LGBT Flagge

Wir existieren! LGBT-Jugendliche in Kasachstan (2/3)

In Kasachstan leben sexuelle Minderheiten meist verdeckt und werden zu einem doppelten Leben gezwungen. Kasachstan hat gleichgeschlechtliche Beziehungen 1998 legalisiert, aber im Alltag müssen homosexuelle Menschen weiterhin mit Drohungen, Einschüchterungen und Angriffen rechnen. Im Februar 2015 hatte das kasachstanische Parlament nach dem russischen Modell ein Gesetz „über homosexuelle Propaganda unter der Jugend“ verabschiedet. Es wurde jedoch als Verfassungswidrig befunden.  

Es gibt wenig Zahlen zur Lage der LGBT-Gemeinschaft. Die letzte Studie zum Thema veröffentlichte die Soros-Foundation-Kazakhstan im Jahr 2009. Von den 1000 befragten homosexuellen Personen meinten 81%, dass Schwule und Lesben „ständig der Abneigung der Allgemeinbevölkerung ausgesetzt waren und keinen Respekt erfuhren“.

Novastan übersetzt die Reportage von The Open Asia über die LGBT-Jugend in Kasachstan in drei Teilen.  Hier geht’s zum ersten Teil: Wir existieren! LGBT-Jugendliche in Kasachstan (1/3)

Danil hatte eigentlich eine ganz normale Kindheit, wenn man außer Acht lässt, dass seine Eltern Alkoholiker waren. Seine Großmutter zog ihn groß, doch dann besannen sich seine Eltern und alles war gut. Bis er 13 Jahre alt war.

Gemäß einer Studie des kasachstanischen Nationalen Zentrums für Probleme bei der Bildung eines gesunden Lebensstils beträgt das durchschnittliche Alter, in dem man erstmalig in geschlechtliche Beziehungen tritt, bei Mädchen wie bei Jungen 14-15 Jahre.

Laut Psychologen beginnt der Geschlechtstrieb schon mit ca. 13 Jahren. Dann zeigt sich, ob man sich zum anderen Geschlecht hingezogen fühlt oder zum eigenen. Gegen diesen Drang könne man einfach nicht ankämpfen, so die LGBT-Jugendlichen, genauso wie wenn ein Junge nichts dagegen tun kann, wenn er das Nachbarsmädchen begehrt. Eltern können noch so oft wiederholen „das sind doch noch Kinder“, aber sexuelles Verlangen und Vorlieben beginnen sich bereits in diesem Alter zu formieren.

Danils Geschichte

So auch bei Danil. Mit 13 Jahren merkte er, dass ihn das andere Geschlecht überhaupt nicht anzieht und gestand sich mit Schrecken ein, dass er Jungs mag.

Ich habe einer Freundin davon erzählt. Sie hat gesagt, das wäre nur eine kindliche Naivität und hätte nichts zu bedeuten. Sie hat mir den Rat gegeben, mal einen „Erwachsenenfilm“ mit zwei Männern zu schauen und hat gesagt: ‚Wenn du eine Erregung spürst – dann bist du schwul‘. Das habe ich dann ausprobiert und war wirklich erregt…“, gab Danil zu.

Danil hatte Angst, sich einen Rat von einem Erwachsenen zu holen. Er hatte keine Ahnung, wo man ihm erklären könnte, was mit ihm passiert und so suchte er im Internet nach Antworten. Er fand etwas Anderes.

Ich begann eine Art Beziehung zu einem Kerl aus dem Internet. Er kam aus Moskau und war zu dem Zeitpunkt 21 Jahre alt, ich 13. Mir war klar, dass das laut Gesetz nicht… Aber ich war immer der Meinung, dass das Alter kein Hindernis für die Liebe sein sollte, überhaupt für irgendwas. Wir haben uns nie gesehen, kannten unsere Stimmen nicht, sondern eben nur von Fotos. Ich habe ganze Tage und Nächte im Internet verbracht. Es war Sommer, im August, gerade vor der achten Klasse. Und der Kerl hat gesagt: ‚Du liebst mich nicht, du verbirgst deinen „Beziehungsstatus“ [auf Vkontakte, Anm. Übersetzer] und stellst keine Fotos von mir ins Internet‘.

Dann habe ich welche hochgeladen, weil ich einfach noch zu jung war und nicht darüber nachdachgedacht habe, zu was das führen könnte. Meine Klassenkameraden haben das alles gesehen und in der ganzen Schule rumerzählt – von der ersten bis zur elften Klasse. In den sozialen Medien habe ich alle möglichen Drohungen bekommen: ‚Pfui, Schwuchtel! Wie kann man nur! Das erträgt die Welt nicht! Solche gehören auf den Scheiterhaufen! Ich finde dich! Ich bringe dich um!‘“

Am ersten September fürchtete sich Danil vorm Beginn des neuen Schuljahres. Während des traditionellen Appells versteckte er sich hinter mehr oder weniger loyalen Mitschülern. Aber an dem Tag und auch in den Monaten danach wurde er nicht geschlägen, „nur“ angepöbelt und ausgelacht. Diesen Lebensabschnitt charakterisiert Danil als „im Prinzip normal“. Schlimmer war es zuhause.

Im September hat es meine Familie erfahren– ich hatte Kratzer an den Venen…keine Schnitte. Ich hab mich einfach mit der Schere an den Handgelenken geritzt, um Aufmerksamkeit von diesem Kerl zu bekommen. Zuerst hat es mein älterer Bruder gesehen und mich darauf angesprochen. Er hat gedacht, dass hätte was mit dem Internet zu tun und ich sollte ihm mein Profil auf „Vkontakte“ zeigen. Ich habe mich geweigert. Dafür hat er mich dann geschlagen, davon habe ich heute noch Spuren“, sagt Danil leicht stotternd.

Er fragt was los ist, ich antworte nicht – Schlag ins Gesicht. Er fragt, ich antworte nicht – Schlag ins Gesicht. Und so ist das noch lange weitergegangen. Dann hat er sich in meinen Vkontakte-Account eingeloggt, sah die Fotos und fragte mich, ob ich auf Jungs stehe. Ja, habe ich gesagt. Er fragte mich nach Mädchen und aus Angst habe ich gesagt, dass mir die auch gefallen würden. Er war außer sich und hat mich gezwungen, mein Profil auf Vkontakte zu löschen. Ich hab´s gelöscht und Internetverbot bekommen, ich durfte mich dem Computer nicht einmal nähern. Der Kontakt zur Außenwelt wurde mir damit, so kann man sagen, abgeschnitten.

Danil erzählt seine Geschichte

Abgeschnitten von der Außenwelt

Danil wurde einer strengen Kontrolle unterworfen – nach der Schule musste er immer sofort nach Hause, durfte nicht ausgehen und Freundschaften schließen.

Ich war trotzdem weiter im Internet – heimlich, über WLAN an öffentlichen Plätzen. Ich habe die Schule geschwänzt, um mit diesem Typen zu chatten. Dann fand meine Mutter eine Zeichnung – „mein Name + der Name des Typen= Liebe“. Sie verstand sofort. Was könnte das auch sonst bedeuten? Sie sagte: ‚Auf unsere Familie wird man mit dem Finger zeigen!‘ Ihr war es egal, ob ich glücklich bin. Sie hat nur daran gedacht, dass man auf unsere Familie mit dem Finger zeigen wird. Und danach hat meine Mutter noch gesagt: ‚Wenn das weitergeht, verstoße ich dich!‘ So etwas zu hören ist für ein Kind – besonders in dem Alter – einfach ein Schock. Und danach hab ich mich einen Dreck um sie alle geschert. Ich hab aufgehört, im Haushalt zu helfen und hörte einfach nicht mehr auf sie.

Danils Stimme zittert, aber er erzählt weiter: „Im Herbst hat mich der Kerl aus Moskau betrogen. Ich war wirklich hysterisch, depressiv. Gegen Ende des Jahres hat mir dann ein anderer Typ aus Almaty geschrieben. Er hat sich für 19 ausgegeben, aber eigentlich war er schon 21. Wir haben uns getroffen, waren spazieren und haben uns unterhalten. Bei unserem sechsten Treffen haben wir miteinander geschlafen. Es war Winter, sehr frostig, und da hat er mich in seine Wohnung eingeladen – einfach um zu quatschen. Ich, jung und naiv, der alles glaubt…naja, wir haben miteinander geschlafen. Ich denke, wenn ich es nicht gewollt hätte, hätte ich nein gesagt. Aber irgendwo im Unterbewusstsein hab ich es offenbar auch gewollt. Noch dazu wollte ich mich an dem Typen aus Moskau rächen und hab es dann einfach getan.

“Beinahe wäre ich vom Dach gesprungen”

Aber auch mit diesem erwachsenen jungen Mann kam es zu keiner Beziehung. Danil verfiel in Depression. „Ich hab versucht mich umzubringen. Beinahe wäre ich vom Dach gesprungen – man hat mich aber von dort oben weggezerrt. Dann habe ich habe angefangen zu trinken – meine Freunde und Freundinnen, die sich wirklich sorgen machten, haben es mir verboten.

Als Danil in seiner Erzählung an dieser Stelle ankommt, bricht er in Tränen aus.

Nur mit Mühe schloss Danil die Schule ab – stets musste er sich vor den Jugendlichen verstecken, die ihm vor und nach dem Unterricht auflauerten. Er begann auf eine Berufshochschule, dann bald auf eine andere. Überall stellte man ihm früher oder später Fragen zu seiner sexuellen Orientierung. Anschluss fand er lediglich außerhalb der Hochschule, aber auch da wurde Danil schnell verdächtigt, homosexuell zu sein. Er wurde verprügelt und man erpresste ihn. Das nötige Geld beschaffte er durch einen Freund, der auch „Bescheid weiß“ („W teme“ im Original, Anm. d. Ü.) – mit diesem Ausdruck werden innerhalb der LGBT-Community „Gleichgesinnte“ bezeichnet.

Mittlerweile ist Danil 16 Jahre alt. Sexuelle Erfahrungen mit Mädchen hatte er auch, aber das hat nichts geändert. Seit drei Monaten ist er in einer neuen Beziehung – mit einem 26-jährigen. Einen jugendlichen Partner zu finden, sagt er, sei schwierig.

Seine Eltern haben sich inzwischen getrennt und Danil wohnt nun bei seinem Vater. Dieser belästigt ihn nicht mit Fragen – akzeptiert alles, so wie es ist. Zu seiner Mutter hat Danil zwar noch Kontakt, aber in sein Herz lässt er sie nicht.

Sag unter keinen Umständen zu einem Kind, dass du es verlässt. Als meine Mutter das zu mir gesagt hat, war das einfach ein Schock. Es ist nicht unbedingt Hass entstanden aber doch eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber allem. Eine Mutter sagt so etwas vielleicht in der Hoffnung, dass das Kind sich ändert, aber ein Kind nimmt sowas ganz anders wahr, es versteht solche „Scherze“ nicht. Für das Kind ist das alles ernst und dann entwickelt es Gleichgültigkeit – gegenüber der Schule, den Verwandten, Freunden, Hobbies. Es kann einfach den Unterricht absitzen, gerade so, dass es nicht sitzen bleibt und doch ist ihm eigentlich alles scheißegal. Bei mir war das so. Für Kinder – aber auch für Jugendliche, oder gerade für Jugendliche – sind die Eltern sehr wichtig.

Fehlende gesellschaftliche Untersützung

Aber in Kasachstan sind Eltern offenbar nicht dazu bereit, LGBT-Jugendliche zu akzeptieren. Nicht zu schweigen von gesellschaftlichen Institutionen, die eine solche Jugend unterstützen würden.

Für Jugendliche gibt es eine Telefonseelsorge, die bei psychischen Problemen helfen kann, aber es gibt keine spezielle Hotline für Menschen aus der LGBT-Community“, kommentiert die Aktivistin von der Abbie-Hoffman-Stiftung, Arina Osinovskaja.

Das heißt, ein Jugendlicher, der aggressiver Homophobie ausgesetzt ist, kann sich nicht sicher sein, dass ihm am anderen Ende der Leitung geholfen wird, wenn er da anruft. Es gibt sehr wenige Organisationen, die sich mit den Problemen der LGBT-Community beschäftigen, und deren Kontakte sind nicht so leicht zu finden. Deshalb bleiben die Kinder oft mit ihren Problemen allein und gelangen in eine Situation der ständigen Angst, dass jemand von ihrer sexuellen Orientierung erfahren könnte und es dann allen erzählt, infolgedessen sie dann gemobbt oder gar geschlagen werden könnten. An einen offenen Umgang mit sich selbst und die lückenlose Akzeptanz von Familie und Gesellschaft ist nicht zu denken.

„OpenAsia“ hat versucht, Organisationen zu finden, welche LGBT-Jugendlichen wirklich Hilfe leisten könnten, aber solche gibt es in Kasachstan wirklich nicht.

Aus jeder beliebigen Stadt in Kasachstan kann man die 1-5-0 wählen. Das ist eine Telefonseelsorge für Kinder und Jugendliche. Obwohl die Experten dort nicht auf Probleme der LGBT-Community spezialisiert sind, kann man sich sicher sein, dass einem dort zugehört, unterstützt und nicht geurteilt wird.

Die Recherchen führten uns an einen weiteren Ort, von dem man Ähnliches erwarten könnte – die „Jugendzentren für Gesundheit“, ein Projekt, das vom „Nationalen Zentrum für die Bildung eines gesunden Lebensstils“ ins Leben gerufen wurde. Diese Zentren sind für junge Leute zwischen 15 und 29 Jahren vorgesehen, insgesamt gibt es heute davon 97 in ganz Kasachstan – ein paar in jeder kasachischen Region. Untergebracht sind sie in städtischen Krankenhäusern.

Geht etwa ein 15-jähriges Mädchen zum Gynäkologen und spricht dort über sexuelle Dinge? Natürlich nicht. Geht ein Junge zum Urologen und spricht dort von seinen Problemen beim Urinieren? Niemals freiwillig“, erklärt die Leiterin der Abteilung „Gesundheit der Familie“, Klara Medeubajewa, das Konzept des Projekts.

Die Zentren funktionieren nach dem Prinzip der „4 D“: Freiwilligkeit (Dobrowoljnost‘) – die Jugendlichen sollen auf eigenen Wunsch herkommen; Erreichbarkeit (Dostupnost‘) – die Zentren sollen für die Jugendlichen gut erreichbar sein; Freundlichkeit (Dobroschelateljnost‘) – dort sollten freundliche Leute arbeiten; Vertrauen (Dowerije) – die Jugendlichen sollten wissen, dass sie dort nicht verurteilt werden und man ihre Anonymität respektiert. In den Zentren arbeiten Geburtshelfer, Gynäkologen, Urologen, Dermatologen, Juristen und Psychologen. Sie behandeln nicht, sondern konsultieren und geben Ratschläge.

Laut Medeubajewa sollten sich die Spezialisten in den Jugendzentren nicht dafür interessieren, wo die Jugendlichen, die zu ihnen kommen, studieren, leben oder wo deren Eltern arbeiten. Sie haben kein Recht, solche Dinge zu fragen. Und die Kinder haben das Recht, nicht ihren richtigen Namen nennen zu müssen.

Nach Statistiken des „Nationalen Zentrums für die Bildung eines gesunden Lebensstils“, haben sich 2015 und 2016 insgesamt 643.670 Menschen an diese Jugendzentren gewandt.

 „Darüber [ob auch Jugendliche aus der LGBT-Gemeinschaft mit Problemen kommen] ist uns nichts bekannt. Wahrscheinlich nicht. Aber wenn sie kommen, wird ihnen ganz sicher weitergeholfen“, so Medeubajewa.

So sollte es im Idealfall sein. Aber Jugendliche kennen solche Anlaufstellen meist nicht. Womöglich wird es noch einige Zeit dauern bis das vierte „D“ (Vertrauen) vollkommen realisiert ist.

Solange müssen die Jugendlichen alleine zurechtkommen. Einige schaffen es, andere nicht.

Marina Michtajewa, OpenAsia
Aus dem russischen übersetzt von Manuel Rommel

 

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