Unter dem Sandmassiv Kökjide in dem im Westen Kasachstans gelegenen Gebiet Aqtöbe liegen beträchtliche Ölvorkommen. Doch von dem Reichtum unter der Erde kommt in den Dörfern rund um das Kökjide wenig an. Eine Reportage von unserem Partnermedium Vlast.
„Lasst uns nicht einreden, dass wir ohne Öl zugrunde gehen. Unsere Vorfahren lebten auch ohne Öl, hüteten ihr Vieh und bestellten das Land“, sagt Ardak Kubaş, eine Aktivistin aus dem kleinen Dorf Kenqiıaq im Gebiet Gebiet Aqtöbe. Sie hebt die Hand und zeigt auf das Sand-Massiv Kökjide, das auf den ersten Blick an typische Szenen aus dem Westen Kasachstan erinnert: Dünen, gleißende Sonne und verstreute, verwitterte Ölpumpen. Einige von ihnen, mit Staub und Rost bedeckt, stehen still, andere fördern weiterhin Öl. Direkt dahinter lodern Flammen auf – Ölfackeln.
Die Einheimischen sagen, unter ihnen verberge sich ein „Meer“. Dabei handelt es sich um Grundwasser unter dem Sand – bis zu eineinhalb Milliarden Kubikmeter Wasser, möglicherweise sogar trinkbar.
Unterstützt Novastan – das europäische Zentralasien-Magazin
Als vereinsgetragene, unabhängige Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen – und von eurer Unterstützung!Im Bezirk Temir liegen rund um diese Sandvorkommen vier Ölarbeiter-Siedlungen: Kenqiıaq, Şubarşi, Saryköl und Bäşenköl. Sie stehen seit Langem vor der Wahl: Entweder sie schützen ihre größte Grundwasserquelle vor Kontamination und riskieren damit wirtschaftliche Einbußen. Oder sie erhalten die Produktion aufrecht und ermöglichen so die weitere Entwicklung der Siedlungen.
Die Einwohner:innen sind sich jedoch einig, dass ihre Dörfer im Laufe der Jahre nie einen wirklichen Nutzen aus der Ölförderung gezogen haben, sondern lediglich gesundheitliche Probleme und mögliche Wasserverschmutzung.
Kenqiıaq
Das Gebiet Aqtöbe ist die größte Region Kasachstans – mit einer Fläche in etwa so groß wie Polen oder Italien. Die weitläufige Steppe ist jedoch dünn besiedelt: Die Bevölkerungsdichte beträgt nur 3,16 Einwohner pro Quadratkilometer – die zweitniedrigste im ganzen Land. Insgesamt leben in der Region 950.000 Menschen, mehr als 60 Prozent davon – 585.000 – in der Gebietshauptstadt Aqtöbe.
Um Kenqiıaq, einen der wichtigsten Ölumschlagplätze der Region, zu erreichen, fahren wir von Aqtöbe mehr als zwei Stunden Richtung Süden. Das Dorf ist Endpunkt von Ölpipelines, die Öl aus dem Gebiet Aqtöbe nach Atyrau oder ins Gebiet Qyzylorda und von dort weiter nach China transportieren können.
Kenqiıaq ist nicht nur ein Zentrum der Ölindustrie (was sich auch im Stadtlogo widerspiegelt), sondern mit weniger als 8.000 Einwohnern auch das größte der drei benachbarten Dörfer. Şubarşi und Saryköl mit zusammen rund 6.000 Einwohnern sind nur wenige Autominuten entfernt.
Was diese Siedlungen von vielen anderen unterscheidet, ist eine engagierte Gruppe von Bürgerrechtsaktivist:innen. Eine von ihnen ist Ardak Kubaş. „Eigentlich sollten die Menschen nicht in Kenqiıaq leben. Es sollte nur eine einfache, temporäre Arbeitersiedlung sein. Vielleicht sollten alle dort wegziehen“, sagt sie.

Wir fahren mit ihr nach Kenqiıaq, das sich kaum von typischen kasachstanischen Dörfern unterscheidet: Einzelhäuser, ältere Menschen, die auf Bänken entspannen, Menschen, die zur Arbeit eilen, Sand und der Wind, der ihn verweht. Noch sind keine Ölförderanlagen zu sehen, obwohl sich im südlichen Teil des Dorfes bereits Anlagen der Ölgesellschaft befinden.
Der neue Sportkomplex und der vor einigen Jahren verlegte Asphalt fallen hier besonders auf. Er weist bereits Risse und Schlaglöcher auf, ist aber immer noch gut befahrbar. Dennoch könne man das Dorf kaum als „Ölsiedlung“ bezeichnen, meint Kubaş.
„Na gut, sollen sie uns doch vergiften, aber dafür bekommen wir nichts zurück“, beklagt sie sich. „Als die Firmen [hier] noch staatlich waren, stellten sie vier Kindergärten. Als der chinesische Investor kam, hat er sie abgeschafft. (…) Wir haben viele Kinder mit Behinderungen. Sie könnten auf Firmenkosten ein Rehabilitationszentrum für sie bauen. Das Gemeindezentrum befindet sich in der ehemaligen Kantine der Ölarbeiter. In all den Jahren ist nichts passiert; das ist eine Schande. Sie könnten uns wenigstens 50 statt 20 Prozent für die Umweltschäden zahlen.“
Hauptbetreiber der lokalen Ölförderung ist CNPC-AktobeMunaiGas, eine Tochtergesellschaft des führenden chinesischen Ölkonzerns CNPC. CNPC-AktobeMunaiGas hält außerdem 51 Prozent der Anteile an KMK Munai, einem weiteren Ölunternehmen, das im Kökjide tätig ist. Drei weitere private Unternehmen sind ebenfalls in der Region aktiv: Kazakhoil Aqtöbe, Oriktau Operating und Ada Oil.
„In Kenqiıaq und Şubarşi ist die Luft schlecht. Manchmal stoßen die Fabriken Abgase aus, und all diese giftigen Gase sind unerträglich“, sagt Kubaş. Die Häuser in den umliegenden Dörfern, mit Ausnahme von Başenköl, sind vollständig mit Gas belastet.

Ihre größte Sorge gilt aber der Wasserversorgung. Kubaş sagt, früher sei es „wie unter Belagerung“ gewesen. Stundenlang mussten sie an der Pumpe anstehen, um Wasser zu bekommen. Jetzt gibt es zwar Wasser, aber es ist „schwarz wie Cola“.
„Die Ölkonzerne hielten einst Anhörungen ab. Und zwar nicht hier, sondern in einem anderen Dorf im Bezirk Mugaljar, wohin sie Arbeiter ihrer Werke gebracht hatten. Wir erfuhren davon und eilten dorthin. Dann stellten wir ihnen das schwarze Wasser […] direkt vor die Nase. Sie nahmen es entgegen, aber was ist dabei herausgekommen? Nichts“, sagt Kubaş.
Am Abend herrscht im Dorf reges Treiben: Die Menschen drängen sich um die Läden, die Arbeiter der Ölgesellschaft suchen Zimmer in den örtlichen kleinen Hotels, die eher Hostels gleichen, alle kehren von der Arbeit zurück.
Saryköl und Şubarşi
Die benachbarten Dörfer Saryköl und Şurbarşi unterscheiden sich kaum von Kenqiıaq. Sie liegen beiderseits einer Landstraße, von der die Zufahrtsrampen zu den Anlagen und Lagertanks der Ölgesellschaften abgehen. Die Ruinen ehemaliger Anlagen des staatlichen Ölkonzerns sind überall sichtbar. Heute sind es größtenteils leere Grundstücke, umgeben von einem alten Zaun.
Die Einwohner:innen befürchten, dass die Ölkonzerne planen, ihre Aktivitäten einzuschränken und an einen anderen Standort zu verlegen. „Sie stellen niemanden ein“, sagt der 60-jährige Erkebulan (Name auf Wunsch durch Vlast geändert), der in Şubarşi geboren wurde. „Und außer ihnen, den Chinesen, gibt es sonst niemanden. Nur Viehzucht. Uns Alte stellen sie ganz bestimmt nicht ein. Auch für die Jungen ist es schwer. Am meisten ärgern uns die Preise. Die Gaspreise steigen jeden Monat, und sie fördern es direkt hier, nur einen Steinwurf entfernt. Wir schlucken dieses Gift und zahlen wie alle anderen.“
Die meisten Einwohner:innen der drei Dörfer bitten darum, dass sie nicht fotografiert und ihre Klarnamen nicht verwendet werden. Sie alle sind in irgendeiner Weise mit den Ölkonzernen verbunden, die sie kritisieren.

Einer von ihnen, der 60-jährige Temirlan, arbeitet sein ganzes Leben lang in der Ölindustrie der Region. „Ich war im Transportwesen tätig, als das Unternehmen noch staatlich war. Nachdem ein Investor kam und die Privatisierung stattfand, wurde alles schlimmer. […] Die Bedingungen sind schlechter und die Löhne niedriger“, sagt der Mann und blickt sich um. „Sieht man überhaupt, dass hier Öl und Gas gefördert werden? Unsere Dörfer sind denen völlig egal.“
Auch Temirlan bestätigt die Umweltprobleme. „Ich habe früher an einer Bohranlage gearbeitet. Zur Aufbereitung werden 350 Tonnen Säure in den Boden gepumpt. Aber wohin damit? Sie tritt an die Oberfläche. Sehen Sie sich dieses Land an. Früher haben wir hier Fußball gespielt, es war grün. Aber jetzt ist alles weg. Jedes Haus hatte eine Pumpe, und wir haben von dort Wasser geholt. Jetzt ist das unmöglich. Ich glaube, man kann sich mit diesem Wasser nicht einmal mehr waschen“, sagt er.
In der Nähe eilt der 58-jährige Qaısar (Name durch Vlast geändert) zum Laden. Er schnappt sich Lebensmittel, schwingt sich aufs Fahrrad und fährt schnell ins Dorfzentrum, wo sich ältere Männer versammeln. „Das Öl zerstört alles“, sagt Qaısar. „Wenn sie das Gas aufdrehen, erstickt das ganze Dorf. Sie hören erst auf, wenn wir Lärm machen. Was für eine Schande! Ölland!“

Er kommt am örtlichen Verwaltungsgebäude an, gegenüber der Bushaltestelle. Dort haben sich etwa ein Dutzend Männer versammelt, die meisten von ihnen Rentner. „Es gibt Arbeit für jeden, der sucht. Es gibt viele private Aufträge; ja, alles ist privatisiert worden“, sagt einer von ihnen, der früher auch in der Ölbranche gearbeitet hat. Auf die Frage, ob das gut sei, antwortet er: „Was ist denn daran gut?“
Ein anderer Mann fügt hinzu, dass alles „von Öl und Gas verrottet“ sei: „Die Leute werden krank. Jeder hier ist krank. Das Wasser ist widerlich, aber was soll man machen? Man muss es trinken.“
Die Firmengelände
Zwanzig Kilometer von den Dörfern entfernt liegt Bäşenköl, das dem Kökjide am nächsten liegt. Von Kenqiıaq und Şubarşi gibt es keine Wegweiser nach Bäşenköl, obwohl mehrere Straßen dorthin führen. Ein Versuch, die Straße entlang des Geländes der Ölgesellschaften zu nehmen, scheiterte jedoch. Sicherheitskräfte halten uns an und erklären uns, dass dies verboten sei. Man müsse eine andere Straße nehmen. Laut einer Stellungnahme der Regionalverwaltung des Gebiets Aqtöbe sei das Firmengelände jedoch nicht eingezäunt, und die Einwohner:innen der umliegenden Siedlungen hätten ungehinderten Zugang.
Die Fahrt nach Bäşenköl dauert aufgrund der unebenen Straße, die das Auto ständig durchschüttelt, etwa eine halbe Stunde. Geschwindigkeiten über 40 km/h sind in einem Pkw gefährlich.
Während der gesamten Fahrt begegneten wir nur wenigen Autos, weidendem Vieh und keinerlei Hinweisschildern. Unweit des Dorfes befinden sich die Anlagen der Ölgesellschaft Ada Oil, dahinter eine Anhöhe und eine große Schranke. Wir geben an, dass wir nach Bäşenköl fahren, woraufhin die Straße für uns freigegeben wird.
Die letzten zwölf Familien
Erst kurz vor dem Dorf taucht das rostende grüne Schild „Bäşenköl“ auf, neben einem Strommast – das einzige Zeichen der Moderne. Aus der Ferne könnte man meinen, es handele sich nur um ein paar vereinzelte Datschen. Doch es ist ein Dorf mit lediglich zwölf Familien.

Hier gibt es keine Straßen; man kann sich nur anhand der Autospuren im Sand fortbewegen. Überall liegen Ruinen, Überreste von Häusern, Kühen und Pferden. In der Nähe beladen zwei junge Männer einen Anhänger. Ihr Vater, Arman, schaut ihnen zu und hält ein kleines Mädchen im Pikachu-Kostüm auf dem Arm.
„Sie sehen den Zustand des Dorfes. Wir brauchen hier Gas. Ada Oil fördert hier Gas. Es gibt zwar eine ständige Wasserversorgung, aber sie sollten eine Straße nach Kenqiıaq bauen. Es gibt keine Schule. Wenn wir Kinder haben, schicken wir sie nach Saryköl oder Kenkiyak. Es gibt keine Busse dorthin. Strom ist alles, was wir hier haben. Deshalb zieht niemand hierher; sie wollen ihre Häuser nicht mit dem Ofen heizen müssen“, sagt er und blinzelt gegen den kalten Wind.

Arman wohnte in der Nähe und zog vor zwei Jahren hierher, um sein Vieh weiden zu lassen. Er besitzt nun sechs Kühe. „Früher war es ein wunderschönes Dorf. Doch als die Wirtschaftskrise begann, sind alle weggezogen. Wenn sie jetzt alles gut herrichten, werden die Leute zurückkommen“, glaubt er.
Auf die Ölförderung angesprochen, erklärt er, dass sie an die örtlichen Gegebenheiten gewöhnt seien und dass Ada Oil die Anwohner:innen nach Kräften unterstütze. „Sie stellen Leute ein. Sie liefern uns drei Tonnen Kohle pro Jahr. Wer Geräte oder einen Traktor für seinen Hof braucht, kann sich einen besorgen. Bei den Überschwemmungen halfen sie uns mit ihren Geräten, das Dorf am Laufen zu halten“, sagt er.

Dann nähert sich aus der Ferne der 65-jährige Edilhan, der hier geboren wurde und schwerfällig von einem Fuß auf den anderen tritt. Er trägt Arbeitskleidung der Ölgesellschaft. „Ich habe mein ganzes Leben lang mit Vieh gearbeitet. Sehen Sie, hier ist alles leer, es gibt nichts. Im Frühling und Herbst kann man unmöglich laufen, überall ist Matsch, und im Winter gibt es Schneestürme. Wenn man krank wird, kommt kein Krankenwagen. Man geht zu Ada Oil, die helfen einem“, sagt Edilhan lächelnd. „Das ist meine Heimat. Alle meine Nachkommen leben in Saryköl. Aber ich kann nicht weg. Das ist meine Heimat.“
Akim des Volkes
Makar Utegenov ist wohl die bekannteste Persönlichkeit in den Dörfern. Er war Akim (Bürgermeister, Anm. d. Ü.) von Kenqiıaq, heute ist er Landwirt und engagiert sich in der lokalen Zivilgesellschaft. Fast jeder Einwohner der Dörfer spricht über ihn und möchte lokale Angelegenheiten mit ihm besprechen.
Wir fahren zu seinem Hof, der zehn Minuten von Kenqiıaq entfernt mitten in der kargen Steppe liegt. Lastwagen und die Landarbeiter selbst stehen vor dem kleinen Haus, in dem sie wohnen. Einer von ihnen, ein älterer Mann in Arbeitskleidung, verabschiedet sich von Utegenov, da er „dringend zum Dienst“ müsse. Der ehemalige Akim winkt ihm freundlich zum Abschied.
Der 62-jährige Utegenov führt uns ins Wohnzimmer, wo er auf einem Sofa Platz nimmt, hinter dem ein großes, gesticktes Porträt seiner Eltern hängt. „Mein Vater hat sich nach seiner Pensionierung 1997 um den Hof gekümmert. Er starb fünf Jahre später, und ich habe nichts aufgegeben. Ich habe alles weiterentwickelt. Wir haben hier Kamele, Kühe, Widder, Schafe und Pferde. Alle möglichen Tiere“, sagt Utegenov, der fast sein ganzes Leben in der Öl- und Gasindustrie gearbeitet hat. „Jetzt ist es nur noch der Hof. Er reicht für die Familie. Ansonsten habe ich momentan keine Arbeit. Ich wurde aus dem Staatsdienst entlassen. Anscheinend fehlen mir die nötigen Qualifikationen für diesen Job.“
Utegenov wurde 2019 in einer Direktwahl zum Akim von Kenqiıaq gewählt. Anschließend veranlasste er die Asphaltierung der Straßen, die Sanierung baufälliger Gebäude, verabschiedete einen Flächennutzungsplan für das Dorf und legte neun Entwicklungsprogramme den Gebiets- und der Bezirksverwaltung vor. Diese fanden jedoch keine Unterstützung. 2023 wurde er seines Amtes enthoben.

In den sozialen Medien, insbesondere auf dem Kanal Prosto Jurnalistika („Einfach Journalismus“), kursiert eine Aufzeichnung von Utegenovs Bürgerversammlung, in der er die Anwesenden darüber informiert, dass die Bezirksverwaltung seine Initiativen nicht unterstützt. Die Menge war zu groß für das Gebäude, spendete aber dennoch Beifall. Salamat Amanbaev, der Akim des Bezirks Temir, saß in der Nähe und schüttelte nervös den Kopf.
„Die Einheimischen baten mich zu kandidieren, weil das Dorf völlig vernachlässigt worden war. Wäre ich einer von ihnen [den Verwaltungsbeamten, Anm. d. Ü.] gewesen und hätte einfach ihr Lied gesungen, hätten sie mich wohl kaum gefeuert“, sagt er, hält inne und blickt sich um. „Wissen Sie, ich hätte nie gedacht, dass unser öffentlicher Dienst so versagt. Korruption und Lügen sind allgegenwärtig. Es gibt keine Programme, gar nichts. Sie warten nur auf Befehle von oben. Niemand tut etwas.“
Der ehemalige Akim ist empört darüber, dass es im Dorf kein voll funktionsfähiges Krankenhaus gibt und dass das bestehende Krankenhaus aufgrund von Entlassungen zu einer „einfachen Sanitätsstation“ verkommen ist. „Alles konzentriert sich im Bezirkszentrum. Jeder soll dort behandelt werden, und wir müssen 125 Kilometer dorthin fahren (nach Şübarqüdyq, dem Zentrum des Bezirks Temir, zu dem auch Kenqiıaq gehört). Wir fahren hin, und dann heißt es: ‚Kommen Sie morgen wieder, es ist kein Arzt da.‘ So leben wir. Die Leute haben sich daran gewöhnt; es ist schon kaputt“, gibt er zu.
Utegenov spricht auch über den Wiederaufbau der Wasserversorgung des Dorfes, der unter seiner Leitung begann. Er sagt, er habe in jeder Phase kämpfen müssen, um sicherzustellen, dass die Arbeiten vorschriftsmäßig und nach modernsten Standards durchgeführt wurden. „Und wie sich herausstellte, war ich der Einzige, der all diese Fehlentscheidungen beanstandete“, fügt er hinzu.
Lest auch auf Novastan: Leben in der Monostadt
Die Unzufriedenheit mit dem Lebensstandard und den Investitionen in der Region hat wiederholt zu Protesten geführt. Die größten dieser Proteste fanden zur Zeit der Januar-Ereignisse statt, als Arbeiter eines Ölkonzerns die Arbeit niederlegten und die Anwohner:innen auf die Straße gingen.
Die Situation wurde von Utegenov, damals noch Akim des Dorfes, stabilisiert. Er sammelte die Forderungen der Demonstrierenden und legte sie zusammen mit anderen Aktivist:innen, darunter Ardak Kubaş, dem regionalen Akim Ondasyn Orazalin vor.
Utegenov äußert auch seine Bedenken hinsichtlich des Grundwassers im Kökjide. Er sagt, die Anwohner:innen hätten Vorschläge an den Akim des Gebiets Aqtöbe unterbreitet und Briefe an das nationale Unternehmen KazMunayGas geschrieben, aber „seit 35 Jahren hat niemand etwas unternommen“.
Lest auch auf Novastan: Jańatas – eine Reportage über eine kleine Stadt im Süden Kasachstans und seine EinwohnerInnen
„Können Sie sich das vorstellen? Sie wenden Säure-Fracking an und injizieren über tausend Tonnen verschiedener Lösungsmittel. Die Leitung ist mit schwarzem Wasser gefüllt. Was bedeutet das? Wir haben die Quelle verseucht. Und das hier war eine der saubersten Quellen der Region. Dieses Wasser lastet nun auf unserem Gewissen“, sagt Utegenov.
„Wissen Sie, ich bin der letzte Ölarbeiter in meiner Familie. Mein Vater war Ölarbeiter, ging in Rente und starb. Er arbeitete in einer Anlage, wo es Schwefelwasserstoff gibt – ein sehr gefährliches Gas ist. Es baut sich nicht ab, es verlässt den Körper nicht. Selbst wenn wir sterben, werden wir wahrscheinlich nicht verwesen. Wir werden nicht faulen, weil wir vollgestopft sind mit diesem Schwefelwasserstoff“, lacht der Aktivist. „Und testet irgendjemand unsere Gesundheit? Nein. Wozu auch? Chinesische Firmen kommen und machen, was sie wollen, weil sie die Erlaubnis von oben haben.“
Utegenov wirft einen Blick aus dem alten Fenster, wo das gelbe Gras, das sich bis zum Horizont erstreckt, im starken Steppenwind wiegt. „Es ist, als lebten wir in einem fremden Land. Niemand hört uns zu. Alle wollen weg. Aber wohin? Außer Nazarbaev. Der tritt zurück und lebt. Ihm ist es egal. Obwohl ich mich mit 80 nicht mehr so verstecken wollen würde. Das ist doch dumm“, fügt er hinzu.
Luftverschmutzung
Das Umweltamt des Gebiets Aqtöbe hat Luftverschmutzung und Schwefelwasserstoff-Emissionen in den Dörfern bestätigt. Laut dem stellvertretenden Direktor Talap Usnadin ist die Quelle aufgrund der Vielzahl an Betrieben jedoch schwer zu ermitteln. „Bei unseren Besuchen können wir den genauen Ursprung der Emissionen nicht bestimmen, da sich die Atmosphäre ständig verändert“, erklärt Usnadin.
Dennoch, fügt er hinzu, hätten die Unternehmen Abkommen mit der Gebietsverwaltung unterzeichnet, die sie verpflichten, Grünstreifen um die Dörfer anzulegen und ihre Gruben zu sanieren. „Denn die Emissionen stammen aus diesen Gruben, und wir haben uns eine Frist bis 2025/26 gesetzt, bis zu der das alles in den Gruben verbrannt werden soll“, so Usnadin.
Lest auch auf Novastan: Die Luft, die Kasachstan atmet
Die Unternehmen selbst bestreiten jedoch, die Normen zur Reinhaltung der Luft verletzt zu haben. CNPC-AktobeMunaiGas erklärt, die tatsächlichen Emissionen in der Anlage „Kenkiyakneft“ würden aufgrund von „Maßnahmen zur Minimierung der Auswirkungen der Produktionsaktivitäten auf die Atmosphäre“ zurückgehen.
„Kenkiyakneft führt regelmäßige Umweltmonitorings durch und spezialisierte Organisationen führen jährliche und vierteljährliche Messungen an den Grenzen von Wohngebieten in den Dörfern Kenqiıaq, Saryköl, Şubarşi und Qümsaı durch. Laut diesen Messungen überschreiten die Schadstoffwerte die zulässigen Höchstgrenzen nicht“, erklärt das Unternehmen.
Dasselbe berichtet Ada Oil. Das Unternehmen fügt hinzu: „Kenqiıaq und Şubarşi liegen etwa 18 Kilometer von den Produktionsanlagen des Unternehmens entfernt und befinden sich nicht in dessen Einflussbereich.“
Die Position der Unternehmen
Die Ölkonzerne, die in der Nähe des Kökjide-Sandmassivs tätig sind, glauben ausreichend für die Entwicklung der Region zu tun. „Es ist wichtig, ein objektives Bild der Rolle der Unternehmen zu fördern – nicht als Bedrohung, sondern als Partner des Staates und der lokalen Gemeinschaften, die die territoriale Entwicklung und die Nachhaltigkeit der sozialen Infrastruktur gewährleisten“, erklärt Joshi Deep Chandra, CEO von Ada Oil, auf Anfrage von Vlast.
CNPC-AktobeMunaiGas gibt an, dass der Steuerbeitrag des Unternehmens in der Region 58 Prozent erreicht habe und dass von 2020 bis 2024 9,9 Milliarden Tenge (circa 17,8 Millionen Euro) an den Haushalt des Bezirks Temir überwiesen worden seien. Im Rahmen seiner sozialen Verantwortung habe man im Laufe der Geschäftstätigkeit 44,7 Millionen US-Dollar gespendet und verfolge zudem eine Wohltätigkeitspolitik.
„Die Aktivitäten der Unternehmen zielen nicht nur auf die Entwicklung der Öl- und Gasindustrie ab, sondern auch auf die Aufrechterhaltung der sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Nachhaltigkeit der Region“, betont Ada Oil.
Lest auch auf Novastan: Was läuft falsch mit der Ökologie in Kasachstan?
Das Unternehmen fügt hinzu, dass es in der Region einen Kindergarten gebaut, umfangreiche Renovierungen an Bildungseinrichtungen durchgeführt, Wasserentnahmeanlagen wiederhergestellt, die Telekommunikationsinfrastruktur ausgebaut und auch Dörfer mit Kohle und Beleuchtung versorgt habe.
„Wenn die Unternehmen massenhaft ihre Aktivitäten einstellen, drohen der Region Arbeitsplatzverluste, geringere Staatseinnahmen und eine Verschlechterung der Infrastruktur“, heißt es weiter seitens des Unternehmens.
Samat Berdenov, Vizepräsident von KMK Munai, berichtete außerdem, dass rund 30 Prozent der Mitarbeiter des Unternehmens aus dem Bezirk Temir stammen. Das Unternehmen beschäftige etwa 275 Mitarbeiter, ohne die Angestellten externer Dienstleister. Die jährliche Ölproduktion betrage 56.000 Tonnen und werde in den drei Feldern Qümsaı, Mortyq und Kökjide gefördert.
„Im Rahmen unseres Vertrags überweisen wir Gelder an den lokalen Haushalt für die soziale Entwicklung der Region. Darüber hinaus leisten wir individuelle Hilfe: Auf Anfrage stellen wir Ausrüstung bereit; während der Überschwemmungen halfen wir beim Bau von Dämmen. Wir verteilen Neujahrsgeschenke und helfen Schulkindern aus benachteiligten Familien. Dies alles geschieht zusätzlich zu individuellen Spenden und Patenschaften“, so Berdenov.
Vlast hat Anfragen an alle Unternehmen gesendet, aber von Urikhtau Operating keine Antwort erhalten. KazakhOil Aktobe lehnte es ab, die Fragen zu beantworten.
Weitere Bilder im Originalartikel.
Almas Kaysar, Paolo Sorbello (Text) und Daniyar Musirov (Fotos) für Vlast
Aus dem Russischen von Robin Roth
Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei Twitter, Facebook, Telegram, Linkedin oder Instagram. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem wöchentlichen Newsletter anmelden.
Kökjide. Öl-Steppe – Was hat das Erdöl den Dörfern in der Region Aqtöbe gebracht?