30 Jahre Hand in Hand – Über das Unternehmen „Dschawoni“ in Tadschikistan

Anfang der 90er Jahren, als in Tadschikistan der Bürgerkrieg tobte, nahm ein italienischer Investor Geld in die Hand, um ein gemeinsames tadschikisch-italienisches Unternehmen zu gründen. Wir erzählen die Geschichte dieser ungewöhnlichen Kooperation.

Am 9. Oktober 1992, als in den südlichen Regionen Tadschikistans ein heftiger Bürgerkrieg tobte und fast alle Industriebetriebe des Landes lahmgelegt wurden, wurde in der im Norden des Landes gelegenen Stadt Chudschand ein Unternehmen gegründet und beim Finanzministerium registriert. Dschawoni (tadschikisch für „Jugend“) – so der Name des Unternehmens – entstand auf der Grundlage der der vom italienischen Jeans-Hersteller Carrera finanzierten Aktiengesellschaft „Abreschim“ und war dabei das erste tadschikisch-italienische Gemeinschaftsunternehmen in der Geschichte der Republik.

Die lokalen Behörden teilten dem Unternehmen etwa sechs Hektar Land für den Bau einer Fabrik zu. Und auch die Gründer wussten sicherlich, dass sie die gewünschten Ergebnisse erzielen werden, wenn sie die Produktion und Organisation nach neuen Regeln und Methoden sowie mit kreativem Denken gestalten würden.

Hersteller mit Tradition

Bereits 1965 hatten die drei Brüder Imerio, Tito und Domenico Tacchella ihr Unternehmen in der italienischen Provinz Verona gegründet. Sie nannten es „Carrera“, was auf Spanisch „Streben nach Erfolg“ bedeutet. Von den ersten Tagen an stellten sich die Gründer die Aufgabe, Waren in bester Qualität herzustellen, welche den Anforderungen der Zeit entsprechen.

Das italienische Unternehmen entschied sich nicht zufällig für Abreschim. Schließlich ist Tadschikistan einer der führenden Produzenten von Rohbaumwolle in Zentralasien. Insbesondere die in Tadschikistan gefertigte feinstapelige Baumwolle ist auf dem Weltmarkt sehr gefragt.

Darüber hinaus war Abreschim bereits vor dem Einstieg der Italiener eines der ältesten namhaften Industrieunternehmen in Tadschikistan und ganz Zentralasien. Hier arbeiteten in den 70er Jahren mehr als 6000 Arbeiter:innen und ihre Produkte, insbesondere Garne und Strickwaren, wurden in alle Sowjetrepubliken sowie ins Ausland exportiert. Das Unternehmen beschäftigte Ingenieur:innen und Technolog:innen mit Abschlüssen aus Moskau, Taschkent, Iwanowo, Kiew und Charkiw.

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Zum Seidenkombinat (so der frühere Name von Abreschim) gehörte zu Sowjetzeiten eine Berufsschule, die das Personal unterhalb der Führungsebene ausbildete. Entsprechend hatte auch das neue Unternehmen praktisch keine Personalprobleme. Darüber hinaus ermöglichten die relativ günstigen Arbeitskräfte, Waren zu niedrigen Preisen zu produzieren. So wurde die neue Fabrik an der Dschawoni-Straße in Chudschand errichtet. Hauptaktionär ist das Unternehmen selbst (mit 93 Prozent), 7 Prozent der Anteile werden von der Weltbank gehalten.

1995 brachte das Unternehmen seine ersten Produkte unter der Marke „Carrera SPA“ auf den Markt. Um die Vollständigkeit der hergestellten Waren zu verbessern und ihre hohe Qualität zu gewährleisten, ist Dschawoni außerdem eine Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen wie Ponte Melini oder Diadora eingegangen.

Von Tadschikistan in die Welt

Heute ist Dschawoni ein beständig in Tadschikistan tätiges Unternehmen, das sich mit der Verarbeitung von Baumwollfasern sowie der Herstellung und dem Verkauf von Baumwollgarnen, Stoffen und Kleidungsstücken befasst. Die hergestellten Produkte sind von hoher Qualität und die Vielfalt des Sortiments ermöglicht es, auf dem Markt mit bekannten Marken zu konkurrieren. „Aber die Hauptlinie sind Jeans – Denim und Color Jeans, die in Tadschikistan produziert werden“, erklärte Firus Jusupow, Außenhandelsleiter des Unternehmens, im Dezember 2018 gegenüber dem tadschikischen Nachrichtenportal Asia-Plus.

Laut Jusupow werden die in Tadschikistan hergestellte Waren über offizielle CARRERA Stores sowie über Multibrand Stores in Europa und Amerika verkauft. In Tadschikistan gibt es hingegen nur einen einzigen Laden in der Hauptstadt Duschanbe. „Hauptabnehmer von Carrera sind Menschen, die das ökologische Naturprodukt aus Baumwolle und seine natürlichen Behandlungen schätzen. Daher verkaufen sich die Produkte gut in europäischen Ländern“, so der Außenhandelsleiter weiter.

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„Unsere Fabrik exportiert jährlich Jeans im Wert von mehr als 20 Millionen Euro nach Europa“, merkt Jusupow an. „Uns, Herstellern und Unternehmern, fehlen der Esprit und Optimismus. Unsere Produzenten […] könnten von speziellen Programmen zum Schutz einheimischer Produzenten profitieren. Natürlich braucht es Steuer- und Zollvergünstigungen, die wir in unserem Land haben. Aber aus Effizienzgründen müssen wir auch spezielle Zölle für die Einfuhr ausländischer Waren einführen.“

Neue Managementmethoden

Einer der Schlüsselfaktoren für das erfolgreiche Funktionieren des Unternehmens ist nach Ansicht von Expert:innen die Anwendung neuer Managementmethoden. Dschawoni gab von Anfang an alte stereotype Managementmethoden auf. Führungskräfte begannen, eine linear-funktionale Managementstruktur zu verwenden, nach der es keine Vermittler:innen zwischen ihnen und Untergebenen gibt. Der Direktor wird vom Stiftungsrat in seine Position berufen.

Charakteristisch für das Unternehmen ist, dass sich der Generaldirektor sowohl mit Fragen der Finanzverwaltung als auch der Produktion befasst, da er ein Spezialist auf diesem Gebiet ist. Der Generaldirektor hat Assistent:innen, die für die Qualität der Produkte verantwortlich sind. Jeder Produktionsstandort hat seine eigenen Vorgesetzten, die gegenüber dem Generaldirektor oder durch deren Assistent:innen rechenschaftspflichtig sind.

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Dschawoni verfügt über sechs Werkstätten: eine Spinnerei, eine Weberei, eine Näherei, eine Färberei, die Nasswärmebehandlung sowie eine technische Abteilung. In jeder Werkstatt fällt im technologischen Prozess Abfall (Fehlproduktion) an, der aber auf ein Minimum reduziert und teilweise auf dem heimischen Markt verkauft wird. Das Unternehmen investiert in mehrere Baumwollfarmen in den Bezirken Spitamen, Safarobod und Mastchoh. Nach der Ernte transportieren sie die Baumwolle mit ihren eigenen Fahrzeugen nach Chudschand, sodass Transportkosten gespart werden.

Internationale Förderung

Im Jahr 2003 wurde Dschawoni von der Internationalen Finanz-Corporation (IFC)  ein Vorzugsdarlehen zur Unterstützung des Privatsektors in Schwellenländern in Höhe von 3 Millionen US-Dollar zugesagt. Mit dem Geld sollte die technologische Ausrüstung modernisiert werden, was – infolge der Einführung neuer Produktionslinien – nach Schätzungen der IFC zu einem Anstieg der Beschäftigtenzahl um 3500 Personen hätte führen können. Darüber hinaus könnte das Unternehmen bei rationeller Verwendung der zugewiesenen Mittel jährlich 15 Millionen US-Dollar erwirtschaften.

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„Das Unternehmen Dschawoni arbeitet nach europäischen Standards, und das ist großartig in Tadschikistan – ein Land, das noch nicht lange unabhängig ist und dessen Wirtschaft von Anfang an mit zahlreichen Schwierigkeiten konfrontiert ist“, stellte der stellvertretende IFC-Direktor Assad Jabr damals gegenüber Radio Ozodi fest.

Ob Dschawoni das zugesagte Geld letztendlich auch erhalten hat und wie es verwendet wurde, mochten uns aber weder der Pressedienste des Unternehmens selbst noch die Stadt Chudschand oder die Verwaltung der Provinz Sughd beantworten.

Stabiler Absatzmarkt

Wie das tadschikische Ministerium für Industrie und neue Technologien auf Anfrage von Novastan mitteilte, beschäftigte Dschawoni zum 1. Oktober 2021 756 Personen. Dabei habe das Unternehmen in den ersten neun Monate dieses Jahres 313,4 Tonnen Baumwollgarn produziert. Das seien 18 Tonnen mehr als im Vorjahresvergleich. Darüber hinaus sei Baumwollgewebe im Umfang von 1,35 Millionen Metern hergestellt worden, welches für den Bedarf des Unternehmens verwendet werde. Im genannten Zeitraum seien Textilien und Kleidungsstücke im Wert von 29,58 Millionen Somoni (ca. 3 Millionen US-Dollar) hergestellt worden. Die jährliche Produktionskapazität der Spinnerei von Dschawoni liege bei bis zu 2000 Tonnen Rohbaumwolle. Im Jahr 2020 habe diese Werkstatt 770 Tonnen Baumwollgarn produziert.

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Wie das russische Auslandsmedium Sputnik berichtet, seien nach offiziellen Angaben über 100 derartige Fabriken in Tadschikistan tätig, die mehr als 100.000 Tonnen Baumwollfasern produzieren. Davon würden aber nur etwa 20.000 Tonnen pro Jahr in Tadschikistan weiterverarbeitet werden. Zu diesen verarbeitenden Unternehmen gehört unter anderem SATN – ein weiteres Unternehmen, das „CARRERA SPA“ 2001 in Chudschand eröffnet hatte. Dessen Hauptprofil liegt in der Herstellung von Textilien wie Hosen, Shorts, Hemden und Jacken aus Denim. Zum 1. Oktober 2021 beschäftigte SATN nach Angaben des Industrieministeriums 600 Personen.

Laut Akmalschon Scharipow, einem leitenden Angestellten der Abteilung für Leichtindustrie und Seide des Industrieministeriums, ist einer der Faktoren für das erfolgreiche Funktionieren des Unternehmens das Vorhandensein eines stabilen Absatzmarktes. „Wenn wir die Aktivitäten von Unternehmen und Firmen aus wirtschaftlicher Sicht betrachten, dann hängt dies von der Marktlage, der Wirtschaftskrise und anderen Faktoren ab, die den Produktionsprozess beeinflussen. Trotz der Schwierigkeiten während der COVID-19-Pandemie konnte das Unternehmen Dschawoni 2,7 Millionen medizinische Masken herstellen und nach Italien liefern“, erklärte der Beamte gegenüber Novastan.

Eine Erfolgsgeschichte

Nach Angaben des Wirtschaftsbeobachters Negmatullo Mirsaidow wurden Anfang der 90er Jahre in Tadschikistan mehrere moderne Industrieunternehmen aufgebaut, die mit moderner Technologie arbeiteten. Dschawoni sei eines davon. „Sie hatten eine klare Strategie. Der ausländische Partner wusste genau, in was er investieren, was er produzieren und wo er verkaufen sollte. Das Geheimnis der Langlebigkeit und des Erfolgs von Dschawoni ist, dass das Unternehmen von Anfang an exportorientiert war. Der Hauptinvestor, das italienische Unternehmen Carrera, garantierte den Verkauf der Produkte. Dschawoni ist seit drei Jahrzehnten erfolgreich tätig, auch weil seine Produkte dank der Verwendung der Marke des Partners, die im Fachhandel ein hohes Ansehen genießt, dem harten Wettbewerb standhalten“, erklärt der Experte gegenüber Novastan.

Negmatullo Mirsaidow [legend]
Negmatullo Mirsaidow

Das Joint Venture Dschawoni ist ein anschauliches Beispiel für die Praxis der fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Wirtschaftsunternehmen verschiedener Länder. Es könnte zum Aufstieg Tadschikistans zu einem Land mit günstigem Investitionsumfeld beitragen. Da Dschawoni profitabel ist, der Staatskasse hohe Steuern einbringt und somit dringend notwendiges ausländische Kapital in die Republik gelangt, versuchen die Behörden, das Unternehmen zu unterstützen. So wird das Unternehmen beispielsweise trotz ständig wiederkehrender Energieknappheit kontinuierlich mit Strom versorgt. Die Produkte des Unternehmens gelten als Aushängeschild des Landes und werden in Ausstellungen auf verschiedenen Ebenen präsentiert.

Aziz Rustamov für Novastan

Aus dem Russischen von Robin Roth

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