Jedes weitere Dürrejahr in Zentralasien birgt das Potenzial für eine politische Krise. Experten warnen: Wenn die Länder Zentralasien ihre Wasserpolitik nicht reformieren, drohen ihnen bald ähnliche Wasserknappheit wie in Teheran. Und das, obwohl zum Beispiel Tadschikistan mit seinem Zugang zu den Gletschern des Pamir und seinen Quellflüssen eigentlich als wasserreich gilt.
Ende 2025 veröffentlichte das Zukunftsforschungsinstitut Nightingale Intelligence eine Studie mit alarmierenden Prognosen. Demnach droht den zentralasiatischen Metropolen eine massive Verschlechterung der Wasserversorgung, sollte es nicht zu raschen und umfassenden Reformen kommen.
Die Wasserversorgung der Region hängt maßgeblich vom Amudarja und vom Syrdarja ab, deren Zuflüsse aus den Gletschern des Pamir- und des Tian-Shan-Gebirges stammen. Seit den 1960er-Jahren haben diese Gletscher jedoch einen erheblichen Teil ihrer Masse verloren.
In der Folge werden die Flussläufe unberechenbarer – ein Risiko für die langfristige Wassersicherheit. Mindestens ebenso schwer wie der Klimawandel wiegt der ineffiziente Umgang mit Wasser in Landwirtschaft und Städten.
Das „Teheran-Szenario“
Sobir Kurbanov, Ökonom und Experte für internationale Entwicklung sowie Mitautor der Studie, beschreibt im Gespräch mit Asia-Plus das sogenannte „Teheran-Szenario“: einen drastischen Rückgang der Frischwasserversorgung in Städten.
„Dieses Szenario entsteht durch das Zusammenwirken mehrerer Faktoren – erschöpfte Wasserquellen, sinkende Zuflüsse in Stauseen, nicht nachhaltiger Verbrauch, marode Infrastruktur, hohe Verluste und eine rasante Urbanisierung ohne ausreichende Investitionen“, erklärt Kurbanov.
Noch herrschen in Städten wie Taschkent, Bischkek oder Duschanbe keine formellen Wasserengpässe. Doch die Kombination aus wachsender Nachfrage und maroder Infrastruktur macht sie anfällig für Störungen. In Duschanbe seien bereits viele Merkmale des „Teheran-Szenarios“ erkennbar, warnt der Experte.
Marode Netze, hohe Verluste
Ein Großteil der städtischen Wasserversorgungssysteme stammt noch aus der Sowjetzeit und wurde seitdem vor allem notdürftig repariert. Die Folge sind hohe Wasserverluste, häufige Rohrbrüche und eine ungleichmäßige Versorgung.
In Duschanbe äußert sich dies laut Kurbanov in sinkendem Wasserdruck, zunehmenden Störungen, schlechterer Wasserqualität und einer wachsenden Abhängigkeit einzelner Stadtteile von Wasserlieferungen per Lkw oder privaten Brunnen.
Hinzu kommt der hohe Verbrauch: In Taschkent liegt der tägliche Pro-Kopf-Verbrauch bei 230 bis 270 Litern, in Spitzenzeiten sogar bei bis zu 400 Litern. In europäischen Städten mit vergleichbarem Lebensstandard sind es im Schnitt 140 bis 150 Liter.
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Gleichzeitig gehen in Tadschikistan schätzungsweise 20 bis 38 Prozent des Wassers bereits während der Verteilung verloren – möglicherweise sogar mehr, da verlässliche Messsysteme fehlen. Zum Vergleich: In Europa gelten 25 Prozent als Durchschnitt, Spitzenwerte liegen bei 10 bis 12 Prozent.
Management statt Mangel
Die Studie kommt zu dem Schluss, dass technische Verluste und hoher Verbrauch Symptome eines tiefer liegenden Problems sind: eines ineffizienten Wassermanagements. Das bestehende System basiert weitgehend auf sowjetischen Strukturen, die für stabile klimatische Bedingungen und zentrale Planung konzipiert waren.
Heute sind die Wasserbehörden dauerhaft unterfinanziert, Tarife decken die tatsächlichen Kosten nicht, Investitionen bleiben aus. Daneben fehlt es an umfassender Kontrolle über Wasserentnahmen und Verluste.
„Tadschikistan bewegt sich auf eine Krise zu, selbst ohne formale Reduzierung der Wasserressourcen“, sagt Kurbanov. Ursache seien hohe Verluste, mangelhafte Zählersysteme, fehlende Sparanreize und eine unzureichende Koordination zwischen Wasser-, Energie- und Stadtentwicklungspolitik.
Landwirtschaft als Hauptverbraucher
Besonders deutlich werden die Defizite in der Landwirtschaft, die 80 bis 90 Prozent der Wasserentnahmen in Zentralasien ausmacht. Noch immer dominieren offene Kanäle und Schwerkraftsysteme, bei denen bis zu 40 Prozent des Wassers durch Versickerung und Verdunstung verloren gehen.
Die Folgen sind sinkende Grundwasserspiegel, Bodenversalzung und geschädigte Ökosysteme – Prozesse, die bereits im Aralseebecken sichtbar sind und langfristig auch Städte betreffen werden.
In Tadschikistan zeigt sich Wasserknappheit vor allem im ländlichen Alltag. Jede Verringerung des Bewässerungswassers wirkt sich unmittelbar auf Einkommen, Stromversorgung und Lebensbedingungen aus.
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Die Lage an den Quellgebieten wichtiger Flüsse verschafft Tadschikistan laut Kurbanov das Potenzial, eine führende Rolle im regionalen Wassermanagement zu übernehmen – vorausgesetzt, es gelingt eine koordinierte Steuerung von Wasser-, Energie- und Bewässerungssystemen.
Abwanderung aus ländlichen Regionen
Die Studie warnt zudem vor den sozialen Folgen der Wasserknappheit. Sinkende Erträge und Einkommen führen zu einer schleichenden Abwanderung aus ländlichen Regionen – zunächst saisonal, später dauerhaft. Der Druck auf die Städte wächst dadurch weiter.
Ein Beispiel ist der Bezirk Ascht in der Region Sughd, bekannt für seine Aprikosenplantagen. Dort hat der Mangel an Bewässerungswasser bereits existenzielle Folgen. Der Rückgang des Wasserflusses im Fergana-Kanal sowie marode Pumpanlagen aus Sowjetzeiten verschärfen die Lage.
Wasser und Strom – ein doppeltes Risiko
Mehr als 80 Prozent des Stroms in Tadschikistan stammen aus Wasserkraft. Sinkende Wasserstände wirken sich daher direkt auf die Energieversorgung aus. Schneearme Winter führen zu Stromrationierungen, da Wasser in Stauseen zurückgehalten werden muss. „Wasser, Strom, Bewässerung und Trinkwasserversorgung hängen alle von derselben hydrologischen Basis ab“, betont Kurbanov.
Spannungen mit Anrainerstaaten
Zusätzliche Unsicherheit bringt der Bau des Kosh-Tepa-Kanals in Afghanistan, der künftig bis zu zehn Kubikkilometer Wasser jährlich aus dem Amudarja ableiten könnte. Dies entspricht rund einem Drittel seines aktuellen Abflusses und verschärft die Spannungen zwischen den Anrainerstaaten.
Besonders Usbekistan könnte betroffen sein, dessen Bewässerungssysteme stark vom Amudarja abhängen. Für Tadschikistan liegen die Risiken laut Kurbanov weniger in der Wassermenge als in politischen und systemischen Folgen.
Noch ist es nicht zu spät
Die Autoren der Studie betonen: Das „Teheran-Szenario“ ist kein Schicksal, sondern das Resultat von Untätigkeit. Notwendig seien Investitionen in Infrastruktur, die Reduzierung von Verlusten, Reformen in der Landwirtschaft und eine faire Wasserökonomie mit klaren Tarifen und Verantwortlichkeiten. Ob Zentralasien den vorherigen Kurs noch korrigieren kann, hängt davon ab, wie schnell Worten konkrete Maßnahmen folgen.
Aliya Khamidullina für Asia-Plus
Aus dem Russischen von Margaret Bullich
Was passiert, wenn die Wasserressourcen Zentralasiens knapp werden?