Im Ili-Balqaş-Reservat ist ein erster Tiger ausgewildert worden. Das Weibchen mit dem Namen „Ümit“ ist damit der erste freilebende Tiger in Kasachstan seit über 70 Jahren.
Ein kleiner Sprung für einen Tiger, aber ein großer Schritt für eines der ambitioniertesten Naturschutz-Projekte Kasachstans: Am 31. Juli ist in dem im Gebiet Almaty gelegenen Ili-Balqaş-Reservat ein erster Tiger ausgewildert worden. Bei dem Tier handelt es sich um ein wildgefangenes Amurtiger-Weibchen mit dem sprechenden Namen „Ümit“ (Kasachisch für „Hoffnung“). „Ümit“ kommt aus der Region Primorje in Russlands fernem Osten und ist im Mai 2026 nach Kasachstan eingeflogen worden.
Die Auswilderung, der unter anderem Kasachstans Minister für Umwelt und Natürliche Ressourcen, Erlan Nysanbaev, sowie Russlands Justizminister und Aufsichtsratsvorsitzende des Amurtiger-Zentrums, Konstantin Tschujtschenko, beiwohnten, markiert einen wichtigen Schritt, um den Tiger in sein historisches Verbreitungsgebiet zurückzubringen. Der letzte freilebende Tiger Kasachstans war 1948 gesichtet worden.
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Unter ständiger Beobachtung
Wie The Astana Times berichtet, durchlief „Ümit“ vor ihrer Freilassung tierärztliche Untersuchungen und Verhaltensbeurteilungen, um festzustellen, ob sie ein eigenständiges Leben führen könnte. Fachleute bewerteten ihren Gesundheitszustand, ihre Jagdfähigkeiten, ihre Reaktion auf Menschen sowie ihre Anpassungsfähigkeit an eine ungewohnte Umgebung.
Doch auch in der Wildnis steht die Tigerin unter ständiger Beobachtung. Sie wurde mit einem GPS-GSM-Satellitenhalsband ausgestattet, sodass ihr Standort und ihre Bewegungen rund um die Uhr überwacht werden können. Außerdem soll mithilfe von Satellitendaten und eigens installierten Kamerafallen beobachtet werden, wie sie sich im Revier bewegt, Ruheplätze auswählt und nach Beute sucht. Das Überwachungssystem dient zudem als Frühwarnsystem für den Fall, dass sich „Ümit“ Siedlungen nähert.

Weitere Tiger sollen „Ümit“ in die Freiheit folgen: Zusammen mit ihr kamen ein ausgewachsenes Männchen namens „Amur“ sowie die Tigerjungen „Turan“ und „Ussuri“ aus Russland. Das Männchen verbleibt in einem Gehege und wird weiterhin Verhaltenstests unterzogen. Eine Auswilderung erfolgt erst, wenn Fachleute überzeugt sind, dass das Tier bereit ist, eigenständig zu überleben.
Die beiden Jungtiere, die im Alter von etwa sechs bis sieben Monaten in Kasachstan ankamen, sollen in den speziellen Gehegen des Reservats bleiben, bis sie mindestens 18 Monate alt sind. Anschließend werden sie jeweils gesonderten tierärztlichen und verhaltensbezogenen Untersuchungen unterzogen, bevor über eine mögliche Auswilderung entschieden wird.
Kaspisch? Sibirisch? Festland-Tiger!
Die Auswilderung ist das Ergebnis eines langjährigen Projektes, dass erst aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse möglich wurde. Denn der Kaspische Tiger, der einst Zentralasien durchstreifte, ist seit dem 1970er Jahren ausgestorben.
Im Jahr 2009 führte ein internationales Team genetische Untersuchungen (Driscoll et al., 2009) an DNA-Proben von Tigern aus zentralasiatischen Museumssammlungen durch. Durch den Vergleich dieser Proben mit denen anderer Tigerpopulationen kamen die Wissenschaftler:innen zu dem Schluss, dass die DNA des Kaspischen Tigers jener des Sibirischen oder Amurtigers annähernd identisch ist. Heute gelten Kaspischer und Sibirischer Tiger als geographische Populationen einer gemeinsamen Unterart: dem Festland-Tiger.
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Diese Entdeckung ermöglichte es, eine Wiederansiedlung der ausgestorbenen Population in Erwägung zu ziehen, wobei der World Wildlife Fund (WWF) die Initiative für dieses Projekt ergriff. 2010 kündigte Kasachstan die Absicht an, wieder Tiger auszuwildern.
Ein langjähriges Projekt
Dass nun wieder ein Tiger Kasachstans Wildnis durchstreift, ist das Ergebnis langjähriger Arbeit. Das Gebiet für das eigens eingerichtete Ili-Balqaş-Reservat wurde dabei nicht zufällig ausgewählt. Denn die Region am Südufer des Sees Balqaş und das Flusstal des Ili bildeten historisch gesehen den natürlichen Lebensraum des Tigers.
Wie The Astana Times darlegt, hängt das Vorkommen des Tigers von gesunden Wäldern, verlässlichen Wasserressourcen, ausreichenden Beständen an wildlebenden Huftieren und einem wirksamen Schutz vor Wilderei ab. Das Projekt erforderte daher, ein entsprechendes Ökosystem vorzubereiten. Diese Vorbereitungen nahmen mehr als zehn Jahre in Anspruch.
Im Juni 2018 wurde das über 415.000 Hektar umfassende Ili-Balqaş-Reservat gegründet. Es umfasst Teile des Ili-Flussdeltas, Auen und Saxaulwälder sowie Feuchtgebiete am Südufer des Balqaş. In einem ersten Schritt wurden Bucharahirsche in dem Gebiet wiederangesiedelt, die dem Tiger als Hauptnahrungsquelle dienen sollen.
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Ein weiterer Meilenstein des ehrgeizigen Projekts wurde erreicht, als dank der langjährigen Zusammenarbeit zwischen WWF und Kasachstan erste Tiger vom niederländischen Raubtier-Spezialzentrum Landgoed Hoenderdaell Zoo in Anna Paulowna in das Reservat geliefert wurden. Anders als die in Russland wildgefangenen und im Mai an Kasachstan überstellten Tiger, dienen die beiden Exemplare aus den Niederlanden aber lediglich der Zucht, während ihre Nachkommen schließlich in die Freiheit entlassen werden sollen.
Mit der Auswilderung vom „Ümit“ ist nun der nächste Meilenstein erreicht. Wie sich die Tigerin in freier Wildbahn schlägt, werden die Beobachtungen zeigen. Auf jeden Fall macht sie Hoffnung auf die Rückkehr einer Tigerpopulation nach Zentralasien.
Robin Roth für Novastan
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Der Tiger ist zurück