Die Festung Pischpek: Spaziergang in die Vergangenheit Bischkeks

Bischkek war schon eine Pflichtstation auf der Seidenstraße, bevor die Festung Pischpek 1825 erbaut wurde und anschließend in die Hände des Zaristischen Russlands fiel. Eine Reise in die Vergangenheit eines der ältesten Orte der Hauptstadt Kirgistans.

Was ist aus der Festung Pischpek geworden? Was ist von den ersten Kapiteln der Geschichte Bischkeks geblieben?

Trotz der rasanten Urbanisierung der kirgisischen Hauptstadt ist es immer noch möglich, Spuren des ehemaligen Geländes der Festung Pischpek zu finden. Das Gelände ist heute bekannt unter dem Namen Kutsnetshnaia Krepost, was wortwörtlich „die Festung des Schmieds“ bedeutet.

Um es zu finden, ist eine Wegbeschreibung hilfreich: Man folgt der Sultan Ibraimov- Straße nach Norden, kommt am Platz des Sieges vorbei, sowie an dem alten Restaurant Naryn, das kurz vor dem Abriss steht, und kreuzt schließlich die Verkehrsader Jibek Jolou mit ihrem unaufhörlichen Fluss von Autos und Fußgängern. Die Strasse Ibraimov ändert ihr Bild allmählich und wird zum Sträßchen, das sich zwischen die Häuser schlängelt.

Der Straße Kutsnetshnaia Krepost, die nur noch aus gestampfter Erde besteht, folgt man einige hundert Meter bis zu einem kahlen Hügel. Dieser Hügel, mit seiner ovalen Form und seinen 100 bis 150 Metern Höhe, ist das historische Herz Bischkeks. Heute ist es ein abgelegener und verlassener Ort, der als verruchte Gegend bekannt ist.

Eine bewegte Geschichte

Der Hügel liegt unweit der Mündungen der Flüsse Tschüi (heutzutage fließt er in einem Kanal) und Alamüdün.

Einige Archäologen vermuten, dass die “Festung des Schmieds” auf eine sogdische Stadt im 7. Jahrhundert namens Djoul zurückgeht (die Sogdier waren ein historisches iranisches Volk in Zentralasien, Anm. d. Red.), die in den Reiseberichten arabischer Reisender zu jener Zeit erwähnt wurde. Obwohl es Zweifel bezüglich der Lage jener Stadt gibt, haben mehrere Ausgrabungen zwischen 1926 und 1950 auf dem Gelände der Festung eine Anzahl an Artefakten zu Tage gebracht, die die Kontinuität der Besiedelung über mehrere historische Epochen hinweg belegen.

Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde der Ort durch die Invasion der Mongolen im 13. Jahrhundert zerstört. Er bestand unter schwierigen Umständen noch ungefähr zwei Jahrhunderte weiter, bevor er ganz in Vergessenheit geriet.

Es dauerte bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts und der Expansion des Khanats von Kokand, bis der Ort seine strategische Bedeutung wiedererlangte. Im Jahr 1825 ließ Muhammad Alikhan (1821-1842) dort eine Festung bauen: Pischpek. Sie war Teil einer umfangreichen Verteidigungslinie an der Nordgrenze des Khanats, so wurde die Festung Tokmok zur gleichen Zeit erbaut.

Ort mit strategischer Bedeutung

Mehrere wichtige Routen der Region kreuzen die Festung Pischpek, was ihr in dreifacher Hinsicht eine wichtige Rolle zukommen lässt. Zu allererst eine militärische: Die Verteidigungslinie war besonders in Anbetracht der russischen Präsenz im heutigen Kasachstan wichtig, um die Präsenz und Stärke des Khanats zu demonstrieren. Zweitens war die Lage der Festung dazu geeignet, Wanderungsbewegungen und die Mobilität der Bevölkerung zu kontrollieren. Lag sie doch auf dem Weg der kirgisischen Nomaden zu und von ihren Weideflächen im Sommer und Winter. Schließlich ermöglichte sie das Einheben von Steuern von der lokalen Bevölkerung, sowie den Handelskarawanen auf dem Weg vom Issyk-Kul ins Siebenstromland (russischer Oblast Semiretschje).

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wuchs der Druck des Zaristischen Russlands auf das heutige Kirgistan mehr und mehr an. Eine russische Militärexpedition unter der Führung von Oberst Zimmermann eroberte 1860 die Festung Tokmok, 1861 die Festung Pischpek. Nach dem Rückzug der russischen Truppen gewann das Khanat von Kokand jedoch wieder die Oberhand in der Region und konnte Pischpek zurückerobern.

Pischpek, russischer Vorposten in Kirgistan

Erst 1862 konnten russische Truppen mit Hilfe von kirgisischen Einheiten unter dem Kommando von Baitik Baatyr (1823-1886) die Festung einnehmen und zerstören. Aus dieser Zeit stammt auch der heutige Name des Hügels: man sagt, dass sich nach dem Niedergang des Khanats von Kokand zahlreiche tatarische Hufschmiede in der Region angesiedelt hatten.

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Während die Festung ihre militärische Bedeutung verlor, manifestierten sich 1868 die urbanen Entwicklungen, die sich um ihre Ruinen herum abspielten: das Dorf Alamudun wurde gegründet. Mit den fortwachsenden Bautätigkeiten siedelten sich Russen und Ukrainer an, die Landwirtschaft betrieben.

1878 wurde der Name Pischpek offiziell dem Stadtgebiet verliehen, das sich dort entwickelt hatte. 1924 zum Verwaltungszentrum des Kara-Kirgisischen Autonomen Gebiet ernannt, kam es 1926 zur Namensänderung: bis zum Ende der Sowjetunion sollte die Stadt Frunse heißen, benannt nach einem der berühmtesten Söhne der Stadt. Seit 1991 erhielt sie wieder einen kirgisischen Namen in der Form von Bischkek.

Kurze Geschichte jüngerer Tage

Mit der Zeit entwickelte sich die Umgebung der Festung. Häuser entstanden auf dem Hügel, einem ehemaligen Wall der Festung. Erst gegen Ende der 1970er- Jahre wurden diese Bauten beseitigt und die Bewohner der Häuser auf Gemeindebeschluss hin in einen anderen Mikrorajon (Bezeichnung einer Siedlung außerhalb einer Kernstadt in der ehemaligen UdSSR) umgesiedelt. Bei einem einfachen Spaziergang kann man heute noch die Fundamente der Gebäude erahnen. Obwohl das Projekt, den Hügel unter Denkmalschutz zu stellen, schon seit langer Zeit im Raum steht, wurde dies nie umgesetzt.

Heute wachsen auf diesem Hügel Weizen und hohe Gräser. Die Landschaft ist durchzogen von breiteren Wegen und schmäleren Pfaden, gesprenkelt mit vereinzelten gläsernen Bierflaschen und anderem Unrat. Von dem Hügel aus sind in der Ferne andere, weitere Festungen zu erkennen (das Gebäude des zentralen Fernsehens, die neue Moschee, sowjetische und zeitgenössische Bauten), wie unzählige weitere Kapitel der Geschichte Bischkeks.

Julien Bruley
Doktorand der Anthropologie, Université de Lille

Aus dem Französischen von Lukas Dünser

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Julien
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