Dreckloch oder Goldgrube? Die Mülldeponie von Samarkand

Bestialischer Gestank, bunte Plastiktüten in der Luft und überall dreckige Schweine: Die Mülldeponie vor den Toren Samarkands ist alles andere als modern. Jetzt will die Stadt ein Recyclingsystem einführen, das als Vorbild für ganz Zentralasien dienen soll – und dabei kräftig Geld verdienen. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei Samarkandskij Westnik.

Unzählige bunte Plastiktüten wehen durch die Luft, es stinkt nach verfaulten Essensresten, ätzender Rauch steigt von brennenden Müllbergen auf, überall fliegen riesige Fliegenschwärme umher und dazwischen wühlen unzählige Schweine im Dreck: Das ist die Mülldeponie von Samarkand, der drittgrößten Stadt Usbekistans nahe der Grenze zu Tadschikistan.

Die Deponie liegt etwas außerhalb der Stadt, in der Siedlung Sulim (Chischraw). Noch vor 40 Jahren war der Ort für seine tollen Strände und den Verkehrsübungsplatz bekannt. Die Kinder aus Samarkand gingen mit ihren Eltern schwimmen, Jugendliche lernten hier Auto fahren. Aber daran erinnert sich keiner mehr. Wer Chischraw hört, denkt an die riesige, 95 Hektar große Mülldeponie.

Schutzmauern helfen nicht

Sulim hat sich entwickelt, es gibt jetzt mehr Industrie und Landwirtschaft. In Gewächshäusern wird Gemüse angebaut, Weinberge werden bewirtschaftet, Fischfutter hergestellt. Trotzdem: Der Ort ist von der Nähe zur Mülldeponie geprägt. Die Plastiktüten sind wirklich überall – auf der Wiese, im Gebüsch und in den Bäumen, auf Strommasten, in den Weinreben, auf Verkehrsschildern. Die fünf Meter hohe Schutzmauer mit einem Netz, das die Plastiktüten abfangen soll, hilft nur wenig.

Am Wegesrand wachsen Berge von Bauschutt. Jeden Tag kommen Dutzende, wenn nicht sogar Hunderte LKW aus der Stadt. Sie hinterlassen eine weitere Müllschicht auf dem sowieso schon völlig überfüllten Boden Chrischraws. Dachschiefer und Betonplatten, alten Putz und Kacheln – all das laden die LKW-Fahrer ohne den Hauch einesschlechtem Gewissens ab. Kontrolliert werden sie hier nicht.

Samarkand produziert jeden Tag mehr als 450 Tonnen Hausmüll. Alle 10 bis 15 Minuten fährt ein Müllwagen in die riesige Deponie. So wächst der schwarze, rauchende Müllhaufen, der aussieht wie ein gigantischer schlafender Drachen, jeden Tag ein bisschen mehr.

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Der Müll wird nicht sortiert. Essensreste, Papier und Plastik, Glas, Batterien und Gartenabfälle, medizinischer Sondermüll, Altkleidung und Gummi: Alles wird einfach dort abgeladen, wo noch ein bisschen Platz ist. Jeder neue Müllhaufen wird direkt belagert, von Fliegenschwärmen, quiekenden Schweinen und dreckigen Menschen. Die Schweine suchen Futter, die Menschen Plastikflaschen und Karton.

„Eine Mülldeponie nach weltweit gültigen Standards – das ist dieser Müllhaufen in Chischraw sicher nicht“, sagt Gauchar Deuschewa, Leiterin der Umwelt-NGO „Sarafschan“. Eigentlich müssen Mülldeponien hygienische Standards erfüllen, um die Anwohner zu schützen: Deponien müssen von unten isoliert sein, damit das Grundwasser nicht verschmutzt wird. Jede Schicht organischen Abfalls muss mit einer Schicht Erde bedeckt werden. „Nach usbekischem Recht darf hier niemand einfach so im Müll rumwühlen, um Rohstoffe zu sammeln. Die Sortierung muss nach strengen Hygienestandards erfolgen. Und dass hier Schweine rumlaufen, ist natürlich streng verboten“, erklärt Deuschewa.

Dass Schweine auf der Mülldeponie nichts zu suchen haben, wissen hier alle – vom regionalen Gesundheitsamt bis zu den Tierärzten und Amtsrichtern. Gemacht wird trotzdem nichts dagegen.

Die Schweine aus Nawrus

Die Schweine gehören den Bewohnern des Stadtviertels Nawrus, sagt Bolikul Chakimow, stellvertretender Vorsitzender des Veterinäramts von Samarkand. In diesem Viertel züchten 90 Prozent der Bewohner unrechtmäßig Schweine auf ihren Höfen. Niemand von ihnen hat einen Schweinestall, der die Standards erfüllt. Die Tiere leben einfach da, wo die Menschen auch leben. Ihr Futter suchen sie sich auf der Mülldeponie.

„Wir impfen die Schweine regelmäßig gegen Milzbrand, Schweinepest und Ekzeme“, erklärt Chakimow. „Viele der Besitzer wissen selbst nicht, wie viele Schweine ihnen genau gehören.“ Das Veterinäramt hat schon mehrfach Versammlungen einberufen, um den Bewohnern die Tierhaltungsgesetze zu erklären. Und um deutlich zu machen, dass unter den Schweinen Krankheiten ausbrechen können, die sich dann auf den Menschen übertragen können. „Aber das interessiert kaum jemanden“, sagt Chakimow. Viele seien arbeitslos, die Schweine ihre einzige Möglichkeit, sich über Wasser zu halten. Als das Veterinäramt vorschlug, einen großen Schweinestall etwas außerhalb zu bauen, wollte das auch niemand: „Dann müssten sie ja Futter kaufen.“

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Tatsächlich stinkt es in Nawrus nach Schwein. Die wenigen Bewohner, die selbst keine Schweine halten, haben es aufgegeben, sich beim Gesundheitsamt zu beschweren.

„Jetzt ist Sommer und wir können nicht einmal unsere Fenster öffnen wegen der ganzen Schweine“, sagt Mochigul Tursunowa, die im Viertel wohnt. Schon um vier Uhr morgens laufen die Schweine zu Hunderten zur Mülldeponie. „Auf der Straße herrscht dann ein bestialischer Gestank, lautes Grunzen übertönt alles, sie hinterlassen ihre Fäkalien auf der Straße. Ich habe kleine Kinder im Haus und achte sehr auf Sauberkeit. Aber gegen diesen Dreck kann ich einfach nichts tun.“

Der Amtsarzt Obruj Bojkobilow sagt, es werden regelmäßig Hygienekontrollen durchgeführt und bei Verstößen entsprechende Strafen verhängt. Auch die Mülldeponie werde kontrolliert.

„Die Mülldeponie ist inzwischen durch einen Zaun geschützt und für die Müllsortierer gibt es ein kleines Häuschen“, erklärt Bojkobilow. Um das Problem wirklich zu lösen, brauche es allerdings viel Geld. Jetzt gibt es Hoffnung: Ein Projekt soll den Umgang mit Müll in Samarkand modernisieren. Es wurde gemeinsam mit einer französischen Entwicklungsagentur ausgearbeitet. Das ganze System soll erneuert werden – von der Müllsammlung über den Transport bis hin zum Recycling und der Endlagerung. Dadurch sollen sich die hygienischen und ökologischen Zustände der Stadt Samarkand verbessern und weniger Schadstoffe in die Umwelt gelangen.

Die Müllverarbeitung wird modern

„Das Projekt startet schon im August“, erklärt Schochruch Sadikow, ein Vertreter des staatlichen Müllunternehmens „Marokand Obod“. Es sei ein Pionierprojekt für ganz Zentralasien, weil es die ganze Kette der Müllverwertung angehe – vom Sammeln bis zum Recycling. Im Rahmen des Projekts soll eine Halle für die Müllsortierung gebaut und verschiedene Zentren für die Endlagerung eingerichtet werden. „In Samarkand errichten wir 135 zusätzliche Müllsammelstellen, die den hygienischen Standards entsprechen“, erklärt Sadikow. „Jede Sammelstelle hat acht Behälter für die verschiedenen Müllarten. Gerade schreiben wir die Lieferung von 80 Müllfahrzeugen aus, die ab dem Jahresende durch unsere Stadt fahren sollen.“

Außerdem sieht das Projekt den Bau einer Biogasanlage vor, um das Biogas, das auf der Mülldeponie entsteht, zu verarbeiten. Damit sollen die Müllwagen und die Deponie mit Energie versorgt werden. Auf der Deponie soll auch eine eigene Werkstatt für die Wartung der Müllfahrzeuge gebaut werden.

„Sobald das Projekt startet, suchen wir qualifiziertes und zuverlässiges Personal“, sagt Sadikow. „Wir brauchen mehr als 50 LKW-Fahrer und noch viele andere Mitarbeiter. Das heißt, das Projekt verbessert nicht nur die hygienische und ökologische Lage, sondern dient auch der Arbeitsbeschaffung.“

Weltweit gilt das Geschäft mit dem Müll als lukrativ. Das System, das bald in Samarkand umgesetzt wird, kann solide Gewinne erwirtschaften, weil wertvolle und gefragte Rohstoffe und Brennstoffe aus gewöhnlichem Müll hergestellt werden. Schon jetzt interessieren sich Investoren aus Israel und Russland dafür – schließlich kann man den Müll, wenn er sortiert ist, gut recyceln und damit Geld verdienen.

Sadikow hat versichert, dass die Mülldeponie in Chischraw schon in einem halben Jahr nicht mehr wiederzuerkennen sein wird. „Es wird weder Gestank, noch einen widerlichen Müllberg, noch Schweine geben.“ Hoffentlich.

AnastasijaPawlenko, Samarkandskij Westnik

Aus dem Russischen von Christina Spitzmüller

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