Das Kapische Meer vor der Silhuette der Stadt Aktau

Das Kaspische Meer am Scheideweg

Der Wasserstand des Kaspischen Meeres senkt sich bedrohlich. Da die wichtigsten Zuflüsse immer weniger Wasser führen, droht sich das Schicksal des Aralsees zu wiederholen. Der folgende Artikel erschien im russischsprachigen Original auf Wremja. Wir übersetzen ihn in gekürzter Fassung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Wissenschaftler und Ökologen schlagen Alarm: Am Kaspischen Meer könnte sich das Schicksal des Aralsees wiederholen. Der Wasserspiegel des größten Sees der Welt ist in letzter Zeit sehr stark gefallen. An vielen Stellen hat sich das Wasser sogar um 100 Kilometer zurückgezogen. Wissenschaftler sehen den Grund dafür im verringerten Wasserspiegel der Hauptzuflüsse – der Wolga und des Urals. Im Gebiet Astrachan in Russland beispielsweise wurde letzten Sommer ein beunruhigend tiefer Wasserspiegel gemessen.

Die Katastrophe steht bevor

Einen solchen niedrigen Wasserspiegel wie im Juni 2019 gab es an der unteren Wolga seit mehreren Jahrzehnten nicht. Zu diesem Ergebnis kam die überbehördliche Arbeitsgruppe zur Regulierung der Wolga-Kama-Kaskade. Auch das Landwirtschaftsministerium des Gebiets Astrachan weist darauf hin: Der sinkende Wasserspiegel, die hohe Temperatur und das Sauerstoffdefizit im Wasser führen zu Fischsterben.

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Anhand vorläufiger Prognosen wurde für die Zeit von Juli bis September 2019 ein Wasserzufluss von 48,7 Kubikkilometern für den Stausee der Wolga-Kama-Kaskade vorhergesagt. Das ist 36 Prozent weniger als der Durchschnitt der letzten Jahrzehnte.

Eine ähnliche Situation spielte sich letztes Jahr am Ural ab. Trotz eines schneereichen Winters kam es letzten Frühling nicht zu Hochwasser. Stattdessen wurde der ganze geschmolzene Schnee offensichtlich vom Boden aufgesaugt. Laut der nationalen Wasserbehörde Kasachstans „Kazgidromet“ sank das Wasservolumen im Vergleich zum Jahr 2018 um 30 bis 40 Prozent.

Ein Schiff auf dem ausgetrockneten Boden des Kaspischen Meeres

Den verringerten Wasserspiegel bekamen zuallererst die lokalen Bauern zu spüren. Laut dem Pressedienst des Akimats (Regionalverwaltung, Anm. d. Red.) des Gebiets Atyraý hatten im vergangenen Sommer erstmals mehrere landwirtschaftliche Betriebe Probleme bei der Bewässerung ihrer Felder. Einige kämpften sogar mit Ernteausfällen.

Der kritische Fall des Wasserspiegels  

Kazgidromet weist darauf hin, dass Unterschiede im Wasserspiegel eine Besonderheit des Kaspischen Meeres und daher nicht a priori beunruhigend sind. Einen anormalen stetigen Fall des Wasserspiegels gab es beispielsweise in der Zeit zwischen 1930 und 1977. Daraufhin war ein starker Anstieg bis 1995 zu erkennen. Allerdings gibt es seit 2006 wieder einen stetigen schleichenden Fall. Im Sommer 2019 befand sich der Wasserspiegel 72 Zentimeter tiefer als der Durchschnitt der letzten Jahrzehnte. Für 2020 wurden 97 Zentimeter unter dem Durchschnitt prognostiziert.

Nun ist das Kaspische Meer weiträumig von Austrocknung bedroht. Auf Satellitenaufnahmen ist zu erkennen, dass das Kaspische Meer im nördlichen Teil im Zeitraum zwischen 2005 und 2018 auf einer Fläche größer als 5000 Quadratkilometer bereits ausgetrocknet ist. Auf dieser Fläche bildeten sich kleinere Inseln und Meeresbusen.

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Laut Nurlan Sarsenbaev, stellvertretendem Leiter von „Kazgidromet“ im Gebiet Mańģystaý, beobachten in Mańģystaý sieben stationäre Posten rund um die Uhr das Meer. „Experten überwachen den Wasserstand, den Wellengang, den Salzgehalt des Wassers, die Temperatur. In den letzten 15 bis 20 Jahren ist der Pegel nach unseren Angaben um 1,5 Meter gesunken – vor allem im nordöstlichen Teil des Kaspischen Meeres. Im Gebiet Atyraý ist das Wasser an einigen Stellen um 25 bis 50 Kilometer zurückgegangen. Dies geschieht unter dem Einfluss einer Reihe von Faktoren, von denen die wichtigsten Klimaveränderungen und anthropogene Aktivitäten sind […]. Das Kaspische Meer ist stark von den Zuflüssen abhängig, bei denen auch der Pegel gefallen ist. Aber trotz der Abnahme des Zuflusses bleibt der Salzgehalt des Wassers normal“, erklärt Sarsenbaev.

Von den 5970 Kilometern der Küste des Kaspischen Meeres entfallen 2320 Kilometer auf Kasachstan. Wie Experten bemerken, führt der Rückgang des Meeresspiegels um mehr als einen Meter zu einer Veränderung der Küstenlinie um 50 Kilometer. Besonders bemerkenswert ist dies im kasachstanischen Teil, wo der Boden des Meeres und auch an Land kleine Senken aufweist. Daher führen selbst kleine Veränderungen des Meeresspiegels zu erheblichen Überschwemmungen oder zur Trockenlegung der Küste.

Probleme für die Robbenkolonien

Experten sind sich einig, dass das Problem um das Kaspische Meer von Russland und Kasachstan gemeinsam angegangen werden muss.  Laut Aleksander Tschibiljow, Vizepräsident der Russischen Geographischen Gesellschaft, sollten, in erster Linie die Flüsse Wolga und Ural genau untersucht werden,. Schließlich wurden tiefgreifende Untersuchungen der beiden Flüsse zuletzt in den 1970er Jahren durchgeführt. Außerdem sieht er es als notwendig an, ein einziges internationales Institut mit staatlicher Beteiligung zu gründen, um in diesem Bereich Inkompetenz zu vermeiden.

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Kirill Osin, Leiter der NGO „Eco Mangystau“, meint, es sei an der Zeit, statt Worten Taten sprechen zu lassen. „Bei jedem Arbeitstreffen zum Thema Umwelt werfen wir die Frage des Wasserstandes im Kaspischen Meer auf. Ja, wir wissen, dass das Meer zyklisch ist, dass das Wasser kommt und geht. Alarmierend ist jedoch der derzeitige Zustand der Zuflüsse. Der Wasserverbrauch für industrielle und landwirtschaftliche Bedürfnisse hat zugenommen. Hier ist es notwendig, in Bezug auf die Frage der rationalen Nutzung von Ural und Wolga eine Lösung zu finden“, sagt Osin.

Der Wasserspiegel des Kaspischen Meeres beeinflusst direkt die in der Region lebenden Robben. Asel Baımukanova untersucht seit fünf Jahren dieses kaspische Säugetier. Jedes Jahr im Frühjahr und Herbst kommt Sie zusammen mit Kollegen für Expeditionen nach Mańģystaý. Sie sagt, dass die Schwankungen des Meeresspiegels für den Lebensraum der Kaspischen Robbe von großer Bedeutung seien.

Asel Baımukanova

„Im kasachstanischen Teil des Kaspischen Meeres liegen wichtige Habitate der Kaspischen Robben – Inseln, auf denen sie sich im Frühjahr und Herbst häuten und erholen. Zum Beispiel in der Komsomolez-Bucht auf den Durnev-Inseln. Robben schwimmen hier in großer Zahl, und das ist nicht verwunderlich: Es ist ein für den Menschen schwer zugänglicher Ort. Aber die Bucht versandet als Folge des Rückgang des Meeres und die üblichen Liegeplätze für die Robben werden von Schilf überwuchert“, schlägt Asel Baımukanova Alarm.

Des Weiteren führen starke Ostwindperioden zu einem Wasserfluss ins Zentrum des Meeres, wodurch sich Inseln vergrößern. Dies stellt ein zusätzliches Problem für die Robbenkolonien dar. Ihr Lebensraum verkleinert sich von Jahr zu Jahr.

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Um das Problem der rückgehenden Robbenpopulation zu lösen, wurde in Aqtaý ein Zentrum für die Rehabilitation und Erforschung dieser Tiere eingerichtet. Ein ähnliches Zentrum oder Institut zur Erforschung des Kaspischen Meeres ist ebenfalls notwendig. Mittlerweile bestreitet keiner der Länder, die das Kaspische Meer umgrenzen, die Umweltprobleme. Jedoch werden keine gemeinsamen Initiativen zur Verbesserung der Situation unternommen.

 Langa Čereškaite für Wremja

Aus dem Russischen von Anna Unterkircher

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