Die kasachische Sprache gilt als eine der wichtigsten Turksprachen Zentralasiens. Doch was macht diese Sprache eigentlich besonders? Der Linguist, Turkologe und Autor des populärwissenschaftlichen Projekts „Qazaq Bubble“ Bibarys Seıtak erklärt, warum viele verbreitete Vorstellungen über Sprachen wissenschaftlich nicht haltbar sind, welche Besonderheiten die kasachische Sprache ausmachen und weshalb sprachliche Vielfalt ein kultureller Reichtum ist.
Viele Menschen teilen Sprachen in „harte“ und „weiche“ ein. Laut Seıtak, handelt es sich dabei jedoch um reine individuelle Wahrnehmung, die von Geschichte und Kultur geprägt wird. Französisch gilt oft als weich und melodisch, weil es lange Zeit die Sprache der Diplomatie und der Eliten war. Die deutsche Sprache hingegen klingt rau – nicht wegen ihrer Laute, sondern wegen historischer Assoziationen mit Kriegen und dem Bild des Feindes in der Populärkultur.
Ähnliche Mythen gibt es auch rund um die Turksprachen. Kasachisch wird manchmal wegen des Lautes [sch] als hart bezeichnet, im Gegensatz zu Usbekisch mit [j]. Doch dies entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage. Solche Laute kommen in vielen Sprachen vor, und ihre Härte ist eine Frage der Wahrnehmung.
Ist Kasachisch wirklich schwer zu lernen?
Die Vorstellung, dass manche Sprachen grundsätzlich schwieriger seien als andere, weist Seıtak zurück. Jede Sprache hat ihre eigenen Schwierigkeiten. Englisch gilt für viele als einfach und Chinesisch hingegen wird als schwierige Sprache beschrieben. Natürlich ist die Schrift des Chinesischen ziemlich eigenartig, aber Milliarden von Menschen kommen mit der chinesischen Schrift zurecht, und sie unterscheiden sich in nichts vom Rest der Menschheit. Daher hängt die Schwierigkeit einer Sprache vor allem von den Vorkenntnissen, dem Umfeld und der Gewöhnung ab.
Über „kiyu“ und „tağu“ in der kasachischen Sprache
Eine Besonderheit des Kasachischen ist die Verwendung unterschiedlicher Verben für Kleidung und Accessoires. Für Kleidungsstücke wird das Verb „kiıu“ verwendet, für Accessoires wie Uhren, Schals oder Schmuck dagegen „tağu“. Auch im Türkischen, Persischen oder Ukrainischen werden unterschiedliche Verben für Kleidung und Accessoires verwendet.
Für Kleidungsstücke wie Kleider, Jacken, traditionelle Mäntel (şapan), Pelzmäntel, Mäntel oder Hosen wird das Verb „kiıu“ verwendet. Wenn es sich hingegen um Accessoires wie Uhren, Krawatten, Tücher, Schals, Armbänder oder Ringe handelt, wird „tağu“ verwendet. Besonders sichtbar wurde dies während der Corona-Pandemie. Damals diskutierten viele Kasachstaner darüber, welches Verb für das Tragen einer Maske verwendet werden sollte. Nach Ansicht von Linguisten sind jedoch beide Varianten sprachlich nachvollziehbar. Die Debatte verdeutlicht, wie präzise das Kasachische bestimmte Handlungen beschreibt.
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Interessanterweise unterscheiden sich Kasachisch und Türkisch in einem kleinen, aber aufschlussreichen Detail. Beide Sprachen verwenden unterschiedliche Verben für Kleidung und Accessoires. Bei Kopfbedeckungen jedoch gibt es Unterschiede: Während Kasachen Mützen, Pelzkappen oder traditionelle Kopfbedeckungen als Teil der Kleidung betrachten, werden sie im Türkischen eher wie Accessoires behandelt. Linguisten vermuten, dass möglicherweise dies mit dem Klima zusammenhängt: Für die Nomaden der Steppe war die Kopfbedeckung nicht nur ein Accessoire, sondern eine lebensnotwendige Notwendigkeit.
Dialekte in der kasachischen Sprache
Trotz der großen geografischen Verbreitung gilt Kasachisch als vergleichsweise einheitliche Sprache, was bereits von den Sprachforschern im 19. Jahrhundert festgestellt wurde. Eine Erklärung allein durch die nomadische Lebensweise ist nicht stichhaltig: Die nomadische Lebensweise allein erklärt dies jedoch nicht, denn bei anderen Nomadenvölkern Zentralasiens, etwa den Turkmenen, haben sich deutlich stärkere Dialekte entwickelt.
Als möglicher Grund gilt die traditionelle Exogamie der Kasachen, also die Heirat außerhalb der eigenen Sippe. Dieser regelmäßige Austausch zwischen verschiedenen Gruppen könnte dazu beigetragen haben, sprachliche Unterschiede zu verringern. Dennoch existieren regionale Besonderheiten, vor allem im Westen Kasachstans, wo benachbarte Sprachen und historische Kontakte den Wortschatz beeinflusst haben.
Über „Täte“ und „Köke“
Regionale Unterschiede im Kasachischen zeigen sich vor allem im Wortschatz. So haben Kasachen in China chinesische Lehnwörter übernommen, während bei den Kasachen in der Mongolei mongolische Einflüsse erkennbar sind. Besonders interessant sind Wörter, deren Bedeutung je nach Region variiert. Das Wort „Täte“ bezeichnet im Norden Kasachstans eine Frau, im Westen dagegen einen Mann. Ähnlich verhält es sich mit „Köke“: Während viele darunter einen Onkel verstehen, wird der Begriff in manchen Regionen auch für Frauen verwendet.
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Solche Verschiebungen sind für türkische Sprachen recht typisch. Auch die Geschichte des Wortes „äje“ (әже) zeigt, wie sich Sprache über Jahrhunderte verändert. In der alten türkischen Sprache bezeichnete es ursprünglich einen Vater oder älteren Bruder. Erst später erhielt das Wort eine weibliche Bedeutung und entwickelte sich schließlich zu seiner heutigen Bedeutung als Großmutter oder ältere Frau.
Über den „richtigsten“ Dialekt
Wenn von einem „richtigen“ oder „reinsten“ kasachischen Dialekt die Rede ist, wird meist die Sprachvariante der Kasachensteppe im Nordosten Kasachstans genannt. Tatsächlich bildet sie die Grundlage der modernen kasachischen Schriftsprache. Dies hängt eng mit der Geschichte Kasachstans zusammen. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Region zwischen Semeı und Qostanaı zu einem wichtigen Zentrum der kasachischen Intelligenz. In dieser Zeit entstanden die Grundlagen der modernen kasachischen Literatur und Standardsprache – ähnlich wie in vielen anderen Ländern, die damals nationale Identitäten und einheitliche Schriftsysteme entwickelten.
Über die Bedeutung von Dialekten in der Sprache
Für Bibarys Seıtak sind Dialekte kein Problem, sondern ein Ausdruck sprachlicher Vielfalt. Sie gehören zum kulturellen Erbe und bereichern die Sprache um regionale Besonderheiten und Nuancen. Zwar seien Rechtschreibung und Aussprache für die Standardsprache wichtig, doch die Abwertung regionaler Sprachvarianten könne er nicht nachvollziehen. Letztlich handele es sich um dieselbe Sprache mit unterschiedlichen Wörtern und Ausdrucksweisen. Gerade diese Vielfalt mache das Kasachische lebendig und interessant.
Über die Globalisierung und die kasachische Sprache
Die Globalisierung beeinflusst die kasachische Sprache nicht nur durch die Übernahme englischer Begriffe. Umgekehrt verbreitet sich auch das Kasachische zunehmend über kulturelle Produkte wie Musik, Filme, Serien und soziale Medien.
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Dadurch gewinnt die Sprache auch außerhalb Kasachstans an Sichtbarkeit und ist vielen Nachbarvölkern – etwa Karakalpaken, Kirgisen, Usbeken oder Tataren – vertraut. Nach Ansicht von Seıtak wird bei Diskussionen über die internationale Verbreitung der kasachischen Kultur oft vor allem an den Westen gedacht. Dabei werde häufig übersehen, dass bereits die Nachbarländer ein großes und wichtiges Publikum darstellen.
Über die überraschendste Erkenntnis
Eine der überraschendsten Erkenntnisse aus Seıtaks Projekt „Qazaq Bubble“ ist das große Interesse an populärwissenschaftlichen Inhalten in Kasachstan. Nach seiner Erfahrung spielt dabei die Sprache eine geringere Rolle als oft angenommen: Wissenschaftliche Themen können sowohl auf Kasachisch als auch auf Russisch ein breites Publikum erreichen.
Entscheidend sei vielmehr die Art der Vermittlung. Werden wissenschaftliche Inhalte verständlich, kreativ und ansprechend präsentiert, stoßen sie auf großes Interesse. Das Projekt zeige, dass sich die kasachische Sprache hervorragend eignet, um komplexe Themen lebendig, spannend und sogar unterhaltsam zu erklären.
Zu den Besonderheiten der kasachischen Sprache
Auch aus sprachwissenschaftlicher Sicht weist das Kasachische einige Besonderheiten auf. Bestimmte Laute haben sich im Laufe der Zeit anders entwickelt als in vielen anderen Turksprachen. Dadurch können verwandte Wörter im Kasachischen anders klingen als etwa im Kirgisischen, Usbekischen oder Tatarischen.
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Diese Lautveränderungen führen dazu, dass im Kasachischen vergleichsweise viele Homonyme vorkommen – also Wörter, die gleich klingen, aber unterschiedliche Bedeutungen haben. Zudem verfügt die Sprache über einen eigenen Wortschatz mit Begriffen, die in anderen Turksprachen nicht vorkommen. Ein Beispiel ist das Wort „sausaq“ für „Finger“, das als typisch kasachisch gilt.
Über vergessene Wörter und Ausdrücke
Wie jede lebendige Sprache verändert sich auch das Kasachische ständig. Neue Wörter entstehen, andere geraten in Vergessenheit. Seıtak beobachtet jedoch mit Bedauern, dass manche traditionelle Begriffe von jüngeren Generationen kaum noch verstanden werden.
Als Beispiel nennt er Wörter für Körperhaltungen oder Naturphänomene, die zunehmend durch modernere oder aus anderen Sprachen übernommene Ausdrücke ersetzt werden. Für den Linguisten ist das ein natürlicher Sprachwandel. Als Muttersprachler bedauert er jedoch, dass mit solchen Wörtern oft auch ein Stück kulturelles Wissen und Alltagserfahrung verloren geht.
Über die Abstammung der türkischen Sprachen untereinander
Seıtak weist auf ein weit verbreitetes Missverständnis hin: In der Sprachwissenschaft wird nicht gefragt, welche Turksprache von welcher abstammt. Alle heute gesprochenen Turksprachen gelten als gleich alt und haben sich über Jahrhunderte parallel entwickelt.
Verwirrung entsteht häufig dadurch, dass historische Volks- oder Sprachbezeichnungen unterschiedlich früh in schriftlichen Quellen auftauchen. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass eine Sprache älter oder jünger ist als eine andere. Allerdings können einzelne Sprachen bestimmte archaische Merkmale bewahren, die in verwandten Sprachen bereits verschwunden sind. Solche Unterschiede sagen jedoch etwas über die Entwicklung einer Sprache aus – nicht über ihr Alter.
Zur Feststellung der Sprachverwandtschaft
Auch die Frage nach einer möglichen Verwandtschaft zwischen türkischen und mongolischen Sprachen beschäftigt die Sprachwissenschaft seit Langem. Die sogenannte Altaı-Hypothese geht von einem gemeinsamen Ursprung aus, bislang fehlen jedoch überzeugende Beweise dafür.
Ähnliche Wörter in beiden Sprachfamilien lassen sich häufig durch historischen Sprachkontakt und gegenseitige Entlehnungen erklären. Um Sprachverwandtschaft nachzuweisen, untersuchen Linguisten vor allem den Grundwortschatz einer Sprache. Während die Turksprachen hierbei viele Gemeinsamkeiten aufweisen, fehlen solche systematischen Übereinstimmungen mit den mongolischen Sprachen.
Auch grammatische Ähnlichkeiten gelten nicht automatisch als Beweis für eine gemeinsame Herkunft. Bestimmte Sprachstrukturen können unabhängig voneinander in verschiedenen Regionen der Welt entstehen. Deshalb unterscheiden Linguisten klar zwischen echter Sprachverwandtschaft, übernommenen Wörtern und bloßen strukturellen Ähnlichkeiten.
The Village
Aus dem Russischen Sara Derbishova
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Ein kleiner Überblick zur kasachischen Sprache