Murat Sadykow und seine „Güneş“: Aus der Geschichte des Ethno-Jazz in Turkmenistan

Der bekannte turkmenische Musiker, Sänger und Poet Murat Sadykow wäre dieses Jahr 85 alt geworden. Der 2013 verstorbene Gründer und Leiter der beliebten Musikgruppe „Güneş“ bleibt vielen als talentierter Künstler und Intellektueller in Erinnerung. Das folgende Porträt erschien am 27. Januar 2021 auf Orient. Wir übersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Murat Sadykow wurde am 3. September 1936 in Aschgabat in der Familie eines Lehrers geboren. Im Alter von fünf Jahren starb sein Vater. Er begann früh mit dem Singen und trat bereits mit sechs Jahren vor verwundeten und nach Aschgabat evakuierten Soldaten auf.

Die Musik begleitete ihn durch seinen zweijährigen Aufenthalt im Waisenhaus, als seine Mutter ihre Kinder nicht ernähren konnte, sowie durch die Schule und das Studium am Turkmenischen Agrarinstitut (die heutige Turkmenische Agraruniversität), das er 1960 als hydrotechnischer Ingenieur abschloss. Der junge Student nahm am Weltfestival der Jugend und der Studierenden in Moskau 1957 teil. Und als er zu arbeiten begann, studierte er noch abends an der Turkmenischen Staatlichen Owesow-Musikhochschule Gesang.

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Ab 1964 arbeitete Sadykow im Staatlichen Komitee des Ministerrates der Turkmenischen SSR für Rundfunk und Fernsehen als Solist und Sänger. Drei Jahre später gab das Schicksal dem Sänger mit der schönen Stimme die Chance, weit über die Grenzen seines Landes hinaus bekannt zu werden: Nach einem Auftritt auf der EXPO 67 in Ottawa und Toronto boten ihm ein kanadisches Tonstudio und ein Konzert-Impresario einen Plattenvertrag und eine einjährige Tournee an. Doch die sowjetische Führung schickte eine Absage.

Ein steiler Aufstieg

Sein außerordentliches Talent und seine Hingabe brachten dem turkmenischen Sänger dennoch internationale Aufmerksamkeit ein. Murat Sadykow, der sowohl in seiner Muttersprache als auch auf Russisch perfekt sang, wurde im ganzen Land berühmt und absolvierte Auftritte auf den größten Konzertbühnen in Moskau und Leningrad.

Er trat mehrmals im Säulensaal des Hauses der Gewerkschaften, im Kongresspalast, im Estrada-Theater und sogar im Bolschoi Theater auf. Seine Konzerte wurden vom zentralen und vom Leningrader Fernsehen aufgenommen. Auch in Bulgarien, Polen, der Mongolei, Vietnam, Laos, Senegal, Guinea, Guinea-Bissau und in anderen Ländern war das Publikum begeistert. Die Regierung der Sozialistischen Republik Vietnam verlieh ihm gar den Orden der Freundschaft und den Titel des Ehrenbürgers von Ho-Chi-Minh-Stadt.

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Murat Sadykow bekam die Ehrentitel des Verdienten Künstlers der Turkmenischen SSR (1973) und des Nationalkünstlers der Turkmenischen SSR (1982) verliehen. Darüber hinaus war er Mitglied der Sowjetischen Musikgesellschaft und seit 1989 sogar Mitglied des Präsidiums. Er wurde mit der Ehrenmedaille der Sowjetischen Friedensstiftung für seine aktive Teilnahme an der Arbeit der Stiftung ausgezeichnet.

Weitere Erfolge mit „Güneş“

Murat Sadykow wurde jedoch nicht nur als Sänger, sondern auch als Gründer der 1970 in Aschgabat entstandenen Musikgruppe „Güneş“ (auf Deutsch: sonnig) bekannt. Die Band wurde zu einer würdigen Konkurrenz für solch bekannte Gruppen wie „Pojuschtschije Gitarry“ (Singende Gitarren) aus Leningrad, „Pesnjary“ (Liedermacher) aus Minsk, „Wesjolyje Rebjata“ (Lustige Jungs) aus Moskau, „Iweria“ aus Tblissi oder „Yalla“ aus Taschkent.

Ursprünglich war „Güneş“ ein typisches Vokal- und Instrumentalensemble, das sich auf die Aufführung von turkmenischen Volksliedern und Werken turkmenischer und sowjetischer Komponisten konzentrierte. Dann wurde das Repertoire der Gruppe durch Jazz-Kompositionen ergänzt, und der Musikstil von „Güneş“  wandelte sich zu einer Mischung aus Fusion Jazz, Ethno-Jazz und Progressive Rock.

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Im Jahr 1972 konnte Sadykow beim Staatsradio der Turkmenischen SSR erhebliche Geldmittel erwirken, um aus dem Ausland professionelles Audio-Equipment und Musikinstrumente zu erwerben, einen eigenen Proberaum auszustatten und so in der Folge die Klangqualität zu verbessern. Die Chancen zur kreativen Entwicklung und die relativ hohen Gehälter lockten talentierte MusikerInnen aus Turkmenistan, aber auch aus anderen Sowjetrepubliken in die Band. Im Laufe der Jahre gehörten mehrere dutzend MusikerInnen zu „Güneş“ – unter ihnen solche Virtuosen wie Rişat Şafiyew aus Aschgabat, der das Publikum mit seiner Fähigkeit verzückte, gleichzeitig auf einer Vielzahl von Drum-Kits zu spielen.

„Güneş“ spielte von 1970 bis 1986 Konzerte und ist immer noch die bekannteste und anerkannte Musikgruppe aus Turkmenistan. Mitglieder der Gruppe traten gemeinsam mit bekannten Bands wie „Maschina Wremeni“ (Zeitmaschine), „Autograf“ und vielen anderen bekannten MusikerInnen auf.

Der Maestro steigt aus

Den Höhepunkt ihrer Popularität erlebte die Band in den Jahren 1976 bis 1986. „Güneş“ hatte in dieser Zeit Auftritte auf der ganzen Welt – unter anderem in Osteuropa, Afrika und Asien. Die Band siegte 1978 beim Folklorefestival in Zielona Góra und trat beim Wettbewerb „Goldener Orpheus“ in Bulgarien auf. Außerdem gewann sie bei zahlreichen Musikwettbewerben innerhalb der Sowjetunion.

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Mitte der 1980er Jahre – auf dem Höhepunkt der Entwicklung – beendete der Gründer und langjährige Leiter Murat Sadykow jedoch seine Zusammenarbeit mit „Güneş“. Kurz darauf fand auch die Geschichte dieser außergewöhnlichen Band ihr Ende. Bis dahin hatte „Güneş“ rund 20 Platten – unter anderem beim größten sowjetischen Plattenlabel „Melodija“ – produziert.

Gozel Hasatowa für Orient

Aus dem Russischen von Robin Roth

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