Samarkand

„Und woher kommst du so?“ Wie man nach Usbekistan zieht, ohne enttäuscht zu werden

Einmal nach Zentralasien, und nicht wieder zurück? Drei Familien, die nach Usbekistan ausgewandert sind, erzählen von Vorteilen, Stereotypen, und Schwierigkeiten im usbekischen Alltag. Der Artikel erschien am 8. Februar 2021 bei Hook, wir übersetzen ihn in gekürzter Form mit freundlicher Genehmigung.

Neue Heimat: Usbekistan

Lange Zeit war Usbekistan ein ziemlich verschlossenes Land mit starrem Regime, doch in den letzten Jahren hat sich die Situation deutlich verbessert. Reformen des Finanz- und Steuersystems haben das Investitionsklima positiv beeinflusst. So erachten bereits heute einige internationale Firmen die Region als vorteilhaften Wirtschaftsstandort. Doch es fehlen hochqualifizierte Arbeitskräfte. Die Nachfrage an Führungspersonen, ManagerInnen, GeologInnen, IngenieurInnen, sowie Öl- und GasarbeiterInnen ist besonders groß. Die Gesetzgebung fördert daher seit einigen Jahren die Beschäftigung von AusländerInnen, etwa durch die Senkung der Einkommenssteuer, die Abschaffung eines Genehmigungsverfahrens und die Fristerweiterung des Arbeitsvertrags auf drei Jahre.

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Auch das milde Klima und die relativ geringen Lebenserhaltungskosten erscheinen vielen attraktiv. Aber ist es das Leben in Usbekistan auch? Hook hat drei Expat-Familien zu ihren Erfahrungen befragt.

„Es steckt noch in den Nullerjahren fest“

Eine belarussische Familie, die mit ihren drei Kindern seit fünf Monaten in Taschkent lebt, erzählt von ihren Erfahrungen.

Mein Mann hatte ein Vorstellungsgespräch bei einer Firma mit Sitz in Usbekistan. Am Anfang nahmen wir das Angebot nicht wirklich ernst. Wir wussten kaum etwas über das Land, und was wir wussten – ein zentralasiatisches Land mit altertümlichen Traditionen, heißem Klima und vielen Trockenfrüchten– hatten wir von Wikipedia.

Der erste Eindruck war ziemlich merkwürdig. Wir hatten das Gefühl, 15 Jahre in die Vergangenheit gereist zu sein und der harte Kontrast in vielen Bereichen verblüffte uns. Da waren prunkvolle Paläste auf der einen und verfallene Wohnviertel auf der anderen Seite. Die Gehälter sind niedrig, während die Preise für alles sehr hoch sind und man kann zahlreiche Kleinwägen aus eigener Produktion direkt neben Premiummarken sehen. Der Unterschied war deutlich spürbar.

Obst und Gemüse schmecken hier wirklich hervorragend, aber in Belarus kann man mittlerweile auch alles kaufen, daher ist dieser Aspekt nicht der wichtigste. Das Klima ist ziemlich hart für uns – die trockene Luft, der Staub, die extremen Temperaturschwankungen.

In erster Linie muss Usbekistan sich in drei Bereichen weiterentwickeln: der Infrastruktur, dem Dienstleistungs- sowie dem Bildungssektor. Das niedrige Bildungsniveau stimmt uns besonders traurig, denn nur durch gute Bildung kann ein starker und wohlhabender Staat entstehen.

Wenn wir drei Dinge über Usbekistan sagen müssten, wären das „es steckt noch in den Nullerjahren fest“, „belebter und aufstrebender Markt“ und frei nach dem Kultfilm Weiße Sonne der Wüste: „Der Orient verlangt Feingefühl.“

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„Man darf Tourismus nicht mit Migration verwechseln“

Eine Familie aus Litauen mit zwei Kindern, die seit einem halben Jahr in Taschkent lebt, berichet:

Als ich das erste Mal in Taschkent ankam, war es gerade Mai. Alles war grün und die Sonne schien am Himmel, als gäbe es in diesem Land niemals Wolken. Das war mein erster Eindruck und mir fiel sofort ins Auge, wie die Stadt blühte und wie sauber sie war. Ich bin schon in verschiedenen Ländern in Asien gewesen und kann deshalb mit Sicherheit sagen, dass Taschkent eine der saubersten Städte ist, die ich je besucht habe. Außerdem fühlt man sich hier sehr sicher und kann beruhigt alleine spazieren gehen. Das einzige was man hört, ist ein freundliches „Schwester“ zur Begrüßung.

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Vor unserem Umzug wusste ich leider nur den Namen der Hauptstadt und einige Fakten aus den Erzählungen meines Vaters. Er ist 1980 nach Usbekistan gereist, und bis heute erzählt er mit Freude von dem ausgezeichneten Plov mit Pfirsichblättern [usbekisches Nationalgericht, Reis mit Lammfleisch und Gemüse, Anm.d.Red], das er damals in Andischan gegessen hatte. Auch meine Bekannten, denen ich von unserem Umzug berichtete, wussten nicht viel mehr über das Land.

In erster Linie haben wir uns dazu entschieden, auszuwandern, weil es für die Karriere meines Ehepartners wichtig war. Die restlichen Gründe waren viel emotionaler: Das Land hatte uns verzaubert. Es war entspannt, mit freundlichen Menschen, gutem Wetter und wunderbaren Bergen, die nur eine Autostunde entfernt von der Hauptstadt liegen.

Als der Alltag dann eintrat, mussten wir unsere rosarote Brille etwas anpassen. Ich erinnere mich an eine ältere Anekdote, die in den Worten mündet: „man darf Tourismus nicht mit Migration verwechseln“. Ich bemerkte zum Beispiel, wie die Leute die Preise für ihre Waren und Dienstleistungen nach oben trieben, kurz nachdem sie gesagt hatten “ihr seid doch Gäste in unserer Stadt”. Und wenn man sich mit Einheimischen verabredet, sollte man mit mindestens einer Stunde Vespätung rechnen, und damit, dass der Begriff „morgen“ relativ ist.

Bis heute ist es für mich ungewohnt, auf dem Markt zu verhandeln, daher ziehe ich es vor, in Geschäften einzukaufen. Aber natürlich sind das alles Kleinigkeiten im Vergleich zu der enthusiastischen und guten Stimmung der Einheimischen. Naja, nur wenn sie sich hinters Steuer setzen ändert sich ihre Stimmung plötzlich. Dann ist es auf den Straßen so, als würden sie an der Formel 1 teilnehmen, nur welchen Preis es zu gewinnen gibt, weiß niemand.

Ich finde, der Staat sollte mehr auf die Menschen und deren Bedürfnisse achten. Ein weiteres problematisches Thema ist die Umwelt, es gibt hier einen unglaublich hohen Plastikverbrauch. Jedes gekaufte Produkt wird in einen separaten Plastikbeutel verpackt, und das nur, damit es besser hält.

Es gibt Dinge, die ich sehr an Usbekistan schätze. Ich finde es fantastisch, dass ich die zentralasiatische Kultur kennen lernen darf. Es ist eine einzigartige Chance, die Städte der Seidenstraße und historische Artefakte mit eigenen Augen zu sehen, und sich mit Kunstwissenschaftlern auszutauschen. Und die Teppiche und selbstgemachten Stoffe sind einiges wert! Ich verpasse keine Chance, mich mit den Herstellern zu unterhalten, um von ihrem Handwerk, ihrer Kreativität und ihrem Leben zu erfahren. Ein interessanter Fakt, der unsere beiden, auf den ersten Blick sehr unterschiedlichen, Regionen vereint: Zu Sowjetzeiten wurden usbekische Handwerker oft in den baltischen Staaten in die Geheimnisse der Keramik eingeweiht. Aus diesem Grund erkenne ich, wenn ich die eleganten Tonskulpturen in Taschkents Museen betrachte, gewisse Merkmale meiner Heimatkultur wieder.

Wenn ich Usbekistan in drei Worten beschreiben müsste, wären das: Schnelligkeit, Aufrichtigkeit und Authentizität.

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„So ist Zentralasien, Kinder. Nehmt es nicht persönlich.“

Eine vierköpfige Familie aus Israel, die vor vier Jahren aus Karrieregründen nach Taschkent zog, teilt ihre Erfahrungen:

Wir wussten damals wenig über Usbekistan, hatten nur eine Art zusammengesetztes Bild vor Augen: ehemalige Sowjetrepublik, die Männer tragen dort die typisch usbekischen Kappen und Frauen flechten sich vor der Hochzeit 40 Zöpfe. Ah, und natürlich die Melonen! Die ältere Generation weiß mehr über Usbekistan, meine Eltern lächelten geheimnisvoll: „So ist es in Zentralasien, Kinder. Nehmt es nicht persönlich“, sagten sie über die einzigartige Mentalität.

Man erinnert sich jetzt nicht mehr an alles, und auch die Mentalität, von der meine Eltern sprachen, die unterschiedlichen alltäglichen Situationen und der Mangel an Waren und Produkten erscheinen mir jetzt wie aus einer fernen Vergangenheit. Vor vier Jahren war Taschkent eine völlig andere Stadt. Vor allem hat sich das Sortiment in den Geschäften zu 90 Prozent gewandelt, sodass man nun auch Importprodukte kaufen kann. Als Taschkent sich veränderte, haben auch wir uns verändert. Dinge, die uns vorher fremd waren, wie Kurt, stellen heute einen unverzichtbaren Teil unseres Lebens dar.

Doch auch heute gibt es oft Momente, in denen wir verwirrt sind. Wir haben bemerkt, dass die junge Generation im Gegensatz zu den Älteren schlecht Russisch spricht. Das ist besonders im Dienstleistungssektor problematisch. Daraus ergaben sich schon viele amüsante Situationen. Ich finde, man sollte die russische Sprache nicht verlernen. Außerdem leben wir bis heute in einer Art Informationsvakuum. Man sollte meinen, es sollte kein Problem sein, an Informationen zu gelangen, aber hier stellt es sich doch als kompliziert heraus, in kurzer Zeit zum Beispiel zu einer Veranstaltung zu gelangen, die zum Unabhängigkeitstag Usbekistans geplant wurde. Ein solcher Tag ist für uns eine gute Gelegenheit, ein Wochenende rauszukommen, und Feste und Veranstaltungen zu besuchen. Man findet zwar Informationen dazu, aber wo genau und zu welcher Zeit die Feiern stattfinden, und wie sie ablaufen werden – das steht nirgends. Es herrscht hier ein großes Problem mit dem Zugang zu qualitativer Information und richtig dargestellten Inhalten.

Usbekistan in drei Worten: Hitze, Plov und Chancen

Jede Geschichte unterscheidet sich

Jede Familie hat ihre eigene Geschichte zum ersten Eindruck, der Widerlegung von Stereotypen und dem Eintauchen in das wahre Leben des Landes. Usbekistan ist kein Paradies auf Erden, wie es Touristenführer darstellen, aber auch nicht so schlecht, wie es uns Einheimischen manchmal erscheint. Es gibt Probleme, die es unbedingt zu lösen gilt, aber auch Vorteile, die man nicht unterschätzen darf. Um objektiv zu bleiben, tut es manchmal gut, ein Land mit den Augen eines Fremden zu betrachten.

Hook
Aus dem Russischen von Julia Tappeiner

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