Warum haben Frauen in Zentralasien begonnen, sich auszuziehen?

In den letzten Jahren haben junge Frauen in fast allen Ländern Zentralasiens kleine Revolutionen entfacht. Wohin kann diese Entwicklung führen? Dieser Kommentar erschien am 19. Juli im russischsprachigen Original bei Asia-Plus. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.  

Oben-ohne Fotografien auf Instagram, ein Model mit nackten Brüsten auf dem Laufsteg oder gemalte Bilder von unbekleideten Frauenkörpern – all das waren Werke von Frauen aus Zentralasien. Jede von ihnen war sich über das Risiko bewusst, Hetze und Hass ausgesetzt zu sein. Und tatsächlich erlebte jede einzelne enormen gesellschaftlichen Druck, sodass es in einigen Fällen sogar Menschen auf die Straßen trieb, um gegen die Werke und Meinungen dieser Frauen zu demonstrieren. Doch keine hat ihren mutigen Schritt bereut.

ExpertInnen zufolge läutet dies den Beginn einer umfassenden gesellschaftlichen Transformation in der Region ein und eben jene jungen Frauen werden mit ihrem Schaffen in die Geschichte eingehen.

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Vor ein paar Jahren etwa richtete sich die Aufmerksamkeit aller tadschikischen InternetnutzerInnen auf die Welt der Kunst. Die Künstlerin Marifat Dawlatowa zeigte in einer Ausstellung Bilder, die weibliche Nacktheit in Verbindung mit traditionell tadschikischen Elementen thematisierten. Dies löste bei Menschen innerhalb und außerhalb der Kunstszene eine rege Debatte aus.

Auf die Frage nach dem Motiv für eine solche Ausstellung antworte Marifat: „Als Frau werden dir auf der Straße ständig abfällige Kommentare zu deinem Aussehen gemacht, auch wenn womöglich nur deine Schulter unbedeckt ist. Da dachte ich, dass manche sich für ihre Worte schämen würden, wenn ich schöne weibliche Körper zeige und deutlich mache, dass das jene Frauen sind, die sie auf der Straße niedermachen.“ Weiter erklärt sie: „Ich wollte zeigen, dass der weibliche Körper schön ist und kein Objekt, keine Sache. Mein Werk verstehe ich als ein Protest gegen die vorherrschende Auffassung des weiblichen Körpers.“

Kirgistan und Kasachstan

Während in Tadschikistan Marifats Ausstellung in aller Munde war, wandte sich das benachbarte Kirgistan der Musik zu: Die 19-jährige Sängerin Zere präsentiere sich im 2018 erschienenen Musikvideo ihres Songs „Kyz“ (dt. Mädchen, Anm. d. Red.) in BH. Sie sing: „Würde nur die Zeit, die Ära, kommen, in der einem nicht gesagt wird, wie man zu leben hat. Sie würden einem nicht sagen: ‚Tue dies und lass jenes‘. Warum sollte ich so sein, wie es die Gesellschaft von mir erwartet? Ich bin ein Mensch, ich habe das Recht auf Meinungsfreiheit. Warum akzeptierst du mich nicht? Ich akzeptiere dich und du akzeptierst mich.“ Diese bedeutungsstarken Worte waren jedoch nicht Gegenstand der Auseinandersetzung, sondern vielmehr ihr BH.

Als Reaktion auf das Musikvideo erhielt Zere Beleidigungen und Bedrohungen, auch ihrer Familie war davon betroffen. Ihr Vater postete dazu aufgebracht auf Facebook: „Während die einen mich anrufen, um mir zu gratulieren, schreiben andere mir: ‚Diese Hexe ist doch nicht ernsthaft deine Tochter? Wie kannst du das als Lehrer zulassen?‘ Ja, Zere ist meine Tochter. Sie ist eine freidenkende Tochter des freien Kirgistans.“ 

Zere selbst erklärt die Idee hinter dem Video folgendermaßen: „In Kirgistan und auf der ganzen Welt ertragen fast 90% der jungen Frauen Demütigungen im gesellschaftlichen Leben, auf der Arbeit und Zuhause. Ich wollte dieses Lied in meinem Namen schreiben, im Namen einer jungen Frau. Erst wollte ich mich mit der Idee an Profis wenden, aber dann beschloss ich, mein eigenes Potenzial auszuschöpfen und den Song selbst zu schreiben.

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Auch junge Frauen in Kasachstan wurden von dieser Welle mitgerissen. Ende November trat das Model Dinagýl Tassova bei der Modeshow „Fashion Night Astana“ in einem durchsichtigen Kleid auf den Laufsteg. „Einige sahen darin ein schönes Kleid, andere sahen darin einen nackten Körper. Und so begannen alle, mich zu hassen“, berichtete Dinagýl in einem Interview mit der BBC.

Einige Tage nach der Show veröffentlichte die junge Frau Bilder von sich mit blauen Flecken am Körper. Wegen ihres Auftritts habe sie ein junger Mann zusammengeschlagen. „Die körperlichen Wunden sind nichts im Vergleich zu den psychischen Verletzungen, die er mir angetan hat. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass ich darüber nicht schweigen darf!“, teilte Dinagýl mit.

Kurz darauf ereignete sich ein weiterer Skandal: die 18-jährige Kasachin Shirin Narchaevý postete Bilder von sich mit unbekleidetem Oberkörper und mit traditionellem kasachischen Kopfschmuck. Gegen Shirins Posts wurde anschließend sogar eine Kundgebung organisiert, bei der ihr die teilnehmenden Männer Schamlosigkeit vorwarfen: „Wir, die Einwohner des Dorfes Sarbastaý, sind heute auf die Straße gegangen, um unseren Unmut über das nackte Mädchen in unserer traditionellen Kleidung auszudrücken. Mit ihrer Nacktheit verschmäht sie nicht nur die kasachische traditionelle Kleidung, sondern alle Frauen.“

Nach der Welle der Empörung nahm Shirin ein weiteres Video von sich auf. Wieder war sie oben-ohne, doch dieses Mal in einem traditionell kasachischen Hochzeitskopfschmuck. Nach ein paar Tagen solidarisierte sich mit ihr eine kirgisische junge Frau, die sich nackt mit einer traditionell kirgisischen Kopfbedeckung für Männer ablichtete.

Das Problem ist nicht die Nacktheit tadschikischer Frauen

Auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung den jungen Frauen Obszönität vorwirft, verfolgen ExpertInnen das Geschehen mit großem Interesse. Dr. Sulajcho Usmonowa, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie, Politikwissenschaft und Recht an der Akademie der Wissenschaft Tadschikistans, ist der Meinung, dass all diese Vorkommnisse miteinander zusammenhängen: „Wenn in mehreren Ländern gleichzeitig Ereignisse eintreten, die eine derartig heftige Reaktion hervorrufen, liegt es in der Natur der Sache, dass tiefe gesellschaftliche Umbrüche vonstattengehen. Diese Umbrüche werden angetrieben von einem Konflikt zwischen verschiedenen Ideologien und Weltansichten in unserer Gesellschaft.“

Nur auf den ersten Blick scheinen die konservativ geprägten Gesellschaften Zentralasiens homogen, denn auch sie durchziehen viele Widersprüche und Meinungsverschiedenheiten. „Unsere Gesellschaft lässt den Menschen doch genug Freiraum, damit solche Kontroversen stattfinden können. Man blicke etwa in unsere Nachbarländer, in denen so etwas nicht vorstellbar wäre. Natürlich gab es großen gesellschaftlichen Widerstand gegenüber den Aktionen der jungen Frauen, nichtsdestotrotz reagierte man von staatlicher Seite aus gelassen. Das erfreut mich als Wissenschaftlerin natürlich“, erklärt Usmonowa.

Auf die Frage hin, inwiefern solche provokanten Protestformen gerechtfertigt seien, deutet die Expertin darauf hin, dass es im Fall von Marifat Dawlatowa nicht um die Nacktheit der Frauen ging, die die Gesellschaft gestört hat. Vielmehr ging es darum, dass eine Frau selbst diese Werke erschaffen hat.

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 „Unsere gesamte Kultur hat sich auf die ‚klassische‘ Art und Weise entwickelt. Das bedeutet, dass Frauen wie Objekte wahrgenommen werden, wohingegen Männer als Subjekte gelten. Der Mann als Subjekt verfügt über Gefühle, Sorgen, Meinungen und er besitzt die Handlungsmacht, die Frau als Objekt so zu formen, wie er es für richtig hält. Deswegen haben männliche Künstler in Tadschikistan die Freiheit darüber, was sie malen. Die Frau als Objekt kann derartige Entscheidungen nicht treffen. Genau das hat Marifat mit ihrem feministischen Protest herausgefordert: Sie ist als Subjekt aufgetreten und hat viel Kritik auf sich gezogen“, meint Usmonowa.

Die tadschikische Abgeordnete Gulnora Amirschojewa zeigt auf, dass junge Frauen und Männer heutzutage widersprüchliche Interessen haben. „Junge Frauen wollen eine Ausbildung erhalten, frei sein, Erfolg haben und Karriere machen. Junge Männer hingehen gehen immer noch davon aus, dass sie die Herren der Welt bleiben, sodass sie Frauen ihren Regeln und Vorstellungen unterwerfen können. Diese Regeln und Vorstellungen sind aber alles andere als zeitgemäß, sie sind eher ein Rückschritt“, führt sie aus.

Amirschojewa kann den Widerstand der jungen Frauen gegenüber den gesellschaftlichen Konventionen nachvollziehen: „Wegen ihres Alters greifen die jungen Frauen zu Recht zu radikalen Maßnahmen und drücken damit ihren Protest aus. Aber auch viele ältere Frauen solidarisieren sich mit ihnen, anstatt ihnen die Legitimität ihrer Protestaktionen abzusprechen.“

„Sie hat die nationalen Werte mit Füßen getreten“

Die gesellschaftliche Transformation, von der Dr. Usmonowa spricht, hat im Grunde genommen bereits im vergangenen Jahrhundert angefangen, als Frauen den Gesichtsschleier ablegten.

So wurde in der Zeitung „Krasnaja Niwa“ (dt. Das rote Kornfeld, Anm. d. Red.) im Jahr 1929 ein Artikel mit dem Titel „Parandscha“ (dt. „Schleier“, Anm. d. Ü.) veröffentlicht. Dort beschrieb der Autor, wie sich die Rolle der Frau ändern sollte. Er ermutigt Frauen dazu, nicht nur ihren Schleier abzunehmen und somit ihr Leben zu riskieren, sondern auch auf etwas anderes zu achten. In dem Zusammenhang zitiert er eine usbekische kommunistische Delegierte eines Dorfrates: „Wir haben Frauen, die unseren Parolen gefolgt sind, ihren Schleier abgenommen haben und jetzt an Seite der Männer kämpfen. Wenn sie jetzt unabhängig wären, handwerken, lesen und schreiben lernen würden und dem leuchtenden Weg des Genossen Lenins folgen würden, würden sie im Kampf gegen die Männer siegen. Aber, lieber Genosse, die Frau hat keine Unterstützung, sie kämpft allein. Nach ein, zwei Monaten ist nichts mehr übergeblieben von unseren Parolen. Sie muss sich wieder ihren Schleier anlegen und nur noch die vielen neuen blauen Flecken zeugen von der Veränderung.“

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Paradoxerweise haben sich die Argumente der Gegner weiblicher Emanzipation nicht verändert. Anfang des 20. Jahrhunderts behaupteten sie, Frauen müssten wegen der Traditionen und Religion verschleiert sein. Heute begründen sie ihre Position nicht anders.

So forderte die kasachische Journalistin Bibigýl Daýletbekkyzy, dass Shirin Narchaevý des Landes verwiesen werden sollte mit der Begründung: „Sie hat die nationalen Werte mit Füßen getreten“.

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Eine junge Frau sollte nicht das zeigen, was unangebracht ist“, urteilte der kirgisische Popsänger Mirbek Atabekow in einem Interview mit der Onlinezeitung Kaktus.media hinsichtlich des Musikvideos von Zere. Dazu sei angemerkt, dass er zeitgleich mit Zere selbst ein provokantes Musikvideo veröffentlicht hat.

Es beginnt immer mit den kleinen Dingen, die unangemessen sind, aber geduldet werden. Diese kleinen Dinge werden irgendwann aber zur Normalität. Man blicke etwa nach Russland, wo selbst Kirkorow (populärer russischer Sänger, Anm. d. Red.) in seinen Musikvideos eigenartige Dinge singt und tut. Das beeinflusst seine Fans psychologisch. Sie müssen verstehen, wenn alles möglich ist, dann geht der Wert des Lebens verloren. Deswegen ist die Mäßigung manchmal von Vorteil“, argumentiert Atabekow.

Wie wird es weitergehen?

Dr. Usmonowa ist sich sicher, dass feministische künstlerische Protestaktionen in Tadschikistan immer wieder passieren werden und die Gesellschaft dem Schritt für Schritt Akzeptanz entgegenbringen wird. „Das ist die Globalisierung und sie ist unaufhaltsam. Die Welt scheint riesig zu sein, aber eigentlich ist sie sehr klein. Alles ist nah zueinander und miteinander verbunden“, merkt die Expertin an.

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Die Gründerin der Facebook-Gruppe „Philosophie und Feminismus auf Tadschikisch“ Julija Petrowa meint auch, dass sich diese Tendenz fortführen wird. Zwar gebe es schon lange sehr viele Frauen, die täglich für ihre Rechte kämpfen, doch seien die jüngsten künstlerischen Protestaktionen das erste Mal, dass das kulturell-gesellschaftliche Leben beeinflusst worden ist und Millionen von Menschen davon mitbekommen haben.

Je mehr Frauen öffentlich strukturelle Diskriminierungen anprangern, desto mehr kreativen Formen des Protests werden wir sehen. Außerdem inspirieren sich die Frauen gegenseitig: Wenn jemand etwas Gewagtes tut, gibt das einer anderen Person wiederrum den Mut, Widerstand zu leisten. Diesen großartigen, neuen Aktivismus dürfen wir nicht im Keim ersticken. Wir alle haben einen Platz in der Gesellschaft: traditionelle und nicht-traditionelle Menschen, MuslimInnen und AtheistInnen. Zentralasien ist keine homogene Masse an Menschen, sondern eine reiche Vielfalt“, verlautet Julija.

Lilija Gajsina für Asia-Plus
Aus dem Russischen von Jana Rapp

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