Turantiger Kaspischer Tiger

Bedrohte Tierart: Der Kaspische Tiger in Zentralasien

Schon in der Sowjetzeit verlor die zentralasiatische Region durch die Zerstörung des Ökosystems einen Großteil der Population des turanischen Tigers. Könnten die Tiger nun zurückkehren? Folgender Artikel erschien im Original auf Asia Plus, Novastan hat ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion übersetzt.

„In den abgelegenen exotischen Dickichten und Schilffeldern, auf den überschwemmten Gebieten an unserem südlichen Fluss lebt dieser mächtige blutdurstige Räuber“, heißt es in „Kommunistisches Tadschikistan“ im Jahr 1937, „Turantiger greifen Menschen nicht an, sie attackieren nur, um sich zu verteidigen. Auch Angriffe auf Vieh sind sehr selten.“

Die Tiere bringen zu der Zeit gute Gewinne: „Ein großer Tiger kostet nach den Preisen des Moskauer Zoos 6000 Rubel und kleinere 3000 Rubel. Seine Haut und sein Fell werden in verschiedenen Handwerke verwendet“, so der Autor weiter.

Vor 17 Jahren wurde der Kasprische Tiger in Tadschikistan das letzte Mal gesichtet. In Usbekistan wurde der letzte Tiger in 1946 oder 1947, in Turkmenistan 1954 erschossen. In Kasachstan gab es bis 1947 Spuren der Tiere. 1970 wurde der Turantiger offiziell als ausgestorbene Art anerkannt.

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„Massenjagd auf Tigern gab es in Tadschikistan nicht“, sagte Ubaidullo Akramow der stellvertretende Direktor der staatlichen Institution für „Besondere Naturschutzgebiete“, „Auch der letzte Tiger von 1954 wurde nicht getötet. Man hat ihn in diesem Jahr einfach noch gesehen und danach nie wieder.“

Akramow kann aber nicht abstreiten, dass die Tiger gejagt wurden. Experten nennen die Jagd auf diese Raubtiere als einer der wichtigsten Gründe für ihr Aussterben. Im Buch „Säugetieren der Sowjetunion“ heißt es, dass „die Veränderung der Landschaft eine entscheidende Rolle gespielt hat. […] Der Hauptgrund war die Vernichtung der Tiere durch Jadgschützen.“

Menschen sind der größte Feind des Turantigers

 „In der tadschikischen Sozialistischen Sojwetrepublik (SSR) wurde aktiv das südliche Gebiet und die Auwälder am Amu Darja besiedelt, wo die Füchse und Tiger bewohnten. Das Land verwandelte Auwälder in Baumwollfelder, wodurch sich der Lebensraum der Tiere verringerte. Allein von 1930 bis 1950 bliebrn von 90.000 Hektar Auwälder nur 24.000 Hektar übrig.“

Das Territorium des Naturschutzgebietes „Tigrowaja Balka“ blieb davon verschont. Dort, rund 200 Kilometer von Duschanbe entfernt, wurde der letzte Tiger gesehen. Dieses Gebiet beinhaltet immer noch unberührte Auwälder. Verglichen mit usbekischen und turkmenischen Auwäldern von 2000 bis 5000 Hektar ist dieses Feld in Tadschikistan der größte Auwald der Welt – und wäre damit idealer Lebensraum für den Turantiger. Laut Akramow lebten in den 30er Jahren hier fünf bis sieben Tiger.

Der Tiger als Hüter der ökologischen Ordnung

„Hier gab es  außerdem viele Wildschweine, Buchara-Hirsche, Gazellen, Steppenschafe und Hasen. Sie alle waren die Hauptnahrung für den Räuber“, sagt Akramov, „aber als die Gebiete um die Tigrovaya Balka um Baumwollfelder verwandelt wurden (das Reservat wurde 1938 gegründet), verließen die Tiger das Gebiet.“

Mit dem Tiger verschwanden auch andere Arten Tier- und Pflanzenarten.

„Die Studien zeigen, dass das Ökosystem in den Gebieten mit Tigern immer in sehr gutem Zustand war, anders als zum Beispiel dort, wo viele Wölfe wohnen. Wölfe sind nicht so geschickte Jäger wie Tiger. Sie jagen die Tiere, die schon ziemlich schwach und kurz vor dem Sterben sind. Tiger jagen kranke Tiere, die trotzdem noch im guten Zustand sind und verhinderten so die Ausbreitung von Krankheiten“, sagt Akramow.

 

Kaspischer Tiger Jagd

Darüber hinaus schützten die Tiger ihre Umgebung vor Menschen, zumindest bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts in Tadschikistan.

„Somit waren auch andere Tiere waren auch von dem Einfluss der Menschen geschützt. Es herrschte ein natürlicher Prozess, solange sich die Menschen nicht einmischten“, erklärt Akramow.

Könnte der Kaspische Tiger überleben­?

In den 1970er Jahren fingen die Menschen an, zu verstehen, dass ihre Verhalten bewirkte, dass der turanische Tiger auf der ganzen Welt verschwand. Schon zu dieser Zeit hatten Forscher viel darüber geschrieben, wie katastrophal das Verschwinden dieser Räuber sein kann. Vereinzelt tauchten Berichte über Sichtungen der Tiere auf. .

Rustam Muratow, Leiter der Abteilung für Ökologie des Landwirbeltieres des Instituts für Zoologie und Parasitologie der tadschikischen Akademie der Wissenschaften sagt, dass er im August 1970 mit eigenen Augen die Spuren eines Tigers in „Tigrowaja Balka“ gesehen hat:

„Ein Jäger sagte mir, dass er eine Spur von einer großen Katze gefunden und sie gut bedeckt hat. Unser Spezialisten aus Moskau bestätigten, dass es sich um eine Spur des turanischen Tigers handelt. Wir untersuchten und stellten fest, dass er aus Afghanistan gekommen ist, von den Inseln im Fluss Pandsch, die sich in einem neutralen Grenzgebiet befinden“, berichtet Muratow.

Zoologen hatten dadurch die Hoffnung, dass der turanische Tiger auf diesen Inseln blieb. Doch als die Sowjetunion gegen Mudschaheddin kämpfte, wurden diese Inseln zerstört.

Der letzte Bericht über die Sichtung eines turanischen Tigers kam 2006 aus Kasachstan. Ein Mann aus Almaty gab an, im Delta von Balchaschsee beim Fischen einen jungen Tiger gesehen zu haben. Experten waren skeptisch.

„Trotz der Tatsache, dass der Tiger ein äußerst vorsichtiges Tier ist, ist er zu groß, um unbemerkt zu bleiben. […] Wir haben Foto-Fallen aufgestellt, aber kein Tiger wurde gesichtet. Der turanische Tiger ist verschwunden, daran gibt es keinen Zweifel“, sagt Muratow.

Kaspischer Tiger Zoologischer Garten Berlin

Kehrt die Kaspischer Tiger zurück?

Derselbe Turantiger wird natürlich nicht zurückkehren. Aber Wissenschaftler haben bewiesen, dass die Tiere genetisch dem Amurtiger sehr ähnlich sind, der ebenfalls zu den vom Aussterben bedrohten Arten gehört. Theoretisch könnte man diese beiden Arten zum Erhalt zusammenbringen. Der World Wildlife Fund (WWF) Russlands hat ein solches Projekt initiiert und wird von Kasachstan unterstützt. Laut einer Studie WWF gibt es an der Mündung des Flusses Ili südlich des Balchaschsees eine Fläche von 500o Hektar, die als Lebensraum für diese Tiere geeignet ist.

„Für die Repolulation des turanischen Tigers muss die lokale Bevölkerung umgesiedelt werden. Einwohner, die ihr ganzes Leben dort verbracht haben, waren zunächst dagegen “, sagt Talgat Kurteschew, UNDP-Projektmanager für Biodiversitätsschutz. „Mittlerweile haben wir es geschafft, die Bevölkerung zu überzeugen und sie unterstützen uns. Durch ein Dekret wurden 423 Tausend Hektar für das Projekt reserviert. […] Doch die Vorbereitungen können mehr als 20 Jahre dauern “, so Kurteschew weiter.

In Tadschikistan hofft man, dass sich durch die Arbeit der Nachbarn, die Tiger wieder in der ganzen Region ausbreiten.

„Wir planen ein staatliches Programm für 2018 bis 2028 zur Wiederherstellung von Gebieten in Tadschikistan, die für die Tiger als Lebensraum geeignet sind. Doch alleine schaffen wir das nicht. Darum machen wir jetzt internationale Organisationen darauf aufmerksam. Die Zielgebiete sind verlassen, hier nichts wird gepflanzt. Der Boden ist nährstoffarm, das bedeutet viel Arbeit für uns. Wir müssen uns jetzt schon damit beschäftigen, weil wir ohnehin schon viel Zeit verloren haben“, sagte Akramow.

Lilija Gajsina, Asia-Plus Tadschikistan

Aus dem Russischen von Sobira Majidova

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