Elwira Kinder der Unabhängigkeit Kirgistan Porträt

Elwira oder die aktivistische Jugend

Rednerin, Coach, Projektorganisatorin: Mit 26 Jahren hat Elwira Kalmursajewa bereits viele verschiedene Standbeine. Die ehemalige Vorsitzende des kirgisischen Jugendparlaments und aktuelle Präsidentin der zentralasiatischen Abteilung eines Debattierclubs über ihre persönliche Entwicklung als Frau, Aktivistin und Bürgerin.

Das Portrait ist Teil der Serie „Kinder der Unabhängigkeit“, das in Zusammenarbeit mit der Fotojournalistin Valérie Baeriswyl entstanden ist.

Wenn man mit Elwira spricht, spürt man sofort ihre positive, jugendliche Energie. Seit mehr als sechs Jahren engagiert sich die junge Frau in verschiedenen Bildungs- und Empowermentorganisationen für Jugendliche. „Ich arbeite in meinem Team mit zehn Personen – und ich sehe alle von ihnen als Vorbilder. Wenn ich diese jungen Menschen sehe, bin ich sehr optimistisch, was die Zukunft dieses Landes angeht.

Sie hofft, in Zukunft auch andere Menschen für ihre Organisation anwerben zu können – Menschen, die bereit sind, ihre Zeit, ihre Energie und ihre Überzeugung einzusetzen, um die kirgisische Gesellschaft zu gestalten, Menschen, die im Ausland gelebt und studiert haben, die zurückgekehrt sind und denen das Schicksal ihres Heimatlandes Kirgistans nicht gleichgültig ist.

Die kirgisischen Präsidentschaftswahlen: Die Wahl des geringsten Übels

Vor der Präsidentschaftswahl in Kirgistan, die am 15. Oktober letzten Jahres stattfanden, erklärte Elwira, sei sie geneigt gewesen, „gegen alle Kandidaten“ zu stimmen, wie es das kirgisische Wahlrecht erlaubt. Sie hatte jedoch Angst, dass ihre Stimme so nicht berücksichtigt würde und die Situation sich nicht verändern würde. Daher entschied sie sich, Rita Karasartowa zu unterstützen, eine Menschenrechtsaktivistin und Anwältin – eine Person mit den gleichen politischen Ideen. Die erste Frau, die sich zu dieser Wahl als Kandidatin meldete, musste aber letztendlich ihre Kandidatur zurückziehen: Ihr gelang es nicht, im Vorhinein die nötige Anzahl an Unterschriften zu sammeln.

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Am Ende wählte Elwira Taalatbek Masadykow, einen Experten im Bereich Konfliktforschung und Diplomatie. „Auch wenn ich nicht mit allen seinen Ideen einverstanden bin – vor allem nicht, was das Militär betrifft –, schätze ich sein Programm, weil es auch die Gesundheit von Frauen berücksichtigt.“

Ich hatte gehofft, dass es einen zweiten Wahlgang geben würde. Das wäre ein Zeichen für wirklich gerechte Wahlen gewesen

Elwiras Hoffnungen zum Trotz setzte sich der Kandidat Sooronbaj Dscheenbekow durch, der vom ehemaligen Präsidenten, Almasbek Atambajew, unterstützt wurde. „Ich hatte gehofft, dass es einen zweiten Wahlgang geben würde. Das wäre ein Zeichen für wirklich gerechte Wahlen gewesen“, kommentiert die junge Frau. „Die Menschen brauchen einen neuen Präsidenten, der aus einer anderen Partei kommt als der vorige Präsident.“ Für sie ist es bereits genug, dass die sozialdemokratische Partei SDPK – der auch der derzeitige Präsident angehört – einen Großteil der Abgeordneten im Parlament stellt.

„Mit 26 Jahren nicht verheiratet zu sein, ist ein großes Problem in der kirgisischen Gesellschaft“

Schon sehr früh war Elwira unabhängig, „vielleicht zu früh“, wie sie sagt – mit 16 Jahren. Damals nahm sie an einem Austausch in die Vereinigten Staaten teil. Als sie zurückkam, ging sie nicht zurück in ihre Heimatstadt Naryn, sondern begann in der Hauptstadt Bischkek zu studieren. Sie lebte allein, aber auch ihre Brüder und Schwestern wurden mit der Zeit erwachsen und zogen zum Studium nach Bischkek. Nach einiger Zeit folgte auch ihr Vater, der eine gemeinsame Wohnung in der Stadt anmietete. Nach einer so langen Zeit auf Distanz wollte er seine älteste Tochter wieder neu kennenlernen.

Zu dieser Zeit, erklärt Elwira, veränderte sich ihr Bild von Familie:  Nachdem sie ihren Abschluss gemacht hatte und zu arbeiten begann, begannen Verwandte, sie zu fragen, wann sie heiraten möchte. Elwira erinnert sich, wie sie damals antwortete: „Nur weil ich heirate, macht das aus mir keinen besseren Menschen. Ich bin glücklich, weil ich das mache, was ich möchte – und ich fühle mich gut so.

Nur weil ich heirate, macht das aus mir keinen besseren Menschen

Im Gegensatz zu ihrer weiteren Verwandtschaft sind Elwiras Eltern ihr zufolge stolz darauf, dass sie unabhängig ist, selbst ihren Lebensunterhalt bestreiten kann und gleichzeitig ihre Familie unterstützen kann. Sie ist auch überzeugt, dass sie glücklich darüber sind, dass sie nicht das gleiche Ziel verfolgt wie die meisten jungen Frauen – zu heiraten – „Das scheinbar ultimative Glück, für das der gängigen gesellschaftlichen Meinung nach alle Frauen geboren werden“, wie sie erklärt.

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Ihre Mutter drängte alle Familienmitglieder dazu, zu studieren, die Töchter wie auch die Söhne. So machte auch Elwira ihren Bachelor in internationalen Beziehungen und einen Master in Politik- und Sicherheitsstudien an der Akademie der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa). „Ich bin die erste in meiner Familie, die einen Hochschulabschluss hat“, verkündet sie mit Stolz.

Kirgistan Porträt Elwira Jugend

Elwira sah mit an, wie ihre Mutter als Kelin (kirgisisch für „Schwiegertochter“, die zahlreiche Verpflichtungen dem Ehemann und seinen Eltern gegenüber hat) unter Diskriminierungen zu leiden hatte. Ihr Vater war der jüngste Sohn in der Familie und musste sich, der Tradition entsprechend, um seine Eltern kümmern – zusätzlich zu seinen vielen eigenen Kindern. Als Kelin war Elwiras Mutter über 25 Jahre hinweg quasi die „Dienerin“ dieses kleinen Kosmos und konnte sich nicht erlauben, etwas zu verweigern – auch nicht, als sie eine Arbeit fand oder sich um ihre eigenen Kinder kümmern musste.

Als Elwira älter wurde, begann sie, die Situation ihrer Mutter zu verstehen: „Ich war nicht mehr begeistert von der Idee zu heiraten, als ich den großen Druck verstand, dem sie ausgesetzt war. Deswegen haben mein Partner und ich, bevor wir geheiratet haben, entschieden, erst einmal unsere Ansichten über Familie und Ehe auszutauschen.

„Ich war Feministin, noch bevor ich wusste, was das heißt“

Ich kann nicht sagen, dass meine Familie liberal oder feministisch ist“, betont Elwira, „aber sie hatte auf jeden Fall einen Einfluss auf meine Denkweise und meine heutigen Ansichten“. Elwira und ihre Familie kommen aus Naryn, ihrer Meinung nach „einer sehr konservativen, mono-ethnischen kirgisischen Stadt“. Trotzdem waren ihre Eltern liberaler als ihre Freund*innen. „Mein Vater kommt nach seinem Arbeitstag nach Hause und kocht. Es kümmert ihn nicht, dass diese Hausarbeit der gängigen gesellschaftlichen Ansicht nach ‚den Frauen vorbehalten ist“, erzählt sie.

Mein Vater kommt nach seinem Arbeitstag nach Hause und kocht.

Zuhause teilen nicht alle dieselben Ansichten. Eine von Elwiras Schwestern ist praktizierende Muslima und betet fünfmal am Tag. Elwira gefällt es, kontroverse Themen anzusprechen – beispielsweise LGBT-Rechte, ein Thema, das unweigerlich zu Konflikten innerhalb der Familie führt. Als Feministin geht es Elwira darum, für Menschenrechte einzustehen. Auch wenn sich das zum Teil nicht mit religiösen Ansichten vereinbaren lässt, sei ihre Familie offen genug, ihre Meinung zu akzeptieren.

„Der Mann bringt das Geld nach Hause und die Frau kümmert sich um den Haushalt“

Elwira ist entschieden, Frauen zu unterstützen, die für ihre Rechte einstehen und ihre Meinung zu diesem Thema äußern. „Die Lösung besteht darin, diese Denkweise zu  verändern und Frauen nicht länger als Opfer, sondern als essentielle menschliche Ressourcen für unser Land zu sehen“, erklärt sie.

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Die Regierung ist noch nicht bereit, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen, und behält lieber den Status Quo bei. „Die Aussagen aus der Politik sind im Allgemeinen populistisch und betonen das Bild des Mannes, der das Geld nach Hause bringt, und das der Frau, die sich um den Haushalt kümmert“, so Elwira. Den Staat selbst bezeichnet die junge Frau als „patriarchal“, vor allem auf institutioneller Ebene. Nur 18 Frauen sitzen derzeit im kirgisischen Parlament – von insgesamt 120 Abgeordneten. „Ich denke, die Politiker*innen müssen ihren Diskurs und ihr Männer- und Frauenbild verändern. Erst wenn das passiert, wird sich auch die Gesellschaft verändern.

 

                                                                                              Anastasiia Shevtsova
Journalistin bei Novastan

Aus dem Französischen von Annkatrin Müller

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