Dekommunisierung auf Kasachisch: Viel Pathos und wenig Konkretes

In letzter Zeit versuchen national-patriotisch gesinnte Prominente und Journalisten in Kasachstan immer öfter von der Notwendigkeit der Dekommuniserung zu überzeugen. Diese sei eine Schlüsselbedingung für den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft und den wirtschaftlichen Aufschwung in Kasachstan. Tatsächlich steckt hinter solchen Ideen wenig Konkretes, dafür viel Pathos und Mythen. Der folgende Meinungsbeitrag erschien am 16. Februar 2021 auf Q-Monitor, wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung.

Wer soll bereuen und wofür?

Ein Autor, der eine solche These vertritt, äußerte sich auf einer Internet-Plattform wie folgt: “Jeder muss verstehen, dass Dekommunisierung auch Reue ist. In unserem Fall eignet sich das Beispiel der Entnazifizierung in Deutschland und Österreich, die … eine Art „Reinigung“ ermöglichte, einen Neustart der Gesellschaft, um es modern auszudrücken. Man beachte, dass sich Deutschland genau durch diesen Neustart von einem Land, das den Krieg verloren hat, in die führende Volkswirtschaft Europas verwandelt hat“.

Hätte der Autor die einschlägige Literatur studiert oder zumindest deutsche Filme zu dem Thema gesehen, wäre er vom Gegenteil überzeugt. Bis Anfang der 1960er Jahre haben es die Menschen in der BRD weitgehend vermieden, sich mit den Verbrechen des Nationalsozialismus zu befassen. Mit Ausnahme einzelner Schriftsteller und Philosophen wie Thomas Mann, Karl Jaspers und Heinrich Böll verschwiegen sie diese sogar. Der Wendepunkt waren die Frankfurter Auschwitzprozesse 1963-65, die sich nicht mehr bloß gegen diejenigen richteten, die verbrecherische Befehle erteilten, sondern gegen die gewöhnlichen Vollstrecker – KZ-Aufseher, Teilnehmer an Strafexpeditionen, die nach dem Krieg ruhig lebten und arbeiteten, auch Mitarbeiter in staatlichen Behörden. In Deutschland wurde zu dieser Thematik ein sehenswerter Film gedreht, “Im Labyrinth des Schweigens”, der auf realen Ereignissen beruht. Erst im Zuge dieser Prozesse, Mitte der 1960er Jahre, begann sich in der deutschen Gesellschaft ein Wandel zu vollziehen, der schließlich zur Erkenntnis einer kollektiven Schuld führte. Und 1970 fand der berühmte Kniefall von Bundeskanzler Willi Brandt statt.

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 „Reue“ und „gesellschaftlicher Neubeginn“ hatten also nichts mit dem “deutschen Wirtschaftswunder” zu tun; schon 1950 wurde das Vorkriegs-Produktionsvolumen erreicht, zehn Jahre später hatte es sich sogar verdreifacht, was Deutschland an die europäische Spitze brachte. Deutschland verdankte seinen Erfolg dem umsichtigen Handeln der Regierung, insbesondere des Wirtschaftsministers und späteren Bundeskanzlers Ludwig Erhard, der größtmöglichen unternehmerischen Freiheit, dem für das deutsche Volk typischen Fleiß, der Disziplin und Belastbarkeit, sowie der Unterstützung durch die USA (Marshallplan). Auch die heute ebenfalls gerne diskutierte Rolle der “Reue” bei der Einigung Europas ist, gelinde gesagt, übertrieben: Der Integrationsprozess begann unter aktiver deutscher Beteiligung bereits 1957, noch bevor die deutschen Bürger offen über ihre Schuld an den Verbrechen des Nationalsozialismus sprachen.

Der Akt des „Buße tuns“ klingt natürlich schön und voller Pathos, aber wie stellen sich ihn die Menschen vor, die in Kasachstan zu einem ähnlichen Schritt aufrufen? Wer soll Reue zeigen, vor wem und wie genau? Kann das Beispiel Deutschlands (vielleicht das einzige dieserart in der Weltgeschichte) als Maßstab für uns dienen? Wenn die deutsche Gesellschaft 1933 bei gänzlich demokratischen Wahlen für die Nazis gestimmt hat und dann die Judenverfolgung unterstützt und sich sogar selbst daran beteiligt hat, wofür es reichlich dokumentierte Beweise gibt, was genau ist dann die “Kollektivschuld” der Kasachen und Kasachstaner? Vor allem die der heutigen Generation, die die Zeiten von Stalins Repressionen und Massenhunger nicht erlebt hat? Und wie soll “Reue” plötzlich zu wirtschaftlichem Aufschwung und einer Erhöhung des Lebensstandards unserer Bürger führen? Die Autoren der “Initiative” bieten keine Antworten auf diese Fragen, sondern ziehen es vor, in Slogans und Parolen zu sprechen.

„Doppelmoral“

Der Prozess der Dekommunisierung umfasst verschiedene Komponenten. Auch in unserem Land ist er schon lange im Gange. Zum Beispiel wurden viele Denkmäler aus der Sowjetzeit abgerissen, Siedlungen, Straßen und verschiedene Einrichtungen, die früher Namen kommunistischer (bolschewistischer) Parteigrößen trugen, wurden umbenannt. Er hat jedoch nicht ohne “Doppelmoral” stattgefunden, was zu einigen Spannungen in den interethnischen Beziehungen geführt hat.

In diesem Zusammenhang lohnt es sich, einen weiteren Satz aus dem genannten Artikel zu zitieren: “…einige Leute setzen die Dekommunisierung aus irgendeinem Grund mit einer Derussifizierung gleich, das heißt mit einem Prozess, der sich gegen die russischsprachigen Bürger des Landes richtet. Das ist nicht der Fall und widerspricht den Prinzipien des Prozesses selbst”. Aber schauen Sie sich zum Beispiel die Namen der Straßen in Almaty an. Die Namen der aktiven Teilnehmer am Bürgerkrieg – Bolschewiken, die direkt mit dieser Stadt verbunden waren, aber russische Nachnamen hatten (Winogradow, Owtscharow, Furmanow und andere – sind bereits von den Tafeln verschwunden, aber die Namen ihrer kasachischen Mitstreiter sind noch erhalten. Das Gleiche kann man in allen Siedlungen der Republik beobachten. Zum Beispiel wurde vor einigen Jahren in Kazaly die örtliche Schule umbenannt und der Name eines ehemaligen Absolventen, Wladimir Schastnow, entfernt, da er 1944 posthum den Titel eines Helden der Sowjetunion erhalten hatte. Obwohl er nicht einmal Kommunist war.

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Übrigens ist die Ukraine, auf deren Erfahrung sich unsere Nationalpatrioten oft berufen, in dieser Hinsicht viel konsequenter. Dort umfasste die Liste von 520 Persönlichkeiten der Kommunistischen Partei, die unter die Dekommunisierungs-Gesetze fielen, auch ethnische Ukrainer, darunter ehemalige Parteiführer – Tschubar, Schelest, Scherbitzki usw. Wenn man in Kasachstan so vorgehen würde, müsste man Straßen umbenennen, die zu Ehren von Seıfullin, Rysqulov, Jandosov, sogar Qonaev und Tashenev benannt sind. Immerhin waren sie alle prominente Vertreter des “totalitären Regimes”.

Man fragt sich, wie die kasachische Gesellschaft, für die die genannten historischen Figuren zu einem beträchtlichen Teil Nationalhelden sind, zu einer solchen Form der Dekommunisierung stehen würde? Und trifft ein anderer Satz des Autors der Veröffentlichung auf diese Personen zu? Ich zitiere ihn Wort für Wort: “…falls (wenn) unser Fall vor Gericht geht, wird es die Ideologie selbst und “große Bolschewiken” betreffen, die vor langer Zeit gestorben sind. Gleichzeitig greift das Argument, Tote soll man ruhen lassen, in unserem Fall nicht.

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Dieses “Gericht” ist offenbar auf der gleichen Ebene wie die “Reue” anzusiedeln. Es wäre sehr interessant zu wissen, wie genau es ablaufen wird, wer der Ankläger und wer der Anwalt sein wird, wer als Zeuge geladen wird, wer befugt ist, ein Urteil zu fällen, und was mit diesem Urteil geschehen wird. Mit anderen Worten: Wieder einmal kommen hier lediglich verträumte und idealistische Erklärungen ohne jegliche Konkretisierung zum Ausdruck.

Auch die Aussage über den “Prozess” gegen die kommunistische Ideologie ist erstaunlich. Erinnern wir uns daran, was diese predigt: Gemeinschaftseigentum an den Produktionsmitteln, soziale Gerechtigkeit, das Prinzip “jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen” und so weiter. Die kasachischen Nationalpopulisten selbst fordern heute praktisch das Gleiche. Und auch die überwiegende Mehrheit der unpolitischen Kasachstaner ist keineswegs gegen solche Forderungen. Etwas anderes ist es, wie in der UdSSR und einigen anderen Orten versucht wurde, diese Ideologie in der Praxis zu verwirklichen, welche Opfer dieser Versuch zur Folge hatte und wie am Ende alle vermeintlich guten Ideen und Ziele diskreditiert wurden…

Es gibt andere Gefahren – und die sind weitaus schwerwiegender

Hinsichtlich der anderen Ebene der Dekommunisierung, die mit dem Bewusstsein der Gesellschaft zusammenhängt, lässt sich nichts mehr verändern: jüngere Generationen von Kasachstanern, die in den Jahren der Unabhängigkeit aufgewachsen sind, lehnen die sowjetische Vergangenheit größtenteils ab, was auch durch die radikale Revision der Geschichtslehrbücher (in denen das ehemals “Positive” nun als “Negatives” dargestellt wird und umgekehrt) bedingt ist. Und nicht nur das: Die aktivsten unter ihnen, obwohl sie diese Zeiten selbst nicht erlebt haben, trichtern denen, die in der “Sowjetzeit” (sovok – abschätziger Slang-Begriff für die Sowjetunion, Anm. d. Ü.) lebten, heute ein, wie sie, die Sowjetbürger, unterdrückt und der lebensnotwendigsten Dinge beraubt wurden. So muss man sich in dieser Hinsicht selbst um die 40-Jährigen nicht mehr bemühen. Das Bewusstsein der älteren Generation zu verändern ist – zumindest altersbedingt – sinnlos. Und sie werden bald aussterben, ohne den hypothetischen “Prozess” zu erleben.

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Und was soll die Dekommunisierung der Behörden bringen? Glauben die Befürworter wirklich, dass sich unsere Staatsbeamten in ihrem Handeln von irgendwelchen ideologischen Erwägungen leiten lassen? Die meisten von ihnen sind nur an Macht als solcher interessiert, und um an der Macht zu bleiben, werden sie sich leicht an jede Gesellschaftsordnung anpassen – ob sozialistisch, kapitalistisch oder, noch besser (für sie), feudal oder sogar sklavenhalterisch. Selbst wenn die ehemaligen Kommunisten und Komsomol-Mitglieder gehen sollten, werden sie dann durch Politiker ersetzt, die freie Wahlen ausrufen, die beginnen, einen wirklichen Rechtsstaat und eine echte Marktwirtschaft aufzubauen? Verstehen sie wirklich nicht, dass die Wurzeln des Autoritarismus nicht nur und nicht so sehr in der Sowjetzeit liegen – obwohl sie auch viel dazu beigetragen hat -, sondern dass sie viel tiefer liegen?

…Dekommunisierung, Lustration und ähnliche Dinge, die beim Wechsel eines politischen Regimes stattfinden, waren für Kasachstan Anfang der 1990er Jahre aktuell. Aber heute sieht es nach einem offensichtlich verspäteten und absolut sinnlosen Unterfangen aus. In den vergangenen fast dreißig Jahren entwickelten sich völlig andere wirtschaftliche Verhältnisse, die ideologischen Bezugspunkte und geistigen Werte haben sich radikal gewandelt. Zum Beispiel sind es jetzt nicht mehr die Gläubigen, sondern die Atheisten, die sich in unserem Land als schwarze Schafe fühlen, und das Wort “Internationalismus” ist fast zu einem Schimpfwort geworden.

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Während die Nationalpopulisten über die Dekommunisierung diskutieren, sieht sich Kasachstan mit immer akuteren realen Bedrohungen konfrontiert, ausgelöst durch den Verfall des Bildungs- und Gesundheitswesens, die schlechte Fachkräfteausbildung und die Entmenschlichung der Sozialpolitik. Und es ist auch an der Zeit, über die Demoralisierung der Gesellschaft insgesamt zu sprechen, wie auch über den individuellen Willen der Menschen, die keine Perspektiven mehr für sich sehen. Deshalb sehnt sich ein Teil der kasachstanischen Gesellschaft nach den Breschnew-Zeiten, als man “wenn auch nicht reich, so doch gerecht und mit einem Gefühl der Zuversicht in die Zukunft” lebte. Manch einer sehnt sich gar nach der “eisernen Hand” (Stalin, Andropow), die “Ordnung schafft” und Korruption und Vetternwirtschaft, in die wir immer tiefer versinken, ein Ende setzt.

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Ideologische Methoden werden diese Einstellung nicht ändern. Der einzige Weg, so banal er auch klingen mag, ist die Verbesserung des Lebensstandards eines Großteils der Bevölkerung (durch maximale Unternehmerfreiheit, Schaffung von Arbeitsplätzen, “Vermenschlichung” der Sozialpolitik) und die praktische Umsetzung des Prinzips “ein Gesetz für alle”. Das ist der gleiche Weg, den Schweden, Norwegen und eine Reihe anderer Länder gegangen sind. Dort hat man rechtzeitig begriffen, dass man durch eine mehr oder weniger gerechte Umverteilung des Volksvermögens und die Einführung einer breiten Palette sozialer Sicherheiten bei gleichzeitiger Bewahrung der Grundlagen der Marktwirtschaft eine gewisse Harmonie in der Gesellschaft erreichen und damit das Risiko einer “kommunistischen Ansteckung” minimieren kann. Wenn Dekommunisierung das bedeutet, kann man sie unterstützen.

Jenis Baıhoja für Q-Monitor

Aus dem Russischen von Alexandra Wedl

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