Ala Too Platz Bischkek Kirgistan

Die zweite Welle der Coronavirus-Epidemie wird in Kirgistan zum Katastrophenszenario

Seit Mitte Juni erlebt Kirgistan einen starken Anstieg der Coronavirus-Neuinfektionen und einen Mangel an Krankenhausbetten, Beatmungsgeräten und Gesundheitspersonal. Verzweifelte Kirgisistaner suchen Hilfe auf sozialen Medien, während die Behörden weiter von drastischen Eindämmungsmaßnahmen absehen.

Kirgistan war lange von der Coronavirus-Pandemie verschont. Wie seine zentralasiatischen Nachbarn erlebt es nun seit einigen Wochen ein Wiederaufleben der Infektionen weit über das zuvor erreichte Niveau hinaus. Das Land, das erstmals am 25. März, bei nur 44 bestätigten Fälle ein strikter Lockdown eingeführt hatte, meldet derzeit 8.141 Fälle, darunter 3.504 in der Hauptstadt Bischkek. Die Beschleunigung der Epidemie begann Mitte Juni, wenige Wochen nach der Aufhebung der letzten Beschränkungen und der Wiedereröffnung von Bars, Restaurants, Sporthallen und Einkaufszentren. Infolge der schlechten Einhaltung der Gesundheitsempfehlungen durch Einwohner und Unternehmen stieg die tägliche Zunahme der neuen Fälle von durchschnittlich etwa 30 während der Eindämmung über 192 am 20. Juni auf einen Rekordstand von 526 Fällen am 3. Juli.

Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und Dank eurer Teilnahme. Wir sind unabhängig und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine Spende helft ihr uns weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.

Ärzte und Beobachter sind sich jedoch einig, dass diese Zahlen weit unter der Realität liegen. Insbesondere umfassen sie nicht die Patienten mit Lungenentzündungen, die negativ auf das Coronavirus getestet wurden. Das spektakuläre Wiederaufflammen dieser Lungenentzündungen, die in Medienberichten als „ambulant erworben“ bezeichnet werden, lässt Ärzte vermuten, dass es sich tatsächlich um Fälle von COVID-19 handelt, so das russische Medium Sputnik. Diese sind nach Angaben der kirgisischen Onlinezeitung Kloop.kg für 224 Todesfälle (Stand 7. Juli) verantwortlich, gegenüber 99, die offiziell dem Coronavirus zugeschrieben werden.

Ein überlastetes Gesundheitssystem

In Bischkek ist das Gesundheitswesen seit mehreren Tagen nicht in der Lage, den Zustrom von Patienten zu bewältigen. Wie Radio Azattyk berichtet, der kirgisische Zweig des amerikanischen Mediums Radio Free Europe, gibt es zahlreiche Zeugenaussagen von Menschen, die nicht in der Lage waren, den ärztlichen Notdienst zu erreichen. Wie der Leiter des medizinischen Notfallzentrums Iskender Schajachmetow gegenüber der kirgisischen Presseagentur 24.kg erklärte, erhalten die Ambulanzdienste derzeit bis zu 5.000 Anrufe pro Tag und schaffen es nur, die Hälfte der beantragten Operationen durchzuführen. „Wir haben immer fünf oder sechs Fahrzeuge in Reserve, aber es gibt nicht genügend Personal. 47 Sanitäter sind krank. Fünf von ihnen wurden positiv auf Covid-19 getestet“, schildert er.

Das medizinische Personal ist besonders stark von der Epidemie betroffen. Mehr als 1.200 medizinische Mitarbeiter haben sich laut offiziellen Angaben seit März mit dem Coronavirus angesteckt. Ein Drittel von ihnen ist schon geheilt, aber die Kontaminationen nehmen mit dem Zustrom von Patienten in überfüllten Krankenhäusern und Gesundheitszentren und dem Mangel an Schutzausrüstung zu, wie 24.kg berichtet. Allein in den 24 Stunden vor dem Vormittag des 7. Juli wurden 78 von ihnen positiv getestet. Der stellvertretende Gesundheitsminister Madamin Karatajew teilte der kirgisischen Presseagentur Akipress mit, dass mehr als 30 Prozent des medizinischen Personals der Hauptstadt derzeit in Quarantäne oder in Behandlung sind, und lokale Medien berichten fast täglich über den Tod von Ärzten und Krankenschwestern.

Lest auch bei Novastan: Coronavirus – Neue Zunahme der Infektionen in Zentralasien

Eine Gruppe von 23 russischen Ärzten traf am 2. Juli als Verstärkung ein, und 106 Pflegekräfte sind in den letzten Tagen in der Hauptstadt eingetroffen, um ihren Kollegen zu helfen, so Akipress. Sie sind jedoch nach wie vor mit einem Mangel an Atemschutzgeräten konfrontiert. Nach Angaben des stellvertretenden Gesundheitsministers benötige das Land dringend 220 künstliche Beatmungsgeräte und 2.000 zusätzliche Sauerstoffkonzentratoren. Von letzteren ging eine Lieferung von 500 Stück  am 6. Juli aus China ein, zusätzlich zu den 50 Einheiten, die Usbekistan im Rahmen der humanitären Hilfe gespendet hatte.

In dem Kontext sind die Krankenhäuser gezwungen, Patienten abzulehnen, von denen einige zu Hause sterben. Am 29. Juni zeigte ein Video, das in sozialen Netzwerken verbreitet wurde, eine Person, die vor dem Nationalkrankenhaus in Bischkek in Ohnmacht fiel, und eine weitere Person, die in einem Auto eine Herzmassage erhielt. Der Direktor des Krankenhauses bestätigte später, dass beide Patienten später an Lungenversagen gestorben seien. Am 30. Juni twitterte eine junge Frau über Szenen des Chaos im Krankenhaus: Patienten, die am Eingang abgewiesen werden, eine Krankenschwester, die sich allein um 30 Patienten kümmert, Ärzte mit Walkie-Talkies, die versuchen, freie Atemschutzgeräte zu finden und eine Patientin, die mangels Betreuung durch das überlastete medizinische Personal neben ihr stirbt. Der Leiter der Intensivstation des medizinischen Notfallkrankenhauses in Bischkek, Jegor Borisow, fasste die Situation in einem Tweet zusammen: „Es ist die Hölle. Und das ist erst der Anfang.

Panik und Mobilisierung in sozialen Netzwerken

Ähnliche Geschichten und Hilferufe häufen sich in sozialen Medien, wie Kloop.kg beschreibt. Verzweifelt bitten viele Einwohner um Hilfe bei der Suche nach einem Platz in einem Krankenhaus, nach Medikamenten oder Sauerstoffkonzentratoren. Der Telegram-Kanal PharmPoisk, der 6.000 Abonnenten hat, sieht täglich Tausende von Nachrichten von Personen, die auf der Suche nach solchen Geräten und Medikamenten sind, darunter Ardibol und Remdesivir, antivirale Medikamente, und Clexane, ein Stoff zur Hemmung der Blutgerinnung. Wie 24.kg berichtet, sind die Behörden besorgt über diese Welle der Selbstmedikation, bei der ein großer Teil der Patienten sich aus Notwendigkeit zu Hause selbst behandelt und die meisten Medikamente in Kirgistan frei erhältlich sind.

Angesichts drastischer Preiserhöhungen gab die Finanzpolizei (Finpol) am 7. Juli laut einem Bericht von Radio Azattyk bekannt, dass sie ein Vorverfahren gegen mehrere Pharmaunternehmen eingeleitet und Durchsuchungen von Apotheken durchgeführt habe. „Die Bevölkerung sollte wissen, wer die gegenwärtig angespannte epidemiologische Situation ausnutzt und versucht, Geld mit dem Leben der Bürgerinnen und Bürger zu verdienen“, heißt es in der Pressemitteilung. Das Gesundheitsministerium habe laut 24.kg auch damit gedroht, Apothekern, die ungerechtfertigte Preiserhöhungen praktizieren, die Lizenz zu entziehen.

Gleichzeitig gibt es viele Sammelaktionen in sozialen Netzwerken für den Kauf von Beatmungsgeräten für Krankenhäuser. Internetnutzer geben dabei Bankkontonummern und virtuelle Brieftaschen an, deren Eigentümer nicht immer identifiziert werden. Andere, besser organisierte Aktionen, profitieren von der Unterstützung kirgisischer Berühmtheiten. Die populären Sänger Mirbek Atabekow und Angelica Kajratowa haben beispielsweise öffentlich die Initiative des Unternehmers Adyl Asanow unterstützt, der bereits genug Geld gesammelt hat, um den Kauf von 70 Sauerstoffkonzentratoren zu finanzieren, beschreibt 24.kg. Selbst der Bürgermeister von Bischkek Asis Surakmatow bat Unternehmer, Mäzene und Geschäftsleute um Unterstützung.

Lest auch bei Novastan: “Es mangelt an allem” – Amir Talipow zum Gesundheitswesen in Kirgistan

Vor allem Ömürbek Babanow, der Multimillionär und erfolglose Kandidat bei der Präsidentschaftswahl 2017, erklärte am 4. Juli, er werde fünf Millionen Som (57.000 Euro) an Mitarbeiter des Gesundheitswesens spenden, berichtet der kirgisische Medium Reporter.kg. Mehr als 700 von ihnen werden zwischen 5.000 und 10.000 Som (zwischen 57,30 und 114,60 Euro) direkt auf ihr Bankkonto erhalten. Babanow gab außerdem bekannt, dass er im Discovery Hotel in Bischkek ein temporäres Krankenzentrum für die Behandlung leichter und mittelschwerer Fälle eingerichtet und finanziert habe.

Krisenbewältigung durch die Behörden: zu wenig, zu spät?

Während sich die Zivilgesellschaft organisiert, um dem Versagen der Behörden entgegenzuwirken, schließen diese laut 24.kg weiterhin die Möglichkeit eines zweiten Lockdowns aus. Im Gegensatz zu den drastischen Maßnahmen in Kasachstan beschränken die neuen Regeln, die am 2. Juli in Kraft traten, lediglich die Aktivität der Geschäfte und des öffentlichen Verkehrs auf bestimmte Uhrzeiten – mit dem Risiko, dass die Warteschlangen zunehmen. Die Parlamentswahlen sind trotz der Unsicherheiten für den 4. Oktober geplant.

Lust auf Zentralasien in eurer Mailbox? Abonniert unseren kostenlosen wöchentlichen Newsletter mit einem Klick.

Diese zweite Welle überraschte die Behörden, die es versäumt haben, sich während des Lockdowns auf eine zweite Welle vorzubereiten. Am 6. Juli tadelte Präsident Sooronbaj Dscheenbekow die Regierung dafür, dass sie die Versorgung der Bevölkerung mit lebenswichtigen medizinischen Leistungen nicht wirksam organisieren kann und so Panik verbreitet. „Sie haben sich nicht im Voraus organisiert, um die Personalreserven aufzufüllen, und erst nach Beginn der Krise mit der Mobilisierung von Fachkräften begonnen“, zitiert ihn AkiPress.

Infolge dieser Misswirtschaft sahen sich die Behörden zu dringendem Handeln gezwungen und eröffneten überstürzt neue Pflegetagesstätten in der Hauptstadt und ein Feldlazarett auf dem ehemaligen US-Militärstützpunkt Gansi, die jedoch personell und materiell unterbesetzt sind. Finanzministerin Baktygul Dscheenbajewa kündigte am 6. Juli die Zuweisung von zusätzlichen 110,8 Millionen Som (1,2 Millionen Euro) an das Gesundheitsministerium an, von denen 43,9 Millionen Som (503.000 Euro) für die Anschaffung von Beatmungsgeräten vorgesehen sind. Am nächsten Tag gestand Premierminister Kubatbek Boronow gegenüber dem kirgisischen Medium Kaktus.kg: „Wir sind natürlich etwas spät dran. Wir hätten eine Woche früher einkaufen sollen.

Pia de Gouvello
Journalistin für Novastan in Bichkek

Aus dem Französischen von Florian Coppenrath

Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen, schaut mal vorbei bei Twitter, Facebook, Telegram, Linkedin oder Instagram. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem wöchentlichen Newsletter anmelden.

Jetzt Teilen:
% Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Captcha *