Wie am Balqash-See die Rückkehr des Tigers vorbereitet wird

Im staatlichen Ili-Balqash-Naturreservat am Ufer des Balqash-Sees werden derzeit wieder Buchara-Hirsche angesiedelt. Diese Tiere sollen in Zukunft den Kaspischen Tigern als Hauptnahrungsmittel dienen, welche ab 2025 im Reservat ausgewildert werden sollen. Die folgende Reportage von Grigori Bedenko erschien im russischsprachigen Original am 24. November 2020 auf Informburo. Wir übersetzen sie mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Sandige Barchane, endlose Saxaul-Wälder und salzhaltige Einöde. Stärkste Sturmböen im Winter. Dies ist das Südufer des Balqash-Sees – mit rauem Klima und sehr weit von der Zivilisation entfernt. Vor zwei Jahren wurde hier durch einen Regierungsbeschluss das Ili-Balqash-Reservat geschaffen.

Dieses Naturschutzgebiet mit einer Gesamtfläche von mehr als 415.000 Hektar ist für ein ehrgeiziges Projekt konzipiert. Hier soll der ausgestorbene Kaspische Tiger wieder zum Leben erweckt werden. Finanziell unterstützt wird das Projekt vom World Wildlife Fund (WWF).

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Die derzeit wichtigste Aufgabe der ExpertInnen des Reservats ist es, das lokale Ökosystem in der Form wiederherzustellen, in der es vor vielen Jahrhunderten existierte. Es gibt bereits erste Erfolge – die Wiedereinführung des Buchara-Hirsches. Diese Tiere sollen die Hauptnahrungsquelle des Kaspischen Tigers werden. Außerdem werden die Tiger Wildschweine, Rehe und kleinere Säugetiere jagen können.

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Das Reservat befindet sich im Bezirk Balqash im Gebiet Almaty in Kasachstan und besteht aus zwei Teilen: dem Abschnitt Balqash mit 356.296 Hektar Gesamtfläche und dem Delta des Flusses Ili mit einer Fläche von 58.868 Hektar. Der Ort, an dem das Reservat geschaffen wurde, ist ein äußerst wichtiger natürlicher Naturkomplex. Bis heute ist das Ili-Delta das einzige erhaltene Flussdelta innerhalb Zentralasiens. Die übrigen Deltas (die des Syrdarja, Amudarja, Tschüi und anderer große Flüsse) sind durch die globale Wüstenbildung praktisch verschwunden.

Der Balqash-See bildet im Norden des Reservats eine natürliche Grenze

Für den Schutz des Reservats wurden sieben abgelegene Absperrungen geschaffen, an denen 25 InspektorInnen arbeiten. Der nächste große Ort, das Dorf Karoı, ist 80 Kilometer vom ersten Posten entfernt. Die Fauna des Reservats umfasst drei Amphibienarten, 19 Reptilienarten, 298 Vogelarten und 39 Säugetierarten.

Hirsche als Hauptnahrungsquelle

Bis zum Jahresende 2020 sollten 50 weitere Buchara-Hirsche auf dem Gebiet des Reservats angesiedelt werden. Frühere Experimente zur Wiederansiedlung dieses seltenen, im Roten Buch der bedrohten Arten aufgeführten Tieres waren erfolgreich. Die Chance für die Wiederbelebung seiner Population am Südufer des Balqash-Sees stehen also gut. Wenn sich der Buchara-Hirsch im Reservat einlebt, werden nach fünf Jahren die ersten Amurtiger hierhin umgesiedelt, um die ausgestorbene Unterart des Kaspischen Tigers wieder zu Leben zu erwecken.

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„Der letzte Hirsch hier war vor 100 bis 120 Jahren. Er ist verschwunden, aber es ist seine Heimat. Wir haben 2018 fünf Hirsche hergebracht. Im Allgemeinen haben sie sich gut eingewöhnt. Das ist ein sehr gutes Ergebnis. Im vergangenen Jahr haben wir zusätzlich 14 Hirsche hergebracht. In diesem Jahr planen wir, weitere 50 Hirsche zu holen“, sagt der Direktor des Reservats Janibek Jubaniazov.

Janibek Jubaniazov

Die ersten Hirsche wurden aus Südkasachstan, aus dem regionalen Naturpark „Syrdarja-Turkistan“, in das Reservat gebracht. Die nächste Gruppe von 14 Exemplaren kam aus einem Jagdgehege in der Nähe von Almaty.

Einige Zeit werden die Hirsche im Reservat in einem speziellen, etwa 200 mal 300 Meter großen Gehege gehalten. Dann werden sie freigelassen. Jedes Exemplar trägt ein Halsband mit einem GPS-Sender. Zunächst bewegten sich die Hirsche laut den Senderdaten um das Gehege. Aber dann wurden sie mehr als hundert Kilometer entfernt entdeckt. Die Weibchen haben bereits Nachwuchs bekommen – zwei Hirsche wurden geboren. In den nächsten vier Jahren ist die Umsiedlung von 200 Buchara-Hirschen in das Ili-Balqash-Reservat geplant.

Der Eingang zum Gehege

Der Buchara-Hirsch ist eine einzigartige Unterart des Rothirschs, die als einzige an das Leben in den Tugai der trockenen Zone angepasst sind. Als Folge direkter Vernichtung verschwand die Art in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus der Balqash-Region sowie aus ganz Kasachstan. Heute ist der Buchara-Hirsch in das Internationale Rote Buch und das Rote Buch der Republik Kasachstan eingetragen.

Die Tiger werden aus Russland gebracht

Die ersten Tiger sollen im Jahr 2025 an den Balqash-See kommen. Es ist geplant, sie aus Sibirien und der russischen Region Primorje zu importieren. An diesen Orten lebt der Amurtiger, der keine Angst vor Kälte hat. Mehrere Optionen werden berücksichtigt: Entweder werden an Kasachstan Tiger-Waisen übergeben, die ohne Eltern geblieben sind, oder erwachsene Exemplare aus der freien Wildbahn.

Die endgültige Entscheidung wird zu einem späteren Zeitpunkt getroffen und auf der Erfahrung der Auswilderung von in Gefangenschaft geborenen oder nach dem Verlust der Mutter rehabilitierten Tigerjungen basieren. Solche Experimente werden jetzt im Süden von Russlands Fernen Osten durchgeführt und in Südchina vorbereitet.

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Wenn diese Experimente erfolgreich sein werden, werden Tiere aus der Gefangenschaft für die Auswilderung vorbereitet. Wenn der Erfolg ausbleibt, wird es möglich sein, jährlich zwei oder drei Tiere aus der natürlichen Umgebung im Fernen Osten zu entfernen, ohne dabei die Population zu beeinträchtigen, da in dieser Region jedes Jahr etwa 100 Tiger geboren werden. Diese Phase soll innerhalb von fünf bis sieben Jahren (nach 2025) abgeschlossen werden und die Auswilderung von mindestens 20 Tieren ermöglichen.

An einigen Stellen im Reservat sind die Saxaul-Wälder so dicht, dass sie einem echten Dschungel ähneln. Dies sind ideale Bedingungen für Kaspische Tiger, da diese große Katze aus dem Hinterhalt jagt. Die Frage ist, wie schnell die Anpassung der Tiere an die örtlichen klimatischen Bedingungen von Statten gehen wird – insbesondere nach der feuchten und spezifischen Taiga am Ussuri.

Saxaul-Wälder prägen das Reservat

„Zuerst werden wir sie im Gehege unterbringen”, erklärt Janibek Jubaniazov. „Ein spezielles Gehege wird eingerichtet werden. Dort werden sie eine Eingewöhnungsphase durchleben. Wenn wir sehen, dass sie sich angepasst haben, werden sie in die freie Wildbahn entlassen.“

Aussterben durch gezielte Vernichtung

Anfang des 20. Jahrhunderts lebten auf der Erde etwa 100.000 Tiger aus neun Unterarten. Zu Beginn des dritten Jahrtausends waren es nur noch 3500 Tiere, während vier Unterarten mittlerweile ausgestorben sind. Zwei von ihnen – der Java-Tiger und der Bali-Tiger lebten auf den Inseln Indonesiens. Als ausgestorben gilt auch der Südchinesische Tiger, obwohl möglicherweise einzelne Exemplare bis heute überlebt haben.

Die vierte ausgestorbene Unterart ist der Kaspische Tiger. Er bewohnte einst 13 Länder des Nahen Ostens, Transkaukasiens und Zentralasiens – von der Türkei bis nach Nordwestchina. Wenn man bedenkt, dass es zu Beginn des 21. Jahrhunderts weltweit nur 13 Länder gab, in denen Tiger überlebt haben, so hat das Verschwinden dieser Unterart die Anzahl der Länder fast halbiert.

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Interessanterweise gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts viel mehr Kaspische Tiger als alle anderen Tiger, die zu jener Zeit weltweit existierten. Die Tiger waren an die Täler der Flüsse und die Ufer der Seen gebunden, zwischen denen sich die ausgedehnten, unbewohnten Steppen und Wüsten erstreckten. Die Hauptgründe für das Aussterben des Kaspischen Tigers waren die gezielte Vernichtung – unter anderem durch den Einsatz von Armee-Einheiten, die unkontrollierte Jagd auf Huftiere, die die Hauptnahrungsquelle des Tigers bildeten, und später die Zerstörung des Lebensraums aufgrund zahlreicher Bewässerungsprojekte.

Ein Kaspischer Tiger im Berliner Zoo (1899)

Die Initiative, die Tiger aus Fernost an den Balqash-See umzusiedeln, kam vom WWF. Zytogenetische Studien hatten ergeben, dass eine große Ähnlichkeit zwischen den Unterarten Kaspischer und Amurtiger besteht.

Der Grund, warum für die Wiederbelebung des Kaspischen Tigers die Wahl auf Kasachstan fiel, ist die Tatsache, dass in fast allen Ländern Asiens, in denen er einst lebte, keine weiträumig unbesiedelten Flächen mehr existieren. Es lohnt sich, die Länder aufzulisten: Aserbaidschan, Armenien, Georgien, Iran, Kirgistan, China (der Kaspische Tiger lebte hier auf dem Gebiet des Uigurischen Autonomen Gebiets Xinjiang), Tadschikistan, Turkmenistan und die Türkei. Für Afghanistan und den Irak führte der WWF keine Analysen durch, da die komplizierte innenpolitische Situation in diesen Ländern die Realisierung eines solchen Programms unmöglich macht.

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Als Ergebnis der Untersuchungen wurden innerhalb seines ehemaligen Verbreitungsgebiets zwei mögliche Areale für die Wiederbelebung des Kaspischen ausgemacht. Eine Variante war die Gegend um den Aralsee in Usbekistan, wo sich beobachten lässt, dass der entblößte Boden mit Tugai überwuchert. Die zweite Option war das Areal am Balqash-See.

Wenn sich die Tiger in den ersten Jahren nach ihrer Umsiedlung am Balqash-See einleben, wird das Projekt der Rückkehr des Kaspischen Tigers fortgesetzt. In etwa 50 Jahren, so prognostizieren ZoologInnen, werden bereits 150 bis 180 Kaspische Tiger auf dem Territorium Kasachstans leben.

Weitere Bilder gibt es im Originalartikel auf Informburo.

Grigori Bedenko für Informburo

Aus dem Russischen von Robin Roth

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Wikipedia
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