Turkmenistan: Hunderte Kaspische Robben tot an Land geschwemmt

In Turkmenistan sind hunderte verendete Robben entdeckt worden. Die Ursache dafür ist noch unklar, dennoch scheinen die Behörden das Massensterben verschleiern zu wollen. Die Kaspische Robbe gehört zu den bedrohten Arten.

Im Kaspischen Meer hat sich eine ökologische Tragödie ereignet, deren genaue Ursache aber noch nicht feststeht. Wie Radio Azatlyk, der turkmenische Dienst von Radio Free Europe, am 4. Februar berichtete, sind entlang der turkmenischen Küste hunderte verendete Robben sowie tausende Fische gefunden worden. Die Kaspische Robbe wird von der Weltnaturschutzorganisation (IUCN) als vom Aussterben bedrohte Art klassifiziert.

Laut einem Augenzeugenbericht sollen die ersten Kadaver im vergangenen Dezember an einem Küstenabschnitt in der Nähe der Hafenstadt Türkmenbaşy an Land gespült worden sein. „Im Januar haben Angehörige der Seestreitkräfte sehr viele tote Robben geborgen. Es sind Hunderte. Außerdem gibt es an der Küste viele tote Fische und Vögel“, zitiert Radio Azatlyk einen turkmenischen Grenzschützer, der unerkannt bleiben möchte.

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Gemäß seinen Angaben versuchen die turkmenischen Behörden das Massensterben der bedrohten Art zu verheimlichen, aber auch die Ursache des Vorfalls herauszufinden. „Die Vorgesetzten fordern, dass wir den Mund halten. Wissenschaftler aus Aschgabad versuchen herauszufinden, was die Ursache für den Tod der Robben ist, ein Virus oder die Einleitung von Abfällen aus lokalen Fabriken“, erklärte der Mann gegenüber dem Korrespondenten.

Einen Kommentar aus dem Umweltministerium Turkmenistans zu erhalten, ist den JournalistInnen von Radio Azatlyk nicht gelungen. Hinweise auf eine natürliche Todesursache sind aber durchaus gegeben. Denn ungefähr zur gleichen Zeit wurden auch an der gegenüberliegenden Küste des Kaspischen Meers zahlreiche verendete Robben entdeckt.

Parallelen zu Dagestan

Wie die russische Zeitung The Moscow Times am 12. Dezember 2020 berichte, waren in den Tagen zuvor hunderte Robbenkadaver in der russischen Teilrepublik Dagestan an Land gespült worden. Die russischen Behörden starteten daraufhin Untersuchungen, die aber bis dato die Ursache nicht abschließend klären konnten.

Erste Untersuchungen lieferten aber Hinweise auf eine natürliche Ursache für das Robbensterben. „Der Zustand der inneren Organe der untersuchten Robben kann die Hypothese über ihre Vergiftung mit Schwermetallen oder Pestiziden nicht bestätigen“, erklärte der an den Untersuchungen beteiligte Biologe Wjatscheslaw Bisikow laut Angaben der russischen Nachrichtenagentur Interfax. Auch dass die Tiere Kollateralschäden der Fischerei geworden seien, konnten die WissenschaftlerInnen ausschließen.

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Am 26. Januar berichtete die russische Nachrichtenagentur TASS, dass die Freisetzung von Erdgas eine der möglichen Todesursachen sein könne. Zu diesem Schluss seien WissenschaftlerInnen des Instituts für Ökologie und Evolution der Russischen Akademie der Wissenschaften gekommen.

„Bei allen pathologisch untersuchten Robben wurden ähnliche Veränderungen im Gewebe der inneren Organe festgestellt. […] Diese Veränderungen können sich vor dem Hintergrund einer Hypoxie entwickeln und auf den Tod infolge einer Erstickung hinweisen“, zitiert TASS aus einer Erklärung der WissenschaftlerInnen. Als wahrscheinlichste Ursache dafür benennen die ForscherInnen die Freisetzung von Gasen durch seismische Erschütterungen oder Schlammvulkane am Boden des Kaspischen Meeres.

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Außerdem gelang es den WissenschaftlerInnen festzustellen, dass die Robben zwischen ein und sechs Wochen vor ihrer Entdeckung starben – also bereits im November. Angesichts der vorherrschenden Winde und Oberflächenströmungen muss also davon ausgegangen werden, dass die Tiere auf hoher See verstarben. Darüber hinaus ergaben Abgleiche mit seismologischen Daten, dass allein im November 40 seismische Erschütterungen registriert wurden.

„Unter windstillen Bedingungen können lokale Methanemissionen über der Meeresoberfläche gashaltige Luftlinsen bilden, die für die Atmung ungeeignet sind. Dies könnte zum Massensterben der Kaspischen Robben geführt haben, die zu dieser Zeit entlang der Küste Dagestans nach Norden zu den Brutstätten wanderten”, schlussfolgerten die ForscherInnen.

Eine bedrohte Art

Die Kaspische Robbe ist das einzige Säugetier des Kaspischen Meeres. Im Jahr 2008 wurde ihr von der IUCN der Status einer vom Aussterben bedrohten Art verliehen. Seit 2020 ist sie in das Rote Buch Russlands eingetragen. Die Anzahl der Robben, deren Kolonien sich auf Kasachstan, Turkmenistan und Russland verteilen, ist umstritten.

„Die letzte Luftzählung – eine Art Volkszählung – wurde 2005 durchgeführt, damals wurden etwa 100.000 Tiere registriert“, erklärte die kasachstanische Biologin Ásel Baımuqanova im September 2018. Wjatscheslaw Bisinow geht laut Interfax davon aus, dass „die Populationen der Kaspischen Robbe stabil [ist] und 270.000 bis 300.000 Exemplare“ umfasst. Der Zoologe Ilja Gomiranow schätzte gegenüber dem russischen Sender TV Rain, dass die Population von ehemals einer Million auf 40.000 bis 60.000 Exemplare zurückgegangen sei.

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Die Gründe für die Verringerung der Population sind laut Ásel Baımuqanova verschieden und umfassen den Rückgang der Eisdecke aufgrund der globalen Erwärmung, aber auch die Verschmutzung des Kaspischen Meeres mit Giftstoffen sowie illegale Fischerei. Doch auch das massenhafte Sterben von Robben kommt immer wieder vor. So starben im Jahr 2000 mehr als 10.000 Kaspische Robben an einer Viruserkrankung.

Wie Interfax berichtet, waren zuletzt in den Jahren 2012 und 2016 nach heftigen Herbststürmen mehrere Hundert tote Robben an die dagestanische Küste geschwemmt worden. Die genaue Todesursache konnte laut Angaben der russischen Fischereibehörde nicht festgestellt werden. Und im vergangenen Oktober kam es vor der im Osten Russlands gelegenen Halbinsel Kamtschatka zu einem massenhaften Tiersterben, dass laut offiziellen Angaben natürliche Ursachen gehabt haben soll.

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Die Untersuchungen des Robbensterbens in Dagestan legen die Vermutung nahe, dass die etwas zeitversetzt in Turkmenistan angeschwemmten Tiere aufgrund der gleichen Ursache gestorben sind. Dennoch täten Turkmenistans Behörden gut daran, den Tod der bedrohten Tiere aufzuklären, anstatt ihn zu vertuschen.

Robin Roth, Redakteur für Novastan

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