Was macht Literatur heute eigentlich kasachstanisch – die Sprache, die Herkunft der Autorin oder des Autors, der Schauplatz oder eine bestimmte Art, das Land wahrzunehmen und über es zu schreiben? Überlegungen dazu aus der Perspektive von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die Kasachstan von innen – und zum Teil auch aus der Distanz – betrachten.
Die Frage, was die kasachische Literatur eigentlich ausmacht, gewinnt an Bedeutung. Denn zeitgenössische Literatur aus Kasachstan wird zwar im eigenen Land sichtbarer, ist aber international weiterhin vergleichsweise wenig bekannt. Anfang September veranstaltete das Kulturprojekt „Aq-idea“ (zu Deutsch so viel wie „Weisse Idee“]) in Astana das Literaturtreffen „Mit dem Schriftsteller per Du“. Das Format war als offenes Gespräch zwischen Autorinnen und Autoren und Leserinnen und Lesern gedacht – ohne die übliche Distanz zwischen Bühne und Publikum. Schnell ging es dabei nicht mehr nur um einzelne Bücher, sondern um grundlegendere Fragen: Was ist zeitgenössische kasachstanische Literatur heute, in welcher Sprache spricht sie – und was könnte sie für ein internationales Publikum interessant machen?
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Als vereinsgetragene, unabhängige Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen – und von eurer Unterstützung!Die Antworten zeitgenössischer Autorinnen und Autoren zeigen, dass es darauf keine einfache Definition gibt. Fast alle kommen jedoch auf einen gemeinsamen Gedanken zurück: Kasachstanische Literatur definiert sich weniger über äußere Merkmale als über die Erfahrung des Lebens in einem bestimmten kulturellen Raum.
Nicht Pass und nicht Sprache
Der Schriftsteller Aset Syzdykov, Träger des Präsidenten-Sonderpreises von Kasachstan in der Kategorie Kinderliteratur, schreibt überwiegend auf Russisch. Die Figuren seiner Bücher sind jedoch kasachische Schülerinnen und Schüler, Bewohner ländlicher Regionen und Menschen, deren Geschichten unmittelbar mit dem Land verbunden sind. „Wichtiger ist, worüber du schreibst“, meint Syzdykov.

Für ihn ist Sprache vor allem ein Werkzeug. Die Wahl der Sprache beeinflusse zwar, wer ein Buch zunächst liest, bestimme aber nicht automatisch, ob eine Autorin oder ein Autor zur kasachstanischen Literatur gehört.
Kamila Kovıazina geht noch einen Schritt weiter. Sie weist darauf hin, dass selbst das Russische in Kasachstan nicht unbedingt genauso klingt wie das Russische in Russland. Im Alltag wechseln Menschen ständig zwischen Sprachcodes: Kasachische Wörter fließen in russische Sätze ein, russische Ausdrücke in kasachische. In der Linguistik werden solche Prozesse als Code-Switching oder Translanguaging beschrieben.
Für Kovıazina ist gerade diese gemischte Sprachrealität Teil der literarischen Identität Kasachstans. Selbst wenn ein Buch auf Russisch geschrieben ist, können darin ein lokaler Sprachrhythmus, bestimmte Intonationen, kulturelle Codes und Formen des Miteinanders erhalten bleiben, die sich nicht von der Umgebung trennen lassen, in der die Autorin oder der Autor lebt.

Einen ähnlichen Ansatz vertritt die Schriftstellerin und Verlegerin Meruyert Alonso. Für sie ist kasachtanische Literatur weder ein Häkchen in der Rubrik „Nationalität“ noch eine obligatorische Steppe auf dem Buchcover. Sie spricht vielmehr von einer bestimmten Perspektive: davon, dass eine Figur genau weiß, was man vor Gästen sagen darf und worüber man schweigt; davon, wie sowjetische Erinnerung, familiäre Verpflichtungen, neue Freiheiten und verschiedene Sprachen innerhalb einer Familie nebeneinander bestehen.
In diesem Verständnis macht nicht die geografische Kulisse einen Text kasachstanisch, sondern die Art, die Welt wahrzunehmen.
„Wir gehen durch dieselben Straßen“
Aıgul Klinovskaıa, Finalistin des unabhängigen kasachstabischen Literaturpreises Qalamdas 2025, definiert zeitgenössische kasachstanische Literatur über die unmittelbare Verbindung zur alltäglichen Realität des Landes.
Autorinnen und Autoren, sagt sie, leben hier und jetzt und erleben dieselben Probleme, Freuden und Verluste wie ihre Leserinnen und Leser. „Wir sind im Grunde genau die Menschen, die durch dieselben Straßen gehen wie unsere Leser“, sagt Klinovskaıa.

Entscheidend ist in dieser Formulierung die Nähe. Kasachstanische Literatur erscheint nicht als Erzählung über ein Land aus der Perspektive eines Außenstehenden, sondern als Beschreibung des Lebens von innen.
Yekaterina Paıevskaıa, Autorin des Stadtführers „Hallo, Astana!“ [Originaltitel auf Kasachisch „Sälem, Astana!“], fügt eine weitere Ebene hinzu: die multiethnische Struktur Kasachstans. Für sie umfasst die zeitgenössische Literatur des Landes nicht nur Geschichte und Kultur, sondern auch das Zusammenleben verschiedener ethnischer Gemeinschaften, ihre gegenseitigen Einflüsse und ihre Präsenz in einem gemeinsamen Raum.

Deshalb gibt es möglicherweise gar nicht die eine „kasachstanische Stimme“. Treffender wäre es, von vielen Stimmen zu sprechen, die innerhalb eines Landes und unterschiedlicher sprachlicher und kultureller Milieus entstehen.
Von Dekolonisierung bis Familiengeschichte
Kovıazina erkennt noch eine weitere prägende Linie der heutigen kasachstanischen Literatur: ein wachsendes Interesse an Dekolonisierung und den Versuch, eine eigene Identität deutlicher zu formulieren.
Ihrer Beobachtung nach unterscheidet sich die heutige kasachstanische Prosa von russischer Literatur nicht nur durch ihre Schauplätze, sondern auch durch die Themen, die in den Mittelpunkt rücken. Das Lokale gewinnt an Bedeutung. Kovıazina sieht darin zugleich einen Teil eines globaleren Trends: Leserinnen und Leser interessieren sich zunehmend für Geschichten aus Kulturen und Regionen, die im internationalen literarischen Kanon lange deutlich weniger präsent waren.
Alonso beobachtet diese Entwicklung auch aus der Perspektive einer Verlegerin. In den Manuskripten, die bei ihrem Verlag Write&Publish und ihrer Schreibwerkstatt „Drugoi tekst“ [Russisch für „Ein anderer Text“] eingehen, sieht sie viel Familienprosa und Autofiktion: Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern, abwesende Väter, Migration, Scham, den weiblichen Körper, Erwachsenwerden und Identität.
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Gleichzeitig gebe es bislang weniger stabile Genreliteratur – etwa Krimis, Fantasy oder andere Formen, die vor allem über eine starke Handlung funktionieren. Alonso selbst hat kürzlich den Kriminalroman „Fall Nr. 43: Das Krokodilspiel“ [Originaltitel auf Russisch “Delo Nr. 43: Igra w Krokodila”] veröffentlicht und sieht Genreliteratur als einen Bereich, der sich in Kasachstan noch stärker entwickeln könnte.
Zugleich erkennt sie in vielen jüngeren Texten einen gemeinsamen Zug: die Abkehr vom großen offiziellen Narrativ hin zur privaten Geschichte. Nicht die Geschichte des Landes von oben, sondern das Leben einer einzelnen Familie, einer Frau, eines Kindes oder einer konkreten Stadt wird zum Mittel, um größere gesellschaftliche Prozesse sichtbar zu machen.
Kasachstan aus der Distanz
Einen besonderen Blick auf das Land haben Autorinnen und Autoren, die lange außerhalb Kasachstans gelebt haben. Altynaı Sultan ist Autorin des Romans „Ablösung“ [Originaltitel auf Russisch „Otsloika“]. Das Buch handelt von einer Plazentaablösung – ein persönlicher Erfahrungsbericht der Autorin, durch den sie nicht nur die Schwierigkeiten der Mutterschaft, sondern auch die Kälte der Ärzte und des Systems, die Schichtung der kasachstanischen Gesellschaft, soziale Probleme und die Verletzlichkeit der Frauen offenbart. Sultan lebte und studierte viele Jahre in Frankreich. Ihrer Erfahrung nach kann gerade Distanz dabei helfen, die eigene Kultur klarer zu sehen: Dinge, die im Land selbst zum selbstverständlichen Hintergrund gehören, werden aus der Entfernung plötzlich sichtbar.

Sultan ist überzeugt, dass Kasachstan für ein internationales Publikum gerade durch möglichst konkrete lokale Geschichten interessant werden kann. Einen Krimi über einen „Super-Cop“ oder Fantasy über Elfen könne schließlich eine Autorin oder ein Autor aus nahezu jedem Land schreiben. Eine Geschichte hingegen, die in einem Aul einige Dutzend Kilometer von Qarağandy entfernt spielt, lasse sich ohne Kenntnis dieser Lebenswelt nicht auf dieselbe Weise erzählen.
Ihr Fazit klingt deshalb paradox: Wenn kasachstanische Literatur im Ausland stärker gelesen werden soll, sollte sie nicht weniger kasachstanisch werden, sondern im Gegenteil mutiger auf die eigene Realität zurückgreifen.
Meruyert Alonso, die zwischen Kasachstan und Spanien lebt, formuliert einen ähnlichen Gedanken aus ihrer eigenen Erfahrung. „Distanz romantisiert die Heimat nicht, sie macht sie sichtbar“, sagt sie. Aus Spanien, erklärt die Autorin, erkenne sie Dinge deutlicher, die innerhalb Kasachstans oft wie Luft erscheinen: wie Mütter mit ihren Töchtern sprechen, wie Menschen mit der Intonation auch die Sprache wechseln, worüber man offen spricht und worüber man schweigt.
Für Alonso macht das Leben zwischen zwei Ländern Kasachstan weder zu einem idealisierten Heimatbild noch zu einem Objekt bloßer Kritik. Vielmehr ermögliche die Distanz, das Land konkreter zu sehen.
Lokalität ohne Exotik
Sowohl Altynaı Sultan als auch Meruyert Alonso widersprechen der Vorstellung, kasachstanische Autorinnen und Autoren müssten ihre Texte für ein ausländisches Publikum möglichst „universell“ machen.
Alonso bringt es auf die Formel: „Das Lokale ist nicht als Exotik wichtig, sondern als Genauigkeit.“ Ausländische Leserinnen und Leser müssten nicht unbedingt jedes kasachische Ritual erklärt bekommen, weder Nauryz noch Baursaki oder die Bedeutung jedes einzelnen kulturellen Begriffs. Sobald ein literarischer Text zu einer Landesführung wird, droht er, eher Nachschlagewerk als Literatur zu sein.
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Wichtiger ist die Genauigkeit menschlicher Erfahrung: eine konkrete Wohnung nach einer Scheidung, ein Gespräch mit der Mutter, die Angst, eine „unbequeme Tochter“ zu sein, oder die Gewohnheit, über Dinge zu schweigen, die innerhalb einer Familie als unsagbar gelten. Das Paradox, so Alonso, bestehe darin, dass eine lokale Geschichte umso universeller werden könne, je genauer und ehrlicher sie erzählt werde.
Dieser Gedanke passt zu Sultans Beobachtung: Für einen ausländischen Verlag kann gerade das interessant sein, was eine einheimische Autorin oder ein einheimischer Autor nicht selbst liefern kann. Authentizität wäre dann kein Hindernis für internationale Sichtbarkeit, sondern ein Vorteil.
Übersetzen allein reicht nicht
Doch eine starke lokale Literatur führt nicht automatisch zu internationaler Sichtbarkeit. Kovıazina hält Übersetzungen ins Englische für eine zentrale Voraussetzung. Wenn kasachstanische Literatur den russischsprachigen Raum verlassen wolle, seien ihre Möglichkeiten ohne englische Übersetzungen deutlich begrenzt.
Alonso betont jedoch, dass Übersetzen allein das Problem nicht löst. „Über ein internationales Publikum sollte man auf der Ebene der Strategie nachdenken, nicht beim ersten Satz“, sagt sie.
Zunächst müsse ein starkes Buch in jener Sprache entstehen, in der der Text wirklich lebt. Erst danach folgen Übersetzung, Lektorat und die Arbeit mit dem ausländischen Markt. Eine schwache Geschichte werde durch eine Übersetzung nicht gerettet. Umgekehrt könne aber auch ein starkes Buch unsichtbar bleiben, wenn die entsprechende Infrastruktur fehle.
Alonso beschreibt eine ganze Kette, die bislang oft nicht vorhanden ist: Lektorat, professionelle Übersetzerinnen und Übersetzer, Literaturagenturen oder Produzenten, Rechtehandel, Buchmessen, Rezensionen und Literaturkritik.

Internationale Sichtbarkeit entstehe bislang zu häufig durch Einzelinitiativen – ein Stipendium, eine Anthologie, eine zufällige Begegnung auf einem Festival. Die Autorin oder der Autor müsse gleichzeitig Schriftsteller, PR-Manager, Logistiker und Diplomat sein.
Klinovskaıa beschreibt ein ähnliches Problem. Nach ihrer Beobachtung suchen kasachstanische Autorinnen und Autoren vielfach selbst nach Möglichkeiten, an internationalen Buchmessen, Konferenzen und Kooperationen teilzunehmen.
Kasachstan nicht erklären, sondern Geschichten erzählen
In den Antworten der Autorinnen und Autoren zeigt sich ein interessantes Spannungsverhältnis. Einerseits braucht Kasachstan tatsächlich mehr Übersetzungen, internationale Kontakte, professionelle Rechtearbeit und Präsenz auf ausländischen Literaturplattformen. Andererseits warnen die Autorinnen und Autoren davor, schon beim Schreiben selbst für den äußeren Blick zu produzieren.
Sultan plädiert für mehr Authentizität. Kovıazina sieht Potenzial in Lokalität und dekolonialen Themen. Alonso hält es für einen Fehler, ein Buch von Anfang an „für Frankfurt“ zu schreiben: Ein solcher Text drohe, das Land zu erklären, anstatt eine Geschichte zu erzählen. Der Weg zum internationalen Leser könnte also gerade nicht über eine Vereinfachung kultureller Besonderheiten führen, sondern über ihre präzisere literarische Gestaltung.
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Die zeitgenössische kasachische Literatur beginnt, eine eigene Stimme zu formen – oder genauer gesagt: viele Stimmen. Sie sprechen Kasachisch und Russisch, mischen manchmal mehrere Sprachen innerhalb eines Satzes, entstehen in Almaty, Astana, einem Aul bei Karaganda, in Valencia oder Paris und erzählen von Familie, Erinnerung, Scham, Freiheit, Dekolonisierung, Alltag und der Suche nach dem eigenen Platz.
Die Frage ist längst nicht mehr, ob diese Geschichten existieren. Der nächste Schritt besteht darin, eine Infrastruktur um sie herum aufzubauen, die starken Büchern den Weg vom lokalen Text zum internationalen Publikum ermöglicht – ohne Kasachstan in eine exotische Kulisse zu verwandeln und ohne Autorinnen und Autoren dazu zu zwingen, sich erst zu erklären, bevor sie ihre eigene Geschichte erzählen können.
Nurgul Adambayeva für Novastan
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Zeitgenössische kasachstanische Literatur: Sprache, Lokalität und der Blick von außen