Der Regisseur Hanzat Kenes hat Anfang Februar den Dokumentarfilm „EXPERIMENT: Ergebnisse“ veröffentlicht. Bekannt für seine starke Fokussierung auf die akuten sozialen Themen der Gesellschaft, hat er sich diesmal dem Thema der Landflucht und seinen Auswirkungen auf das Bildungssystem angenommen. Dabei begleitete er Lehrer, die im Rahmen eines bildungspolitischen Projekts ihre Zivilcourage und ihren Altruismus unter Beweis stellen.
Immer mehr Menschen verlassen die Kleinstädte und Dörfer Kasachstans. Teile der einzigartigen Kultur sterben aus, viele Häuser stehen leer und die Natur macht sich langsam die Straßen zu eigen. Einer der Gründe für die Abwanderung aus den ländlichen Gebieten ist der Wunsch nach einer besseren Bildung für die Kinder. Doch nicht alle akzeptieren diesen Zustand.
Im Rahmen eines bildungspolitischen Experiments verließen vier junge Lehrer und ihre Familien die komfortablen Großstädte und gingen in das Dorf Kulynjon. Ihr Ziel: eine Veränderung des Bildungssystems herbei- und ein fortschrittliches Unterrichtsmodell einzuführen. Der Regisseur Hanzat Kenes hat einen inspirierenden Film mit dem Titel „EXPERIMENT: Die Ergebnisse“ gedreht, der zeigt, welche Früchte das nun dreijährige Projekt bislang trägt. Der Film gibt Einblicke in das Bildungswesen Kasachstans und bietet Inspirationspotenzial.
Hinein ins Dorfleben
Während die einen vom Land in die Stadt ziehen, träumen die Städter von einem bescheideneren Leben auf dem Land. Die einen lockt die Natur, die anderen die aufrichtige und freundliche Art der Menschen. Der Film gibt einen Einblick in das Leben fernab der Großstädte.
Regisseur Hanzat Kenes beschreibt seine Reise an dieses abgelegene Fleckchen seines Heimatlandes folgend: „Ich bin ganz alleine losgezogen, habe Flugtickets gekauft und fand schließlich ein Taxi nach Öskemen (im Nord-Osten des Landes; Anm. d. Ü.) Von meiner Ankunft wusste nur der Schulleiter, die Lehrer waren nicht eingeweiht. Ich habe alles selbst gefilmt. Dazu brauchte ich nichts weiter als eine Kamera, ein Objektiv und ein Ansteckmikrofon. Fünf Tage verbrachte ich dort und kam in einem Wohnheim unter, das das Team von Aralbek Beriquly zusammen mit anderen Lehrern gebaut hatte.“
Lesen Sie auch auf Novastan: Wollen denn alle schlauen Köpfe Kasachstan verlassen?
Drei Jahre lang führten die Protagonisten in Kulynjon Bildungsexperimente durch, variierten Methoden und unterstützten die einheimischen Kinder dabei, an die besten Universitäten in Kasachstan und im Ausland zu kommen. Wie ungewöhnlich und nicht weniger inspirierend diese Erfahrung ist, zeigt auch der Film selbst:
„Ich hatte genügend Zeit, um über diesen Dokumentarfilm nachzudenken und das Projekt selbst objektiv unter die Lupe zu nehmen, um ihm den letzten Schliff zu geben.“
Alles stehen und liegen lassen, um auf dem Dorf zu unterrichten
Die jungen Lehrer erwartete eine glänzende Zukunft in den kasachischen Großstädten. Der Mathematiker Aralbek Beriquly zum Beispiel hätte Direktor der renommierten Republikanischen Schule für Physik und Mathematik in Astana werden können. Doch ihm lag mehr an der Bildung in seinem Heimatland als an schnellem Erfolg und Prestige:
„Mit dem Bildungswesen in den ländlichen Gebieten geht es steil bergab. Bis zum Point of no Return ist es nicht mehr weit“, zeigt sich Aralbek besorgt.
Unterstützt Novastan – das europäische Zentralasien-Magazin
Als vereinsgetragene, unabhängige Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen – und von eurer Unterstützung!Als sie in Kulynjon ankamen, verstanden die jungen Lehrer, dass das Dorf ihre Hilfe brauchte. Einige Neuntklässler kannten nicht einmal das Einmaleins und stammelten mit Ach und Krach einen Satz auf Englisch daher. Ein ganzer Berg an Arbeit tat sich vor ihnen auf. Ergebnisse? Die könnten auf sich warten lassen.
AralbekBeriqulyerklärteseine Teilnahme an dem Experiment so: „Wir sind bereit, das Fundament zu bilden, auf dem wir nun ein Haus bauen. Selbst wenn das Fundament niemals ein Dach kriegt.“
Die Reaktion der Einheimischen auf die Revoluzzer
Veränderung stößt oft auf Misstrauen, auch bei Stadtbewohnern. Doch das ist nicht zu vergleichen mit der Situation im Hinterland: Im etwa 200 Kilometer von der nächsten Großstadt entfernt gelegenen Öskemen haben sich noch viele Bräuche aus dem letzten Jahrhundert gehalten. Die Protagonisten des Films sind daher bei ihrer Ankunft vor dem Misstrauen, Argwohn und den Vorurteilen der Einheimischen keinesfalls gefeit. Doch darunter mischt sich Hoffnung, überschattete bei vielen Eltern doch die Sorge um die Zukunft ihrer Kinder alle sonstigen Ängste.
„Die sind doch nicht von hier, das sind Fremde“, sagte eine Englischlehrerin aus dem Dorf Samarskoe, die ihre Tochter in eine der Experiment-Schulen schickte. Trotz der anfänglichen misstrauischen Haltung beschlossen viele Einheimische, das Risiko einzugehen und sich auf das Projekt einzulassen.
Lesen Sie auch auf Novastan:Dekolonialisierung in Kasachstan
Bereuten die mutigen und neugierigen Lehrer ihre Entscheidung oder waren sie, im Gegenteil, davon überzeugt, dass sie ihren Kindern eine bessere Zukunft ermöglicht hatten? Das erfahren Sie im Film. Mit Kasachisch- und/oder Russischkenntnissen ist der Film dank der professionellen Untertitel für Sprecher beider Sprachen komplett verständlich. Für Zuschauer ohne Sprachkenntnisse stellt die stellenweise einwandfreie, stellenweise allerdings auch kuriose automatische Übersetzung der Untertitel auf Youtube eine Option dar. Wer die Kuriositäten getrost wegzulächeln vermag, dem sei der halbstündige Film ans Herz gelegt, da er zwar a priori durch die Redebeiträge, vor allem aber auch durch die Bilder einen tiefen Einblick in das Dorfleben und den dortigen Schulunterricht gibt (Anm. d. Ü.).
Wie es weitergeht
Ursprünglich war das Experiment auf zweieinhalb Jahre ausgelegt. Einige von ihnen hatten Verwandte, die zu Hause auf sie warteten, andere kamen mit ihren Familien, die nun fernab der Zivilisation in Langeweile schmachten. Diesen Umständen zum Trotz beschlossen die Protagonisten, ihren Aufenthalt zu verlängern – zum Zeitpunkt des Films waren sie bereits seit drei Jahren in Kulynjon. Auch AralbekBeriquly plant, länger zu bleiben. Seine Pläne haben bereits Form angenommen- Details werden folgen.
Der Film „EXPERIMENT: Ergebnisse“ zieht keinen Schlussstrich, vielmehr skizziert er eine weitere Facette der aktuellen sozialen Entwicklungen, regt zu Veränderungen an und zeigt Kasachstan unter einem Blickwinkel, den die meisten Stadtbewohner nur selten einnehmen. Auf dem YouTube-Kanal des Regisseurs finden sich noch weitere Filme, die sich sozialen Themen widmen.
Kulturredaktion von The Village
Aus dem Russischen von Arthur Siavash Klischat
Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei Twitter, Facebook, Telegram, Linkedin oder Instagram. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem wöchentlichen Newsletter anmelden.