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Die Orgel zwischen zwei Welten: eine kasachische Geschichte eines europäischen Instruments

Die Orgelkultur in Kasachstan ist ein junges, aber eindrucksvolles Phänomen. Erst in den 1960er-Jahren entstanden, entwickelte sie sich dank einzelner Enthusiasten, einiger weniger Orgeln im Land und Musikerinnen, für die die Orgel zur Lebensaufgabe wurde. Eine von ihnen ist Saltanat Abilkhanova, DAAD-Stipendiatin, die ihre Ausbildung in Leipzig abschloss und anschließend in ihre Heimat zurückkehrte, um europäisches Erbe mit kasachischer musikalischer Identität zu verbinden. In ihrem Spiel erklingt die Orgel nicht nur als Stimme der europäischen Tradition, sondern auch als Raum persönlicher Erinnerung, spiritueller Erfahrung und kulturellen Dialogs zwischen Zentralasien und Europa.

Die Organistin Saltanat Abilkhanova, Photo: privat

Die Orgelkultur in Kasachstan ist ein junges, aber eindrucksvolles Phänomen. Erst in den 1960er-Jahren entstanden, entwickelte sie sich dank einzelner Enthusiasten, einiger weniger Orgeln im Land und Musikerinnen, für die die Orgel zur Lebensaufgabe wurde. Eine von ihnen ist Saltanat Abilkhanova, DAAD-Stipendiatin, die ihre Ausbildung in Leipzig abschloss und anschließend in ihre Heimat zurückkehrte, um europäisches Erbe mit kasachischer musikalischer Identität zu verbinden. In ihrem Spiel erklingt die Orgel nicht nur als Stimme der europäischen Tradition, sondern auch als Raum persönlicher Erinnerung, spiritueller Erfahrung und kulturellen Dialogs zwischen Zentralasien und Europa.

Der Artikel ist Teil der Interviewreihe „Kasachische Musizierende: auf den Spuren des europäischen Erbes“

Frau Abilkhanova, wie lässt sich die Orgelkultur in Kasachstan beschreiben? Wie kam dieses Instrument überhaupt in ein Land, das man nicht mit der europäisch-christlichen Kirchenkultur verbindet?

Die Orgelkultur in Kasachstan ist tatsächlich sehr jung. Das erste Instrument wurde 1967 installiert – eine zweimanualige Orgel [ein Orgelinstrument mit zwei Klaviaturen für unterschiedliche Register und Klangfarben, Anm. d. Autorin] der Orgelbaufirma Alexander Schuke aus Potsdam [gegründet 1820 gehört sie zu den bedeutenden deutschen Orgelbauwerkstätten und ist für hochwertige Konzert- und Kirchenorgeln international bekannt, Anm. d. Autorin] für das Konservatorium in Almaty. Kurz darauf entstanden die ersten Unterrichtsklassen, es kamen Studierende, später Abonnementkonzerte. Man kann sagen, dass damit eine völlig neue, für die Region ungewohnte musikalische Tradition eingeführt wurde.

Eine herausragende Rolle spielten die bedeutenden sowjetischen Komponisten Quddys Qojamiıarov und Erkeğali Rahmadiev. Sie wandten sich in den Sowjetjahren an das Moskauer Konservatorium und baten um einen Orgellehrer. So kam Vladimir Tebenihin nach Kasachstan – ein brillanter Organist und Pianist, dessen pädagogisches Vermächtnis trotz seines kurzen Lebens bis heute wirkt. Ein weiterer bedeutender Organist ist Gabit Nesipbaev, seit 1987 Solist der Staatlichen Kasachischen Philharmonie und mein Lehrer. Er hebt besonders die außergewöhnliche Virtuosität von Vladimir Tebenihin hervor – etwas, das über Musiker nur selten gesagt wird.

Warum haben Sie sich gerade für die Orgel entschieden – ein in Ihrer Region sehr seltenes Instrument?

Alles begann mit einer Schallplatte, die meine Mutter per Post bestellte. Es handelte sich um eine Aufnahme der legendären Organistin Evgenia Lisitsyna aus dem Dom zu Riga. Ich war vier Jahre alt, als ich zum ersten Mal diese Musik hörte. Dieser Klang hat mich völlig in seinen Bann gezogen. In meiner Heimat gab es keine Orgel, und um sie studieren zu können, musste ich ans Konservatorium.

Nach dem frühen Tod meiner Mutter – ich war damals neunzehn – wurde die Orgel zu meiner inneren Stütze. Musik half mir, diese schwere Zeit zu überstehen. So hat sich mein Weg endgültig entschieden.

Man bezeichnet Sie oft als die erste professionelle Organistin Kasachstans. Stimmen Sie dem zu?

Nicht ganz. Vor mir gab es großartige Musiker und Pädagogen. Vielleicht nennt man mich so, weil ich eine deutsche Ausbildung habe, international auftrete und als Jurorin bei Wettbewerben eingeladen werde. Aber Orgelkultur ist ein kollektives Werk – jede einzelne Person ist dafür wichtig.

Spüren Sie in Ihrem Spiel die Verbindung zwischen kasachischer Schule und deutscher Tradition?

Es sind zwei unterschiedliche pädagogische Welten, die ein Organist gleichzeitig in sich trägt. In Kasachstan arbeiten wir äußerst akribisch, Maß für Maß. In Deutschland herrscht mehr Selbstständigkeit, mehr Vertrauen in den Lernenden.

Doch das Grundprinzip ist überall gleich: Ein Lehrer muss Liebe zum Instrument vermitteln. Diese Liebe habe ich sowohl in Kasachstan als auch in Deutschland erfahren – und heute verschmelzen beide Traditionen in meinem Spiel ganz natürlich.

Welche deutschen Lehrer haben Sie am stärksten geprägt und warum?

Ich hatte das Glück, außergewöhnlich leidenschaftliche Menschen zu treffen – solche, deren Augen leuchten, wenn sie über die Orgel sprechen. Dazu gehören Ullrich Böhme, Christoph Krummacher, Hans Davidsson, Michael Radulescu, Martin Sander. Jeder von ihnen hat mir etwas Eigenes mitgegeben: ein Gehör für Nuancen, ein Stilverständnis, Disziplin und künstlerische Freiheit.

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Auch die Orgelbauer Matthias Schuke sowie Gerd und Stephan Mayer haben mich sehr unterstützt. Große Förderung erhielt ich auch von Galina Nurtazinova aus der Deutsch-Kasachischen Gesellschaft. Es gab Momente der Verzweiflung im Studium, doch dank dieser Menschen habe ich weitergemacht.

Wann kam die Orgel nach Astana, in die neue Hauptstadt des Landes?

Im Jahr 2005. Es handelte sich um eine große Konzertorgel der Firma „Hugo Mayer“ [gegründet 1952 im Saarland zählt sie zu den renommierten deutschen Werkstätten und ist für hochwertige Konzert- und Kirchenorgeln bekannt]. Die Montage dauerte rund drei Monate, danach folgte eine lange Intonationsphase. Dieses Instrument wurde zum Zentrum der modernen Orgelkultur Astanas. Gleich nach seiner Installation organisierten wir das erste internationale Orgelfestival – das Interesse war enorm, der Saal überfüllt. Beim Festival traten der deutsche Organist Johannes Unger [bekannter Konzertorganist und Kirchenmusiker in Deutschland, langjähriger Organist am Dom zu Brandenburg und international als Solist sowie Ensemblespieler tätig, Anm. d. Autorin], Gabit Nesipbaev mit seinem Sohn sowie ich selbst auf.

Wie viele Orgeln gibt es heute in Kasachstan?

Sehr wenige. Einige Instrumente stehen in katholischen Klöstern oder älteren Sälen, doch viele davon sind nur teilweise funktionstüchtig oder zu klein für große Konzerte. Anders als in Europa, wo Orgeln Teil des kulturellen Alltags sind, ist bei uns jede neue Installation ein Ereignis.

Wie reagiert das kasachstanische Publikum auf Orgelmusik? Hat sich das im Laufe der Zeit verändert?

Das Interesse war immer da. Menschen kommen nicht aus Neugier, sondern aus innerem Bedürfnis. Sie erleben starke Emotionen – manche weinen, manche meditieren, manche finden geistige Klarheit.

Besonders gefragt ist die Musik Bachs. Seine Werke werden buchstäblich bestellt. Das Publikum ist altersmäßig vollkommen durchmischt. Und erstaunlich ist, dass selbst lange Programme, die ausschließlich aus Bach bestehen, mit großer Aufmerksamkeit gehört werden.

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Früher habe ich mir gelegentlich Gedanken über die Reaktion des Publikums gemacht – schließlich ist Kasachstan kein Orgel-Land. Doch das Interesse war immer da: Die Menschen kommen, und es kommen auch neue Zuhörer hinzu. Die Orgel findet hier also spürbaren Widerhall und genießt ihre eigene Popularität.

Kann man sagen, dass das Interesse an der Orgel in Kasachstan gerade deshalb so groß ist, weil dieses Instrument selten ist?

Bis zu einem gewissen Grad – ja. Für das kasachstanische Publikum bleibt die Orgel ein „fremder“ Klang, und gerade deshalb wächst das Interesse noch stärker. Die Menschen fragen, wann das nächste Konzert stattfindet, lassen sich vormerken, warten auf Ankündigungen – ein deutliches Zeichen dafür, dass diese Kunstform lebendig wirkt. Für viele bleibt das Instrument mystisch, beinahe sakral.

Die Orgel ist in Europa eng mit kirchlicher Tradition verbunden. Spielt das in Kasachstan eine Rolle?

Ich glaube, hohe Kunst kennt keine religiösen Grenzen – sie entsteht aus Liebe. Die Orgelkultur entsteht natürlich zunächst innerhalb der Kirche – so war es in Europa, und so war es auch bei uns.

Doch das Instrument selbst ist längst über den liturgischen Rahmen hinausgewachsen. In Kasachstan erklingt die Orgel heute sowohl in lutherischen und katholischen Kirchen als auch in säkularen Konzertsälen. Und überall wird sie gleich wahrgenommen – als Musik, die einen inneren Raum für Reflexion schafft.

Spürt man Unterschiede zwischen Konzerten in Kirchen und in Konzertsälen?

Ein Konzert in der Kirche bedeutet stets eine tiefere Konzentration, ein anderes, intensiveres Eintauchen. Im Konzertsaal ist das Erlebnis etwas anders: lebhafter, offener.

In der evangelisch-lutherischen Kirche in Astana steht beispielsweise eine Orgel der Firma Martin & Coate aus dem Jahr 1883, die einst aus England hierhergebracht wurde [Martin & Coate war eine im 19. Jahrhundert in Oxford aktive Orgelbauwerkstatt, vor allem für Restaurierungen und Umbauten bekannt, Anm. d. Autorin]. Wenn wir dort spielen, spürt man sofort die besondere Atmosphäre des Raumes. Ein ebenso außergewöhnliches Publikum erleben wir in der Kathedrale von Qarağandy, wo eine bemerkenswerte Orgel der österreichischen Firma Pflüger steht [österreichische Orgelbauwerkstatt des 20. Jahrhunderts, bekannt für hochwertige Pfeifenorgeln, die vor allem in Kirchen in Österreich und der Schweiz installiert wurden, Anm. d. Autorin]. Diese Firma existiert übrigens heute nicht mehr und die Orgel klingt wie eine seltene Stimme aus der Vergangenheit.

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Die Menschen dort sind von beeindruckender Herzlichkeit: Nach den Konzerten sagen sie so viele warmherzige Worte, dass ich mich jedes Mal wie zu Hause fühle. Die Vertreter dieser Kirchen betonen immer wieder, dass ich die Kirche als mein zweites Zuhause betrachten und jederzeit kommen könne. Das berührt mich sehr, denn in unserer schwierigen Zeit ist Musik wohl eine der wenigen Künste, die Menschen zusammenführt, sie gütiger und mitfühlender macht. Man kann sagen: In den Kirchen tauchen die Menschen noch tiefer in diese Musik und in diesen Zustand ein.

Unterscheidet sich die Reaktion des europäischen Publikums?

Nicht wirklich. In Deutschland baten manche mich, länger zu spielen; viele wollten Autogramme. In der Slowakei wurde ich nach einer Dankesrede auf Deutsch mit großer Wärme empfangen. In Spanien – wo Solokonzerte für Orgel weniger üblich sind – standen die Menschen auf und warteten auf mich. Das war überwältigend.

In Kasachstan gibt es natürlich keine Orgelspezialisierung. Aber in den 16 Jahren, die ich hier arbeite, haben wir ein treues Publikum aufgebaut, das mir schreibt und fragt: „Wann findet das nächste Orgelkonzert statt?“ Die Leute kommen zu mir und sagen: „Ich habe mich bis zum nächsten Konzert aufgeladen und warte schon auf das nächste.“ Derzeit sind unsere Konzerte regelmäßig bis auf den letzten Platz gefüllt. Deshalb freue ich mich sehr und beginne zu glauben, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Denn der strengste Kritiker ist am Ende unser Publikum.

Sie spielen auch kasachische Werke im Ausland. Wie reagiert das Publikum darauf?

Mit Begeisterung. Als ich in Spanien traditionelle kasachische Melodien wie „Aittym salem, Kalamkas“ [„Ich sende dir meinen Gruß, Kalamkas“] oder „Kösimnin karassy“ [„Die Pupille meines Auges“] spielte, sagten Zuhörer, sie sähen vor ihrem inneren Auge sofort die Steppe und galoppierende Pferde [Beide Lieder stammen von Abaı Qunanbaev, dem bedeutendsten kasachischen Dichter, Komponisten und Denker. Es handelt sich in beiden Fällen um lyrische Liebesromanzen, Anm. d. Autorin].

Nationale Musik entfaltet sich auf der Orgel überraschend kraftvoll – und die Bilder sprechen die Menschen unmittelbar an. Es gibt zum Beispiel das bemerkenswerte kasachische Werk „Tilep“, das auf der Orgel zusammen mit vier Qobys-Spielern aufgeführt wird [„Tilep“ ist ein Werk, das auf der Musiktradition des kasachischen Qobys-Meisters Tіlep Aspantaiuly basiert, Anm. d. Autorin]. Der Qobys gilt als meditativer Klangträger, während die Orgel oft als „Stimme Gottes“ bezeichnet wird. Diese Kombination der Instrumente klingt äußerst ungewöhnlich und faszinierend.

Ich versuche deshalb bewusst, kasachische Werke in meine Programme aufzunehmen. Jetzt möchte ich Sammlungen kasachischer Werke in Orgelbearbeitung vorbereiten.

Was ist notwendig, um die Orgelkunst in Kasachstan weiterzuentwickeln?

Mehr große Konzerte, die Möglichkeit, internationale Organisten einzuladen, damit das Instrument nicht verstummt. Und eine solide Ausbildung: Heute wird die Orgel nur als Pflichtfach für Pianisten unterrichtet. Für eine echte Orgelschule in Kasachstan braucht es eine eigene Fachrichtung, eine jahrelange konsequente Ausbildung.

Wie schwierig sind internationale Austauschprogramme?

Mit Europa – teuer. Mit Russland – einfacher. Ich würde sehr gern wieder Studierende nach Deutschland bringen, aber die Kosten für Reisen sind eine große Hürde. Wenn es Stipendien gäbe, wäre das ein enormer Impuls.

Und zuletzt: Wie würden Sie Ihre künstlerische Identität beschreiben?

Ich bin Kasachin – das ist meine Sprache und Kultur. Aber innerlich fühle ich mich manchmal, als hätte ich in früheren Zeiten gelebt – im vorrevolutionären Russland oder irgendwo in Europa, in einer Epoche, in der die Orgel selbstverständlich war. Nationale kasachische Klänge rühren mich tief, doch die Orgel ist für mich ein Klangraum zwischen den Welten. Vielleicht spiele ich heute so, wie ich spiele, weil ich in einem anderen Jahrhundert schon einmal neben diesem Instrument gestanden habe.

Das Interview führte Nurgul Adambayeva für Novastan

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