Treffen Kirgistan Afghanistan

Taliban hoffen, über Kirgistan auf den russischen Markt zu gelangen

Bei einem Treffen in der Türkei haben die Außenminister von Kirgistan und Afghanistan ihre bilateralen Beziehungen und die Zukunft der Region besprochen. Zu den Plänen Afghanistans gehörte auch der Zugang zum russischen Markt über Kirgistan. Bedeutende Fortschritte bei den Verhandlungen sind jedoch nicht in Sichtweite.

Am 12. März kamen der kirgisische Außenminister Ruslan Kasakbajew und sein afghanischer Amtskollege auf dem Diplomatischen Forum im türkischen Antalya zusammen. Laut einer Erklärung des kirgisischen Außenministeriums sprachen die beiden Männer über verschiedene Themen, darunter auch die bilateralen Beziehungen zwischen den beiden Ländern und die regionale Sicherheit.

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Ein Verhandlungspunkt war der Transport afghanischer Waren richtung Norden. Eine vertiefte regionale Zusammenarbeit könnte dazu führen, dass „das zwischen allen Ländern der Region bestehende Transit- und Transportpotenzial umfassender genutzt wird“, so Kasakbajew. Afghanistan, das unter erheblichen Wirtschaftssanktionen leidet, möchte Handelsrouten nach Norden einrichten, und damit auch nach Russland und in die Länder der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) exportieren.

Die Taliban bleiben in Russland verboten

Die 2015 eingerichtete [fr] EAWU ist eine Zollunion, der Russland, Belarus, Armenien, Kasachstan und Kirgistan angehören. Erklärtes Ziel der Organistaion ist eine engere Integration zwischen den Ländern nach dem Vorbild der Europäischen Union. Durch den Zugang zum kirgisischen Markt könnten afghanische Produkte leichter in andere EAWU-Mitgliedsländer exportiert werden.

Dieser Vorschlag kommt zu einer Zeit, in der Russland aufgrund des Krieges in der Ukraine massiven Sanktionen unterliegt. Ein neuer Handelspartner könnte für Moskau schon allein als Absatzmarkt interessant sein. Allerdings bleibt Afghanistan seit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 von der internationalen Gemeinschaft ausgeschlossen. Die Bewegung gilt nach wie vor als terroristische Gruppe und ist in der Russischen Föderation offiziell verboten, wie das russische Medium Fergana News erläutert.

Das CASA-1000-Projekt wird erwähnt

Die Vertreter Kirgistans und Afghanistans erinnerten auch an die kulturellen Affinitäten zwischen ihren beiden Ländern. Kasakbajew äußerte seinen Wunsch nach Wirtschaftswachstum und Stabilität in Afghanistan, und meinte, dass „Fragen der Umsetzung des CASA-1000-Projekts zur Versorgung Afghanistans mit Strom […] relevant werden“. Das 2016 gestartete Projekt CASA-1000 sieht mitunter eine Stromleitung zwischen dem Umspannwerk Datka-Kemin in Kirgistan und dem Umspannwerk Chudschand in Tadschikistan vor, um Strom nach Afghanistan und Pakistan zu liefern.

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Im Winter leiden die zentralasiatischen Länder zwar an Stromengpässen, haben aber im Sommer eine Überproduktion an Strom. Als 2015 erstmals ein Abkommen zwischen Kirgistan, Tadschikistan, Afghanistan und Pakistan unterzeichnet wurde, sah das Dokument die Lieferung von 1.300 Megawatt Strom pro Jahr vor. Allerdings kam es immer wieder zu Verzögerungen, die durch die Instabilität der Region und den langjährigen Widerstand von Usbekistan verursacht wurden. Zwar hat Usbekistan seine Position seit 2018 geändert, doch auch andere Schwierigkeiten beeinträchtigen das Projekt, das bis 2023 abgeschlossen sein soll.

Humanitäre Unterstützung für Afghanistan

Parallel dazu bedankte sich der afghanische Außenminister Amir Khan Muttaki bei Kirgistan für die humanitäre Hilfe, die Bischkek zwischen September und Oktober 2021 leistete. Muttaki schlug ein gemeinsames Entwicklungsprojekt in der Region Badachchan vor, mit dem Krankenhäuser und Schulen gebaut werden sollen. In dieser Region im Norden Afghanistans befinden sich der Kleine und der Große Pamir, in denen kirgisische Gemeinden angesiedelt sind.

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Die Hilfe wird jedoch vom Sekretär des kirgisischen Sicherheitsrats, Marat Imankulow, relativiert. In einem Interview mit der kirgisischen Nachrichtenagentur AKIPress vertrat der General die Ansicht, dass Kirgistan nur bescheidene Hilfe geleistet habe. „Wir haben den ethnischen Kirgisen, die im kleinen und großen Pamir leben, geholfen. Wenn möglich, sind wir bereit, euch mehr zu helfen“, sagte er am 15. März. „Viele Afghanen stehen am Rande des Hungertods“, fügte er hinzu.

Paul Mougeot
Für Novastan France

Aus dem Französischen von Florian Coppenrath

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Ich bin dem frisch gegründeten Novastan gleich bei meiner ersten Kirgistan-Reise Ende 2011 beigetreten. Erst war ich Redakteur, dann Begründer der deutschsprachigen Version. Heute bin ich für die Verbindungen zwischen den verschiedenen Teilen von Novastan und für die strategische Entwicklung des Projektes zuständig. Nach drei Jahren in Kirgistan, zuletzt als Bosch-Lektor in Osch, arbeite ich heute an der Entwicklung von "Wikistan" einer baldigen Netzwerkplattform für die Zentral-Eurasien-Forschung. Seit März diesen Jahres bin ich ebenfalls in der Forschung tätig und schreibe eine Doktorarbeit über Hip-Hop in Kirgistan am Zentralasienseminar der Humboldt Universität zu Berlin. --------------------------------------------------------------- Mon premier voyage à Bichkek en décembre 2011 m'amena à rejoindre le magazine Novastan.org fraichement fondé. J'y étais d'abord actif en tant que rédacteur, puis en tant que fondateur et coordinateur de la version germanophone en été 2013. Aujourd'hui je suis en charge des liens entre les différentes parties d Novastan et du développement stratégique du projet. Après trois ans au Kirghizstan, dernièrement en tant que médiateur culturel pour la fondation Bosch à l'université d'Och, je travaille au développement de "Wikistan", un réseau pour la recherche sur l'Eurasie centrale. Depuis mars 2018, je suis également doctorant en études centre-asiatiques et étudie le Hip-Hop dans les villes du Kirghizstan.

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