Startseite      Das Taschkenter Erdbeben 1966: „Wir beben, aber wir geben nicht auf“

Das Taschkenter Erdbeben 1966: „Wir beben, aber wir geben nicht auf“

Vor 60 Jahren zerstörte ein Erdbeben Usbekistans Hauptstadt Taschkent. Die Zerstörung entpuppte sich als Zeitenwende für das Stadtbild, das durch den Wiederaufbau durch verschiedene Baumeister aus allen Sowjetrepubliken von nun an in einem neuen Kleid daherkam. Auch der deutsche Fotograf Heinz Krüger war damals zufällig vor Ort und lichtete die Zerstörung, aber auch die Hoffnung und den Wiederaufbau Taschkents ab.

Foto: Archiv Heinz Krüger. Copyright gem. CCO, Museum und Galerie Falkensee

Vor 60 Jahren zerstörte ein Erdbeben Usbekistans Hauptstadt Taschkent. Die Zerstörung entpuppte sich als Zeitenwende für das Stadtbild, das durch den Wiederaufbau durch verschiedene Baumeister aus allen Sowjetrepubliken von nun an in einem neuen Kleid daherkam. Auch der deutsche Fotograf Heinz Krüger war damals zufällig vor Ort und lichtete die Zerstörung, aber auch die Hoffnung und den Wiederaufbau Taschkents ab.

Die meisten Taschkenter schliefen noch, als vor 60 Jahren, am frühen Morgen des 26. April 1966 um 5:23 Uhr lokaler Zeit ein starkes Erdbeben die Hauptstadt der damaligen Usbekischen Sozialistischen Sowjetrepublik erschütterte. Das Beben war mit einer Magnitude von etwa 5,2 auf der Richterskala bei einer sehr flachen Herdtiefe eigentlich nur mittelschwer. Da sich das Epizentrum jedoch mitten im Stadtzentrum befand, entfaltete es eine gewaltige Zerstörungskraft. Vor allem die elf Sekunden des ersten Erdstoßes, aber auch viele Nachbeben in den folgenden Tagen und Wochen, zerstörten etwa 28.000 Gebäude.

Foto: Archiv Heinz Krüger. Copyright gem. CCO, Museum und Galerie Falkensee

Es gab nur sehr wenige moderne Hochhäuser, die auch standhielten. Die meisten traditionellen ein- und zweistöckigen Häuser aus Lehm wurden beschädigt, stürzten aber nicht ein. So waren auch nur ein Dutzend Menschenleben und etwa 150 Verletzte zu beklagen. Dank des warmen Klimas war es kein Problem, dass die Stadt im Nu ins Freie umzog. In wenigen Tagen entstanden riesige Zeltsiedlungen.

Foto: Archiv Heinz Krüger. Copyright gem. CCO, Museum und Galerie Falkensee

Neubau statt Wiederaufbau

Taschkent war in den 1960er Jahren mit knapp einer Million Einwohnern die viertgrößte Stadt der Sowjetunion und genoss in Moskau besondere Aufmerksamkeit. So wie Leningrad historisch als „Fenster nach Europa“ galt, war Taschkent das „Tor nach Osten“. Dies stand synonym mit Usbekistan als „Leuchtturm“ und Aushängeschild, um die sogenannte dritte Welt anhand politischer, wirtschaftlicher und kultureller Diplomatie für das sowjetische Gesellschaftsmodell zu begeistern.

Moskau reagierte sofort auf die Katastrophe. Noch am selben Abend trafen Parteichef Breschnew und Regierungschef Kosygin in Taschkent ein und erlebten während der ersten Krisensitzung gleich ein kräftiges Nachbeben. Dem Schicksalsschlag des Erdbeben-Epizentrums im unmittelbaren Stadtgebiet begegnete man in Taschkent mit dem durch Zufall fast fertigen neuen Generalbebauungsplan.

Der schon auf dem Papier gehegte Traum einer sozialistischen Mustermetropole bekam über Nacht die Chance auf eine zügige Umsetzung in Stahl und Beton. Der lokale KP-Chef Sharof Rashidov nutzte diese Möglichkeit und konnte die Moskauer Führung von der Umleitung gewaltiger Ressourcen an Fachkräften, Material und Know-how aus der gesamten Sowjetunion in die usbekische Metropole überzeugen: Taschkent sollte nicht bloß wieder aufgebaut, sondern entsprechend des sozialistischen Fortschrittsglaubens als ideale Stadt neu gebaut werden.

Der Generalbebauungsplan wurde im Rekordtempo adaptiert und Anfang 1967 verabschiedet. In den folgenden vier Jahren entstanden über eine Million Quadratmeter neuer Wohn- und Nutzflächen in der nun „erdbebensicheren“ Hauptstadt. Ganz nach dem Motto „Wir beben, aber wir geben nicht auf“, wie es damals auf vielen Häuserwänden und Zelten geschrieben stand.

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Über 100.000 Bauarbeiter und Bausoldaten, Ingenieure und Architekten folgten unter den Fahnen der Solidarität und Völkerfreundschaft dem Ruf in die Usbekische SSR. Viele der am Wiederaufbau Beteiligten blieben nach vollendeten Arbeiten in Taschkent. Die Lebensqualität der neuen Wohnviertel, ein leichterer Zugang zu andernorts knappen Wohnungen und das warme Klima gaben der Stadt, nach der Aufnahme vieler Waisenkinder während des 2. Weltkrieges, einen weiteren Multikulti-Schub.

Der „seismische Modernismus“

Die Moderne hielt Einzug in Taschkent. Breite Prospekte und Alleen sowie großflächige Wohnsiedlungen mit der wohl weltweit größten Vielfalt an Plattenbauten entstanden. Die neu erbauten Wohnhäuser ersetzten die einstöckigen Bauten der Taschkenter Altstadt und dehnten die Ränder des Stadtgebietes mit vielen Neubaugebieten um mehr als die Hälfte aus.

Foto: Archiv Heinz Krüger. Copyright gem. CCO, Museum und Galerie Falkensee

Ausgedehnte Grünanlagen wurden erhalten und erweitert, um das Stadtbild aufzulockern und die kontinentalklimatische Sommerhitze zu lindern. Markante architektonische Experimente bei der Konstruktion öffentlicher Gebäude sowie überdimensionale, orientalisch angehauchte Keramik-Mosaike an vielen Hauswänden verliehen dem Stadtbild zusätzlichen Charme. Die erste Metro und der höchste Fernsehturm in Zentralasien trugen schließlich zur sichtbaren Modernisierung Taschkents bei.

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Diese gerade im Wohnungsbau sichtbare Spezifik der städtebaulichen Transformation macht Taschkent bis heute zu einem architektonischen Unikat. Der Stil wird gern als „seismischer Modernismus“ beschrieben. Denn neben Moskau und Leningrad leisteten die Wohnungsbaukombinate aller anderen Sowjetrepubliken ihren Beitrag. Sie alle brachten ihre lokaltypischen Hochhaustypen und Wohnungsentwürfe mit und konnten sie in Taschkent umsetzen. So verband sich sowjetische Moderne in allen Varianten zwischen Tallinn, Baku und Nowosibirsk mit orientalisch angehauchtem Charme lokaler Bautradition.

Das frühere Inturist und jetzige Hotel Uzbekistan als markantes Beispiel des „seismischen Modernismus“. Foto: Bodo Thöns

Noch heute findet man an vielen Häuserblöcken aus dieser Zeit gemauerte Inschriften wie „Von Leningrad für Taschkent“, „Kharkov“ oder das „Litauische Viertel“. Nirgends in der Welt findet man eine solche Vielfalt unterschiedlicher Plattenbauten.

„Den Taschkentern zum Glück vom belarussischen Volk 1967“. Foto: Bodo Thöns

Der besondere ästhetische Reiz entstand in der Einbindung lokaler Elemente. Vielerorts wurden Schatten spendende Arkaden eingeplant. Durch breite Sonnenschutzgitter wurde die direkte Sonneneinstrahlung an Fensterfronten verringert. Viele Fassaden beeindrucken durch bunte Ornamente und großflächige Panorama-Mosaike mit Motiven von Folklore bis Kosmos.

Taschkenter Fassadenschmuck zur Reduzierung der direkten Sonnenstrahlung. Foto: Bodo Thöns

Architektur und Stadtplanung nach 1966

Der einstige Lenin-Prospekt trägt heute den Namen des damaligen KP-Chefs und „Stadterneuerers“ Sharof Rashidov. Nicht nur das, bereits zum zehnten Jahrestag des Bebens wurde 1976 am Ort des Epizentrums am damaligen Leninprospekt das „Denkmal des Mutes“ eingeweiht. Die Statue einer der Naturgewalt widerstehenden Familie zeigt Mann, Frau und Kind auf einem gespalten Granitwürfel. Die beiden Würfelhälften zeigen das Datum und die Uhrzeit des Bebens. Es symbolisiert weniger die Katastrophe und die Trauer darüber als vielmehr den Opfermut und Optimismus beim Wiederaufbau der Hauptstadt. Die Unterstützung vieler Bauunternehmen aus allen Ecken der damaligen Sowjetunion findet ihre Würdigung in den Reliefs und Zinnen der den Denkmalplatz schmückenden Umrahmung.

Bei einem Taschkenter Stadtrundgang führt kein Weg am Denkmal „Mut“ vorbei. Foto: Bodo Thöns

Das heutige Taschkent ist mittlerweile mit über 3,5 Millionen Einwohnern mehr als doppelt so groß. Die Infrastruktur des Zentrums basiert nach wie vor auf dem nach 1966 etablierten Straßennetz. Nach der Unabhängigkeit Usbekistans bekamen viele Aspekte der russisch-sowjetischen Kolonialzeit eine kritische Bewertung.

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Auch in der Architektur gab es Nostalgie nach dem alten Taschkent. Die Moderne war vielen zu wenig usbekisch und zu stark sowjetisch. „Nicht das Erdbeben, sondern die mit Planierraupen ausgestattete Völkerfreundschaft machten das alte Taschkent dem Erdbeben gleich“, kommentierte die damals in Taschkent und heute in der Nähe von Jerusalem lebende Schriftstellerin Dina Rubina sarkastisch. Viele öffentliche Gebäude bekamen neue Fassaden. Weißer Marmor mit blauer Verglasung wurde das neue Maß der Dinge.

In den letzten zehn Jahren intensiver Reformen unter Shavkat Mirziyoyev brach ein regelrechter Bauboom aus. Die Stadt dehnt sich gen Norden und Osten aus. Verdichtung im Zentrum ist nun das Zauberwort. Mit dem Abstand der Jahre setzt sich auch ein differenzierterer Blick auf das oft als Brutalismus diffamierte Erbe des „seismischen Modernismus“ durch. Seine Einzigartigkeit generiert über die Grenzen des Landes hinaus Neugier und Wertschätzung und neuerdings einen sorgfältigen Umgang mit diesem Erbe. Selbst die Idee eines Antrages für eine Aufnahme in das UNESCO-Weltkulturerbe steht bereits im Raum.

Ein deutscher Fotograf war zufällig in Taschkent

Zurück zum Erdbeben: Zufällig befanden sich in jenen Tagen zwei Reporter der DDR-Zeitschrift „Freie Welt“ wegen eines anderen Redaktionsauftrags in Taschkent. Doch nun wurde für Hans Frosch (Text) und Heinz Krüger (Bild) das Erdbeben zum alleinigen Thema. In der Ausgabe 23/66 erschien Anfang Juni auf fünf Seiten ein großer Bericht, wie Taschkent mit den Folgen des Erdbebens klarkam. Ein gutes Dutzend Fotos illustrierten die Reportage. Auf der Reise nach Zentralasien entstanden damals insgesamt knapp 140 Fotos.

Sie befinden sich heute im Foto-Archiv des seitdem berühmt gewordenen Fotografen Heinz Krüger (1919 – 1980). Seine Witwe übergab den u. a. eine über 30.000 Bilder umfassenden Nachlass seiner Heimatstadt Falkensee bei Berlin. In diesem Jahr werden nun einige Taschkenter Fotos wieder einer breiten Öffentlichkeit gezeigt. Einen ersten Vorgeschmack gibt es am 29. April vor Ort im Taschkenter Goethe-Institut, das dem Erdbeben-Jahrestag eine Gedenkveranstaltung widmet. Einer der Vorträge wird den damaligen Aufnahmen von Heinz Krüger gewidmet sein.

Bodo Thöns

Redaktionell betreut von Michèle Häfliger

Novastan bedankt sich herzlich beim Autoren sowie beim Museum und Galerie Falkensee, die uns freundlicherweise die Bilder zur Verfügung stellen.

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