Alexander Sodiqov

Tadschikistan: Forschungsreise endet in Gefängnis

Sein Forschungsaufenthalt fand ein jähes Ende: Am 16. Juni wurde Alexander Sodiqov von tadschikischen Sicherheitsbeamten mit dem Vorwurf des Landesverrats und der Spionage für eine nicht näher bestimmte ausländischen Regierung festgenommen.

Der 31-jährige Tadschike arbeitet für ein britisches Forschungsprojekt der Universität Exeter unter dem Titel Rising Powers and Conflict Management in Central Asia. Ursprünglich hatte er gemeinsam mit dem Projektleiter John Heathershaw in die autonome Region Gorno-Badakhshan (GBAO) reisen wollen. Vermutlich auf Anraten des britischen Geheimdienstes trat Heathershaw die Reise kurzfristig doch nicht an, woraufhin der Tadschike allein aufbricht.

Seine Forschung führt Sodigov in das Pamir-Gebirge im Süden des Landes. In der autonomen Region kommt es in den letzten Jahren wiederholt zu Gewalt zwischen Militär und lokalen Milizen. In der Hauptstadt Khorog führt Sodiqov einige Interviews mit Vertretern der Zivilgesellschaft und trifft sich sich auch mit dem Oppositionspolitiker der Sozialdemokratischen Partei, Alim Sherzamonov. Dieser gilt als Anführer der blutigen Proteste im Mai dieses Jahres. Medienberichten zufolge  wird Sodiqov noch während des Gesprächs in einem Park festgenommen.

Zunächst fehlt von dem Wissenschaftler jede Spur, Regierung und Geheimdienst geben keine Auskunft zu den Hintergründen des ihm vorgeworfenen Landesverrats. Dann strahlt das lokale Staatsfernsehen eine Stellungnahme Sodiqovs aus, die nach Einschätzung verschiedener Quellen inhaltlich stark verändert und stellenweise auch erzwungen worden wären. Ziel der Ausstrahlung könne es demnach sein, Opposition und den lokal einflussreichen religiösen Führer der Ismailiten, Aga Khan, aus dem Munde des Wissenschaftlers zu verunglimpfen. So gibt Sodiqov dort an, dass die lokale Bevölkerung nicht nur ihr Vertrauen in die Regierung verloren habe, sondern auch in den religiösen Führer und dessen Stiftung.

Wie am Mittwoch bekannt wurde, befindet sich der verheiratete Vater einer Tochter mittlerweile in einer Einrichtung des Staatskomitees für Nationale Sicherheit in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe. Im Falle einer Verurteilung wegen Landesverrat drohen ihm bis zu 20 Jahre Haft. Nachdem ihm zuerst ein Anwalt zugewiesen worden war, durften seine Angehörigen zwei eigene Verteidiger bestimmen. Laut Radio Ozodi stehe ein Treffen mit diesen in Aussicht.

20 Jahre Haft möglich

Sodiqov ist nicht der erste, der von den tadschikischen Behörden wegen seiner investigativen Arbeit festgenommen wird: Dem tadschikischen BBC-Journalisten Ursunboj Usmonow wurden 2011 extremistische Aktivitäten vorgeworfen, nachdem er Mitglieder der in ganz Zentralasien verbotenen islamistischen Organisation Hisb-ut-tahir interviewt hatte.

Auch internationale Organisationen wie die OSZE und Freedom House zeigen sich besorgt. Amnesty International erklärt ihn zum gewaltlosen politischen Gefangenen und startet eine Unterschriftenkampagne. Freunde und Unterstützer Sodiqovs rufen ebenfalls zum Unterschreiben einer Petition auf. Besonders akademische Kreise reagieren auf die Festnahme, ist sie doch eine direkte Bedrohung für die wissenschaftliche Freiheit in Tadschikistan. Innerhalb kürzester Zeit haben 30.000 Gelehrte ihre Unterstützung für Sodiqov ausgedrückt.

Das falsche Thema am falschen Ort

Bislang haben die Behörden ihre Vorwürfe gegen den Wissenschaftler nicht genauer begründet. Kritiker halten stichhaltige Beweise für unwahrscheinlich. Es ist wohl vielmehr die politische Lage in Tadschikistan, die dem Forschungsthema Sodiqovs eine solche Brisanz verleiht. Der Wissenschaftler bewegt sich auf einem Gebiet, das Duschanbe lieber unbeachtet wüsste. Denn das gespannte Verhältnis zwischen der Regierung um Präsident Emomali Rahmon und der autonomen Region ist von Konflikten gezeichnet, die sich teils bis in die Jahre des Bürgerkriegs zurückverfolgen lassen: Damals fand die Vereinte Tadschikische Opposition unter den dortigen Einwohnern viele Unterstützer. Manche der sogenannten Warlords von damals sind heute einflussreich, wie etwa Tolib Ayombekov, der sehr aktiv im Drogenschmuggel involviert sein soll. Nach dem Friedensschluss 1997 galt die Region lange als regierungskritisch. Einige sahen den Autonomiestatus, der noch aus Sowjetzeiten stammt, in Gefahr und kritisierten Unterdrückungs- und Anpassungsbestrebungen seitens der sunnitischen Mehrheit. Große Konflikte blieben dennoch lange aus.

Chorugh

Im Sommer 2012 war die Ruhe dann vorbei: In Folge der Ermordung eines lokalen Sicherheitsbeamten kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Militär und den Unterstützern von Tolib Ayombekov, der für den Tod des Polizisten verantwortlich gemacht wurde. Zwei Jahre später, kurz vor Sodiqovs Forschungsaufenthalt, kam es in Khorog zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Drogenschmugglern. Die Folge waren Brandanschläge auf verschiedene Gebäude von Justiz und Regierung. Regierungssprecher beschuldigten westliche Geheimdienste der Zusammenarbeit mit lokalen Gruppierungen, um die Region zu destabilisieren.

Der Fall Sodiqov ereignet sich zu einer Zeit, in der Tadschikistans Behörden antiwestliche Stimmung machen. Nach einigen Besuchen von britischen und EU-Vertretern scheint besonders das Verhältnis zu der EU und Großbritannischen angespannt. Am vergangenen Montag erklärte zum Beispiel der Sprecher des tadschikischen Parlaments, „einige Staaten“ würden versuchen, die Lage im Land zu destabilisieren.

Unbequeme Wahrheiten

Ausländer benötigen für die Einreise nach Gorno-Badakhshan eine Genehmigung der Behörden in Duschanbe. In unruhigen Zeiten wird die Region für Ausländer ganz gesperrt. Als tadschikischer Staatsbürger benötigte Sodiqov keine solche Genehmigung. Er konnte also ungehindert nach Khorog fahren, um dort unangenehme Fragen zu stellen. Laut Angaben von seinem Kollegen Heathershaw wurde das Forschungsvorhaben nicht mit britischen Regierungsmitteln, sondern von einer akademischen Organisation finanziert. Es sei ihm ein Rätsel, warum der Eingriff der Behörden gerade jetzt passiere.

Wie das weite Echo der Meldung zeigt, könnte es auch lediglich darum gehen, ein Exempel zu statuieren. Mit Sodiqov wurde erstmals ein Doktorand unter dem Schutz einer ausländischen Universität Opfer staatlicher Repression. Dass es genau ihn traf, dürfte auch an seiner Person liegen. Alexander Sodiqov ist nicht nur ein ambitionierter Nachwuchswissenschaftler mit politisch missliebigen Forschungsinteressen, sondern auch Journalist. Diese Tätigkeit muss den Sicherheitsbehörden bekannt gewesen sein. Für Global Voices und auf seinem eigenen Blog tajikistanmonitor berichtet Sodiqov seit Jahren kritisch über das politische Geschehen in seinem Heimatland. Gerade seine Herkunft könnte nun zu seiner Inhaftierung beigetragen haben: Wäre Sodiqov nicht tadschikischer Staatsbürger, wäre er wohl mit einer Ausweisung davongekommen. Kenner der politischen Lage in der Region befürchten nun, dass sich einheimische Wissenschaftler aus Angst der Selbstzensur unterwerfen und heikle Themen in Zukunft meiden könnten.

Die Redaktion

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