatals. Im Jahr 2010 machte die Stadt Schlagzeilen, als ein bewaffneter Konflikt zwischen Kirgisen und Usbeken in der Stadt ausbrach. Heute hat sich die Lage deutlich beruhigt und die j&#xFC;ngsten Ann&#xE4;herungen zwischen Kirgistan und Usbekistan k&#xF6;nnten viele positive Auswirkungen auf [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Osch, die zweitgrößte Stadt Kirgistans, liegt knapp 400 Kilometer südlich von Bischkek am Rande des Ferganatals. Im Jahr 2010 machte die Stadt Schlagzeilen, als ein bewaffneter Konflikt zwischen Kirgisen und Usbeken in der Stadt ausbrach. Heute hat sich die Lage deutlich beruhigt und die jüngsten Annäherungen zwischen Kirgistan und Usbekistan könnten viele positive Auswirkungen auf die Grenzstadt Osch haben. Folgende Reportage erschien im französischen Original im Magazin „<a href="https://www.garedelest.org/component/content/article/90-divers/225-gde1">Gare de l’Est</a>“. <em>   </em></strong></p>
<p style="text-align: justify">Auf dem Weg zurück nach Osch aus <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Aravan,_Kyrgyzstan">Arawan</a>, einer kleinen Stadt, circa eine halbe Stunde westlich, zeigt der Taxifahrer plötzlich hinab auf einen Teich, ein paar hundert Meter weiter links: „<em>Wisst Ihr, als wir jung waren, sind wir dort oft baden gegangen. Heute geht das nicht mehr, man kommt nicht mehr durch</em>“. Tatsächlich steht ein mittelhoher Stacheldrahtzaun in stummer Zustimmung längs des Weges. Hier ist Kirgistan, drüben Usbekistan.</p>
<p style="text-align: justify">Mit dem Auto braucht man nur circa zehn Minuten vom Stadtzentrum von Osch, der zweitgrößten Stadt Kirgistans, bis zum nächsten Grenzposten nach Usbekistan. Von einer Grenze war an der Stelle allerdings lange keine Rede, in der Sowjetunion war dort eine bloße Verwaltungsgrenze und erst seit dem Beginn der 1990er eine zwischenstaatliche Trennung.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Ein kultureller Knotenpunkt</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Grenzlinie steht still und unbeweglich da, die umliegenden Gebiete sind hingegen von Interaktion und grenzüberschreitenden Verbindungen geprägt. Osch ist ein Knotenpunkt mehrerer Kulturen, man kann dort stets Gespräche auf Kirgisisch, Usbekisch und auf Russisch vernehmen. Die meisten Einwohner sind zwei- oder gar dreisprachig.</p>
<p style="text-align: justify">Asis* hat vor kurzem sein Politikwissenschaftsstudium in Bischkek beendet. Seine Erfahrungen erzählt er bei einem Tee im neuen angesagten Café der Stadt. Auf der anderen Seite des Raums hält einer der Inhaber vor ungefähr 40 aufmerksamen Jugendlichen ein Seminar zu Unternehmertum. Auf die Frage, was seine Stadt ausmacht, erwähnt Asis nach kurzem Zögern die „<em>Symbiose zwischen verschiedenen Aspekten</em>“, also die sowjetische Vergangenheit, der nationale Aufbau Kirgistans, die ethnische Vielfalt und die Religion.</p>
<p style="text-align: justify">Diesen eklektischen Eindruck bekommt auch der frisch eingetroffene Reisende, der in wenigen Minuten zwischen orientalisch angehauchten <em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mahalla_(Stadtviertel)">Mahallas</a>,</em> sowjetischen fünf-Etagen-<em><a href="http://www.dekoder.org/de/gnose/chruschtschowki-plattenbau-osterman-chruschtschow">Chruschtschowkas</a> </em>und modernen Hochhäusern wechseln kann. Insgesamt ist das Oscher Stadtbild eher flach: In der warmen Hälfte des Jahres erinnert es von oben gesehen mehr an einen mit Gebäuden durchsetzten Wald als an eine 300.000 Einwohner zählende Metropole.</p>
<p style="text-align: justify">Im Herzen davon steht der Berg Salomons, <em><a href="http://whc.unesco.org/en/list/1230">Sulejman-Too</a> </em>auf Kirgisisch. Dieses „S<em>ymbol des Friedens und der Eintracht</em>“, wie ihn die vielen Schilder über den Bushaltestellen auf Kirgisisch und auf Russisch bezeichnen, thront als wahres Stadtsymbol über dem Zentrum. Auf seiner Südflanke entdeckten Archälogen Töpfereien aus der Bronzezeit, was im Jahr 2000 die Feier von <a href="https://novastan.org/de/fact/herz-von-osch-ist-der-suleiman-too-berg-an-dem-sowjetische-und-russische-archaologen-spuren-von-siedlungen-aus-der-bronzezeit-fanden/">3000 Jahren Stadtgeschichte</a> veranlasste. Bis heute ist Osch voll mit „Osch-3000“ Zeichen in allen Größen und Variationen, eine ständige Erinnerung an das Erbe der „südlichen Hauptstadt Kirgistans“. Die aktuelle Hauptstadt Bischkek ist <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/die-festung-pischpek-spaziergang-in-die-vergangenheit-bischkeks/">kaum 200 Jahre alt</a>.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/die-festung-pischpek-spaziergang-in-die-vergangenheit-bischkeks/"><strong>Die Festung Pischpek – Spaziergang in die Vergangenheit Bischkeks</strong></a></p>
<p><figure id="attachment_10635" aria-describedby="caption-attachment-10635" style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-large wp-image-10635" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/71-1024x576.jpg" alt="Lenin Statue Osch Kirgistan" width="1024" height="576" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/71-1024x576.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/71-300x169.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/71-768x432.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/71-1300x731.jpg 1300w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-10635" class="wp-caption-text">Eine Lenin-Statue steht noch auf dem Platz vor dem oscher Bürgermeisteramt</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Die Vielfalt der Stadt ist das Ergebnis dieser langen Geschichte. Osch wurde <a href="https://novastan.org/de/fact/dabei-sind-viele-grenzen-innerhalb-zentralasien-bis-heute-umstritten/">1936</a> Teil der Sozialistischen Sowjetrepublik Kirgistan, als diese gegründet wurde. Entsprechend den nationalen und wirtschaftlichen Logiken der sowjetischen Territorialpolitik sollte der Süden der neuen Republik mit einem urbanen Zentrum versehen werden, während der Großteil der kirgisischen Bevölkerung eher in den ländlichen Bereichen rund um die Städte wohnte.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Eine Grenzstadt vor geschlossenem Zaun</strong></p>
<p style="text-align: justify">In der Sowjetunion war Osch ein Handelszentrum zwischen dem städtischen Handwerk und der Industrie einerseits und der ländlichen Wirtschaft der Region andererseits. In der Zeit wuchs auch die kirgisische Bevölkerung der Stadt, während die ethnische Vielfalt in der Sowjetunion im Namen der Völkerfreundschaft zelebriert wurde. Der Austausch mit dem benachbarten Usbekistan blieb auch sehr aktiv, selbst in den Jahren nach dem ersten „interethnischen“ Konflikt <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Osh_riots_(1990)">im Sommer 1990</a>.</p>
<p style="text-align: justify">Zehn Jahre nach dem Ende der Sowjetunion schloss Usbekistan allerdings die Grenze, die in den ersten Jahren der Unabhängigkeit eher frei passierbar war. Diese in Taschkent getroffene Entscheidung fiel zu Lasten der Lokalbevölkerung und vor allem der Einwohner der Grenzdörfer. Für die Oscher Bevölkerung, etwa zur Hälfte usbekischer <em>Nationalität</em> (im sowjetischen Sinne als Herkunft oder Ethnie), bedeutete die Schließung einen Bruch von wirtschaftlichen und familiären Beziehungen.</p>
<p style="text-align: justify">Asis hat entfernte Verwandte in Taschkent und erinnert sich noch an die Usbekistan-Reisen in seiner Kindheit, kurz vor der Jahrtausenwende: „<em>Es war sehr einfach durchzukommen. Man konnte hinübergehen, man musste nur seinen Pass zeigen</em>“, sagt er in einwandfreiem Englisch. Danach hat sich die Lage aber geändert: „<em>Auf unserer Seite, auf der kirgistanischen Seite, kommt man leicht durch. Aber auf der usbekistanischen Seite demütigen sie einen. Egal, wie alt du bist, ob du eine Frau oder ein Kind bist&#8230; manche der Zoll- und Grenzbeamten sind wirklich gemein</em>“. Zuletzt war er 2012 in Taschkent. Asis und seine Familie verbrachten damals gut fünf Stunden in der sengenden Hitze des Dostuk/Dostlyk (<em>Freundschaft</em>, je auf kirgisisch und usbekisch) Grenzübergangs.</p>
<p style="text-align: justify">Selbst während des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Unruhen_in_S%C3%BCdkirgisistan_2010">Ereignisse im Juni 2010</a>, als sich Kirgisen und Usbeken in Südkirgistan in einem bewaffeneten Konflikt gegenüberstanden, öffnete Usbekistan erst spät seine Grenze für die circa hunderttausend usbekischen Flüchtlinge. In dieser politisch sehr instabilen Lage entfachte sich der Konflikt an einer Schlägerei zwischen jungen Kirgisen und Usbeken; dieser Funke ließ gezielte oder gar organisierte interethnische Gewalt aufflammen. Zwei Monate nach dem Sturz des zweiten Präsidenten Kirgistans Kurmanbek Bakijew verursachte der „Krieg“, wie man ihn heute oft nennt, laut dem <a href="http://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/Full_Report_490.pdf">Bericht der unabhängigen Untersuchungskommission</a> 470 Todesopfer und Schäden an etwa 2800 Gebäuden.</p>
<p><figure id="attachment_10634" aria-describedby="caption-attachment-10634" style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-large wp-image-10634" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/41-1024x576.jpg" alt="Osch 2010 Unruhen Spuren" width="1024" height="576" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/41-1024x576.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/41-300x169.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/41-768x432.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/41-1300x731.jpg 1300w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-10634" class="wp-caption-text">Im Laufe der Unruhen 2010 wurden viele Gebäude nach Herkunft der Einwohner markiert, wie an manchen wenigen Orten noch zu erkennen ist.</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Asis stammt aus einer usbekischen Familie. Im Sommer 2010 kam er gerade von einem Jahr Schüleraustausch in den Vereinigten Staaten zurück nach Osch. Sein Viertel gehört zu einem wohlhabenden und gemischten Teil der Stadt und wurde von der Gewalt nicht getroffen. Die Schüsse waren aber auch von dort zu hören. „<em>Klar gab es etwas Hass – das ist eine natürliche Reaktion – und Schmerz. Aber wie dem auch sei, wenn man die Situation analysiert, sieht man, dass es nicht an zwei verhassten ethnischen Gruppen lag. Es gab komplexere Faktoren, wie das politische Vakuum, die Folgen der Wirtschaftskrise und natürlich hatten auch manche Gruppen ein Interesse an der Instabilität.</em>“</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Business und Medien zur Besänftigung</strong></p>
<p style="text-align: justify">Sieben Jahre nach den Ereignissen beschreiben viele die Lage als entspannter und sehen Verbesserungen im städtischen Leben. Azamat* studiert juristische Expertise an der Oscher Staatlichen Universität. In den Jahren nach 2010 hat er beobachtet, wie sich die Stimmung beruhigt hat. Er erzählt, wie noch vor zehn Jahren Diebstähle an den Ständen usbekischer oder chinesischer Händler häufig vorkamen und ungestraft blieben. Heute hört man kaum noch von solchen Vorfällen, eine  Folge des Schocks von 2010: „<em>Nach 2010 hat man gemerkt, dass [die Spannungen] zu offenen Konflikten führen können, dass Leute dabei umkommen können. Jetzt achtet man mehr [auf die Beziehungen zwischen den Gemeinschaften] und man versucht, auf die Psychologie der Menschen einzuwirken</em>“, erklärt er.</p>
<p style="text-align: justify">Sogar die Vorurteile und der Groll zwischen Kirgisen und Usbeken scheinen sich zu verringern. Azamat sieht darin das Ergebnis vom positiven Einfluss von Radio und Fernsehen, wo für mehr Toleranz geworben wird: „<em>Ich erinnere mich zum Beispiel daran, wie meine Mutter immer gegen die Usbeken schimpfte, jetzt hat sie ganz damit aufgehört. Das liegt eindeutig am Einfluss der Medien</em>“.</p>
<p><figure id="attachment_10637" aria-describedby="caption-attachment-10637" style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-large wp-image-10637" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/11-1024x576.jpg" alt="Malerei Osch Straßenkunst Manas Aitmatow" width="1024" height="576" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/11-1024x576.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/11-300x169.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/11-768x432.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/11-1300x731.jpg 1300w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-10637" class="wp-caption-text">Eine Malerei in der Innenstadt zeigt Symbole der kirgisischen Kultur: Links eine Abbildung von Osch, der Volksheld Manas in der Mitte und rechts Tschingis Aitmatow</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Eines dieser Medien ist die <a href="http://yntymak.kg/">Mediengruppe <em>Yntymak</em></a> (Eintracht, Harmonie auf Kirgisisch), die auf Kirgisisch, Usbekisch und Russisch über Südkirgistan berichtet. Dieses Radio-, Fernseh- und Zeitungsprojekt wurde nach den Ereignissen von 2010 mit Unterstützung der kirgistanischen Regierung und Finanzierung der US-Amerikanischen Kooperationsagentur <a href="https://www.usaid.gov/kyrgyz-republic">USAID</a> ins Leben gerufen. Es bietet Raum für den Ausdruck der usbekischen Kultur und vor allem der Sprache, die nach 2010 fast gänzlich aus der Oscher Öffentlichkeit verschwunden ist. Das Team von <em>Yntymak </em>versammelt Journalisten verschiedener Nationalitäten, die daran arbeiten, aus dem Projekt eines der führenden zentralasiatischen Medienhäuser zu machen.</p>
<p style="text-align: justify">Danijar Sadijew, der Generaldirektor von <em>Yntymak, </em>sieht im Business den wichtigsten Friedensfaktor für die Stadt: „<em>Wenn das Business sich hier entwickelt und das Geld fließt, denke ich nicht, dass sich Konflikte entwickeln können. Wie man sagt, das Geld liebt die Ruhe.</em>“ Die Ereignisse im Juni 2010 waren nicht zuletzt auch ein wirtschaftlicher Schock für Osch und haben viele Unternehmen aus der Stadt getrieben. Unter dem Impuls kleiner und mittelgroßer Unternehmen erholt sich die Lokalwirtschaft nun allmählich wieder. Es ist das Werk der Einwohner, die selbst an der Verbesserung ihrer Lebensumstände arbeiten. Mehrere innovative Unternehmen wurden durch junge Menschen gegründet, die mit neuen Erfahrungen aus dem Ausland zurückgekehrt sind.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Migration als Chance</strong></p>
<p style="text-align: justify">Auch ein Großteil der finanziellen Ressourcen in Osch kommt aus dem Ausland. Die Rückzahlungen von Arbeitsmigranten machen <a href="https://data.worldbank.org/indicator/BX.TRF.PWKR.DT.GD.ZS">ein knappes Drittel</a> des Kirgisischen BIPs aus. Unter Fremdsprachenstudenten sind Arbeitsaufenthalte in Europa und vor allem in Deutschland sehr angesagt. Aber in diesem Phänomen sieht Sadijew eher einen Mehrwert, als ein <em>Brain-Drain</em>-Risiko: „<em>In Südkirgistan ist die Familie ein sehr wichtiger Wert. Die, die ins Ausland ziehen, kehren meist irgendwann zurück. Und sie kommen mit Gepäck, mit ihrem neuen Wissen und ihren Kompetenzen.</em>“</p>
<p><figure id="attachment_10636" aria-describedby="caption-attachment-10636" style="width: 894px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-large wp-image-10636" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/51-894x1024.jpg" alt="Werbetafel Osch Arbeit Russland Migration" width="894" height="1024" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/51-894x1024.jpg 894w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/51-262x300.jpg 262w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/51-768x880.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/51-1300x1489.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/51.jpg 1404w" sizes="auto, (max-width: 894px) 100vw, 894px" /><figcaption id="caption-attachment-10636" class="wp-caption-text">&#8222;Wir finden Arbeit&#8220; &#8211; eine Werbetafel in Osch bietet Arbeitsvermittlung nach Russland an</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">So geht es auch Asis. Als jüngster Sohn in seiner Familie ist er für die Pflege seiner Eltern zuständig und wird bei ihnen in Osch bleiben müssen. Für seine berufliche Zukunft hat er einige Geschäftsideen, besonders im Tourismusbereich, wo er seine Englischkenntnisse nutzen könnte. Azamat würde hingegen keine Sekunde zögern, wenn er die Möglichkeit hätte, in Europa zu leben: „<em>Es ist einfach, im Ausland zu leben. Ich habe gesehen, wie die Menschen in Deutschland leben: Wenn Du eine Arbeit hast, wenn dein Kopf es tut, lebst du gut.</em>“ Er lernt seit mehreren Jahren Deutsch und hat schon einen Sommer mit einem Ferienjob in Norddeutschland verbracht. „<em>Hier musst Du dich anstrengen, um zu überleben</em>“, fügt er hinzu.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/16-frauenportraets-aus-osch-kirgistan/">16 Frauenporträts aus Osch</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Der geistige Horizont der meisten Bewohner von Osch reicht weit über Zentralasien und die Grenze zu Usbekistan. In der Sowjetunion konnten viele innerhalb des sowjetischen Blocks verreisen: Unzählige Taxifahrer können von ihrem Militärdienst in Osteuropa erzählen.</p>
<p style="text-align: justify">Heute schleicht sich die Globalisierung in die Straßen der Metropole. Sie zeigt sich durch die Plastiktaschen mit dem alten Logo der britischen Supermarktkette „Morrisons“, aber auch durch die Eröffnung des ersten Cafés im Stil der amerikanischen <em>Coffee Culture</em> im Mai 2016 und des ersten <em>Korea-Mania </em>Geschäfts im Zentrum ein paar Monate später. Zahlreiche chinesische Geschäftsleute und pakistanische Studenten bilden weitere Gemeinschaften, die zur Vielfalt der Stadt beitragen. Und diese Vielfalt versucht die Stadt nun besser zu vermarkten.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/das-ferganatal-in-hundert-tnen/">Das Ferganatal in hundert Tönen</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Akmaral Satinbajewa ist die Direktorin von  <em><a href="http://youthofosh.kg/">Youth of Osh</a></em>, eine NGO, die sich für eine bessere Einbindung der Jugend in das öffentliche Leben in Osch und in Kirgistan einsetzt. Die Organisation ist Teil einer Arbeitsgruppe für die Entwicklung des <em>brandings </em>der Stadt. <em>„[Osch] ist einzigartig, aber man muss es erst entdecken, darüber reden</em>“, meint sie. Statt sich auf einen Aspekt zu konzentrieren, hat sich die Arbeitsgruppe dazu entschieden, mehrere Qualitäten der Stadt in den Vordergrund zu stellen: das historische Erbe rund um den Sulejman-Too, die kulturelle Vielfalt von Osch, seine <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kirgistans-kunst-saimaluu-tash-aus-osch/">Handwerkskunst</a> und seine Gastronomie. Der nationale und internationale Tourismus gehört zu den vielversprechenden Wirtschaftsbereichen.</p>
<p style="text-align: justify">Wie zum Ende der 1990er könnten nun politische Entwicklungen in Usbekistan einen direkten Einfluss auf die Entwicklung der Metropole haben. Nach dem <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/usbekistans-prsident-islam-karimow-ist-tot/">Tod des ersten Präsidenten</a> Islam Karimow im September 2016 wird die Machtübernahme seines ehemaligen Premierministers <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/wer-ist-der-neue-praesident-usbekistans/">Schawkat Mirsijojew</a> von einer neuen <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/bald-offene-grenzen-zwischen-usbekistan-und-kirgistan/">Annäherungspolitik</a> begleitet. Auf den Besuch einer kirgisischen Delegation im usbekischen Andischon im Herbst 2016 folgte einen Monat später der Empfang einer usbekischen Delegation mit großem Pomp.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Grenzenlose Entwicklungsmöglichkeiten</strong></p>
<p style="text-align: justify">Zwischenstaatliche Beziehungen lassen sich nicht in ein paar Monaten flicken und manche grenzüberschreitende Initiativen leiden noch an administrativer Schwere. So konnte im April der Besuch einer kleinen Delegation der Oscher Universität zu einem linguistischen Seminar in Andischon nicht stattfinden, da die Andischoner Universität die benötigte Erlaubnis nicht rechtzeitig erhalten hatte.</p>
<p><figure id="attachment_10638" aria-describedby="caption-attachment-10638" style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-large wp-image-10638" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/8_bis-1024x576.jpg" alt="Usbekische Delegation Osch 2016 Besuch" width="1024" height="576" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/8_bis-1024x576.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/8_bis-300x169.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/8_bis-768x432.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/09/8_bis-1300x731.jpg 1300w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-10638" class="wp-caption-text">Auf dem Besuch einer usbekischen Delegation in Osch im Oktober 2016</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Trotz der kleinen Hürden hat sich die Lage um die Grenze deutlich verbessert. Der Grenzübergang bei <em>Dostuk </em>wurde für Einheimische zuerst leicht vereinfacht: Kirgisische Staatsbürger konnten früher nur zu manchen Familienereignissen und nur mit einem sogenannten <em>Telegram, </em>also einer Einladung, die Grenze passieren. Diese Regel wurde erst um weitere Familienfeste gelockert, seit dem 6. September können die Lokaleinwohner die Grenze nun wieder ganz <a href="https://www.rferl.org/a/kyrgyzstan-uzbekistan-major-border-checkpoint-reopened/28720427.html">frei passieren</a>.</p>
<p style="text-align: justify">Auch die <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/verbesserungen-im-kirgisisch-usbekischen-grenzkonflikt/">Bestimmung des Grenzverlaufs</a> ist deutlich vorangekommen. Nach fast einem Jahr Verhandlungsrunden zwischen Delegationen beider Länder wurde bei <a href="http://www.eurasianet.org/node/85051">Mirsijojews Staatsbesuch</a> in Bischkek Anfang September ein Vertrag unterschrieben, der 85 Prozent der zuvor umstrittenen Grenzabschnitte festlegt.</p>
<p style="text-align: justify">Auf lokaler Ebene kann diese Grenzöffnung viele positive Effekte mit sich bringen. Ob durch die Versammlung von zuvor getrennten Familien oder den Ersatz des Schmuggels durch einen offiziellen Handel über die Grenze – die Folgen sind schnell zu erkennen. Die Öffnung der internationalen Grenze kann zudem auch Auswirkungen auf die geistigen Grenzen zwischen den Oscher Gemeinschaften haben. Laut Sadijew, dem Generaldirektor von <em>Yntymak</em>, bietet die Öffnung der Grenze „<em>eine Chance für das Business. Dadurch können die Menschen hier ihre Familien besuchen und ihre Familienmitglieder können uns besuchen. Osch war eigentlich immer friedlich. Diese Konflikte haben begonnen, als man angefangen hat, die Vorhänge zuzuziehen.</em>“</p>
<p style="text-align: justify">Ohne die Stacheldrahtvorhänge, die es vom benachbahrten Usbekistan trennen, könnte Osch sich wieder als wirtschaftlicher und kultureller Knotenpunkt des Ferganatals etablieren. So beschreibt jedenfalls Sadijew seine idyllische Vision für die Stadt in fünf Jahren: „<em>Die Szene würde sich vor dem Hintergrund des Sulejman-Too abspielen. Ich sehe einen Handelsplatz, der viele Menschen unterschiedlicher Herkünfte versammelt, darunter auch Touristen. Und ich stelle mir dort eine Tschaichana vor – denn ich hoffe, dass diese traditionellen Aspekte bleiben – in der Menschen verschiedenen Alters und unterschiedlicher Nationalitäten rund um einen Tee diskutieren. So könnte Osch in fünf Jahren aussehen: frühlingshaft und voller Ausstrahlung.</em>“</p>
<p style="text-align: right"><strong>Florian Coppenrath<br />
Mitgründer von Novastan.org</strong></p>
<p><em>Dieser Artikel erschien zuerst im französischen Original in der 7. Ausgabe des Magazins &#8222;<a href="https://www.garedelest.org/component/content/article/90-divers/225-gde1">Gare de l&#8217;Est</a>&#8222;, hier in aktualisierter Version.</em></p>
<p>*Die Namen wurden geändert</p>
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		<title>Die Festung Pischpek: Spaziergang in die Vergangenheit Bischkeks</title>
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		<dc:creator><![CDATA[julienb]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 18 Jul 2017 20:55:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Bischkek war schon eine Pflichtstation auf der Seidenstra&#xDF;e, bevor die Festung Pischpek 1825 erbaut wurde und anschlie&#xDF;end in die H&#xE4;nde des Zaristischen Russlands fiel. Eine Reise in die Vergangenheit eines der &#xE4;ltesten Orte der Hauptstadt Kirgistans. Was ist aus der Festung Pischpek geworden? Was ist von den ersten Kapiteln der Geschichte Bischkeks geblieben? Trotz der [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Bischkek war schon eine Pflichtstation auf der Seidenstraße, bevor die Festung Pischpek 1825 erbaut wurde und anschließend in die Hände des Zaristischen Russlands fiel. Eine Reise in die Vergangenheit eines der ältesten Orte der Hauptstadt Kirgistans.</strong></p>
<p style="text-align: justify">Was ist aus der Festung Pischpek geworden? Was ist von den ersten Kapiteln der Geschichte Bischkeks geblieben?</p>
<p style="text-align: justify">Trotz der rasanten Urbanisierung der kirgisischen Hauptstadt ist es immer noch möglich, Spuren des ehemaligen Geländes der Festung Pischpek zu finden. Das Gelände ist heute bekannt unter dem Namen <a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%9A%D1%83%D0%B7%D0%BD%D0%B5%D1%87%D0%BD%D0%B0%D1%8F_%D0%BA%D1%80%D0%B5%D0%BF%D0%BE%D1%81%D1%82%D1%8C_(%D0%91%D0%B8%D1%88%D0%BA%D0%B5%D0%BA)"><u>Kutsnetshnaia Krepost</u></a>, was wortwörtlich „die Festung des Schmieds“ bedeutet.</p>
<p style="text-align: justify">Um es zu finden, ist eine Wegbeschreibung hilfreich: Man folgt der Sultan Ibraimov- Straße nach Norden, kommt am Platz des Sieges vorbei, sowie an dem alten Restaurant Naryn, das <a href="https://ru.sputnik.kg/society/20170523/1033488338/zdanie-restorana-naryn-snesut.html">kurz vor dem Abriss</a> steht, und kreuzt schließlich die Verkehrsader Jibek Jolou mit ihrem unaufhörlichen Fluss von Autos und Fußgängern. Die Strasse Ibraimov ändert ihr Bild allmählich und wird zum Sträßchen, das sich zwischen die Häuser schlängelt.</p>
<p style="text-align: justify">Der Straße Kutsnetshnaia Krepost, die nur noch aus gestampfter Erde besteht, folgt man einige hundert Meter bis zu einem kahlen Hügel. Dieser Hügel, mit seiner ovalen Form und seinen 100 bis 150 Metern Höhe, ist das historische Herz Bischkeks. Heute ist es ein abgelegener und verlassener Ort, der als verruchte Gegend bekannt ist.</p>
<p style="text-align: justify"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-9782" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/2.jpg" alt="" width="2560" height="1536" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/2.jpg 2560w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/2-300x180.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/2-768x461.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/2-1024x614.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/2-1300x780.jpg 1300w" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" /></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Eine bewegte Geschichte<br />
</strong></p>
<p style="text-align: justify">Der Hügel liegt unweit der Mündungen der Flüsse <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tsch%C3%BCi_(Fluss)">Tschüi </a>(heutzutage fließt er in einem Kanal) und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alam%C3%BCd%C3%BCn">Alamüdün</a>.</p>
<p style="text-align: justify">Einige Archäologen vermuten, dass die “Festung des Schmieds” auf eine sogdische Stadt im 7. Jahrhundert namens Djoul zurückgeht (die Sogdier waren ein historisches iranisches Volk in Zentralasien, Anm. d. Red.), die in den Reiseberichten arabischer Reisender zu jener Zeit erwähnt wurde. Obwohl es Zweifel bezüglich der Lage jener Stadt gibt, haben mehrere Ausgrabungen zwischen 1926 und 1950 auf dem Gelände der Festung eine Anzahl an Artefakten zu Tage gebracht, die die Kontinuität der Besiedelung über mehrere historische Epochen hinweg belegen.</p>
<p style="text-align: justify"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-9783" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/3.jpg" alt="" width="2560" height="1536" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/3.jpg 2560w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/3-300x180.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/3-768x461.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/3-1024x614.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/3-1300x780.jpg 1300w" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" /></p>
<p style="text-align: justify">Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde der Ort durch die Invasion der Mongolen im 13. Jahrhundert zerstört. Er bestand unter schwierigen Umständen noch ungefähr zwei Jahrhunderte weiter, bevor er ganz in Vergessenheit geriet.</p>
<p style="text-align: justify">Es dauerte bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts und der Expansion des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Khanat_Kokand">Khanats von Kokand</a>, bis der Ort seine strategische Bedeutung wiedererlangte. Im Jahr 1825 ließ Muhammad Alikhan (1821-1842) dort eine Festung bauen: Pischpek. Sie war Teil einer umfangreichen Verteidigungslinie an der Nordgrenze des Khanats, so wurde die Festung Tokmok zur gleichen Zeit erbaut.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Ort mit strategischer Bedeutung</strong></p>
<p style="text-align: justify">Mehrere wichtige Routen der Region kreuzen die Festung Pischpek, was ihr in dreifacher Hinsicht eine wichtige Rolle zukommen lässt. Zu allererst eine militärische: Die Verteidigungslinie war besonders in Anbetracht der russischen Präsenz im heutigen Kasachstan wichtig, um die Präsenz und Stärke des Khanats zu demonstrieren. Zweitens war die Lage der Festung dazu geeignet, Wanderungsbewegungen und die Mobilität der Bevölkerung zu kontrollieren. Lag sie doch auf dem Weg der kirgisischen Nomaden zu und von ihren Weideflächen im Sommer und Winter. Schließlich ermöglichte sie das Einheben von Steuern von der lokalen Bevölkerung, sowie den Handelskarawanen auf dem Weg vom Issyk-Kul ins Siebenstromland (russischer Oblast Semiretschje).</p>
<p style="text-align: justify"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-9784" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/4-1.jpg" alt="" width="1536" height="2560" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/4-1.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/4-1-180x300.jpg 180w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/4-1-768x1280.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/4-1-614x1024.jpg 614w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/4-1-1300x2167.jpg 1300w" sizes="auto, (max-width: 1536px) 100vw, 1536px" /></p>
<p style="text-align: justify">Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wuchs der Druck des Zaristischen Russlands auf das heutige Kirgistan mehr und mehr an. Eine russische Militärexpedition unter der Führung von Oberst Zimmermann eroberte 1860 die Festung Tokmok, 1861 die Festung Pischpek. Nach dem Rückzug der russischen Truppen gewann das Khanat von Kokand jedoch wieder die Oberhand in der Region und konnte Pischpek zurückerobern.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Pischpek, russischer Vorposten in Kirgistan</strong></p>
<p style="text-align: justify">Erst 1862 konnten russische Truppen mit Hilfe von kirgisischen Einheiten unter dem Kommando von Baitik Baatyr (1823-1886) die Festung einnehmen und zerstören. Aus dieser Zeit stammt auch der heutige Name des Hügels: man sagt, dass sich nach dem Niedergang des Khanats von Kokand zahlreiche tatarische Hufschmiede in der Region angesiedelt hatten.</p>
<p><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/eine-reise-durch-die-architekturgeschichte-der-kirgisischen-hauptstadt/">Eine Reise durch die Architekturgeschichte der kirgisischen Hauptstadt</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Während die Festung ihre militärische Bedeutung verlor, manifestierten sich 1868 die urbanen Entwicklungen, die sich um ihre Ruinen herum abspielten: das Dorf Alamudun wurde gegründet. Mit den fortwachsenden Bautätigkeiten siedelten sich Russen und Ukrainer an, die Landwirtschaft betrieben.</p>
<p style="text-align: justify"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-9785" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/5.jpg" alt="" width="1075" height="1792" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/5.jpg 1075w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/5-180x300.jpg 180w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/5-768x1280.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/5-614x1024.jpg 614w" sizes="auto, (max-width: 1075px) 100vw, 1075px" /></p>
<p style="text-align: justify">1878 wurde der Name Pischpek offiziell dem Stadtgebiet verliehen, das sich dort entwickelt hatte. 1924 zum Verwaltungszentrum des Kara-Kirgisischen Autonomen Gebiet ernannt, kam es 1926 zur Namensänderung: bis zum Ende der Sowjetunion sollte die Stadt Frunse heißen, benannt nach einem der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Michail_Wassiljewitsch_Frunse">berühmtesten Söhne</a> der Stadt. Seit 1991 erhielt sie wieder einen kirgisischen Namen in der Form von Bischkek.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Kurze Geschichte jüngerer Tage<br />
</strong></p>
<p style="text-align: justify">Mit der Zeit entwickelte sich die Umgebung der Festung. Häuser entstanden auf dem Hügel, einem ehemaligen Wall der Festung. Erst gegen Ende der 1970er- Jahre wurden diese Bauten beseitigt und die Bewohner der Häuser auf Gemeindebeschluss hin in einen anderen Mikrorajon (Bezeichnung einer Siedlung außerhalb einer Kernstadt in der ehemaligen UdSSR) umgesiedelt. Bei einem einfachen Spaziergang kann man heute noch die Fundamente der Gebäude erahnen. Obwohl das Projekt, den Hügel unter Denkmalschutz zu stellen, schon seit langer Zeit im Raum steht, wurde dies nie umgesetzt.</p>
<p style="text-align: justify"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-9786" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/6.jpg" alt="" width="1792" height="1075" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/6.jpg 1792w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/6-300x180.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/6-768x461.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/6-1024x614.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/07/6-1300x780.jpg 1300w" sizes="auto, (max-width: 1792px) 100vw, 1792px" /></p>
<p style="text-align: justify">Heute wachsen auf diesem Hügel Weizen und hohe Gräser. Die Landschaft ist durchzogen von breiteren Wegen und schmäleren Pfaden, gesprenkelt mit vereinzelten gläsernen Bierflaschen und anderem Unrat. Von dem Hügel aus sind in der Ferne andere, weitere Festungen zu erkennen (das Gebäude des zentralen Fernsehens, die neue Moschee, sowjetische und zeitgenössische Bauten), wie unzählige weitere Kapitel der Geschichte Bischkeks.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Julien Bruley<br />
Doktorand der Anthropologie, Université de Lille<br />
</strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Französischen von Lukas Dünser</strong></p>
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