Amalia Aibusheva im Porträt: Beats, Design und Feminismus

Amalia Aibusheva ist eine 23-jährige Soundproduzentin und Designerin aus Taschkent. Sie schreibt Songs, schreibt Beats, malt zentralasiatische Quarkkugeln auf dem Computer, und diesen Herbst gab sie ein Konzert im Mahalla-Komitee in der Altstadt. Außerdem wünscht sie sich, dass Usbekistan als schön, und „nicht auf poppige Art und Weise“ auftritt. Das folgende Porträt erschien im russischsprachigen Original bei Sarpa – wir übersetzen mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

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Amalia Aibusheva: Soundproduzentin, Designerin, Feministin

Meine gesamte musikalische Ausbildung bestand aus 3-4 Monaten Gitarrenunterricht in Navoi. Ich lebte dort, bis ich 11 Jahre alt war, ein weiteres Jahr in Samarkand und zwei in Jizzakh. Erst als ich 13 war, zogen wir nach Taschkent. Dieses Jahr habe ich mein Studium an der Universität Singapur abgeschlossen.

Musik war eigentlich schon immer da. Meine Mutter spielt Klavier. Meine Großmutter singt. Mein Großvater spielte Gitarre. Aber meine Familie hat mich nie unter Druck gesetzt, Musik zu machen.

Aber sobald ich mit der Musik begann, brachten mir meine Eltern ein Keyboard mit. Meine Mutter mag meine Musik sehr. Sie hat meine Songs in der Arbeit gespielt, ihre KollegInnen und ihr Chef mochten sie, und ein Freund von mir und ich haben auf ihrer Firmenfeier Musik gespielt.

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Ich habe vor zwei Jahren angefangen, Musik zu schreiben. Ich arbeite mit FL Studio. In der Welt der Tonproduktion wird es als ein Tool für Dummköpfe angesehen, aber es erfüllt alle meine Anforderungen. Während des Studiums habe ich versucht, mir keine Tutorial-Videos anzuschauen und alles selbst zu lernen, weil mein Bruder mir gesagt hat, dass es auf Youtube eine Menge Mist gibt. Bei den Keyboards habe ich selbst herausgefunden, wie die Sachen funktionieren. Ich habe gerade verstanden, wie Oktaven und Akkorde funktionieren und wie sie gespielt werden sollten.

Ich kann keine Noten lesen, aber ich weiß, wo sie auf der Tastatur liegen. Ich habe einen Screensaver auf meinem Laptop-Desktop, der eine Akkordfolge darstellt. Ich füge den Beats auch gerne alle möglichen Aufnahmen von meinem Recorder hinzu.

Beats und Geldverdienen mit Leuten aus Amerika

Ich habe angefangen, Beats zu machen, nur so zum Spaß für meine Freunde, und sie haben dann meine Beats auf einen Kanal gepostet. Ich habe die Posts dann geteilt, sobald ich etwas Längeres geschafft habe zu schreiben, das nicht 30 Sekunden lang war. Josef hat mir auch sehr dabei geholfen, herauszufinden, wie man Beats verkauft. Jetzt gibt mir die Musik eine Möglichkeit, das zu tun, was ich tun möchte. Ich mache meine Beats so wie ich sie mir vorstelle, dann stelle ich sie auf YouTube wo man sie kaufen kann, wenn er oder sie will.

Mir gefällt diese Freiheit, und ich arbeite gerne mit ausländischen Kunden zusammen, weil sie mich als Künstlerin respektieren. Aber in Usbekistan muss man für jeden So‘m mit einer Bearbeitung bezahlen. Die Exklusivrechte kosten bei mir, je nach Art, etwa 150-300 Dollar, aber ich habe noch nichts davon verkauft.

Ich verdiene jetzt etwa 100 Dollar im Monat mit meinen Beats. Leute aus entwickelten Ländern, in denen geistiges Eigentum geschützt ist, kaufen sie öfter. Es ist gut, dass sie nicht wissen, wie die Situation in unserem Land ist.

In den USA gehen die Leute anders mit geistigem Eigentum um: Sie kaufen für 500 Dollar Programme, die wir kostenlos herunterladen, und zahlen mir für die Verwendung meiner Musik bei ihren Auftritten. In Amerika hat jeder große Angst, gegen das Gesetz zu verstoßen.

Konzert in der Mahalla

Ich hatte bereits die Erfahrung, in der Galerie des ‚139 Documentary Center aufzutreten‘, und mein Freund Diyor schlug vor, eine Live-Performance ohne Publikum aufzunehmen. Ich sagte, wenn ich eine Live-Show machen wolle, müsse sie unter freiem Himmel und in der Altstadt, der Mahalla, stattfinden, damit sie authentisch sei. Ich habe mich mit Nastya Galimova in Verbindung gesetzt, weil sie alle Orte in der Altstadt kannte. Und sie half mir dabei, meine Beweggründe aufzuschreiben.

Wir wollten damit zeigen, dass man für Musik keinen besonderen Ort oder Bezirk braucht. Dass man auch in der Altstadt etwas machen kann und dass es nicht so eine Aufteilung gibt: hier sind die Leute aus dem Zentrum und hier sind die Leute aus der Altstadt.

Wir gingen spazieren und Nastya führte uns zu einem Ort in der Nähe eines Kanals und einer Moschee. Und irgendwie hatten wir die Idee, dass es cool wäre, hier ein Konzert zu geben. Noch am selben Tag wandten wir uns an das Mahalla-Komitee – es stellte sich heraus, dass dies ihr Sommerplatz ist, auf dem sie alle möglichen Themen beim Teetrinken diskutieren. Wir fragten sie, wie viel die Location kosten würde und bezahlten sie.

Wir haben Lera und Nodir eingeladen, aufzutreten. Atabayev Artem hat uns sehr geholfen – er hat uns kostenlos mit Ton und Licht versorgt. Am Anfang waren wir sehr ehrgeizig. Wir dachten, wir laden die Medien ein, stellen eine Band zusammen und veranstalten eine ‚Bombenshow‘. Aber dann, als uns die Komplexität all der Ideen, die wir uns ausgedacht hatten, verwirrte, erinnerten wir uns daran, dass wir einfach nur ein Konzert machen wollten und beschlossen, es simpel zu halten.

Das Mahalla-Komitee gab uns Teppiche und Schals. Kinder aus der Mahalla begleiteten uns bei der Vorbereitung des Konzerts und bei der Aufführung. Auch ihre Eltern kamen, und es war sogar jemand vom Mahalla-Komitee selbst anwesend.

Wir hatten nicht damit gerechnet, dass so viele Leute kommen würden; wir dachten, dass etwa 15 unserer engsten Freunde kommen würden, nur um uns zu unterstützen. Die Altstadt, die Straße, die Kälte – wer würde überhaupt kommen? Wir haben das aus Spaß gemacht, aber am Ende war nicht genug Platz für alle.

Kunst und nationale Symbole in Paint zeichnen

Ich habe lange Zeit darüber nachgedacht, wie man im Internet Geld verdienen kann. Zuerst habe ich mich durch alle möglichen Phishing-Themen gewühlt, Werbung für ein paar Cent angeschaut und sogar versucht, ein Hacker zu sein.

Vor etwa fünf Jahren hatte ich einen wandte ich mich dem Design zu. Dann hatte ich einen Burn-Out, weil ich sehr lange Zeit nur die Wünsche der Kunden erfüllt habe und nicht das getan habe, was mir gefiel. Es hat mich geärgert, dass da keine Kreativität drin war. Und dann war ich irgendwann müde von Illustrationen, von allem Visuellen.

Die meisten Bilder, die ich jetzt auf Instagram poste, sind auf dem Computer entstanden. Ich zeichne mit der Maus und es kommt schief heraus, aber das gefällt mir. Das ist etwas ganz Eigenes für mich.

In meiner Kunst gibt es viele nationale Themen, denn ich bin ja hier in Usbekistan geboren. Ich liebe unsere Kultur. Ich bin daran interessiert, das zu tun, was man hier macht. Ich möchte nicht das machen, was man in Europa oder anderswo macht. Ich möchte hier etwas Spezielles erkunden.

Wir haben viel unentdecktes Bildmaterial und eine reiche visuelle Komponente aus der Vergangenheit. Und es wird noch nicht genutzt oder ist noch kein Mainstream.

Ich mag die usbekischen Nationalsymbole, die wir haben – den Tiger zum Beispiel Was solche nationalen Sachen angeht, sind machen das meine Kolleginnen Jana und Sofa wirklich cool und setzen sie gut ein. Es gefällt mir sehr, dass sie das wahre Usbekistan sehen. Sie können es schön zeigen, aber nicht auf eine poppige Art und Weise, nicht durch Klischees à la Khan-Atlas-Seide.

Eine Hommage an den Feminismus und ein persönlicher Song übers Verknalltsein

Ich fin an, aus Spaß Songs zu schreiben – doch dann dachte ich, warum nicht über meine Erfahrungen schreiben? Es wurde für mich zu einem Mittel, um mich auszudrücken. Und ich begann zu überlegen – was habe ich von meinen Traumata und Schmerzen?

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Ich erinnerte mich daran, dass ich als Kind die Geschlechterrolle eines Mädchens nicht wirklich mochte. Es hat mich geärgert, wenn mir gesagt wurde, dass ich mich auf eine bestimmte Art und Weise verhalten muss, wenn ich ein Mädchen bin. Etwas Besonderes anziehen, sich öfter mit Mädchen unterhalten. Alle möglichen Gummibänder, Küchengeräte, Schule, Töchter und Mütter spielen. Ich mochte diese Spiele gar nicht. Ich dachte: „Was soll’s, wir werden erwachsen und machen das alles wieder durch!“

Der Song ‚Ты же девочка‚ (dt.:‘Du bist ja ein Mädchen‘, Anm. d. Ü.) ist also eine echte Hommage an den Feminismus, aber als ich ihn schrieb, wusste ich überhaupt nichts darüber. Und jetzt höre ich dieses Lied und ich glaube, ich wurde Feministin, bevor es zum Mainstream wurde.

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In meinem Lied ‚Living in the chaos‚ (dt. ‚Im Chaos leben‘, Anm. d. R.) geht es darum, wie unorganisiert ich bin. Die Bedeutung der Lieder ist mir egal. Für mich ist es wichtiger, eine Art von Energie, eine Stimmung zu vermitteln.

Back to the Roots‚ (dt.: ‚Zurück zu den Wurzeln‘, Anm. d. R.) ist wahrscheinlich einer meiner persönlichsten Songs. Es geht um eine Person. Und es gibt viele Anspielungen darin, die nur ich verstehe. Ich hatte mich verknallt, es war aber nicht gegenseitig, also habe ich beschlossen, einen Song darüber zu schreiben. Ich saß da und dachte darüber nach, wie ich mich fühlte, und das habe ich dann geschrieben. Durch die Musik vermittle ich Gefühle und die Texte sind sekundär, um die Musik zu ergänzen. Die Musik ist der Background für meine Erfahrungen. Wenn ich einen Song schreibe, fühle ich mich viel besser.

Schirin Josipowa für Sarpa

Aus dem Russischen von Gera Kozhakhmetova

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