Startseite      Wenn die Bewässerung für Bäuerinnen in Usbekistan zum nächtlichen Kampf wird

Wenn die Bewässerung für Bäuerinnen in Usbekistan zum nächtlichen Kampf wird

Im ländlichen Usbekistan ist der Zugang zu Bewässerungswasser zwar formal garantiert, wird in der Realität jedoch oft von informellen Machtverhältnissen, Geld und der sozialen Stellung bestimmt. Feldforschung im Fergana-Tal zeigt, dass Frauen – insbesondere alleinerziehende Haushaltsvorstände – zu riskanten Strategien gedrängt werden, die ihre Gefährdung durch Armut, Stigmatisierung und Gewalt noch verstärken.

Ein ausgetrockneter Bewässerungskanal im ländlichen Usbekistan. Wasserknappheit und ungleiche Verteilung können dazu führen, dass Kleinbauern und Haushalte nicht über ausreichend Wasser für ihre Kulturen verfügen. Foto: Google Fotos

Im ländlichen Usbekistan ist der Zugang zu Bewässerungswasser zwar formal garantiert, wird in der Realität jedoch oft von informellen Machtverhältnissen, Geld und der sozialen Stellung bestimmt. Feldforschung im Fergana-Tal zeigt, dass Frauen – insbesondere alleinerziehende Haushaltsvorstände – zu riskanten Strategien gedrängt werden, die ihre Gefährdung durch Armut, Stigmatisierung und Gewalt noch verstärken.

Um zwei Uhr morgens, wenn die männlichen Bauern, die die Bewässerungsauslässe bewachen, sich zur Ruhe begeben haben, öffnen einige Frauen leise die Schleusen und leiten Wasser auf ihre Hausgärten um. Sie bezeichnen diese Praxis als „Wasserdiebstahl“. Es ist möglicherweise ihre einzige Chance, ihre Ernte zu retten.

Die Risiken sind beträchtlich. Eine Frau, die an der Entnahmestelle entdeckt wird, muss mit Konfrontationen oder Belästigungen rechnen. Allein schon nachts draußen zu sein und direkt mit männlichen Landwirten zu sprechen, kann den Ruf einer Witwe oder geschiedenen Frau in ihrem Dorf schädigen. Doch ohne Bewässerung gehen die Hausgärten ein, die Nahrungsvorräte schrumpfen und die Frauen verlieren eine ihrer wenigen verlässlichen Einkommensquellen.

Diese Berichte stammen aus einer qualitativen Feldforschung, die im September und Oktober 2023 im Bezirk Yazyavan in der dicht besiedelten Fergana-Region Usbekistans durchgeführt wurde. An den Interviews und zwei Fokusgruppendiskussionen nahmen Frauen teil, die landwirtschaftliche Betriebe oder Hausgärten bewirtschaften, sowie Expert:innen, die mit ländlichen Gemeinschaften und Frauen in der Landwirtschaft arbeiten. Die Untersuchung befasste sich damit, warum Männer und Frauen unterschiedlichen Zugang zu Bewässerungswasser haben und wie Frauen sowohl formelle als auch informelle Kanäle nutzen.

Gleichberechtigung auf dem Papier, ungleicher Zugang in der Praxis

Die Gesetzgebung Usbekistans sieht einen gleichberechtigten Zugang zu Bewässerungswasser für landwirtschaftliche Betriebe und Haushalte vor. Auf Gemeindeebene spielen Wassernutzerverbände und lokale Wasserverteiler, sogenannte „Mirabs“, eine zentrale Rolle bei der Wasserzuteilung. In der Praxis wird der Zugang jedoch durch Landbesitz, Wohlstand, Wohnort, Familienstand und die Möglichkeit zur Teilhabe an männerdominierten Netzwerken bestimmt.

Frauen sind unter den registrierten landwirtschaftlichen Betriebsinhabern in der Minderheit, tragen jedoch einen Großteil der Verantwortung für Hausgärten und Küchengärten. Diese Parzellen sind für die Ernährungssicherheit im ländlichen Raum und das Überleben der Haushalte von entscheidender Bedeutung. Durch die Arbeitsmigration sind zudem mehr Frauen für landwirtschaftliche Arbeit und Bewässerung verantwortlich, obwohl Wasserverhandlungen nach lokalen Normen weiterhin als Männerarbeit gelten.

Die Feldforschung zeigte, dass Frauen nicht in gleicher Weise betroffen sind. Eine Frau, die gemeinsam mit ihrem Ehemann oder einem männlichen Verwandten einen größeren kommerziellen landwirtschaftlichen Betrieb leitet, erhält möglicherweise Informationen zum Bewässerungsplan, zahlt Beiträge an den Wassernutzerverband oder finanziert einen Brunnen. Auch wenn sie selbst dann von den eigentlichen Entscheidungen ausgeschlossen sein kann. Alleinstehende Frauen, die kleine Haushalts- oder Dehkan-Parzellen bewirtschaften, verfügen über weitaus weniger Ressourcen und haben fast keine formelle Verhandlungsmacht. Sie sind häufig die letzten Nutzerinnen in der Bewässerungskette.

Wasser folgt der Macht

Bewässerungspläne sind oft unzuverlässig oder nicht zugänglich. Mehrere Frauen gaben an, nicht zu wissen, wann Wasser kommen würde. Diejenigen, deren Land weit von einem Kanal entfernt liegt, erhalten möglicherweise nur einen schwachen Wasserfluss, nachdem die stromaufwärts gelegenen Betriebe bereits bewässert haben, oder gar kein Wasser. In Trockenperioden berichteten einige Befragte, dass sie überhaupt nicht bewässern konnten.

Geld und informeller Einfluss beeinflussen die Verteilung zusätzlich. Befragte und Expert:innen beschrieben die Bestechung von Mirabs als gängige Methode, um früher oder in größeren Mengen an Wasser zu kommen. Landwirte mit stärkeren finanziellen und sozialen Netzwerken können die Auslassstellen bewachen, direkt verhandeln und zusätzliche Kosten bezahlen. Arme Frauen, insbesondere alleinerziehende Haushaltsvorstände, können unter diesen Bedingungen nicht mithalten.

Die körperliche Arbeit, sich Wasser zu sichern, ist an sich schon anstrengend. Ein Befragter beschrieb die damit verbundenen Entfernungen, Kosten und die ständige Wachsamkeit:

„Man muss 15 bis 25 Kilometer zurücklegen, um das Tor am Kanal zu öffnen, und dabei muss man die Mirabs bezahlen. Danach muss man dem Wasserlauf folgen, um zu verhindern, dass andere Landwirte es nutzen, und gegebenenfalls Verhandlungen führen oder Konflikte austragen. Außerdem muss man alle zwei oder drei Stunden flussaufwärts gehen, um sicherzustellen, dass genügend Wasser vorhanden ist und niemand anderes es umleitet. Dazu muss man nachts draußen bleiben und entlang verlassener, staubiger Straßen gehen.“

Feldforschung an einem Bewässerungskanal in Usbekistan. Um sich die Wasserversorgung zu sichern, müssen unter Umständen beträchtliche Entfernungen zurückgelegt und der Wasserlauf wiederholt verfolgt werden, um zu verhindern, dass das Wasser umgeleitet wird. Foto: Weltbank

Für viele Frauen ist dies nicht nur körperlich anstrengend, sondern auch gefährlich und sozial belastend, insbesondere wenn sie sich zur Bewässerung nachts allein im Freien aufhalten müssen.

Eine formelle Beteiligung bietet kaum Schutz. Frauen, die Wasserverbänden angehörten, gaben an, dass sie zwar an Sitzungen teilnahmen, aber keinen Einfluss auf Entscheidungen nehmen konnten. Wichtige Diskussionen finden möglicherweise auch informell in Tschajchanas [Teehäuser, Anm. d. Red.] statt, sozialen Räumen, die in der Regel Männern vorbehalten sind. Das Ergebnis ist eine Beteiligung ohne wirkliche Mitsprache: Frauen zahlen zwar Beiträge und erfüllen ihre Verpflichtungen, bleiben aber von den Netzwerken ausgeschlossen, die über die tatsächliche Verteilung entscheiden.

Eine Gemeindeversammlung im ländlichen Usbekistan. Eine formelle Beteiligung bedeutet nicht zwangsläufig, dass Frauen einen wesentlichen Einfluss auf die lokale Wasserverteilung haben. Foto: UNDP

Informelle Lösungen bergen neue Gefahren

Wenn die offiziellen Wege versagen, greifen Frauen auf improvisierte Lösungen zurück. Manche verhandeln mit männlichen Nachbarn. Andere warten auf Abflusswasser aus nahegelegenen landwirtschaftlichen Betrieben, obwohl dieses knapp oder mit Agrarchemikalien verunreinigt sein kann. Ein eigener Brunnen kann eine Alternative darstellen, doch die Kosten für die Installation und den Betrieb übersteigen die finanziellen Möglichkeiten der meisten Kleinbäuerinnen und können selbst für größere Betriebe unerschwinglich sein.

Für alleinstehende Frauen ist das heimliche Öffnen von Wasserentnahmestellen in der Nacht manchmal die einzige verbleibende Option. Frauen berichteten, dass sie stundenlang in der Dunkelheit, bei Wind und Staub warteten und dann flohen, wenn Landwirte oder Arbeiter auftauchten. Diese Strategie setzt sie nicht nur körperlicher Gefahr aus, sondern auch geschlechtsspezifischer Stigmatisierung. Verwitwete und geschiedene Frauen sind ohnehin schon sozialer Ausgrenzung ausgesetzt; wenn sie nachts im Freien gesehen werden, kann dies Klatsch und Ausgrenzung noch verstärken.

Die Befragten berichteten, dass männliche Landwirte die Wasserentnahmestellen bewachen und Gewalt anwenden können, um ihren Anspruch zu verteidigen. Ein Experte erinnerte an einen Fall, in dem eine ältere Landwirtin während eines Streits geschlagen wurde. Obwohl Wasserkonflikte auch Männer betreffen, sind Frauen einer zusätzlichen Verwundbarkeit ausgesetzt, da sie über weniger physische, finanzielle und institutionelle Macht verfügen, um darauf zu reagieren.

Von Ernteausfällen zu noch größerer Armut

Die Folgen reichen über eine einzelne Bewässerungssaison hinaus. Frauen, die nur ein- oder zweimal Wasser erhalten, können keine verlässlichen Ernten erzielen. Bäume und Gärten verdorren, und Landwirte, die vorrangige Kulturen anbauen, werden möglicherweise von den lokalen Behörden gerügt oder riskieren den Verlust ihres Landes, weil sie die Produktionserwartungen nicht erfüllt haben.

Für Kleinbauern und -bäuerinnen wirkt sich ein Ernteausfall unmittelbar auf die Ernährungssicherheit aus. Manche Frauen reduzieren die Vielfalt der angebauten Kulturen oder geben den Anbau ganz auf. Um dies auszugleichen, suchen sie sich schlecht bezahlte informelle Arbeit als „Mardikors“, also Tagelöhnerinnen, die für landwirtschaftliche Arbeiten oder Reinigungsaufgaben angeheuert werden. Einige Befragte gaben an, dass sie ihre Kinder mitnehmen.

Eine Teilnehmerin der Fokusgruppendiskussion beschrieb die Bedingungen, unter denen sie arbeiten musste:

„Wir pflanzen an, jäten Unkraut und bewirtschaften das Land anderer Bauern. Außerdem gehen wir mit unseren Kindern zum Mardikor-Basar, dem Arbeitsmarkt für Tagelöhner:innen. Wenn wir die Arbeit auf einem Feld beendet haben, gehen wir am nächsten Tag zum nächsten, mit nichts zu essen außer einem Laib Brot und Tee. Wir fahren auch in die Stadt, um Straßen zu kehren oder Fenster zu putzen, egal bei welchem Wetter. Draußen kann es bis zu 60 Grad heiß werden.“

Diese Schilderungen zeigen, wie ein unzureichender Zugang zu Bewässerung ganze Haushalte in prekäre Arbeitsverhältnisse treiben und auch dazu führen kann, dass Kinder vermehrt informeller Arbeit ausgesetzt sind. Dadurch entsteht ein sich selbst verstärkender Kreislauf. Wassermangel verringert Erträge und Einkommen. Ein geringeres Einkommen erschwert es für, Pumpen, Brunnen, Transportkosten oder informelle Zahlungen aufzukommen. Frauen sind dann in der nächsten Saison noch weniger in der Lage, über den Zugang zu verhandeln. Da sich der Wasserstress verschärft, dürfte sich dieses Muster noch weiter verschlimmern.

Wasserpolitik muss geschlechtsspezifische Realitäten berücksichtigen

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die Verbesserung der Infrastruktur und der Wassereffizienz unerlässlich ist, doch technische Lösungen allein den ungleichen Zugang nicht beseitigen werden. Ein System kann formal neutral sein und dennoch Ungleichheit reproduzieren, wenn Informationen, Entscheidungsfindung und informeller Einfluss weiterhin auf Männer konzentriert sind.

Die Forschenden betonen, dass Wasserzuteilungspläne transparent, zuverlässig und für alle Nutzenden zugänglich sein sollten, einschließlich für die Frauen, die die Haushaltsgrundstücke bewirtschaften. Die Aufsicht über die Mirabs und die lokale Verteilung sollte gestärkt werden, mit klaren Beschwerdemechanismen und Schutzmaßnahmen gegen Korruption. Wassernutzerverbände müssen über eine rein nominelle Beteiligung von Frauen hinausgehen und Frauen eine maßgebliche Rolle bei Entscheidungen über Zuteilung, Instandhaltung und Gebühren einräumen.

Die Unterstützung sollte sich insbesondere auf alleinstehende Frauen und von Frauen geführte Haushalte konzentrieren. Dies könnte den gezielten Zugang zu wassersparender Technologie, erschwingliche Finanzierungsmöglichkeiten, Beratungsdienste und praktische Gemeinschaftsregelungen umfassen, die es überflüssig machen, nachts allein zu bewässern. Lokale weibliche Führungskräfte und Aktivistinnen aus den Gemeinden können dazu beitragen, Nutzerinnen zu vertreten, die derzeit von formellen Verhandlungen ausgeschlossen sind.

Allgemein betrachtet müssen die Agrar- und Klimapolitik Frauen als Landwirtinnen und Wassermanagerinnen anerkennen, auch wenn ihre Arbeit in Hausgärten stattfindet und in offiziellen Produktionsstatistiken nicht erfasst wird. Ihre Gärten spielen für die ländliche Wirtschaft Usbekistans keine untergeordnete Rolle: Sie sichern den Lebensunterhalt von Familien, sorgen für Einkommen und stärken die Ernährungssicherheit. Ein verbesserter Zugang von Landwirtinnen zu Wasser wird zu einer erhöhten Ernährungssicherheit in ländlichen Gebieten führen. Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) ist die Subsistenzlandwirtschaft nicht nur eine Einkommensquelle für ländliche Haushalte, sondern trägt auch zu 80 % der landwirtschaftlichen Produktion in Usbekistan bei.

Die Frauen in Yazyavan zeigen bereits beträchtliche Eigeninitiative bei der Anpassung an die Wasserknappheit. Doch Resilienz sollte nicht bedeuten, dass sie gezwungen sind, sich mit Korruption, Verschmutzung, Gewalt und Scham auseinanderzusetzen, nur um eine Ressource zu erhalten, auf die sie einen gesetzlichen Anspruch haben. Eine gerechte Wasserbewirtschaftung erfordert nicht nur eine effizientere Bewässerung, sondern auch Institutionen, die erkennen können, wer das Kanaltor erreicht – und wer gezwungen ist, bis mitten in der Nacht zu warten.

Anmerkung der Autorin: Dieser Artikel basiert auf qualitativer Forschung, die im September und Oktober 2023 im Bezirk Yazyavan in der Region Fergana durchgeführt wurde. Die Studie umfasste zwei Fokusgruppendiskussionen mit Landwirtinnen sowie mehrere Experteninterviews. Sie wurde ursprünglich als Policy Brief mit dem Titel „Verhandlungen um den Zugang zu Wasser: Eine Studie über die Praktiken von Landwirtinnen im ländlichen Usbekistan“ erarbeitet.

Gulnoza Akhmedova

Aus dem Englischen von Michèle Häfliger

Kommentare

Your comment will be revised by the site if needed.